"Mistie BBS - da wo der Mist herkommt". Dieses Motto der Ulk-Mailbox 'Mistie' hat die Münchner Kripo zu ernst genommen: Die 'Mistie' wurde beschlagnahmt - ebenso wie 'zig andere Mailboxen in Bayern!
Wenn in Packet-Radio wieder einmal über die unnötige Einspielung eines dem Playboy entsprungenen Geschöpfes oder einer Software ungeklärter Herkunft diskutiert wird, so stößt die Sorge der Sysops oft auf taube Ohren und ihr Löschen auf Unverständnis: verantwortlich für den eingespielten Datenschund sei doch der Einspieler, nicht das Verteilnetz.
Nun, in Packet-Radio gilt das Amateurfunkgesetz und damit sind bestimmte Themen ohnehin klar unerwünscht. Aber selbst bei klar erkennbarer Herkunft eines Verstoßes wird im Zweifelsfall auch der Sysop einer verteilenden Mailbox zur Rechenschaft gezogen. Bei den Betreibern von Telefonmailboxen, die sich lange Zeit freier fühlten als Packet-Radio-Sysops, geht jedoch seit einigen Monaten galoppierende Panik um. Die Presse schwieg hierzu zunächst, denn "wen kümmern denn schon so ein paar Spinner". Publik wurde das Problem, als auch der weltgrößte Onlinedienst Compuserve wegen im Internet kursierender Zweideutigkeiten Polizeibesuch bekam. Seidem kursiert in den Köpfen der meisten der Materie Unkundigen nur noch der Zusammenhang Internet und Pornographie. Und das, wo das Internet ein Forschungs- und Wissenschaftsnetz war. Damit kann sich jeder ausrechnen, was dem Amateurfunk mit einer solchen "Datenpanne" blühen kann und man kann nur an die Vernunft der Funkamateure appellieren, es nie soweit kommen zu lassen und vereinzelte Saboteure schnell anzupeilen und aus dem Verkehr zu ziehen.
Am 13.6.95 um viertel nach sieben, als Mailboxbetreiber Franz Kreuz gerade unter der Dusche stand, klingelte es bei ihm an der Tür. Er fluchte zunächst nur auf seine hübsche, aber schusslige Nachbarin, der immer im unpassendsten Moment die Eier ausgehen mußten. Doch als das Klingeln nicht aufhören wollte und dazu auch noch an die Tür gehämmert wurde, schwante ihm Übles. Er zog sich lieber schnell an, und öffnete erst dann die Tür. Gerade noch rechtzeitig, denn draußen standen fünf Kripo-Beamten, die schon den Schlüsseldienst zum Aufbruch der Tür geordert hatten, mit einem Hausdurchsuchungsbefehl. Begründung: Er böte in seiner Mailbox pornografische Dateien an. Eine ehemalige Nachbarin, die der Szene als Zeugin beiwohnte, versank vor Scham halb im Boden.
Eine neue Polizeieinheit, die vom bayrischen Innenminister Beckstein ins Leben gerufen wurde, soll die Datennetze und Mailboxen auf politisch radikale, kriminelle (beispielsweise auch Raubkopien) oder pornographische Inhalte überprüfen. Dabei wurde in München 1994 mit der Tadzio-BBS das erste Mal eine Mailbox wegen Porno-Verdachts beschlagnahmt. Für die Gerichtsverhandlung im April 1995 interessierten sich nur wenige DFÜ-Insider, doch sie hatte weitreichende Auswirkungen:
Der Richter stufte einiges, was bisher üblich und als legal angesehen war, neu ein. Beispielsweise gilt das Bereitstellen von Nacktbildchen in einer Mailbox nun als verbotener "Vertrieb von Pornografie auf dem Versandwege", wobei es völlig unerheblich ist, ob diese Bildchen nur volljährige Mailboxuser zu sehen bekommen können oder nicht. Im Gegensatz zum Amateurfunk ist eine solche Beschränkung bei Telefonmailboxen ja technisch kein Problem, denn jeder Benutzer hat dort ein selbstgewähltes persönliches Paßwort und kann vom Sysop beispielsweise erst nach Zusendung einer Ausweiskopie Zutritt zur Mailbox gestattet bekommen. "Rufzeichenmißbrauch" wie im Amateurfunk möglich, ist in den Telefon-Mailboxbnetzen daher ausgeschlossen, solange nicht ein Paßwort in falsche Hände geraten ist. Doch die Tatsache, daß jede Kiosk-Illustrierte "schärferes" in hochauflösendem Vierfarbdruck zu bieten hat und der digitalisierte Playboy sowieso nur als Spinnerei betrachtet werden kann, spielt hier keine Rolle. Tatsächlich wird schon eine Dateiliste mit Kurzbeschreibungen, die auf "interessante Details" schließen lassen, als "Werbung für Pornografie" eingestuft, und es ist noch nicht mal entscheidend, ob die dort aufgeführten Bilder auf dem System dann auch tatsächlich abrufbar sind. In zweiter Verhandlung wurde diese Entscheidung allerdings wieder revidiert und das Verfahren gegen den Betreiber der Tadzio-BBS eingestellt.
Inzwischen geht die bayrische Polizei zum Großeinsatz über: Morgens zwischen 5 und 8 Uhr stehen jeweils fünf Beamte mit einem richterlichen Durchsuchungsbefehl vor der Tür und stellen alle in Frage kommenden Geräte und Datenträger sicher. Ob die mitgenommenen Bänder, CDs und Computer auch wirklich die gesuchten Corpe delicti enthalten, wird dann in Ruhe im Polizeipräsidium untersucht. Dies kann etliche Monate dauern. Vergißt der Sysop in der Aufregung, die Rückgabe der Hardware zu verlangen, verliert er sogar alles: In diesem Fall wird das Equipment nach Abschluß der Ermittlungen unabhängig von deren Ergebnis versteigert oder verschrottet.
Wer die Rechner beruflich benutzt, kann so erhebliche Probleme bekommen. Das Ingenieurbüro von Eckmar Eckel mit 17 vernetzten Rechnern und der Mailbox CISS, die diverse Hard- und Software-Hersteller unterstützt, wurde bereits auf diese Weise lahmgelegt. Der von Eckmar DG3FCE ebenfalls betriebene Amateurfunkknoten DB0WAI befand sich glücklicherweise an einem exponierten Standort und war deshalb nicht betroffen. Glücklicherweise hatte Eckmar Eckel der Beschlagnahme sofort widersprochen und konnte mit einer einstweiligen Verfügung die meisten Rechner nach zwei Wochen zurückbekommen. Nicht ohne den Beamten zuvor etwas Nachhilfe in Sachen Netzwerktechnik gegeben zu haben, denn mit dem baumförmigen Anschluß aller Rechner über T-Stücke an einer Netzwerkkarte kam das Novell-Netz nicht auf die Beine, und erst mit laufendem Netzwerk konnte der Inhalt der Rechner kontrolliert werden. Natürlich waren durch den unsachgemäßen Abbau (einfaches Ausstecken des Server-Netzsteckers im laufenden Betrieb) etliche Daten zerstört worden, zudem waren Softwareprojekte in Verzug geraten, was Konventionalstrafen mit sich bringt. Der endgültige Schaden für das Ingenieurbüro Eckel, ganz abgesehen vom Imageverlust, ist daher noch gar nicht abzusehen.
Franz Kreuz, ehemaliger Sysop der Mailbox "Mistie", war dagegen vom unerwarteten Hausbesuch so überrascht, daß er der Beschlagnahme nicht widersprach. Dies hat zur Folge, daß es sich dann juristisch um eine sogenannte "Sicherstellung" handelt und eine Rückgabe des Equipments vor Abschluß der Ermittlungen nicht mehr verlangt werden kann. Programmierer Franz Kreuz, der die "Mistie" nur als Hobby betrieb, war seinen neuen "486DX66" und drei weitere PCs los und konnte Nebenjobs, für die mehr als Papier und Bleistift notwendig waren, erstmal vergessen. Dabei war Franz Kreuz einer der wenigen, die überhaupt von der neuen Gesetzeslage wußten. Er hatte sein System deshalb schon Monate vor dem morgendlichen Besuch radikal auch von dem gesäubert, was bis dahin als legal angesehen wurde.
Die User der Mistie und an dieser angeschlossener weiterer Systeme sind nun vom E-Mail-Verkehr abgeklemmt und müssen sich eine neue Mailbox suchen, denn die Mistie wird es nicht mehr geben, so Franz Kreuz. Immerhin hatte er sein System wie die Amateurfunk-Sysops gratis ohne Userbeiträge betrieben - und das, obwohl hier ja noch Telefongebühren in nicht unerheblichem Maß anfielen. Der private Mailverkehr lagerte - ebenso wie die Anschriften aller ehemaligen Mailboxbenutzer - bei der Kriminalpolizei in der Münchner Ettstraße. Wer seinen Bekannten gerade noch stolz gezeigt hatte, wie sie über Modem günstig an Shareware kommen, durfte sich statt Dank auch noch Vorwürfe anhören, denn seine Adresse mußte jeder User im System hinterlassen. Die User der Mistie müssen zwar vermutlich keine Bekanntschaft mit der Kripo machen - wer dagegen, auch unwissentlich, bei einer Raubkopierer-Mailbox "Kunde" war, darf durchaus mit Besuch rechnen. Und wer beruflich auf eine E-Mail-Verbindung angewiesen ist, sollte sich zur Zeit besser eine Mailbox außerhalb Bayerns suchen, denn die Kripo kann kein System benennen, das nicht gefährdet ist, "außerdem wäre das ja Werbung!", so Einsatzleiter Jürgen Schmittgall von der Münchner Polizei.
Wer angesichts des so durchlöcherten Mailbox-Datennetzes Fido auf andere Dienste wie die "Datenautobahn" Internet umsteigen will, wird im übrigen auch kein Glück haben: Zwar kann die bayrische Polizei nicht das weltweite Internet belangen. Wohl aber die sogenannten Provider, die den Internet-Interessenten eine Zugangsmöglichkeit über Modem anbieten. Auch hier wird man in Zukunft wohl auf einen gebührenintensiven Anschluß außerhalb Bayerns ausweichen müssen, wenn man einen plötzlichen Ausfall der E-Mail nicht gebrauchen kann. Denn bei Internet-Providern gelten Kennungen und Paßwörter immer nur für einen bestimmten Knoten.
Um größeren Flurschaden abzuwenden, sind die kritischen 'Newsgroups' (= öffentliche Diskussionsforen, entsprechend den schwarzen Brettern einer Mailbox) im Internet, die meist mit ALT (für "alternativ") beginnen, inzwischen bei vielen Unis und allen bayrischen Internet-Providern gesperrt. Der Grund: Newsgroups werden - ebenso wie Mails in Fido-Systemen - lokal auf einem Rechner beim Provider zwischengelagert und würden bei einer Beschlagnahme diesem unmittelbar zur Last gelegt, wenn ihr Inhalt der richterlichen Prüfung nicht standhält. Damit ist es allerdings mit der sprichwörtlichen Freiheit der Datenautobahn vorbei - das Internet wird nun zensiert. Vorbeugend, versteht sich, denn was über die Netze tatsächlich läuft, kann kein Betreiber kontrollieren, und mit World-Wide-Web-Browsern kann jederzeit auf Systeme im Ausland zugegriffen werden, die keinerlei Beschränkungen unterliegen.
In der Praxis greifen im Internet allerdings Selbstregulations-Mechanismen, die Beiträge von Neonazis oder Sekten dennoch schnell wieder zum Verschwinden bringen. Auch hier ist das größere Problem die Verunsicherung, denn wer will noch für teures Geld einen Internet-Anschluß bei einem Provider buchen, wenn er nicht sicher sein kann, daß dessen Equipment nicht morgen schon abgeholt wird. Und die Fachleute können über das ehrgeizige Projekt "Bavaria online" der bayrischen Staatsregierung nur schmunzeln, denn auch der hierfür benutzte Server könnte einmal Opfer einer Razzia werden.
Auf Dauer werden auch die anderen Bundesländer nachziehen. Dann bleibt für zuverlässigen Datenaustausch über Mailboxen nur noch Compuserve mit Firmensitz in Amerika und der Möglichkeit, jederzeit bei Beschlagnahmen auf andere Netzknoten ausweichen zu können, sowie das zwar immer wieder wegen Sexskandalen in den Schlagzeilen zu findende, aber als Telekom-Unternehmen vor Beschlagnahmen sichere Btx/Datex-J/Telekom Online. Der Grund: Im Btx-Staatsvertrag wird die Rolle von Systembetreiber und Daztenanbieter klar getrennt und somit kann die Telekom nicht wegen der über ihr System erreichbaren Dienste belangt werden. Hardware-Beschlagnahmen sind hier nicht zu befürchten.
Die vielfach zu findenden, weil kostensparenden, Supportmailboxen in Computerfirmen werden von den Firmenleitungen dagegen inzwischen gar nicht mehr gern gesehen, denn wer weiß schon genau, was die Benutzer so alles in das System einspielen. Und steht die Mailbox vernetzt im Rechenzentrum der Firma, so kann jeder Tag ein "schwarzer Freitag" mit Beschlagnahme der gesamten EDV werden. Was auch nur ein bis zwei Wochen EDV-Ausfall und mögliche Datenverluste für Folgen haben, kann sich jeder Unternehmer selbst ausrechnen. Für einen aggressiven Wettbewerber ist es so eine leichte Übung, die lästige Konkurrenz mit dem Aufspielen von illegalem Material und anschließender Anzeige auszuschalten. Einzige, inzwischen gängige Abhilfe: Eingespielte Daten werden erst nach Sichtung durch den Sysop zum Auslesen durch andere Benutzer freigegeben. Bei Mails in den Mailboxbrettern ist dieses System jedoch nicht anwendbar. Und in der gängigen Packet-Radio-Software sind derartige Funktionen auch für 7+-kodierte Nachrichten bislang noch nicht vorgesehen.
Der ehemalige Sysop Franz Kreuz hat inzwischen sein Equipment - von kleineren Verlusten abgesehen - wieder, wird aber keine Mailbox mehr aufbauen, sondern höchstens noch selbst im Internet "surfen". Damit dürften auch die noch relativ aktiven Daten-Hobbyisten über kurz oder lang zu einer nur noch passiv konsumierenden Gruppe werden, die abends vor einer "Glotze" mit Tastatur sitzen...
(WDR)
((Bild Compuserve))Zwar nicht vor Polizeibesuch, aber zumindest vor Beschlagnahme sicher, da keine Daten in Deutschland gespeichert sind: Compuserve