Richard Sietmann  

Electronic Publishing in der Wissenschaft:



Der schwierige Abschied von Gutenberg

 
Die wissenschaftliche Literaturversorgung steckt weltweit in der Krise.
Zeitschriften werden immer teuer, die Bibliotheken können nicht mehr
mithalten. Doch bei der Umstellung auf das elektronische Publizieren
blockieren sich die Akteure gegenseitig.




Der Schritt war ungewöhnlich. Anfang des Jahres richtete die Kommission des Deutschen Bibliotheksinstituts für Erwerbung und Bestandsentwicklung einen offenen Brief an sieben führende Wissenschaftsverlage. "Der Markt für wissenschaftliche Fachinformation droht zu kollabieren", hieß es darin; "die Kassen der öffentlichen Hand sind leer. Die Etats der Bibliotheken stagnieren oder sinken. Ihre Kunden sind objektiv nicht mehr in der Lage, die von Ihnen angekündigten erhöhten Preise zu zahlen".

Das Schreiben war die Reaktion auf die von den Verlagen angekündigten zweistelligen Preiserhöhungen gegenüber dem Vorjahr. So wurden die Zeitschriftenabonnements bei MCB University Press 1999 um durchschnittlich 27,3% teurer, bei Wiley/VCH um 20%, Elsevier Science um 19% und bei Springer noch um 13%. So geht das bereits seit Jahren. Schon 1998 hatten sich die Zeitschriften im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich zehn Prozent verteuert. Das Ende des Briefes gipfelte in einem Aufschrei: "Wie stellen Sie sich die Zukunft der wissenschaftlichen Informationsversorgung vor?".

Die Bibliotheken stehen mit dem Rücken an der Wand. Zahlungsunfähig, müssen sie ein Abonnement nach dem anderen kündigen. Hielt die Universitätsbibliothek der TU Berlin beispielsweise bis 1990 circa 10 000 Zeitschriftentitel, sind es heute noch etwa 7 400. "Wir haben allein im letzten Jahr 300 Zeitschriften abbestellen müssen", berichtet der Leiter der Erwerbungsabteilung, Georg Malz; "in diesem Jahr bereiten wir in bestimmten Fachgebieten weitere Abonnementkündigungen vor, weil uns die Preise besonders im naturwissenschaftlichen Bereich über den Kopf gewachsen sind".

Der Erwerbungsetat seines Hauses stagniert seit 1991 bei rund 4 Millionen Mark jährlich. "Das gilt in diesen Zeiten schon als etwas ganz Hervorragendes", resümiert Malz. Ursprünglich ging die Hälfte davon in die Zeitschriftenbeschaffung; inzwischen hat der exorbitante Preisanstieg dazu geführt, daß kaum noch etwas für die Beschaffung von Monografien und Lehrbüchern übrigbleibt. In der Chemie beispielsweise zehrt der Fixkostensockel der Abonnements bereits mehr als 90% des Gesamtbudgets auf.

Von umfassender Literaturversorgung ist schon lange keine Rede mehr. Für einen Jahrgang der Mathematischen Annalen, der vor fünf Jahren 2560 Mark kostete, muß eine Fachbereichsbibliothek heute 3121,80 hinblättern - ein Anstieg um 22%. Den Mathematikern an der TU Berlin stehen für den Erwerb von Zeitschriften und Monografien pro Jahr 140 000 Mark zu Verfügung. "Damit kommen wir überhaupt nicht hin", klagt Referentin Iris Hahnemann; "wir müssen in diesem Jahr wieder für 20 000 Mark abbestellen". Die Auslage im Lesesaal dünnt immer weiter aus. Da bei den großen und teuren Zeitschriften kaum noch etwas einzusparen ist - viele mußten schon in den Vorjahren dran glauben -, sind nun die kleinen und preiswerteren an der Reihe. Bei denen kommt die Summe nur über die entsprechend höhere Zahl von Kündigungen zusammen; auf der Strecke bleibt die Vielfalt des Angebotes.

Jede neue Abbestellungsrunde führt in den Fakultäten regelmäßig zu harten Auseinandersetzungen um einzelne Journale. Die Physiker an der Universität Konstanz haben sich, um die unerfreulichen Verteilungskämpfe etwas zu versachlichen, der Angelegenheit systematisch angenommen. Um die Bedeutung einer Zeitschrift beurteilen zu können, ziehen sie als Kriterium den Impact-Factor heran, der angibt, wie oft ein Artikel in der betreffenden Zeitschrift von anderen Wissenschaftlern zitiert wurde; er stellt damit so etwas wie ein Maß für das Renommee des Journals dar. Daneben ermitteln sie aus dem Umfang und dem Abonnementpreis jeweils den Seitenpreis der Zeitschrift. Der auf den Seitenpreis bezogene Impact-Faktor, IF / SP, liefert dann als eine Art Preis/Leistungsverhältnis Aufschluß über die Wertigkeit der Zeitschrift. Den Zwang zu Abbestellungen mindert solch ein Vorgehen zwar nicht, aber es erleichtert immerhin die Auswahl.

Die Kostenexplosion

Wie sehr sich die Lage insgesamt verschlechtert hat, verdeutlichen einige Vergleichszahlen: Den deutschen Universitätsbibliotheken stehen für Erwerbungen jährlich insgesamt rund 225 Millionen Mark zur Verfügung; 1997 lag das Etatvolumen von 222,503 Millionen Mark nominal nur 1,3% über dem von 1991. Doch im gleichen Zeitraum verteuerten sich die Zeitschriften im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften um durchschnittlich 27% und in den Natur- und Ingenieurwissenschaften um 77%.

Da ein großer Teil der Zeitschriften aus dem Ausland stammt, überlagern sich den Steigerungen der Originalverlagspreise oftmals Kaufkraftverluste durch ungünstige Währungsparitäten. So mußte die Bayerische Staatsbibliothek 1997 für den Bezug eines gemischten Zeitschriftenpakets von rund 2 000 Titeln aus Großbritannien 357 000 Mark mehr bezahlen - ein Kostenanstieg um 25,4% innerhalb eines Jahres. Über den umgekehrten Fall vergleichbarer Währungsgewinne in Zeiten, in denen die Mark hoch im Kurs steht, haben sich die Bibliotheken noch nicht freuen können, denn die international agierenden Anbieter betreiben eine regional differenzierte Absatzpolitik; im Windschatten fallender Wechselkurse sind Erhöhungen der Verlagspreise noch leichter durchzusetzen, da sie in den Bibliotheksetats dann scheinbar kostenneutral auftauchen.

Bei genauerer Betrachtung stellen sich die Publikationen aus dem Bereich Science, Technology and Medicine (STM) als die eigentlichen Kostentreiber heraus. Hier sind die Titel oft so Disziplinen-spezifisch, daß jedes einzelne Journal dem Verleger ein Quasi-Monopol bietet. Entsprechend gering ist die Nachfrageelastizität der betreffenden Nischen-Community, und das bietet ein enormes Potential für exorbitante Sprünge.

So ermittelte eine Studie im Auftrag des Biblotheksausschusses der Deutschen Forschungsgemeinschaft für eine repräsentative Auswahl von STM-Titeln zwischen 1992 und 1998 durchschnittliche Preissteigerungen von mehr als 100%; in mehr als der Hälfte der Titel lagen sie über 150%, und in einem Viertel der Stichprobe sogar über 200%. Für die zehn wichtigsten Elsevier-Zeitschriften mußte eine Bibliothek 1998 mit rund 145 000 Mark mehr als doppelt soviel aufwenden wie 1992 (ca. 70 000 DM). "Es ist unverändert festzustellen", so lautet das Fazit der Autoren, "daß aus der gesicherten Position des Angebotsmonopols heraus nach wie vor die Möglichkeiten zur Gewinnmaximierung voll ausgeschöpft werden".

Die Zeitschriftenkrise ist kein isoliertes deutsches Problem. Die amerikanische Association of Research Libraries (ARL) ermittelte, daß der Durchschnittspreis pro Zeitschrift von 1987 bis 1997 um 169% angestiegen war, dreimal so stark wie die Inflationsrate. Die ihr angeschlossenen 122 Bibliotheken mußten 1997 für sieben Prozent weniger Zeitschriftentitel 124 Prozent mehr an Abonnementkosten aufbringen [1]. Im selben Jahr erzielte der Marktführer unter den Verlagen, Reed-Elsevier, allein im Geschäftsbereich Wissenschaft einen Gewinn von 230 Millionen Pfund auf einen Umsatz von 571 Millionen Pfund [Butler, Declan: "The Writing is on the Web for Science Journals in Print"; Nature 397, 105 (1999)].

Pseudomarkt mit wissenschaftlicher Literatur

Daß die wissenschaftlichen Verlage so üppig zulangen können, liegt an den Besonderheiten eines Marktes, der in Wahrheit keiner ist. Der Vizepräsident des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik (ZIB), Martin Grötschel, beschreibt ihn als "Anhäufung von atomistisch kleinen Nischen", in denen oft nur ein einziger Titel einer kleinen, aber hochspezialisierten Forschergemeinde als Sprachrohr dient. Zeitschriften zur Altfranzösischen Literatur stehen nicht im Wettbewerb zu Journalen in der Algebra; auf beiden Feldern sind zwar Publisher tätig, aber sie müssen um Autoren und Abonnenten nicht konkurrieren. "Daraus resultieren die absurden Preisstrukturen". (s. Interview).

Im Unterschied zu technischen Magazinen und Fachzeitschriften, wie beispielsweise der c't, die durch ein breites Themenspektrum einen weiten Leserkreis ansprechen und deren wirtschaftlicher Erfolg von der Auflagenhöhe und den Anzeigenkunden abhängt, schreiben in den wissenschaftlichen Journalen Experten für eine oftmals nur kleine Schar von Experten. Dort wird die Entscheidung über die Veröffentlichung auch nicht von den fachlich versierten Redakteuren selbst getroffen, sondern erfolgt nach festgefügten Regeln der anonymen Bewertung aller eingereichten Arbeiten durch Gutachter, die nur der Verlag kennt und die selbst wiederum ausgewiesene Experten der betreffenden Diszplin sind.

Dieses System der wissenschaftlichen Qualitätssicherung, das Peer Review, hat Vor- und Nachteile. Je nach dem Entwicklungsstand und der Gruppendynamik der jeweiligen Disziplin sichert es ein hohes Niveau oder führt zur Inzucht, wenn eine handvoll 'Päpste' einem Gebiet ihren Stempel aufdrücken und abweichende Forschungsansätze autoritär an den Rand drücken. Nicht selten schließen sich die aufstrebenden Abweichler kurzerhand zu einer eigenen Community zusammen und sichern den Zusammenhalt durch eine neue Zeitschrift - unterstützt von wachen Verlagen, die hierbei immer neue Geschäftsfelder entdecken.

Weltweit haben sich nur wenige Peer-Review-Zeitschriften fächerübergreifend als Leitmedien für die Wissenschaft etablieren und behaupten können. Die Flaggschiffe sind 'Science' von der American Association for the Advancement of Science (AAAS) und die britische 'Nature', die von Macmillan Magazines Ltd. - seit kurzem ein Tochterunternehmen der Holtzbrinck-Gruppe -, herausgegeben wird. Sie decken noch das gesamte Spektrum der naturwissenschaftlichen Forschung ab. In allen anderen Bereichen, von den III/V-Halbleitern bis zur Endokrinologie, hat der Gang der Wissenschaft in beispielloser Weise zur Ausdifferenzierung immer neuer Teilgebiete geführt und das Ausufern der Zeitschriftenlandschaft nach sich gezogen. Herausgeber einer Zeitschrift zu sein krönt, mehr noch als die Zahl der Veröffentlichungen in renommierten Journalen, die Biographie. Das Karrierestreben der Forscher und die Geschäftstüchtigkeit der Verlage gingen Hand in Hand.

Vor dem Kollaps

Hinzu kommt: Die Wissenschaftlichen Verlage leben davon, daß für die im öffentlichen Forschungssektor erarbeiteten Ergebnisse, die ihnen die Wissenschaftler in druckfähigen elektronischen Formaten vorlegen, fast ausschließlich die Wissenschaftlichen Bibliotheken als Abnehmer in Frage kommen. Peer-Review-Zeitschriften wie 'Science' und 'Nature' bilden da eine Ausnahme; sie können sich dank ihrer hohen Verbreitung von 250 000 bzw. 60 000 Exemplaren wöchentlich überwiegend aus relativ preiswerten individuellen Abonnements finanzieren (Science: 380 Mark, Nature: 340 Mark inklusive Online-Zugriff). Bei allen anderen sichern die staatlichen Abnehmer selbst hochpreisigen Produkten in kleinster Auflage die Existenz.

Die Situation zeigt auffallende Parallelen zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen, wo weder Ärzte ihre Leistungen noch die Patienten die Inanspruchnahme der medizinischen Angebote einschränken wollen, solange sie Verträge zu Lasten Dritter schließen können. Im wissenschaftlichen Publikationswesen befinden sich die Bibliotheken - und indirekt der Steuerzahler - in der Situation der Krankenkassen, die die Mittel zur Literaturversorgung aufbringen müssen und das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nicht beeinflussen können.

Jetzt rast das System auf eine Wand zu, an der die erfolgreiche Symbiose zu zerschellen droht, weil es nicht mehr finanzierbar ist. Die regelmäßigen Preiserhöhungen führen mit derselben Regelmäßigkeit zu Abbestellungen und reduzieren die Auflagen; die rückläufigen Verkaufszahlen kompensieren die Verlage wiederum durch weitere Peiserhöhungen - eine tödliche Spirale, die inzwischen die Produktions-, die Distributions- und die Rezeptionsprozesse in der Wissenschaft gefährdet. "Das ist ein Teufelskreis", meint Georg Malz wie viele seiner Kollegen. "Weil die Zeitschriften zu teuer sind, bestellen die Universitätsbibliotheken sie ab; dadurch sinkt die Auflage, und der Preis steigt weiter". Denn weil die Verlage mit einem konstanten Fixkostenblock operieren, verteilen sie die Kosten auf einen kleineren Kreis von Abonnenten.

Pioniere und Rebellen

Aber der Umsturz ist bereits in vollem Gange. Wie jede Revolution kündigte er sich in kleinen Schritten an. Das World-Wide Web hat die Randbedingungen des wissenschaftlichen Publikationswesens einschneidend verändert. Die erste Zäsur kam 1991, als Paul Ginsparg vom Los Alamos National Laboratory damit begann, die Preprints, die ihm Kollegen aus aller Welt per E-Mail zuschickten, auf einen Server zu legen und damit einer größeren Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Server xxx.lanl.gov in Los Alamos bedient inzwischen zehntausende von Nutzern in aller Welt und verzeichnet pro Woche etwa 600 000 Zugriffe. Rund 2500 'Paper' werden hier jeden Monate neu abgelegt. Das Spektrum hat sich von der Elementarteilchenphysik längst auf zahlreiche andere Gebiete von der Astrophysik bis zur Optik, der Algebraischen Geometrie bis zur Wahrscheinlichkeitstheorie ausgeweitet.

In der Physik und Mathematik ist Ginspargs Server der schnellste Weg zur Kommunikation mit den Fachkollegen; er hat die gedruckte Literatur überholt, aber nicht vom Markt verdrängt. Die Verlage tolerierten notgedrungen, daß die Autoren ihr Erstveröffentlichungsrecht und Copyright unterliefen - nicht zuletzt deshalb, weil das der wachsenden Kritik an den monatelangen Vorlaufzeiten vom Einreichen des Manuskripts bis zum Erscheinen der Veröffentlichung in den Bibliotheksregalen die Spitze nahm.  Einen Musterprozeß hätten sie sich in der fragilen Situation wohl auch kaum leisten können, denn damit hätten sie nur die Autoren auf die Barrikaden getrieben und eine Entwicklung beschleunigt, an der ihnen nicht gelegen sein kann.

Ginspargs Preprint-Server in Los Alamos diente eigentlich nur dem Zweck, den Austausch der neuesten Ergebnisse zu beschleunigen und den auf Insider-Gruppen beschränkten postalischen Versand der Vorabdrucke der gesamten Community zu öffnen; er war keine Kampfansage, die Printversionen der Artikel zu ersetzen, die nach wie vor zur dauerhaften Archivierung benötigt wurden.

Sehr viel spektakulärer war hingegen die Aktion von Michael Rosenzweig, eines prominenten Ökologen an der University of Arizona, der 1984 mit dem britischen Verlag Chapman&Hall die Zeitschrift 'Evolutionary Ecology' ins Leben gerufen hatte. Damals bezahlten die Bibliotheken unter den weltweit 400 Abonnenten 100 Dolllar und Einzelabonnenten 35 Dollar für den Jahrgang. Dann kam es zu einer 'feindlichen' Übernahme der Aktienmehrheit an Chapman&Hall durch die International Thomson Corporation (ITC), in deren Folge sich das Abonnement um 275% verteuerte. Als der Verlag Anfang 1998 erneut den Besitzer wechselte und an den holländischen Verlag Wolters-Kluwer verkauft wurde, die neuen Eigner den Bibliothekspreis sofort von 464 auf 777 Dollar heraufsetzten und zudem die Individual-Abonnements zu Vorzugspreisen abschafften, verließ Rosenzweig unter Protest mitsamt der 34-köpfigen Redaktion das Unternehmen und gründete ein neues Magazin, 'Evolutionary Ecology Research', das er für 305 $ im Selbstverlag herausgibt und das nun in erster Linie elektronisch vertrieben wird; eine parallele Papierversion soll jedoch vorläufig noch beibehalten werden. "Emotional sind die Autoren aus irgendwelchen Gründen noch nicht auf ein reines Internet-Journal eingestellt", begründet Rosenzweig das vorsichtige Herangehen; "sie möchten ihre Arbeiten noch im altmodischen Druck wiederfinden".

Die Politik der Verlage

Einen Abschied von Gutenberg wird es also so schnell nicht geben, obwohl sich auch die etablierten Wissenschaftsverlage längst der Herausforderung durch das Internet gestellt haben. Elsevier bietet zur Zeit mehr als 1200 Zeitschriften online an, Springer 419, Academic Press 174. Suchmaschinen ermöglichen die gezielte Suche nach Fachaufsätzen über alle Zeitschriftentitel. Die elektronischen Zeitschriften - bevorzugtes Format ist PDF - sind mit den gedruckten Versionen nahezu identisch. Doch obwohl der elektronische Vertrieb Lagerhaltungs- und Distributionskosten einsparen könnte -billiger ist es dadurch nicht geworden. Die Strategien, die die Preis- und Vertriebspolitik der weltweit rund 300 STM-Verlage bestimmen, zielen vielmehr darauf ab, die bisherigen Umsätze im Bereich der Print-Zeitschriften zu stabilisieren und auszubauen. Dabei soll das Angebot von Parallelversionen im Netz zusätzliche Erträge bringen.

"Man bekommt gar nicht die Alternative, nur die E-Version zu beziehen", klagt Georg Malz von der TU Berlin. "Für die elektronische Nutzung wird meist ein kräftiger Aufpreis von 20 bis 30% verlangt". Einzig bei Springer ist der Online-Zugriff auf die Zeitschrift bereits in den Abonnementgebühren enthalten. Doch das Standard-Vertriebsmodell aller Verlage ist die Campus-Lizenz für die Papier- und Netzversionen im Paket, die den Mitarbeitern der Universität und Forschungseinrichtung zwar den bequemen Zugriff auf den Verlagsserver vom Desktop aus einräumt, den Bibliotheksetat allerdings auch zusätzlich belastet.

Die Meinung ist weit verbreitet, daß das Modell der Campus-Lizenzen die gegensätzlichen Interessen nur mühsam ausbalanziert und lediglich einen Kompromiß, aber keine dauerhafte Lösung darstellt. Die Konditionen beispielsweise müssen jährlich neu ausgehandelt werden. So kritisiert die DFG-Studie, daß diese Preis- und Vertriebspolitik "die dringend erforderliche Einbeziehung elektronischer Zeitschriften in das Angebotsspektrum wissenschaftlicher Bibliotheken verzögert". Verlagsvertreter wiederum weisen darauf hin, daß es die Bibliotheken sind, die auf den Papierversionen beharren. "Wenn alle Bibliotheken in der Welt zu uns sagen würden, wir verzichten auf die gedruckten Exemplare", so Arnoud deKemp von Springer in Heidelberg, "dann könnten wir auch eine einmalige Reduzierung der Preise durchführen". (s. Interview).

Einkaufsgemeinschaften

Vor zwei Jahren stellte eine Gruppe niederländischer und deutscher Bibliotheken "Grundsätze für den Abschluß von Bibliothekslizenzen für elektronische Zeitschriften" auf. Danach sollten die Bibliotheken darauf dringen, daß die Zusatzgebühr beim gleichzeitigen Bezug der Print- und Netzversion 7,5% nicht überschreitet; beim ausschließlichen Bezug der elektronischen Version unter Aufgabe des Printabonnements sollte der Preis bei höchstens 80% der Kosten für die Printversion liegen. Das ist bislang reines Wunschdenken geblieben.

Um ihre Position gegenüber den kommerziellen Anbietern zu stärken, schließen sich die Bibliotheken zunehmend zu regionalen 'Einkaufsgemeinschaften' zusammen und handeln die Konditionen gemeinsam aus. Der erste Konsortialvertrag kam 1997 in Nordrhein-Westfalen zwischen acht Universitätsbibliotheken und Elsevier zustande. In Berlin und Brandenburg machen fünf Hochschulen und zahlreiche außeruniversitäre Institute im Friedrich-Althoff-Konsortium gemeinsame Sache, um im Verbund die Literaturversorgung zu optimieren und allen Mitarbeitern der beteiligten Einrichtungen den Zugriff auf die elektronischen Journale zu sichern. So hat die TU Berlin beispielsweise nur 123 Titel aus dem Elsevier-Sortiment abonniert, gewinnt über das Konsortium aber den Zugriff auf 530 Zeitschriften des Verlages. Ähnliche Vereinbarungen gibt es mit Springer und Academic Press.

Die Paketlösungen könnten sich jedoch durchaus als Bumerang erweisen, weil sie die Abnehmer an die großen Verlage binden. So kann eine angeschlossene Bibliothek beispielsweise einzelne Titel nicht mehr abbestellen, wenn sie stattdessen die Zeitschrift eines anderen Verlages abonnieren will. Zudem hat das System einen weiteren gravierenden Nachteil: Der Online-Zugriff ist nur den Mitarbeitern und Studenten der angeschlossenen Institute möglich. Außenstehende werden an den Segnungen des Electronic Publishing nicht partizipieren, obwohl sie es mit ihren Steuergeldern finanzieren. Sie bleiben vom Desktop-Zugriff ausgeschlossen, müssen sich nach wie vor an die Öffnungszeiten der Bibliothek halten und können die Zeitschriften nur an einer Workstation im Lesesaal einsehen - sofern der gesuchte Titel überhaupt im Verbund vorhanden ist. Der Grundsatz, daß Wissenschaft öffentlich sein soll, wird durch das Modell der Campus-Lizenzen eher ausgehebelt denn gefördert. Bisher war der Zugriff allein durch das Medium Papier beschränkt; jetzt bestimmen private Anbieter den Preis für ein öffentliches Gut - die wissenschaftliche Information -, obwohl die Autoren ein Interesse an größtmöglicher Verbreitung ihrer Arbeiten und die Leser an dem uneingeschränkten und kostenlosen Zugang zur Forschungsliteratur haben.

Überreizt?

In der Academic Community gibt es daher schon sehr viel weitergehende Überlegungen zu alternativen Ansätzen. Die radikalsten Vorstöße kommen aus den USA, wo die preistreibende Politik der Verlage zunehmend Gegenreaktionen auslöst. Als Hebel zur Umgestaltung des wissenschaftlichen Publikationswesens gelten insbesondere

Auch wenn die Internet-Distribution sehr viel billiger ist als der Print-Vertrieb, kostenlos können E-Journale dennoch nicht sein, weil die Aufwendungen der Begutachtung und der redaktionellen Bearbeitung auch weiterhin anfallen. Schätzungen zufolge würde sich der 'Seitenpreis' im Electronic Publishing daher nur um 2/3 verbilligen. Maarten Chrispeels, Herausgeber der Zeitschrift 'Plant Physiology', beziffert die Overheadkosten für das Peer Review und das Editieren auf rund 1500 Dollar pro Artikel. Die meisten Fachleute halten 400 $ für realistischer.

Eine subversive Idee, die das konservative Qualitätsbewußtsein mit dem radikalen Abschied vom Papier verbindet, hat unlängst Stevan Harnad von der Multimedia Research Group im Electronics and Computer Science Department der University Southampton in die Debatte geworfen. Er schlägt vor, die Begutachtungskosten nicht dem Leser (bzw. dem Bibliotheksetat), sondern dem Autor oder seiner Heimatinstitution aufzubürden. Das würde Transparenz für den tatsächlichen Aufwand schaffen und ließe sich obendrein kostenneutral bewerkstelligen, nämlich aus der Umverteilung von Mitteln, die durch die Kündigung der herkömmlichen Zeitschriftenabonnements frei werden. Auf diese Weise blieben die Qualitätsstandards auch im Electronic Publishing gewahrt und zugleich jedem der freie Zugang zur wissenschaftlichen Literatur gesichert. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und das britische Institute of Physics haben sich bereits auf das Experiment eingelassen: Bei dem neuen 'New Journal of Physics' müssen Autoren beim Einreichen des Manuskripts einen Scheck über 500 Dollar beilegen; die Lektüre ist kostenlos, und schon die ersten NJP-Paper haben etliche tausend Leser heruntergeladen.

Den zweiten Hebel bietet die restriktivere Handhabung des Urheberrechts. Nach dem amerikanischen Urheberrechtsgesetz gibt es für die Arbeiten von Angehörigen des Öffentlichen Dienstes keinen Copyright-Schutz; sie gelten als Public Domain und können von jedermann frei genutzt werden. Gleichwohl haben die STM-Verlage in der Praxis bislang von den Autoren die Abtretung des Copyrights ihrer Veröffentlichungen verlangt und damit faktisch die Möglichkeit zur unabhängigen Online-Veröffentlichung durch die Autoren unterbunden. Eine zwölfköpfige Studiengruppe der American Academy of Arts and Sciences, der Wissenschaftler, Bibliothekare und Verlagsvertreter angehören, hat kürzlich den Finger auf die offene Wunde gelegt und an die Rechtslage erinnert:

"Der Dienst am Gemeinwohl - und darin liegt der eigentliche Grund zur öffentlichen Förderung von Forschung - ist nur möglich, wenn die Ergebnisse der Forschung weite Verbreitung finden", heißt es in dem Memorandum "Competition and Cooperation: Libraries and Publishers in the Transition to Electronic Scholarly Journals". Deshalb sollten die staatlichen Fördereinrichtungen darauf dringen oder sogar verlangen, daß das Copyright für Veröffentlichungen aus den geförderten Projekten bei den Autoren verbleibt. "Die Autoren wiederum können potentiellen Verlegern umfassende, aber nicht-exklusive Nutzungsrechte einräumen, ihre Arbeiten in Mehrwertdiensten zu verwenden, sei dies nun in herkömmlicher oder in elektronischer Form". Sie behalten dabei aber "das Recht zur informellen Verteilung, sei es über einen Webserver oder in der direkten Kommunikation mit Kollegen".

Zündfunken

Das dritte Element der Strategie zur Kostendämpfung und gleichzeitiger Förderung des Electronic Publishing besteht in dem Aufbau alternativer Plattformen für E-Journale. So startete die ARL vor einem Jahr die Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC). Sie will Fachgesellschaften und kleinere Verleger zum Wettbewerb mit den etablierten kommerziellen Verlagen ermuntern und ihnen ein gemeinsames Distributionsdach für die elektronischen Journale anbieten. Als erste war die American Chemical Society dabei; unlängst schloß sich die britische Royal Society of Chemistry der Initiative an.

SPARC will durch Konkurrenz die teuren Zeitschriften zu Preissenkungen zwingen. Die Hoffnung ist, daß die Autoren, sobald ihnen bessere Alternativen zur Verfügung stehen, die ihr Bedürfnis nach Anerkennung in der Fachwelt und größtmöglicher Verbreitung ihrer Arbeiten erfüllen, auf den neuen Vertriebsweg umschwenken und die Veröffentlichung bei den SPARC-Zeitschriften einreichen. Zugleich verpflichten sich die der ARL angeschlossenen Bibliotheken, die kostengünstigen Zeitschriften des SPARC-Vertriebs zu abonnieren; dies garantiert den kleineren Online-Verlegern einen Absatzmarkt, der ihnen über die schwierige Startphase hinweghilft.

Unter dem SPARC-Regime hat die American Chemical Society gerade die neue Zeitschrift 'Organic Letters' lanciert, die im Online-Abonnement 2300 $ pro Jahr kostet und die 'Tetrahedron Letters' von Elsevier ins Visier nimmt, für die die Bibliotheken 8602 $ jährlich aufwenden müssen. Noch drastischer ist der Preisunterschied bei der neuen 'PhysChemComm' der Royal Society, die für 353 $ pro Jahr den Wettbewerb mit den 8368 $ teuren 'Chemical Physics Letters' von Elsevier aufgenommen hat.

HighWire Press

Eine weitere Kampfansage kam von der Stanford Universitätsbibliothek. Sie hat ein gemeinnütziges Unternehmen, 'HighWire Press' ins Leben gerufen, das wie SPARC ein zweifaches Ziel verfolgt: Es soll Universitäten und Fachgesellschaften Hilfestellung beim kostengünstigen Verlegen von Zeitschriften zu geben und zugleich verhindern, daß die kapitalkräftigen Marktführer angesichts der Investitionen in das Electronic Publishing die Kleinverlage im Wettbewerb erdrücken.

HighWire Press ist wie SPARC eine Vertriebsgemeinschaft, die von der 'Academic Psychiatry' bis zur 'Thorax' bereits mehr als 250 E-Journals im Portefeuille hat; dazu gehören das weltweit am meisten zitierte 'Journal of Biological Chemistry' sowie die 'Proceedings of the National Academy of Sciences'. Ende letzten Jahres brachte die britische Oxford University Press ihre 160 Zeitschriften in das Unterfangen ein und übertrug HighWire Press die Abwicklung der elektronischen Produktion und das Webhosting.

E-biomed

Den jüngsten und zur Zeit umstrittensten Vorstoß startete der Präsident des amerikanischen Bundesgesundheitsamtes, Harold Varmus, Mitte dieses Jahres mit dem Ziel, am National Institute of Health (NIH) ein umfassendes Online-Archiv für die mit öffentlicher Förderung entstandenen biomedizinischen Veröffentlichungen und Daten einzurichten. Das Archiv - ursprünglich 'E-biomed' genannt und jetzt in 'E-Biosci' umgetauft, nachdem sich herausstellte, daß der vorgesehene Titel bereits rechtlich geschützt ist - soll jedermann und jederfrau mit Computer und Internet-Anschluß "den freien, schnellen und vollständigen Zugang zur gesamten biomedizinischen Forschungsliteratur" verschaffen.

Als Zuwendungsgeber verfügt das NIH über ein starkes Druckmittel. Mit einem Gesamthaushalt von knapp 16 Milliarden Dollar ist das Bundesgesundheitsamt nach dem Energieministerium (17,8 Mrd $) und noch vor der NASA (13,6 Mrd $) der zweitgrößte Finanzier von Forschung und Entwicklung in den USA. Während SPARC und HighWire Press auf die Kooperation der Autoren angewiesen sind, kann die Behörde die Vergabe von Projektmitteln an die Bedingung knüpfen, daß das Copyright der nachfolgenden Veröffentlichungen bei den Autoren - im Extremfall sogar beim NIH selbst - verbleibt und die Aufsätze in elektronischer Form über 'E-Biomed' öffentlich zugänglich gemacht werden.

Verständlich, daß bei den STM-Verlegern die Sturmglocken läuten. Sie fürchten einen Strudel, der die Geschäftsgrundlage des etablierten Publikationswesens unterspült. Egal, ob sie nun Zuckerbrot oder Peitsche wählen, kooperieren oder sich schmollend ins Abseits stellen, das läuft für sie auf dasselbe hinaus: Sie werden die Abonnements der Bibliotheken verlieren und müssen mit ansehen, wie sich die Fachdiskussion in das öffentliche und elektronische Medium hinein verlagert. "'Science' ist noch auf der Suche nach den Vorteilen des E-biomed-Vorschlags", gibt sich Chefredakteur Floyd E. Bloom zwar gelassen, wirft aber in Frageform vorsorglich schon ein Totschlagsargument in die Runde: "Kann ein monopolistisches, einer Fördereinrichtung der Regierung unterstelltes Archiv den wissenschaftlichen Fortschritt besser fördern als die vorhandene Hierarchie der Wissenschaftszeitschriften, die Autoren wie Lesern eine Fülle von Alternativen bietet?"

Unklar ist noch, in welcher Weise die Verlage sich überhaupt an E-Biomed beteiligen können - ob mit Abstracts, Volltext oder nur den URLs zu den Artikeln auf ihren eigenen Servern. Einige haben bereits die Absicht bekundet, auch die Volltexte über den kostenlosen E-Biomed-Zugang bereitzustellen, wollen dies aber erst mit einer Verzögerung von einigen Wochen bis zu sechs Monaten nach dem Erscheinen der Zeitschrift bei den Abonnenten tun. Der Ausgang der Kontroverse ist offen.

Das Parallelvorhaben im benachbarten Energieministerium, PubScience, findet da schon eher das Wohlwollen der Verlage. Die Forschungsabteilung des Department of Energy (DoE) plant, noch in diesem Jahr ihre Datenbank mit den Titeln und Abstracts der Artikel von einigen hundert Zeitschriften der Natur- und Ingenieurwissenschaften jedem für das Retrieval über das Internet zu öffnen. Das bringt den kommerziellen Verlegern Kunden in den Laden: Links sollen dann das Durchklicken von den Abstracts zu den Volltexten auf den Verlagsservern erlauben, ohne daß ihnen der freie Zugang abverlangt wird. "Wir unternehmen keinen Versuch, die Verleger zu ersetzen", erklärt die Leiterin der Forschungsabteilung im DOE, Martha Krebs; "wir wollen es nur einfacher machen, an das veröffentlichte Material heranzukommen".

Bundesrepublikanische Tristesse

Zu emanzipatorischen Aktionen wie der von Rosenzweig hat sich in Deutschland noch kein Wissenschaftler hinreißen lassen. Bibliotheksinitiativen wie SPARC oder HighWire Press sucht man hierzulande vergebens, und auch kein Forschungspolitiker hat bislang derart ketzerische Pläne wie Harold Varmus mit E-Biomed vorzubringen gewagt. Im Gegenteil: "Wissenschaftliche und technische Information", so formulierte es der damalige Zukunftsminister Jürgen Rüttgers im Programm der Bundesregierung 1996-2000 "Information als Rohstoff für Innovation", ist "ein wirtschaftliches Gut, eine Ware, die als Informationsprodukt oder -dienstleistung hergestellt, gehandelt und verkauft wird, also einen Markt besitzt". Die Wissenschaftsverlage entscheiden, "in welcher Form und in welchem Umfang sie wissenschaftliche und technische Informationen veröffentlichen". Zugleich beklagte der Forschungsminister, daß in Hochschulen und Forschungseinrichtungen "bisher noch kein ausreichendes Preisbewußtsein für elektronische Informationsprodukte vorhanden" sei. "Die Wissenschaftler sind vielfach der Auffassung, daß ihnen die Datenbanknutzung wie die Bibliotheksnutzung 'kostenlos' ermöglicht werden müsse".

Dabei starteten schon vor fünf Jahren in der Bundesrepublik Bemühungen, die Möglichkeiten des WWW stärker für die wissenschaftliche Kommunikation zu nutzen [Sietmann, Richard: "Elektronisches Publizieren: Vor dem Phasensprung"; Phys. Blätter 50. 9 (1999)]. Pioniere waren die Physiker, Mathematiker, Informatiker und Chemiker, die in ihren jeweiligen Fachgesellschaften zahlreiche Projekte anstießen, um das Informationsangebot auf den Fachbereichsservern überschaubar zu gestalten und nach dem Muster Ginspargs die Erschließung der 'Grauen Literatur' in der Form von Preprints, Forschungsberichten und Technischen Reports auf eine breitere Basis zu stellen. Zur Vermeidung von Doppelentwicklungen und zur fächerübergreifenden Kooperation gründeten die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV), die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GdCh) und die Gesellschaft für Informatik (GI) 1995 die "Gemeinsame Initiative der wissenschaftlichen Fachgesellschaften zur elektronischen Information und Kommunikation".

Die IuK-Initiative stellte eine Graswurzelbewegung von Wissenschaftlern dar, die den Anschluß an die internationale Entwicklung nicht verlieren und mit den eigenen Arbeiten im WWW für die Fachkollegen sichtbar bleiben wollten. Ihr schlossen sich zahlreiche andere Fachgesellschaften an. Sie entwickelten fachbezogene Suchmaschinen zu Personen, Projekten, Publikationen und Veranstaltungen, und ihre Vertreter beteiligten sich in internationalen Gremien wie dem W3C und der Dublin Core Group an der Erarbeitung von Strukturstandards für Online-Dokumente, so etwa RDF und den als 'Dublin Core' bekannten Satz von Metadaten zur Klassifizierung (Kasten 1). Auf die Anregung der Initiative ging auch das Projekt "Dissertationen Online" hervor, das dann von der DFG gefördert wurde (Kasten 2). Am weitesten preschten die Mathematiker und Physiker voran. Mit MathNet und PhysNet bauten sie Prototypen verteilter und Informations- und Publikationssysteme auf(Kasten 3), die inzwischen außerhalb der Landesgrenzen aufgegriffen wurden, den Intentionen des Bonner Forschungsministeriums jedoch zuwiderliefen. Sie mußten ohne die Unterstützung des BMBF auskommen; nicht einmal die 9 000 Mark Mitgliedsbeitrag für die Beteiligung an den W3C-Aktivitäten wollten die amtlichen Innovationsförderer beisteuern.

Denn das Rüttgers-Ministerium verfolgte andere Zielsetzungen und setzte eigene Randbedingungen. Es versuchte, sein Fachinformationsprogramm neu zu ordnen und von der Fokussierung auf die in den siebziger Jahren entstandenen wissenschaftlichen Datenbanken zu lösen. Die Förderung von Fachinformationszentren wie FIZ Karlsruhe und FIZ Chemie sowie ihrer Nutzung sollte beendet und der Betrieb aus Entgelten finanziert werden. Gefragt war, was Amerikaner "Corporate Welfare" - Sozialhilfe für Unternehmen - nennen: Wirtschaftsförderung, Technologietransfer und die Unterstützung kleiner und mittlerer Firmen, wie beispielsweise in dem INSTI-Projekt zur "Innovationsstimulierung der Deutschen Wirtschaft durch wissenschaftliche und technische Information". So entstanden, teilweise in ausgeprägtem Gegensatz zu den Vorstellungen der wissenschaftlichen Fachgesellschaften, im Rahmen des Förderprogramms "Information als Rohstoff für Innovation" nacheinander die Projekte MeDoc, InterDoc und Global-Info (Kasten 4). Politische Priorität hatte die Förderung von Verlagen bei der Umstellung auf die elektronische Produktion und Distribution ("Modellprojekt: Der elektronische Verlag") und die Privatisierung der Fachinformationszentren, weniger dagegen die direkte Verbesserung der Literaturversorgung in der Wissenschaft.

Die Quadratur des Kreises ist gründlich mißlungen. Finanziert wurden ausschließlich Gemeinschaftsprojekte von Verlagen und Wissenschaftlern, schwerfällige Verbundvorhaben mit teils 40 Partnern und komplizierten Vergabemechanismen. "Das war unzumutbar für die Beteiligten, die Regeln wurden immer komplizierter", urteilt der Oldenburger Physik-Professor und IuK-Vertreter der DPG, Eberhard Hilf; "über zwei Planungsjahre hinweg ist überhaupt kein Geld geflossen". Die anfängliche Aufbruchstimmung ist längst in Frustration umgeschlagen. "Das kriegt man nicht mehr hin", glaubt Hilf; "wir warten nicht mehr auf die BMBF-Förderung, sondern vernetzen uns mit Projekten im Ausland, denn dort ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. PhysNet wird international durch die European Physical Society organisiert, MathNet wird ein Dienst für die International Mathematical Union, und 'Dissertationen Online' wird in das amerikanische NUDL-Projekt integriert".

Föderaler Wildwuchs

Die Festlegung auf eine bestimmte Form der Förderung sowie das Beharren auf der Entgeltlichkeit der wissenschaftlichen Information (Abb. 6) haben weder die Zeitschriftenkrise überwunden (die nicht das BMBF, sondern hauptsächlich die Hochschuletats der Länder belastet) noch die Herausbildung von Strategien zur Migration des wissenschaftlichen Publikationswesen in das Internet befördert. Koordinierende Schwerpunktsetzungen und eine konzeptionelle Gesamtplanung fehlen. Hinzu kommt, daß es in dem föderalen Wissenschaftssystem der Bundesrepublik selbst in Fragen der Infrastruktur keine zentralen Zuständigkeiten gibt.

So gibt es zwar eine Fülle von Einzelprojekten, aber keine Orientierung, geschweige denn eine abgestimmte Arbeitsteilung. Auf Bundesebene fördert das BMBF außer 'Global-Info' beispielsweise noch den Dokumenten-Lieferdienst 'Subito' und das Projekt 'Multimediale Bücher in der Lehre'; der DFN-Verein unterstützt 'eprint'-Initivativen mit rund zehn Millionen Mark, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) steckte im letzten Jahr insgesamt rund 11 Millionen Mark in 63 Projekte in die Entwicklung digitaler Bibliotheken, darunter allein 7,2 Milllionen Mark in drei Programme zum elektronischen Publizieren:

Daneben gibt es noch ein gemeinsam von der Bibliotheksförderung und dem Fachreferat Informatik der DFG gestartetes Schwerpunktprogramm zur 'Verteilten Verarbeitung und Vermittlung digitaler Dokumente' mit 25 Einzelprojekten.

Am Geld mangelt es jedenfalls nicht. Zählt man die Ländermittel und die Förderung der Fachinformationszentren hinzu, dürfte der jährliche Gesamtaufwand für die Entwicklung des digitalen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik zwischen 40 und 60 Millionen Mark liegen und damit vom Volumen den Aktivitäten in den USA und Großbritannien vergleichbar sein. "Im Vergleich zu den Fördermitteln sind die Ergebnisse im Bereich 'digitale Bibliothek' bis jetzt ziemlich bescheiden", zog kürzlich der Vorsitzende des Global-Info Consortiums, Rudi Schmiede von der TU Darmstadt, eine realistische Bilanz. "Der elektronische Zugriff auf wissenschaftliche Informationen und Veröffentlichungen ist noch begrenzt und bruchstückhaft" [Schmiede, Rudi: "Digital Library Activities in Germany"].

Die zahlreichen Überschneidungen im Förderspektrum bringen Parallelentwicklungen und die Gefahr von an lokalen oder regionalen Interessen ausgerichteten Insellösungen mit sich. Selbst für Insider ist das Dickicht kaum noch überschaubar. Wer Chaos und Komplexität mit Kreativität verwechselt, wird die Vielfalt der Projekte, Modelle und Methoden vielleicht begrüßen. Wo es allerdings um zentrale Infrastrukturen und Dienstleistungen des Wissenschaftsbetriebs geht, ist sie ebenso wie die Kulturhoheit der 16 Bundesländer eher dysfunktional; sie erschwert die Übertragbarkeit von Projektergebnissen und die Kompatibilität der Entwicklungen. Ernsthafte Versuche, die Lösung der Zeitschriftenkrise mit den Möglichkeiten des Electronic Publishing anzugehen, sind nicht einmal in Ansätzen erkennbar.

Wenn schon die politischen Strukturen für mannigfaltige Reibungsverluste sorgen, so soll doch wenigsten mit Informationen die Situation transparenter werden. So hat das Deutsche Bibliotheksinstitut (DBI) begonnen, einen Informationsdienst "Virtuelle Digitale Bibliothek" aufzubauen. Er will mit einer tabellarisch strukturierten Projektdokumentation als Dschungelführer durch die Fördereinrichtungen, Programme und Entwicklungsvorhaben dienen; bis zum Ende des Jahres soll die Aufbauphase abgeschlossen sein.

Kopflos in die Zukunft?

Aber das in Berlin ansässige Institut mit seinen 160 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 16,9 Mio DM, das noch am ehesten der American Association of Research Libraries vergleichbar ist und als Gemeinschaftseinrichtung des Bundes und der Länder die Entwicklungsaktivitäten begleiten und koordinieren könnte, wird es demnächst nicht mehr geben. Vor 20 Jahren zur Entwicklung, Normierung und Einführung bibliothekarischer Systeme und Verfahren gegründet und als Institut der sogenannten Blauen Liste zu 30% vom Bund und zu 70% von den Ländern finanziert, zeigte es sich der Herausforderung nicht gewachsen. Jedenfalls kam der Wissenschaftsrat vor zwei Jahren, als er sich im Rahmen einer umfassenden Evaluierung sämtlicher Institute der Blauen Liste das DBI vornahm, zu vernichtenden Ergebnissen.

Obwohl die personelle Ausstattung "überwiegend großzügig bemessen" sei, werde es seinem satzungsgemäßen Auftrag "nicht in ausreichendem Maße gerecht"; das Institut arbeite "zu wenig abteilungsübergreifend und projektbezogen". Der Wissenschaftsrat bemängelte die unzureichenden Serviceleistungen für die wissenschaftlichen Bibliotheken. Schlimmer noch: Es gäbe kaum eine Zusammenarbeit mit den Institutionen in Westeuropa und den USA, die sich durch Innovationen im Bibliotheksbereich auszeichnen, und "hinsichtlich der neueren Entwicklungen auf dem Sektor der Kommunikations- und Informationsmedien nimmt das DBI seine innovatorische Rolle ebenfalls unzulänglich wahr".

Schon einmal, 1989, hatte der Wissenschaftsrat konzeptionelle, personelle und infrastrukturelle Veränderungen angemahnt; bei der erneuten Evaluierung vor zwei Jahren mußte er nun feststellen, daß diese Empfehlungen "weitgehend unberücksichtigt" geblieben waren. Schlußfolgerung der Gutachter: "Angesichts der bisherigen Entwicklung ist nicht zu erwarten, daß das DBI die dringend erforderlichen Initiativen ergreifen wird, neue bibliothekarische Methoden, Techniken und Systeme zu entwickeln und den Bibliotheken zur Verfügung zu stellen". Nur konsequent daher, daß sie nach der Wiedervorlage des Falles nun die Streichung des Instituts von der Blauen Liste anregten. "Die weitere Förderung des DBI als Serviceeinrichtung für die Forschung mit überregionaler Bedeutung und gesamtstaatlichem, wissenschaftspolitischem Interesse wird nicht empfohlen".

Das DBI gibt es jetzt nur noch bis Ende des Jahres. Die Regierungschefs des Bundes und Länder haben am 14. März 1998 auf Vorschlag der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung beschlossen, daß das Institut aus der gemeinsamen Förderung ausscheidet. Ab dem 1.1.2000 wird es unter der Verantwortung der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur in einem Zeitraum von maximal drei Jahren als Einrichtung der Blauen Liste abgewickelt. Mit einer Übergangsfinanzierung sollen in den kommenden drei Jahren laufende Projekte abgeschlossen und zugleich geklärt werden, wie Mitarbeiter und Aufgaben auf andere Einrichtungen verteilt werden können. Obwohl die Begutachtung durch den Wissenschaftsrat bereits zwei Jahre zurückliegt und das Ergebnis schon seinerzeit keineswegs überraschend kam, gibt es dafür noch immer keine konkreten Pläne. "Es werden Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten geführt", erklärte DBI-Sprecherin Katharina Schleef auf Anfrage.

Zeitschriftenkrise oder Bibliothekskrise?

Das DBI wäre ein Leckerbissen für Sozialforscher, die sich mit der Unbeweglichkeit öffentlicher Einrichtungen und institutionellen Sklerosen befassen. Selten türmten sich die Probleme derart auf, aber die Bibliotheksforscher haben zu ihrer Lösung wenig beigetragen. Kopflos und ohne Strategie, rollen die Veränderungen über sie hinweg, wo es darauf ankäme, die Chancen zur Gestaltung zu ergreifen. Dabei benötigen gerade die Bibliotheken Führung. Sie sind hochgradig gefährdet, denn ob sie bei den elektronischen Zeitschriften noch als Mittler gebraucht werden, steht dahin. So erwartet Andrew Odlyzko, Mathematiker bei AT&T und ein ausgewiesener Analytiker der Ökonomie des wissenschaftlichen Publikationswesen, eine Verschiebung der Arbeitsteilung, derzufolge künftig die Verlage zunehmend Bibliotheksfunktionen übernehmen.

"Die berüchtigte 'Zeitschriftenkrise' ist in Wirklichkeit mehr eine Krise der Bibliothekskosten als ein Problem der Preispolitik seitens der Verlage", behauptet er, "denn die internen Bibliothekskosten sind sehr viel höher als die für den Kauf von Büchern und Zeitschriften aufgebrachten Beträge". Seine provokante These: "Selbst wenn die Verleger sich plötzlich entschließen würden, das gedruckte Material umsonst herauszugeben, würde der Anstieg der Literatur uns in wenigen Jahren erneut in die Krise führen".

Untersuchungen zeigen, daß die Erwerbung von Büchern und Zeitschriften nur ein Viertel bis ein Drittel der Bibliotheksetats ausmacht; der weitaus größere Teil geht überwiegend für die Gehälter des Personals drauf. Gelingt es den Verlagen, einen Teil dieses Rationalisierungspotentials zu substituieren und in ihre Wertschöpfungskette zu ziehen, könnten die Gesamtkosten der Literaturversorgung gesenkt werden, ohne daß die Verlage sich durch die Umstellung auf das Electronic Publishing schlechter stellen. "Die vermeidbaren Kosten der Bibliotheken sind bei weitem größer als die der Verleger, und das bietet letzteren eine Chance, die sie ausnutzen können, um ihre Position aufrecht zu erhalten".

Odlyzko macht dazu eine einfache Rechnung auf. Ein gedruckter Zeitschriftenartikel erbringt dem Verlag einen durchschnittlichen Umsatz von 4000 $. Dieselbe Qualität kann im Electronic Publishing zu einen Zehntel des Betrages, für 400 $, angeboten werden. Daran, daß der Umsatz auf ein Zehntel schrumpft und er dafür auch noch investieren muß, hat natürlich kein Verlag ein Interesse. Da jedoch für die gedruckten Versionen bei den Bibliotheken 8000 $ pro Artikel für die Bestellung, Katalogisierung, Archivierung und Ausleihe anfallen, lohnt es sich für ihn, diese Leistungen zu substituieren und online kostengünstiger zu erbringen. Bietet er den Mehrwertdienst beispielsweise zu durchschnittlich 6000 $ pro Artikel an, bedeutet das für die Bibliothek eine Ersparnis von 2000 $ und für ihn selbst eine Umsatzsteigerung in gleicher Höhe.

Die Verlage sind ohnehin in einer günstigeren Position. Es sind zahlenmäßig weniger (den weltweit 300 STM-Publishern stehen allein in der Bundesrepublik 2434 wissenschaftliche Bibliotheken gegenüber), so daß es ihnen leichter fällt, Veränderungen zu initiieren. Sie sind aggressives Marketing gewohnt, während Bibliotheken traditionell auf Abstimmung und Kooperation setzen und eher defensiv reagieren. Zudem besitzen sie das Copyright der bereits archivierten Materialien, das heißt ohne ihre Zustimmung können Bibliotheken, die mit dem Aufbau eigener digitaler Archive rationalisieren und das Überleben sichern wollen, das Altmaterial gar nicht erschließen. "Um ihre Erlöse und Gewinne zu schützen", so Odlyzkos Folgerung, "werden die Verlage die Rolle und Ressourcen von Bibliotheken usurpieren".

Bit & Bytes & Bibliotheken

Dabei ist die Archivierung eine klassische Aufgabe der Bibliotheken. Sie stellten bisher sicher, daß die Arbeiten von gestern den Forschern auch morgen noch zur Verfügung stehen. Selbst wenn der Aufwand für die Lagerhaltung im umgekehrten Verhältnis zum "Ertrag", das heißt zur Zahl der Zugriffe auf die alten Zeitschriften, steht, so sollen sie doch dem kollektiven Gedächtnis erhalten bleiben. Es kommt immer wieder vor, daß historische und längst vergessene Arbeiten plötzlich zum Ausgangspunkt neuer Fragestellungen werden. So entdeckten beispielsweise 1934 zwei deutsche Chemiker das absonderliche Phänomen, daß Ultraschallwellen Fotoplatten so schwärzten, als ob sie belichtet worden waren. In der Zeitschrift für Physikalische Chemie schilderten sie damals den fotoakustischen Effekt, als irrelevante Kuriosität fiel er jedoch der Vergessenheit anheim. Mehr als ein halbes Jahrhundert später stößt die seltsame Erscheinung, Sonolumineszenz genannt, jetzt wieder auf das Interesse der Physiker - theoretisch, weil es immer noch keine überzeugende Erklärung für das Phänomen gibt, und praktisch, weil die enorme Energiebilanz des Prozesses Anwendungen in Fusionsreaktionen denkbar erscheinen läßt oder die direkte Umwandlung von Schall in Licht möglicherweise der Photonik neue Anwendungen erschließt.

Eine derartige Langzeit-Archivierung von E-Prints ist heute noch kaum denkbar. Bislang halten die Verlage noch das gesamte Material, das sie elektronisch veröffentlich haben, auf ihren Servern vor. Doch ob dies eine dauerhafte Lösung sein wird, ist durchaus fraglich: Kommerzielle Unternehmen können in Konkurs gehen, aufgekauft werden oder bestimmte Geschäftsfelder einstellen. Erfahrungen mit "elektronischen Antiquariaten" als Makler für aufgelassene Datenbanken gibt es naturgemäß noch nicht. Eine Bestandsgarantie wird mit dem privaten Sektor schwerlich zu realisieren sein.

Bibliothekare bezweifeln sogar das Interesse der Verlage an der dauerhaften digitalen Archivierung selbst ihrer eigenen Produktion. "Die wollen das gar nicht", vermutet Georg Malz von der TU Berlin. Denn auch wenn die Massenspeicher-Medien immer billiger geworden sind - letztlich wird das Vorhalten älterer Zeitschriftenjahrgänge immer unwirtschaftlich sein, weil umso seltener darauf zugegriffen wird, je weiter die Veröffentlichungen zurückliegen. Die Kosten müßten aus den Lizenzgebühren für die laufenden Jahrgänge gedeckt werden; mit einem Pay-per-View wären kaum soviele Erlöse zu erzielen, um die Aufwendungen der Langzeitspeicherung zu decken. Die aber lassen sich angesichts des Tempos, mit dem die Hardware- und Software-Entwicklung voranschreitet, nicht einmal abschätzen. Damit das Material reproduzierbar bleibt, müßte es periodisch auf andere Datenträger überspielt und der Zugriff auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Mit anderen Worten: Sobald die zeitliche Dimension ins Spiel kommt, wird es teuer und die Aussicht auf Erlöse schwindet.

"Für die Bibliotheken ist das natürlich genauso ein Problem", meint Malz; "das ist bis hinauf zur Deutschen Bibliothek noch nicht gelöst". Zwar hat Die Deutsche Bibliothek (DDB) in Frankfurt (Main) einen gesetzlichen Auftrag zur vollständigen Sammlung, Erschließung und dauerhaften Sicherung aller deutschsprachigen oder in Deutschland erschienenen Publikationen, der auch digitale Publikationen einschließt - dies allerdings nur, sofern sie auf physischen Trägern verbreitet werden. Die Ablieferung eines 'Pflichtexemplars' für Netzveröffentlichungen ist im Gesetz über die DDB bisher nicht vorgesehen. Die DDB bemüht sich aber in dem Arbeitskreis "Elektronische Depotbibliothek" gemeinsam mit Verlegern um eine Regelung auch für diesen Fall. Erste Erfahrungen mit der elektronischen Archivierung werden derzeit in dem Projekt "Dissertationen Online" gesammelt (Kasten 2). Dazu erhält die DDB von den Universitätsbibliotheken jeweils eine Kopie der eingereichten digitalen Dissertationen überspielt, die sie auf dem vor einem Jahr eingerichteten Dokumentenserver zentral für die Bundesrepublik vorhält.

Die Player

"Das sind interessante Zeiten", meint David Lipman, der Direktor des US National Centers for Biotechnology Information und einer der geistigen Väter von E-Biomed, " die Verleger wissen nicht, welchen Kurs sie einschlagen sollen, und die Bibliotheken wissen es auch nicht". Doch selbst wenn sie es wüßten - die Weiterentwicklung der Infrastruktur der künftigen wissenschaftlichen Informationsversorgung machen Verlage und Bibliotheken nicht unter sich allein aus. Alles hängt davon ab, wie sich die anderen Akteure positionieren.

Zwischen die Mühlen geraten in jedem Falle die kommerziellen wissenschaftlichen Datenbanken und insbesondere die Fachinformationszentren, die in der Bundesrepublik unter massiver staatlicher Förderung mit dem IuD-Programm 1974-77 geschaffen wurden. Sie füllen bisher die Rolle eines elektronischen Nachweissystems in dem Meer der Zeitschriften-Volltexte aus, indem sie Recherchen nach Autor, Titel oder Keywords erlauben und mit der Lieferung von Abstracts erleichtern. Doch schon beim Retrieval der Volltexte stoßen sie an die durch das Copyright der Verlage gezogenen Grenzen. Die Recherche-Funktionen werden nach wie vor benötigt, aber die Organisationsform wird sich definitiv ändern. Die jüngsten Entwicklungen des WWW und die Verfügbarkeit mächtiger Search Engines zur strukturierten Suche, wie Harvest, sind im Begriff, ihnen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Überleben werden sie vielleicht als eine Art von Portalsite für die kommerziellen Verlage. (s. Interview mit Arnoud deKemp).

Die Fachgesellschaften nehmen vielfach eine Zwitterstellung ein. Vor allem im angelsächsischen Raum gehören sie häufig selbst zu den STM-Publishern. Aus den Erträgen der gemeinützigen Verlagstöchter finanzieren etwa die American Chemical Society, IEEE oder die American Association for the Advancement of Science (AAAS), in England das Institute of Physics (IOP Publishing) und in Deutschland beispielsweise der Technisch-Wissenschaftliche Verband Elektrotechnik/Elektronik (VDE-Verlag) ihre wissenschaftlichen Aktivitäten.

Und schließlich sind da noch die Wissenschaftler selbst in ihrer doppelten Funktion als Autoren und Nutzer, als Content Provider und recherchierende Leser. Für sie sind Zeitschriftenkrise und Kostendruck der Bibliotheken kein direkter Anreiz zur Migration in das elektronische Medium, weil sie die Kosten des Publikationssystems nicht tragen. Wissenschaftler benötigen Veröffentlichungen für die Karriere, aber sie bezahlen die Abonnements nicht selbst, und somit fehlt die Motivation, ihre Arbeiten nicht bei den renommierten, hochpreisigen Zeitschriften einzureichen. Solange diese die bekannten Namen, Koryphäen und Wortführer einer Forschungsrichtung anziehen, stehen die Bibliotheken unter dem Druck, die teuren Journale weiterhin zu beziehen.

Entscheidend ist letztlich aber die Sichtbarkeit in der Gemeinschaft der unmittelbaren Fachkollegen. In dynamischen Nischen, in denen es kaum mehr als eine Handvoll Experten gibt, denen es auf den schnellen Austausch ihrer Erkenntnisse und Ergebnisse ankommt, finden sich daher immer wieder Pioniere, die Vorbildern wie Paul Ginsparg oder Michael Rosenzweig nacheifern, ein neues E-Journal im Selbstverlag herausbringen und quasi im Nebenberuf zu Electronic Publishern werden. In einem solchen Schritt haben beispielsweise die Gründer der Zeitschrift 'Conservation Ecology', die Ökologen Shealagh Pope und Lee Miller von der Cornell University, gleich die gesamte Abwicklung vom Einreichen der Arbeiten über das Peer Review und die Abschlußredaktion bis zur Veröffentlichung und Distribution weitgehend automatisiert. Ihr Redaktionsbüro ist im wesentlichen eine im Eigenbau entstandene, Web-basierte Workflow-Software, das die Terminführung in definierten Ablaufschritten erlaubt und nur noch minimale direkte Interventionen erfordert.

Nicht anders als von den Print-Veröffentlichungen herkömmlicher Verlage gewohnt, müssen die Autoren bei 'Conservation Ecology' gewisse Formatieranweisungen beachten, bevor sie die Arbeit auf den Redaktionsserver laden. Die Redaktionssoftware erzeugt die HTML-Version und nimmt anhand von Schlüsselworten die Klassifizierung vor. Die Auswahl der in Frage kommenden Gutachter erfolgt durch die Redaktion, der weitere Ablauf - Verteilung an die Peer Reviewer, Anmahnung ausstehender Gutachten - erfolgt wieder automatisch. Sobald die Gutachten vorliegen und die Redaktion die Veröffentlichung akzeptiert hat, kommt der Beitrag zur Schlußredaktion und für die Online-Autorenkorrekturen auf einen Paßwort-geschützten FTP-Server. Ist das Imprimatur erteilt, wird er in ein öffentlich zugängliches Verzeichnis gelegt. In regelmäßigen Intervallen (zur Zeit halbjährlich) wird eine Ausgabe des E-Journals abgeschlossen und die Abonnenten per E-Mail benachrichtigt.

Das System läuft auf einer Sun SparcStation 4 mit einfachen Web-Authoring Tools und einer mySQL-Datenbank; der Personalaufwand beschränkt sich auf eine halbe Stelle zur Betreuung der HTML-Konvertierung und einer Viertelstelle zur Wartung der Hardware. Da die gesamte Abwicklung nahtlos im elektronischen Medium erfolgt, ist nicht einmal ein zentrales Redaktionsbüro mehr erforderlich: Alle Beteiligten haben den paßwortgeschützten Zugang auf die für sie relevanten Teile des Servers, egal, von wo aus sie darauf zugreifen. Pope und Miller wollen das System, mit dem sie derzeit rund 100 Veröffentlichungen jährlich abwickeln, jetzt so ausbauen, daß es für beliebige Zeitschriften mit einem zehnfach größeren Umfang einsetzbar wird, und suchen dafür Interessierte aus anderen Fachrichtungen.

Die eigentliche Transformation steht noch bevor

Es gibt jedoch gute Gründe für die Annahme, daß solche Selbsthilfe-Projekte noch nicht der Weisheit letzter Schluß sind. Auf Dauer werden die Forscher die Abwicklung und Organisation ihrer Veröffentlichungen vermutlich lieber anderen überlassen. "Wir wollen Wissenschaft betreiben, keine Datenbanken", bringt Martin Grötschel, Vizepräsident des Konrad-Zuse-Instituts für Informationstechnik, die Schnittstelle auf den Punkt (s. Interview).

Es macht wenig Sinn, die Rollenverteilung des heutigen Publikationswesens unbesehen in das Web zu übertragen. "Man will ja nicht täglich die Server von Elsevier, Springer oder Academic Press nach relevanten Arbeiten abklappern", meint Wolfram Sperber, Sprecher der IuK-Fachgruppe in der Deutschen Mathematiker-Vereinigung; "die elektronische Fachinformation kriegt man mit einer 1:1-Abbildung nicht mehr vernünftig hin, da braucht man andere Zugangsfunktionen". Die stehen inzwischen zur Verfügung. Die jüngsten Empfehlungen des W3C, namentlich XML und RDF (Kasten 5) bieten zahlreiche Ansätze zur abgestuften Handhabung von Dokumenten, die weit über die Möglichkeiten von HTML-Dokumenten hinausgehen:

Begutachtung und Diskussion, Leserbriefe, Textanmerkungen und Fortschreibungen im Rahmen eines Forschungs-Threads werden sich künftig mit einer Veröffentlichung verbinden, ohne daß sich die Grenzen zwischen Kommunikation und Publikation dabei verwischen. In welcher Form die neuen Kommunikationsformen von den Communities akzeptiert werden, und vor allem wie sich die feinen Unterscheidungslinien zwischen In-Group und Außenseitern manifestieren werden, muß sich erst noch herauskristallisieren. Bei allem Wandel gibt es jedoch zwei Konstanten der Bewegung: Erstens soll die fachliche Diskussion aus Gründen der Effektivität und Zeitökonomie auf die Peers beschränkt bleiben; niemand hat ein Interesse daran, daß der Betrieb, wie in Newsgroups häufig zu beobachten, durch Spam lahmgelegt wird, wenn mißliebige oder umstrittene Forscher wie etwa der britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck oder der Bremer Neuroinformatiker Andreas Kreiter ihre Arbeiten der Fachwelt zur Diskussion stellen. Wissenschaft soll öffentlich sein, aber der fachliche Diskurs hinter dem Schaufenster ungestört verlaufen.

Zweitens wird auch weiterhin das Peer Review System zur Qualitätssicherung benötigt. Wie kurz der Weg vom akzeptierten Wissenschaftler zum abgestempelten Außenseiter oder Scharlatan sein kann, mußten beispielsweise die Physikalischen Chemiker Stanley Pons und Martin Fleischmann erfahren, die den Fehler begingen oder das Pech hatten - die Darstellungen variieren - ihre scheinbar spektakulären Ergebnisse zur 'kalten Kernfusion' erst an die Presse gelangen zu lassen, bevor die Fachwelt sie einer eingehenden Begutachtung unterzog. Niemand hat ein Interesse daran, daß solche Einzelfälle zur Regel werden und das Wissenschaftssystem insgesamt diskreditieren.

Die Einführung von Metadaten in Verbindung mit XML und RDF wird die Kennzeichnung des Status von Web-Dokumenten und die klare Unterscheidung von begutachteten Artikeln und Diskussionspapieren oder Preprints erlauben,. Eine Vorstufe bildete die Einführung der 'Plattform for Internet Content Selection' durch das W3C. PICS definiert Filterregeln, die Browser evaluieren können und erhielt enormen Auftrieb durch die politische Debatte über Pornographie im Internet, weil sie die Möglichkeit bot, Webseiten mit anstößigen Inhalten zu indizieren, ohne zum Holzhammer der Zensur greifen zu müssen. Kaum beachtet wurde bislang die Generalisierbarkeit über die Markierung von Rotlicht-Bezirken des WWW hinaus, nämlich zur Strukturierung von Angeboten und Leserschaft: Dritte, die nicht die Ersteller der zu beschreibenden oder indizierenden Quelldokumente sind, können Aussagen über die Quelldokumente machen, und der User nutzt diese Metadaten, die er von einer Labeling-Instanz seines Vertrauens bezieht. Der auf PICS aufbauende DSig-Standard erlaubt überdies, die Metadaten digital zu unterschreiben; das sichert ihre Authentizität und verhindert Mißbrauch.

Dieses Labelling-System ist vom W3C zum Resource Description Framework (RDF) weiterentwickelt worden und bildet eine geeignete Plattform für das Online Peer Review. Ein Dokument, das der Autor zunächst als Preprint veröffentlicht, indem er es nach den Regeln seiner Heimatinstitution auf den lokalen Server legt, kann nachfolgend dem Peer Review einer anerkannten und unabhängigen Einrichtung - sei es eines Verlages oder des Gutachtergremiums einer Fachgesellschaft - unterzogen werden und erhält dann mit einem digital signierten RDF-Tag quasi ein Prüfsiegel, das den neuen Status als E-Print öffentlich sichtbar macht. Auf diese Weise entsteht im Internet ein 'Web of Trust', das der konventionellen Qualitätssicherung durch die gedruckten Zeitschriften in keiner Weise nachsteht.

Die Zukunft des wissenschaftlichen Publikationswesen hat demnach gerade erst begonnen. Die größten Hindernisse zur Bewältigung der bevorstehenden Umwälzungen sind derzeit noch Angst, Trägheit und Tradition. Aber die Fortschreibung der alten Rollenverteilung in eine neue Umgebung ist immer nur ein allererster Schritt, bevor sich gänzlich andere Strukturen herausbilden.

* * * * *


Kasten 1:

Daten über Daten: Dublin Core


Metadaten vereinfachen die Recherche und das Retrieval durch Strukturinformationen; wie klassische Bibliothekskataloge, die mit einem strukturierten Satz von bibliographischen Angaben den archivierten Bestand beschreiben, stellen sie "Information über Information" bereit. Auch die Tags in HTML-Dokumenten sind Metadaten; sie sagen dem Browser, wie er eine Webseite auf dem Display darstellen soll.

In der Form von "Meta-Tags" bieten sie die Möglichkeit, dem Dokument bibliografische Angaben mitzugeben. Getrennt vom Textteil ("Body") werden sie in einem besonders markierten Vorspann, dem "Head", untergebracht und ihre Sonderstellung mit dem Stichwort "Meta" gekennzeichnet. Diese Informationen werden nicht vom Browser am Bildschirm angezeigt, können aber mit einem Texteditor sichtbar gemacht und von speziellen Suchmaschinen in eine Datenbank überführt werden, beispielsweise durch den Gatherer von Harvest.

Dazu muß man sich aber über die Art und Weise einigen, in der die Meta-Informationen mit Meta-Tags dargestellt werden. Ein solcher Kern (core) von Vorschlägen, der vor etwa zwei Jahren in Dublin, Ohio (USA) von einer Gruppe von Informationswissenschaftlern, Bibliothekaren und Dokumentaren gemacht wurde und sich zu einer Norm entwickelt hat, ist der sog. "Dublin Core" . Ursprünglich als Satz von Deskriptoren für Autoren zur Beschreibung iher Web-Dokumente gedacht, ist er inzwischen von Museen, Bibliotheken, Behörden und kommerziellen Organisationen zur Charakterisierung ihrer Ressourcen aufgegriffen worden. Der Dublin Core sieht 15 Elemente vor, die als allgemeinverständliche Bezeichner von Meta-Tags verwendet werden können und u.a. die Einordnung von Materialien in ein Klassifikationssystem ermöglichen, so z.B. Autor, Titel, Schlagworte, Art des Mediums, ISBN-Bummer, Copyright, "Verfallsdatum" u.a.:

          TITLE                    CONTRIBUTOR                   SOURCE           

         CREATOR                      DATE                      LANGUAGE          

         SUBJECT                      TYPE                      RELATION          

       DESCRIPTION                   FORMAT                     COVERAGE          

        PUBLISHER                  IDENTIFIER                    RIGHTS           


Die anfängliche Idee der "semantischen Interoperabilität", nämlich eine einheitliche und einfache Ressourcenbeschreibung für gezieltere Internet-Recherchen zu schaffen, deren Komplexität die von Bibliothekskatalogen nicht übersteigt, wird derzeit jedoch von der aktuellen Entwicklung überholt. So stellt das vom World-Wide Web Consortium (W3C) verabschiedete Resource Description Format (RDF) eine generische Plattform dar, auf der sich für spezielle Einsatzbereich zugeschnittene Klassifikationssysteme ausdifferenzieren können.


Kasten 2:

Dissertationen Online


Die Erkenntnisse frischgebackener Doktoren füllen allein in Deutschland jedes Jahr viele hunderttausend bedruckte Seiten. Das Promotionsverfahren an deutschen Universitäten schreibt die Veröffentlichung der jährlich rund 20 000 Dissertationen vor. Dies geschieht entweder der Abdruck in einer anerkannten Fachzeitschrift oder der Nachweis einer Verbreitung über den Buchhandel durch einen gewerblichen Verleger mit einer Mindestauflage von 150 Exemplaren. In der Mehrzahl der Fälle genügt jedoch die "Verbreitung" im Selbstverlag und die Ablieferung von 40 oder 80 gedruckten Exemplaren "auf alterungsbeständigem holz- und säurefreiem Papier" an die Universitätsbibliothek dem Kriterium der Veröffentlichung.

Diese Fülle für Wissenschafter und andere Interessierte zugänglich zu machen, kostet Zeit, Geld und Platz in den Universitätsbibliotheken. Dagegen erlaubt die Bereitstellung einer Dissertation im Internet nicht nur den sekundenschnellen Zugriff auf den gesuchten Titel, sondern auch eine gezielte Recherche nach indizierbaren Bestandteilen wie Begriffen, Schlagwörtern und zitierter Literatur. Zudem hebt sie einige Beschränkungen des Textformats auf, indem sie auch den Zugriff auf Farbillustrationen, VR-Beschreibungen chemischer Verbindungen, Audiodateien mit Sonogrammen des Gesangs von Singvögeln, Demonstrationen der neu entwickelten 3D-Visualisierungsoftware oder Videoaufnahmen des Quastenflosslers eröffnet.

Auf Betreiben der IuK-Initiative der Fachgesellschaften hatte die Kultusministerkonferenz im Herbst 1997 beschlossen, auch die elektronische Form als Veröffentlichung zuzulassen - "durch die Ablieferung einer elektronischen Version, deren Datenformat und deren Datenträger mit der Hochschulbibliothek abzustimmen sind".

Als eine der ersten änderte die TU Chemnitz ihre Promotionsordnung entsprechend, indem sie am 15. April 1998 die Veröffentlichungsanforderungen präzisierte:

Ähnliche Regelungen haben inzwischen eine Reihe von Universitäten und Fachbereichen eingeführt. So akzeptiert die Universitätsbibliothek Duisburg die elektronische Veröffentlichung von Dissertationen in einem der gängigen Textverarbeitungsformate (Word, LaTex, html) und in Postscript auf 3,5"-Disketten, CD-ROM oder als e-mail attachment einreicht, falls das Dekanat des Fachbereichs sich damit einverstanden erklärt hat - und unter der Voraussetzung, daß der Doktorand nach wie vor vier Printversionen seines Werkes abliefert.

In den USA ist man schon ein Stück weiter. Die Bibliothek der Technischen Universität in Blacksburg (Virginia), Virginia Tech, verlangt seit Januar 1997 elektronische Versionen von Diplomarbeiten und Dissertationen und akzeptiert kein Papier mehr. Seither haben sich mehr als 60 Universitätsbibliotheken in der National Digital Library of Theses and Dissertations NDLTD zusammengeschlossen. Aus ihr entsteht zur Zeit gerade die 'Networked University Digital Library (NUDL)'-Initiative, an der sich auch ausländische Einrichtungen beteiligen können.

In der Bundesrepublik archivierte bislang Die Deutsche Bibliothek (DDB) in Frankfurt/Main jeweils ein Belegexemplar jeder Dissertation; seit dem 1. Juli 1998 nimmt sie auch Promotionen in elektronischer Form von den zuständigen Universitätsbibliothek entgegen und will sie künftig über das Internet frei verfügbar machen. Noch sind allerdings nicht alle Fragen befriedigend gelöst, so etwa die Dokumentformate und ihre Konvertierbarkeit (beispielsweise die Umstellung auf RDF), die Authentifizierung und Unveränderbarkeit sowie die Katalogisierung anhand einheitlicher und dissertationsspezifischer Metadaten.

Sie werden derzeit in dem Projekt "Dissertationen Online" mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von einer Arbeitsgruppe der IuK-Initiative der fünf Fachgesellschaften in sieben Teilprojekten bearbeitet:

TP 1 - Metadaten (Duisburg / Mathematik) TP 1 - Metadaten (Duisburg / Mathematik)

TP 2 - Promotionsverfahren und Retrieval (Oldenburg / Physik) TP 2 - Retrieval (Oldenburg /

TP 3 - Formate (Berlin HUB/RZ) TP 3 - Formate (Karlsruhe / Informatik)

TP 4 - Multimedia (Erlangen / Chemie) TP 4 - Multimedia (Erlangen / Chemie)

TP 5 - Beratung und Autorenunterstützung (Berlin / Pädagogik) Pädagogik)

TP 6 - Bibliotheksbereich (SUB Göttingen)

TP 7 - Langzeit-Archivierung (Die Deutsche Bibliothek, Frankfurt/M)

Auf einem speziellen Gebiet stellt "Dissertationen Online" ein Testbett für das Electronic Publishing dar. So haben die Forscher in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibliothek ein Programm erarbeitet, das die wissenschaftlichen Texte mit Metadaten, also den zur Recherche notwendigen Strukturinformationen, versieht; es wird derzeit an der Duisburger Universitätsbibliothek erprobt. Ein weiteres Teilprojekt beschäftigt sich mit der Entwicklung einer Search Engine für das Retrieval. Breiten Raum nimmt auch die Untersuchung von Multimediaformaten und die Erweiterung der für eine multimediale Wissensrepräsentation benötigten Datenformate ein.

"Dissertationen Online" ist in dem Lenkungsausschuß der amerikanischen NUDL-Initiative vertreten. Die Koordination des Projektes liegt in der Hand von Peter Diepold von der Humboldt-Universität Berlin. Autoren-Hinweise für Doktoranden sind auf dem Projektserver abrufbar.



 

Kasten 3:

MathNet und PhysNet


MathNet  ist ein verteiltes Informationssystem für die Mathematik, das auf den lokalen Informationsangeboten der Fachbereiche basiert. Es besteht aus einem WWW-basierten Netz von Servern an den mathematischen Fachbereichen, das den Zugriff auf einen Preprint-Server MPRESS, auf ein elektronisches Verzeichnis von Mathematikern an deutschen Instituten (Persona Mathematica), einen Katalog mathematischer Software (Elib) und eine Suchmaschine für die relevanten Ressourcen (SIGMA) umfaßt.

Der verteilten Architektur und dem effizienten Zugriff liegt eine standardisierte Beschreibung der Dokumente mit den auf die Bedürfnisse der Mathematik angepaßten bibliografischen Metadaten des Dublin Core Sets zugrunde. Diese Informationen werden auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene vom Harvest-System gesammelt und indexiert, und - anders als bei konventionellen Suchmaschinen, die keinen Refresh-Mechanismus kennen -, regelmäßig erneuert, so daß über den MathNet-Zugang stets die aktuellen Daten zur Verfügung stehen.

Harvest ist ein von der Internet Research Task Force on Resource Discovery unter der GNU Public License entwickeltes, Unix-basiertes und modulares Indexiersystem. Seine Kernbestandteile sind die Gatherer und Broker. Das Sammeln der Informationen durch die Gatherer ist hinsichtlich des Pfades, der Dokumenttypen und der in den Dokumenten enthaltenen Metadaten (etwa von Autor und Titel in Latex-Dateien) weitgehend konfigurierbar. Diese Indexdaten bietet der Gather-Dämon 'gatherd' in einem standardisierten Format (Summary Object Interchange Format, SOIF) über das Netz an, wo ein Broker sie übernimmt und verwaltet. Der Broker baut aus den SOIF-Daten von mehreren Gatherern (oder auch von anderen Brokern) ebenfalls eine Indexdatenbank auf. Er ist, als Query-Manager, die Anlaufstelle für Suchanfragen.

Die verteilte Struktur von MathNet beruht nun darauf, daß jede Einrichtung selbst einen Gatherer installieren kann, der seine Daten einem regionalen Broker zur Verfügung stellt; die Indexierung findet somit vor Ort statt und es muß nicht jedesmal zur Extraktion der Metadaten der gesamte Serverinhalt über das Netz zu einer Indexiermaschine geschickt werden. "Durch die hierarchische Indexierung mit Harvest", so Projektleiter Wolfgang Dalitz vom ZIB, "ist das System weltweit beliebig skalierbar".

In dem Projekt, das von 1997 bis zum März dieses Jahres von DeTeBerkom, der Forschungstochter der Deutschen Telekom AG, und dem DFN-Verein gefördert wurde, wurde insbesondere auch der Bereich der 'Grauen Literatur' von Preprints erschlossen, der für den Zugang zu aktuellen Forschungsresultaten immer wichtiger wird. International hat das Konzept breite Beachtung und Akzeptanz gefunden. Mit dem MPRESS-System  ist daraus ein globales Preprint-System für die Mathematik entstanden, das inzwischen Informationen über mehr als 30 000 Vorab-Veröffentlichungen enthält.

Nach Auslaufen des Projekts im März 1999 wird das MathNet durch die Fachgruppe "Information und Kommunikation" der DMV weiterentwickelt und fortgeführt. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt jetzt auf der Einbettung der Dublin Core Metadaten in das Resource Description Framework (RDF) und der Erschließung der Möglichkeiten, die dieser neue W3C-Standard für das Knowledge Management und die fachspezifische Kommunikation der mathematischen Community bietet.

In diesem Jahr hat das Committee on Electronic Information and Communication (CEIC) der International Mathematical Union (IMU) die Dachorganisation aller mathematischen Fachgesellschaften - beschlossen, das MathNet-Konzept der verteilten Informationsversorgung aufzugreifen und als weltweite Infrastruktur für die mathematischen Fachbereiche und Forschungsinstitute einzuführen.

Das Informations- und Publikationssystem der Physiker, PhysNet  , stimmt in Konzept und Architektur mit MathNet überein und verwendet denselben Satz von Metadaten. Es wird von der European Physical Society organisiert. Das System verzeichnet pro Tag mehr als 1000 Suchzugriffe auf den Bestand von 100 000 Dokumenten. Mit rund 5000 Links sind weltweit nahezu alle Physik-Fachbereiche erfaßt.


Kasten 4:

BMBF-Projekte zur wissenschaftlich-technischen Informationsinfrastruktur

MeDoc


Bis zur Mitte der neunziger Jahre hatte das BMBF sein Fachinformationsprogramm auf die Förderung wissenschaftlich-technischer Datenbanken und ihrer Nutzung konzentriert. Auf das Aufkommen des World-Wide Web versuchte es mit dem Vorhaben "Multimediale elektronische Dokumente" (MeDoc) zu reagieren - ein im September 1995 gestartetes Verbundprojekt, an dem sich 23 Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen beteiligten und das unter der Leitung eines Konsortiums aus der Gesellschaft für Informatik (GI), des Heidelberger Wissenschaftsverlag Springer sowie des Fachinformationszentrums (FIZ) Karlsruhe stand. Ziel war der Aufbau der ersten Volltext-Netzbibliothek auf der Basis des Internet für den Bereich der Informatik-Fachliteratur.

Das Modellprojekt wurde zwei Jahre lang mit knapp drei Millionen Mark vom Bonner Forschungsministerium gefördert. Das BMBF hatte auf die Beteiligung der Verlage gedrungen. Mit dem Einstieg in ein Electronic-Publishing-System verband sich die Hoffnung, daß es nicht nur von der deutschen Wissenschaft, sondern international genutzt werden würde.

Schon dieser Ansatz kämpfte auf drei Ebenen:

Der MeDoc-Dienst sollte als Vermittler zwischen den Verlagen und den Nutzern auftreten und die Rolle eines Anbieters von elektronischer Fachinformation übernehmen. Dazu wurden Geschäftsmodelle entwickelt, Musterlizenz- und Nutzungsverträge ausgearbeitet und deutschlandweit sechs Server eingerichtet, die die entsprechenden Dokumente vorhalten. Dazu wurden mit 13 Verlagen Lizenzvereinbarungen über 42 Monografien, 3 Lexika, 1 Tagungsband und 9 Zeitschriften abgeschlossen, die in das System eingespeist wurden und 34 lizenznehmenden Instituten den Zugriff auf die Werke erlaubten. Daneben wurde an der FU Berlin ein elektronischer Nachweisdienst für die informatikrelevante Internetliteratur, die Suchmaschine ARIADNE, eingerichtet.
 

InterDoc


Ursprünglich sollte MeDoc nach der zweijährigen Förderungsphase "in einer wirtschaftlich tragfähigen Form" weitergeführt werden. Dieses Ziel ist nicht erreicht worden. Stattdessen gab es ein Brückenprojekt "Interdisziplinäre Dokumentenverarbeitung auf Basis des MeDoc-Dienstes" (InterDoc), das als Sonderfördermaßnahme schnell eingesetzt wurde, als MeDoc ausgelaufen war, ohne daß bereits ein Nachfolgekonzept gefunden war (interdoc.offis.uni-oldenburg.de). Darin wurde unter der Projektleitung der TU Braunschweig der MeDoc-Dienst evaluiert und für den Zugriff auf 60 Bücher und fünf Zeitschriften von 12 Verlagen durch 45 Nutzerinstitutionen verschiedene Lizenz- und Abrechnungsmodelle - Individuallizenzen, sogenannte Gleitlizenzen (einwöchige Dauer zu 20-30% des Ladenpreises), Campus-Lizenzen für Zeitschriften - erprobt. Beteiligt waren neben einigen Hochschulen das Fast eV-Konsortium, dem eine Reihe von Informatik-Verlagen - darunter Addison Wesley, International Thomson Publishing, Springer, Teubner und Vieweg - angehörten.

Der MeDoc-/InterDoc-Dienst wurde während der gesamten Förderungsdauer von den Adressaten der Fachinformation nicht angenommen. Aufschluß über das Nutzerverhalten gaben die Logdateien der Webserver, "in denen", wie sich bei der Evaluation herausstellte, "selten ein Name mehrfach auftaucht". Die Software drohe "schnell zu veralten", sei nicht portabel, sondern liefe nur auf Sun Workstations, und beim Zusammenfügen der Komponenten sei nicht immer darauf geachtet worden, "internationale Standards zu verwenden". An die Ausweitung von der Informatik auf andere Fachgebiete war nicht zu denken. Am Ende waren nicht einmal mehr die beteiligten Verlage von der Tragfähigkeit des Ansatzes überzeugt. Er glaube nicht daran, daß auf dieser Plattform eine kritische Masse herzustellen und breite Akzeptanz zu finden sei, resümierte beispielsweise der Springer-Verlag und sah "daher keine Grundlage, bei der Fortführung des InterDoc-Projektes mitzuwirken".

Global-Info


Anfang 1998 wurde dann das Projekt "Globale Elektronische und Multimediale Informationssysteme für Naturwissenschaft und Technik" (Global-Info) gestartet, für das das BMBF 60 Mio DM über einen Gesamtzeitraum von 6 Jahren in Aussicht stellte. Global-Info konzentriert sich auf fünf Schwerpunkte:

Gesteuert werden die Aktivitäten vom Global-Info Consortium (GIC), dem Vertreter wissenschaftlicher Fachgesellschaften, der Verlage, der Bibliotheken und der Fachinformationszentren angehören.

So jedenfalls die Theorie. Tatsächlich ist die Rechnung, alle Beteiligten zur Zwangshochzeit zu bewegen und womöglich bei dieser Gelegenheit die Fachinformationszentren in private Hände zu überführen, nicht aufgegangen. Fördermittel wollte das BMBF nur für Verbundprojekte bewilligen, an denen sich Verlage, Bibliotheken oder Fachinformationszentren, und Endnutzer aus der Wissenschaft beteiligten. Für einzelne Projekte der Fachgesellschaften war kein Geld vorgesehen.

In der Praxis traten schon in der Anlaufphase tiefgreifende Differenzen zwischen den Fachwissenschaftlern und dem BMBF auf, weil das zuständige Bonner Referat die Projektdefinition nicht dem GIC allein überlassen wollte, sondern nach der bereits abgeschlossenen Begutachtung mit eigenen Anhörungen in das Verfahren eingriff und selbst eine Auswahl traf. Das GIC empfand dies als "Desavouierung"; es "mißbilligt das vom BMBF initiierte Verfahren" und mahnt "eine nachvollziehbare Art und Weise" der Entscheidungsfindung an, heißt es in einem Beschluß vom Februar dieses Jahres.

Nach dem Rücktritt einiger führender Fachwissenschaftler beschloß daraufhin das GIC Mitte des Jahres, im Rahmen von Global-Info nicht mehr gutachterlich für das BMBF tätig zu werden. "Die bislang gleichzeitig ausgeübte Funktion der operativen Projektleitung", hielten die verbliebenen Mitglieder des Gremiums im Protokoll fest, "wird nicht weitergeführt". Vorhang zu, und alles offen.



 

Kasten 5:

XML und RDF


Die Extensible Markup Language (XML) ist die Weiterentwicklung von HTML von einer Seitenbeschreibungssprache zu einer generischen Anmerkungssprache, die den Einbau von computerlesbaren Anweisungen in WWW-Dokumente erlaubt. Die klassische Unterscheidung von strukturierten Datenbanken mit definierten Feldern und unstrukturierten Volltext-Dokumenten wird damit hinfällig; XML-Dokumente sind semi-strukturiert und verknüpfen beide Aspekte, ohne daß jedes Wort zum Feldattribut einer Datenbank wird.

XML wurde 1996 von Jon Bosak von Sun Microsystems im WorldWideWeb-Konsortium (W3C) initiiert, um die in den achtziger Jahren für die elektronische Druckindustrie eingeführte Seitenbeschreibungssyntax SGML (Standard Generalized Markup Language), die zu komplex für den Gebrauch im Internet war, für das Web zu adaptieren. Die W3C-Empfehlung zu XML wurde Anfang 1998 verabschiedet.

Während bei HTML eine Liste festdefinierter Tags (das sind Formatieranweisungen wie <H1> oder <P> für Hauptüberschrift bzw. Paragraph) dem Browser mitteilt, wie die entsprechend markierten Teile des Textes zur Darstellung auf dem Display zu formatieren sind, geben XML-Tags wie <TITLE> oder <AUTHOR> einer Anwendung - etwa der Search Engine einer Datenbank - Hinweise darauf, in welchem Teilbereich des Datenbestandes die Suche vorzunehmen ist.

XML-Dokumente, erkenntlich an der Endung *.xml, werden vom Browser mit einem Parser gelesen, einem Programm, das die Tags vom Text unterscheidet, so daß Anwenderprogramme die entsprechenden Teile als Input behandeln können. So kann der Parser beispielsweise beim Vorfinden des Tags <CHEMICAL>CaCO3<CHEMICAL> eine 3D-Visualisierungs-Software starten, die automatisch die Kristallstruktur von Kalziumkarbonat einblendet. Ein großer Vorteil von XML ist daher die Entlastung des Netzes von der Übertragung unnötiger Daten, die auf den Rechnern oder Datenbanken der Empfänger ohnehin vorhanden sind.

XML ist generisch in dem Sinne, daß es Gruppen von Nutzern die Möglichkeit bietet, für ihre Anwendungen eigene Tags zu definieren; festgelegt ist lediglich die Syntax von XML-Dateien (wie Tags aussehen und wie sie gebraucht werden), nicht aber die Semantik (was sie bedeuten). Die Bedeutung der Kommandos wird erst durch die eigentlichen XML-basierten Sprachen ins Spiel gebracht, wie MathML (Mathematics Markup Language), CML (Chemical Markup Language), BSML (Biosequence Markup Language in der Genomanalyse) oder ECML (Electronic Commerce Markup Language). Die Extensible Stylesheet Language (XSL) ist für die Formatierung von Objekten in XML gedacht; XSLT soll die Übersetzung von einer XML-Sprache (zB. CML, MathML, ECML) in andere bzw. in HTML leisten.

Während XML das Austauschformat und die Mechanismen liefert, anhand derer Applikationen besonders gekennzeichnete Tags interpretieren können, ist das Resource Description Framework (RDF), dessen Spezifizierung im Februar des Jahres vom W3C verabschiedet wurde , eine weitere konkrete Ausgestaltung der XML-Syntax zum Zwecke der Übermittlung von Metadaten. Er führt in das WWW so etwas ähnliches wie einen Bibliothekskatalog ein und wird das Retrieval von Dokumenten bei größerer Treffsicherheit wesentlich beschleunigen.

RDF legt die Grundlage zur maschinellen Verarbeitung von Metadaten, die Inhalte und inhaltliche Beziehungen zwischen Webdokumenten beschreiben oder bewerten; sie können

Solche Filterregeln hatte das W3C schon mit der Plattform for Internet Content Selection (PICS) in der HTML-Umgebung eingeführt. PICS-fähige Browser können anhand dieser Regeln beispielsweise anstößige Inhalte oder Web-Sites herausfiltern und die Anzeige von vornherein unterbinden, indem sie sich auf das Content Rating eines vertrauenswürdigen Dritten stützen. Auch die RDF-Metadatenbeschreibung wäre bereits in der HTML-Umgebung realisierbar; es folgt zwar der XML-Syntax, ist aber nicht darauf angewiesen. XML verspricht jedoch die größtmögliche Interoperabilität unter den Webservern und -clients.

Die Strukturierung des Informationsraumes mit RDF-Metadaten wird das Retrieval bestimmter Dokumente erheblich vereinfachen und effektivieren. Search Engines brauchen dann nicht im gesamten Web nach dem Bifurcations-Experten Anton Mueller zu fahnden - womit sie heute schon überfordert sind, weil selbst die besten Suchmaschinen nur einen Bruchteil des WWW erfassen (Kasten 6) - sondern können die Suche gezielt auf den durch die Metadaten Autor 'Mueller' in dem Fachgebiet MSC 34A47 'Bifurcation' charakterisierten Teilraum beschränken.

Durch die Objektorientierung des RDF-Modells ist die Flexibilität beim Aufkommen neuer Metadaten-Definitionen gewährleistet; Teile der alten können 'wiederverwendet' oder unterschiedliche Schemata kombiniert werden. Beim Thema 'Bifurcation' etwa gibt es Überschneidungen der Mathematik mit der Evolutionsbiologie, die durch die Kombination der entsprechenden RDF-Metadatenklassen abgebildet werden können. Ohne dabei Annahmen über die speziellen Anwendungsbereiche und die dort verwendete Semantik zu machen, ermöglicht RDF als generischer Standard beliebige Strukturierungen und unterschiedliche Sichtweisen auf ein und denselben Datenbestand.

Noch ist alles im Fluß, und das Ausmaß der Transformation des WWW durch XML und RDF nicht absehbar. "Das Knowledge Management durch das inhaltliche Clustern von Dokumenten im Web wird noch nicht in diesem oder im nächsten Jahr kommen", meint der Sprecher der IuK-Fachgruppe in der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Wolfram Sperber; "aber das Potential ist gewaltig".



 

Kasten 6:

Zu wenig und zuviel


Konventionelle Suchmaschinen erfassen zuwenig und liefern zuviel. Sie erschlagen beim Retrieval den User mit einer Fülle irrelevanter Dokumente, und selbst die besten unter ihnen decken gerade mal 16 Prozent des über das WWW zugänglichen Informationsraumes ab. Die Informatiker Steve Lawrence und C. Lee Giles vom NEC Research Institute in Princeton (New Jersey) ermittelten in einer kürzlich veröffentlichen Untersuchung die folgende Ranking-Liste:

            Suchmaschine                     Erfassungsgrad (%)         

           Northern Light                           16,0                

                Snap                                15,5                

              AltaVista                             15,5                

               HotBot                               11,3                

              Microsoft                              8,5                

              Infoseek                               8,0                

               Google                                7,8                

               Yahoo!                                7,4                

               Excite                                5,6                

                Lycos                                2,5                

              EuroSeek                               2,2                


[ Nature, vol. 400, 107-109, (1999)]


Links und Literatur:

  1. Schmiede, Rudi: "Digital Library Activities in Germany"; http://www.global-info.org/
  2. Butler, Declan: "The Writing is on the Web for Science Journals in Print"; Nature 397, 105 (1999)
  3. Dissertationen Online; http://www.educat.hu-berlin.de/diss_online/index.html
  4. Klapsing, Reinhold: "Metadaten im Web: Resource Description Framework"; iX 8/1999
  5. Griebel, Rolf u. Tscharnke, Ulrike: "Etatsituation der wissenschaftlichen Bibliotheken 1997/1998", Zeitschrift für Bibliothekswissenschaften und Bibliografie, ZfBB 45 (1998) 6.
  6. Sietmann, Richard: "Elektronisches Publizieren: Vor dem Phasensprung"; Phys. Blätter 50 (1994) 9.
  7. Odlyzko, Andrew: "Competition and Cooperation: Libraries and Publishers in the Transition to Electronic Scholarly Journals"; (1999) http://www.research.att.com/~amo
  8. Borggraefe, Stefan: "Reiche Ernte. Hierarchische Suchindizes mit Harvest"; iX 3/1999
  9. Hilf, Eberhard: "Elektronische Informationen für die Physik"; Phys. Blätter 53 (1997) 4.
  10. http://www.arl.org/newsltr/200/200toc.html
  11. http://www.dbi-berlin.de/vdbhome/vdbho1.htm
  12. Nentwich, Michael: "Cyberscience: Die Zukunft der Wissenschaft im Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnologien"; TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 2 (Juli 1999)
  13. http://interdoc.theo-phys.uni-essen.de/zw_bericht/eval-with-hyperlinks-acroread-special.pdf