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Roehrig
Armut und Arbeitslosigkeit --
Überschuldung und Wachstumszwang
Helmut Creutz
Welche Rolle spielt das Geld?
In fast allen Ländern nehmen die ökologischen, sozialen und ökonomischen
Probleme zu. Besonders deutlich wird das an den Umweltzerstörungen,
an den Diskrepanzen zwischen Armut und Reichtum sowie an den Überschuldungen
von Staat, Wirtschaft und Privathaushalten. Gibt es einen Zusammenhang zwischen
diesen Problemfeldern und unserem Geld? Lassen sich bestimmte Fehlstrukturen
unseres monetären Systems als Mitverursacher oder gar als Auslöser
der genannten Negativentwicklungen festmachen?
Wenn man dieser Spur anhand langfristiger Statistiken einmal nachgeht, dann
zeigt sich zuerst eine gravierende Diskrepanz zwischen den Entwicklungen
der leistungsbezogenen und der geldbezogenen Grössen. Während
beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland die Wirtschaftsleistung
inflationsbereinigt von 1950 bis 1993 auf das Sechsfache gesteigert wurde,
nahmen Geldvermögen und Schulden auf das Achtzehnfache zu. Die damit
verbundenen Zinsströme wuchsen sogar, aufgrund der langfristig gestiegenen
Zinssätze, auf das Einundzwanzigfache. -- Welche Folgen ergeben
sich daraus für Wirtschaft und Gesellschaft?
Die sozialen Folgen
In jeder Volkswirtschaft wird die von Menschen geschaffene Wertschöpfung
zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt. Dabei hat das Kapital den Erstanspruch,
denn ohne eine garantierte Verzinsung stellt es sich der Wirtschaft nicht
zur Verfügung. Das heisst, die Arbeitleistenden -- ob Arbeitnehmer,
Unternehmer oder Selbständige -- können immer nur den «Rest
des Kuchens» unter sich aufteilen, der nach Befriedigung der Kapitalansprüche
übrigbleibt. Steigen die Kapitalansprüche rascher als die Wirtschaftsleistung,
muss der verbleibende Anteil für die Arbeit zwangsläufig kleiner
werden.
Diese langfristige Verschiebung zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen geht
aus der Darstellung 1 hervor. Darin werden die Grössen des durchschnittlich
verfügbaren Einkommens der Erwerbstätigen mit der Grösse
des Schuldenanteils verglichen, der rechnerisch auf jeden entfällt.
Ausserdem werden darin die Zinslastgrössen ausgewiesen, die von jedem
Arbeitleistenden in der Bundesrepublik zur Bedienung dieser Schulden erwirtschaftet
werden müssen.
Wie aus der Darstellung erkennbar, waren Einkommens- und Schuldenanteile
1950 noch gleich gross. Damit entsprach die zu tragende Zinslast, bei einer
Durchschnittsverzinsung von 6 Prozent, auch 6 Prozent der Einkommen. Aufgrund
des übermässigen Schuldenwachstums mussten die Arbeitleistenden
jedoch 1970 bereits 13 Prozent ihres Einkommens für die Schuldenbedienung
hergeben, 1990 sogar 22 Prozent. Bezogen auf das Durchschnittseinkommen
von 53'500 DM waren das 11'800 DM. Und während zur Erwirtschaftung
dieser Abgabe 1950 noch drei Wochen im Jahr genügten, waren dazu 1970
bereits sieben und 1990 elf Wochen erforderlich, also fast ein Vierteljahr.
Inzwischen ist die Schuldenzinslast auf etwa 25 Prozent der Einkommensgrösse
gestiegen, was 1995 bei jedem westdeutschen Haushalt mit rund 16'000 DM
zu Buche schlagen dürfte, davon allein für die Staatsverschuldung
4'000 DM. Rechnet man die Verzinsung des schuldenfreien Sachkapitals hinzu,
kommt man sogar auf 26'000 DM = 40 Prozent. Das heisst, von jedem ausgegebenen
Zehnmarkschein fliessen inzwischen rund vier Mark an das Kapital.
Diese Zinsanteile stecken in unterschiedlichen Höhen in allen Preisen,
Steuern und Gebühren. Am deutlichsten schlagen sie in den Mieten zu
Buche, die -- aufgrund des hohen Kapitaleinsatzes und der geringen anderen
Preisanteile -- zu etwa 60 bis 80 Prozent aus Zinsen bestehen. Allein
über diesen Ausgabenposten ist jeder Hauhalt jährlich bereits
mit 6'000 bis 12'000 DM Zinsen belastet. Und als Folge dieser hohen Zinsanteile
führt schon die Erhöhung der Hypothekenzinsen um nur einen Prozentpunkt
zu einem Mietanstieg von zehn bis vierzehn Prozent.
Anhand des Schlüssels von 40 Prozent, bezogen auf das verfügbare
Einkommen, kann jeder Haushalt bzw. Erwerbstätige seine persönliche
Zinsbelastung errechnen. Natürlich stehen den Zinslasten auch ähnlich
hohe Einnahmen gegenüber, die zum grössten Teil auch wieder den
Privathaushalten zufliessen. Aber diese Zinseinkommen verteilen sich nach
einem anderen Schlüssel als die Zinslasten, nämlich nach der Höhe
der zinsbringenden Vermögen. Diese aber sind extrem unterschiedlicher
verteilt als die verfügbaren Einkommen und Haushaltsausgaben. Wie unterschiedlich,
geht aus der Darstellung 2 hervor.
Grundlage dieser Darstellung ist die Einkommens- und Verbrauchsstichprobenerhebung
des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 1983. Bei dieser Erhebung wurde
eine besonders differenzierte Verteilung der Nettogeldvermögen auf
26 Haushaltsgruppen vorgenommen. Nettogeldvermögen heisst, dass die
jeweiligen Geldvermögen um die jeweiligen Konsumentenschulden der Haushaltsgruppen
gekürzt wurden.
Teilt man die gesamten Haushalte in zwei Hälften und addiert die jeweiligen
Bestände, dann hat die linke ärmere Hälfte gerade vier Prozent
der gesamten Nettogeldvermögen in der Hand, die rechte reichere also
96 Prozent. Aber auch bei dieser reicheren Hälfte konzentriert sich
das Gros der gesamten Vermögen bei dem reichsten Zehntel der Haushalte.
Dabei gibt diese Grafik nur die halbe Wahrheit wieder. Denn die reichsten
Haushalte mit einem Monatseinkommen ab 25'000 DM sind darin nicht erfasst.
Bedenkt man, dass bereits ein einfacher Millionär eine dreimal so hohe
Vermögenssäule hat wie die grösste in der Grafik dargestellte,
ein Milliardär eine dreitausendmal so hohe, lassen sich die Differenzen
bei den Zinseinkommen erahnen.
Anhand dieser Darlegungen kann sich jeder Haushalt ausrechnen, ob er zu
den Gewinnern oder Verlierern dieser zinsbedingten Umverteilung gehört.
Gewinner sind diejenigen Haushalte, deren Zinseinkünfte höher
sind als 40 Prozent ihrer Jahresausgaben. Das trifft in etwa auf alle Haushalte
zu, deren zinsbringendes Vermögen siebenmal grösser ist als die
Jahresausgaben. Statistisch sind das rund zehn Prozent. Die übrigen
90 Prozent der Haushalte gehören zu den Verlierern dieses Zins-Monopoly-Spiels.
Und da die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinandergeht, wird
es immer schwieriger, aus der Verlierer- in die Gewinnergruppe aufzusteigen.
Als Folge dieser wachsenden zinsbedingten Einkommensumverteilung von der
Arbeit zum Besitz verringert sich die Kaufkraft, die den Arbeitleistenden
verbleibt. Solange die Wirtschaftsleistung jedes Jahr ausreichend gesteigert
werden kann, ist diese Verringerung nur eine relative. Fällt jedoch
die Steigerung der Wirtschaftsleistung unter den jährlichen Mehranspruch
des Kapitals, kommt es zu absoluten Kaufkraftverlusten. Das war in Deutschland
bisher nur in den Rezessionsjahren der Fall. Da es jedoch immer weniger
möglich ist, das Wachstum der Wirtschaft den zunehmenden Kapitalansprüchen
anzupassen, nehmen die Verteilungsengpässe und damit die sozialen Spannungen
zu.
Der Sozialsenator von Hamburg, Ortwin Runde, hat bereits vor einigen Jahren
beklagt, dass in seinem Stadtstaat zwei Haushaltsgruppen besonders rasch
anwachsen, nämlich Sozialhilfeempfänger und Millionäre. Und
er befürchtete, dass es zu «Auseinandersetzungen wie in Lateinamerika»
kommen könne, wenn es uns nicht gelingt, diese Polarisierung abzustoppen.
Nun mag das mit Lateinamerika noch etwas dauern. Aber was uns «morgen»
blüht, können wir heute schon in England oder den USA studieren.
Dort sind in den letzten zehn Jahren bei einem zunehmenden Teil der Arbeitleistenden
die Realeinkommen gefallen, und das trotz steigender Wirtschaftsleistung.
Und in welche Engpässe die öffentlichen Kassen durch diese Entwicklungen
geraten, konnte man kürzlich einer Zeitungsnotiz über die Zustände
in der US-Hauptstadt Washington entnehmen. Dort wurden im letzten Halbjahr
aus Kostengründen fünf der 15 städtischen Krankenhäuser
geschlossen, insgesamt 4'000 städtische Angestellte entlassen und allen
weiter Beschäftigten der Reallohn um zehn Prozent gekürzt.
Die ökonomischen Folgen
Die Auswirkungen des übermässigen Wachstums der Geldvermögen
und Schulden treten in der Wirtschaft vor allem in Zeiten hoher Zinsen deutlich
hervor. Denn während die Zinslasten bei gleichbleibend hohen Zinssätzen
nur im Gleichschritt mit der Verschuldung zunehmen, kommt es in Hochzinsphasen
zu förmlichen Belastungsexplosionen. Schon ein Anstieg der Zinssätze
von sechs auf neun Prozent lässt die zu tragenden Zinsbelastungen um
50 Prozent in die Höhe schiessen.
Die Auswirkungen der letzten Hochzinsphasen auf die Zinsbelastung und den
Arbeitsmarkt gehen aus der Darstellung 3 hervor. Für die Zinsbelastung
wurden hier die Zinserträge der Banken herangezogen, die etwa mit der
Fremdkapitalbelastung identisch sind.
Wie die Kurven der Bank-Zinserträge und der Arbeitslosenzahlen zeigen,
kam es als Folge der drei Zinsanstiegsphasen 1972-74, 1978-82 und 1988-92
jeweils in etwa zu einer Verdoppelung dieser Grössen.
Vergleicht man die Zinslastentwicklung mit der Wirtschaftsleistung in den
gesamten dargestellten 23 Jahren, dann nahmen die zinsbezogenen Grössen
auf das 9,4fache zu, während das Bruttosozialprodukt «nur»
auf das 4,2fache gesteigert wurde. Entscheidend für die Konjunktur
ist jedoch nicht die absolute Grösse der Zinsbelastung, sondern ihre
relative, gemessen an der Wirtschaftsleistung. Da es jedoch in Hochzinsphasen
aufgrund der eskalierenden Zinsbelastungen regelmässig zu einem Rückgang
des Wirtschaftswachstums kommt, sind die relativen Belastungswerte höher,
als die absoluten Zahlen vermuten lassen. Das gibt die Kurve der Zinslastquoten
wieder, bei der die Fremdkapitalkosten in Prozenten des BSP umgerechnet
sind.
Besonders betroffen werden durch diese plötzlichen Zinslastanstiege
die hoch verschuldeten Unternehmen. Angesichts der gesättigten Märkte
können sie die gestiegenen Fremdkapitalkosten kaum noch über die
Preise an die Endverbraucher weitergeben. Im Gegensatz zum Staat können
sie meistens auch nicht mehr in höhere Verschuldungen ausweichen. Es
verbleiben also weitgehend nur radikale Einsparungen. Diese aber sind praktisch
nur im Lohnbereich möglich. Das heisst, die Firmen müssen durch
Entlassungen und ggfs. sogar Lohnsenkungen einen Ausgleich für die
gestiegenen Kapitalkosten suchen. Ausserdem werden Investitionen zurückgestellt.
Das aber führt auch in der Investitionsgüterindustrie zu mehr
Arbeitslosigkeit und als Folge zu einem weiteren Rückgang der Massenkaufkraft.
Und da mit den hochzinsbedingten Konjunktureinbrüchen auch die Einnahmen
des Staates sinken, bei gleichzeitig steigenden Zinslasten, ist auch dieser
zu Einsparungen bei Investitionen und im Personalbereich gezwungen.
Wenn Unternehmen oder Behörden in solchen Zeiten überhaupt noch
investieren, dann nur zum Zweck zusätzlicher Rationalisierungen. Sie
aber führen zu weiteren Personaleinsparungen.
All das erklärt, warum der Anstieg der Arbeitslosigkeit jenem der Zinslastquote
so regelmässig folgt. Dies gilt auch für den Abbruch des Anstiegs,
der jeweils ein Jahr nach dem Zinslastquotengipfel erkennbar ist.
Aus der Kurve der Bankzinserträge erklärt sich auch, warum es
nach jeder Anstiegsstufe erst mit mehrjähriger Verzögerung zu
einem Abbau der Arbeitslosigkeit kommt. Denn trotz der sinkenden Zinssätze
fallen die absoluten Zinslasten allenfalls einmal für ein Jahr zurück,
um dann verlangsamt weiter anzusteigen. Ursache ist, dass die Vorteile fallender
Zinssätze durch die weiter steigende Verschuldung aufgezehrt werden.
Aufgrund der hochbleibenden absoluten Schuldenzinsbelastungen versuchen
darum die Unternehmen zuerst einmal, die eigene Lage zu stabilisieren. Erst
nach erreichter Stabilisierung und bei entsprechend zunehmender Nachfrage
wird von den Unternehmen die Einstellung von Arbeitskräften wieder
in Erwägung gezogen.
Dies alles gilt in einem besonderen Masse für die durchwegs hoch verschuldeten
Produktionsunternehmen. Welchen Belastungsveränderungen diese in der
letzten Zinsanstiegsphase vor dem Krisenjahr 1993 ausgesetzt waren, zeigt
die nachfolgende Tabelle:
Entwicklungen in den westdeutschen Produktionsunternehmen 1988 bis 1992,
Werte in Mrd DM:
1988 1992 Anstieg:
Nettowertschöpfung der
Produktionsunternehmen: 1'354 1'780 31%
Bruttoeinkommen aus
unselbständiger Arbeit: 847 1'116 32%
Einkommen aus Unternehmertätigkeit: 316 380 20%
Zinsleistungen der
Produktionsunternehmen: 131 252 92%
Quelle: Stat. Bundesamt, Tabelle 3.3.1.
Wie aus den prozentualen Anstiegsgrössen zu entnehmen, sind die Einkommen
aus Unternehmertätigkeit in den vier Jahren, gemessen an der Wertschöpfung,
um ein Drittel zurückgefallen. Ursache war der Überanstieg der
Zinsleistungen, die dreimal so rasch zunahmen wie die Wertschöpfung.
Als Folge stiegen die durchschnittlichen Fremdkapitalkosten je Arbeitsplatz
von rund 6'000 DM im Jahr auf knapp 12'000 DM 1992.
Auch die gesamten Fremdkapitalzinsen in Westdeutschland stiegen in den vier
Jahren fast auf das Doppelte an, nämlich von 243 auf 445 Mrd. DM. Neben
den Zinslasten der Produktionsunternehmen sind in dieser Summe auch diejenigen
der Wohnungswirtschaft sowie der öffentlichen und privaten Haushalte
enthalten.
Um welche Grössenordnungen es sich bei diesen Schuldenzinslasten inzwischen
handelt, wird durch Vergleiche nachvollziehbar: Mit 445 Mrd DM entsprachen
sie 1992 bereits dem Bundeshaushalt bzw. dem Dreifachen der bundesdeutschen
Krankenversicherungsausgaben oder dem Vierfachen der Mehrwertsteuer. Verglichen
mit den Nettolöhnen und -gehältern lagen die Fremdkapitalkosten
1992 bei 53 Prozent, 1970 erst bei 20 Prozent.
Die ökologischen Folgen
Bei der Behandlung der sozialen Folgen wurde bereits erwähnt, dass
die Auswirkungen der überproportional zunehmenden Zinsströme und
der daraus resultierenden Verteilungsspannungen nur durch ständiges
Wirtschaftswachstum halbwegs erträglich gehalten werden können.
Da fast alle Wachstumsvorgänge in der Wirtschaft mit Mehrverbrauch
an Ressourcen und damit zunehmenden Umweltbelastungen verbunden sind, ist
diese «Lösung» der Sozialprobleme jedoch kaum noch zu verantworten
und auch nicht mehr lange durchzuhalten.
Doch auch unabhängig von diesen Sozialproblemen ergibt sich aus den
ständigen Geldvermögenszunahmen bereits ein Zwang zum Wachstum.
Solange nämlich die Geldvermögen wachsen, müssen in gleicher
Grösse auch die Schulden ausgeweitet werden. Ohne diese Rückführung
der Geldvermögensüberschüsse über Kredite in den Geld-
und Wirtschaftskreislauf würde es nämlich zu einem Geldmangel
mit deflationären Folgen kommen. Und wenn man diese Überschüsse
weder im Inland noch im Ausland bei Unternehmern oder Privathaushalten ausreichend
als Kredite unterbringen kann, muss notfalls der Staat für Abhilfe
sorgen. Das hat der Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Pohl, einer
der «Fünf Weisen», die jedes Jahr ein Gutachten für
die Regierung erstellen, 1987 in der Zeit Nr. 51 vom 11.12.1987 bestätigt:
«Wohlgemerkt: Staatliche Kreditaufnahme ist kein Selbstzweck. Aber
wenn...das Kapitalangebot aus privaten Ersparnissen steigt, gleichzeitig
die Kapitalnachfrage...der Unternehmen wegen schwacher Investitionsneigung
gering bleibt, dann muss der Staat das am Markt entstehende Kapitalüberangebot
aufnehmen, weil anderenfalls eine deflationäre Wirtschaftsentwicklung
einsetzen würde».
Besonders problematisch ist, dass dieses Kapitalüberangebot langfristig
immer grösser wird. Während dessen Zunahme in Westdeutschland
in den 70er Jahren noch bei 400 Millionen DM pro Tag lag und in den 80er
Jahren bei 680 Millionen, hat es anfangs der 90er Jahre bereits die Marke
von 1'100 Millionen überschritten. Dabei stammen diese Zuwachsraten
rechnerisch bereits zu 80 Prozent aus Zinseinnahmen, die den vorhandenen
Geldvermögen gutgeschrieben werden. Diese wachsen also inzwischen durch
den Zins- und Zinseszinseffekt gewissermassen «von allein» immer
weiter an -- gleichgültig, ob die Wirtschaft wächst oder nicht.
Selbst die Bundesbank spricht von einer »Selbstalimentation» der
Geldvermögen.
Als Folge dieses Kapitalüberangebots müssen also in der Bundesrepublik
inzwischen tagtäglich -- gleichgültig durch wen -- zusätzliche
Schulden in einer Grössenordnung von mehr als einer Milliarde DM gemacht
werden. Und in Höhe dieser Schulden müssen möglichst auch
Investitionen getätigt werden, allein schon um die Kredite halbwegs
dinglich abzusichern. Diese kapitalintensiven Zusatzinvestitionen sind jedoch
ohne weiteres Wirtschaftswachstum mit entsprechenden Umweltfolgen nicht
umzusetzen. Ausserdem ist Wirtschaftswachstum auch zur Bedienung der zusätzlich
anfallenden Zinsen erforderlich, wenn in ihrer Höhe nicht die Arbeitseinkommen
zurückgehen sollen. Als Folge dieser zusätzlichen Zinszahlungen
aber wachsen die Geldvermögen abermals an und der Verschuldungs- und
Wachstumszwangszwang verstärkt sich. «Der Zins zwingt zum Wachstum»,
hat es Dieter Burgmann, einer der ersten Grünen im Deutschen Bundestag,
Anfang der 80er Jahre einmal auf den kürzesten Nenner gebracht.
Was ist zu tun?
Wenn der Zwang zum Wirtschaftswachstum vor allem vom Überwachstum der
Schulden ausgeht, muss man diese Überschuldungsentwicklung abzubremsen
versuchen. Das geht aber nur, wenn auch das Überwachstum der Geldvermögen
nachlässt, was wiederum nur bei sinkenden Zinsen der Fall sein kann.
Das heisst: der beschriebene, sich selbst beschleunigende Teufelskreis kann
nur durch sinkende Zinsen verlangsamt und durchbrochen werden.
Da der Zins der Knappheitspreis des Geldes ist, könnte man annehmen,
dass es bei uns an Geld fehlt. In Wirklichkeit aber «schwimmen»
wir im Geld, wie die immer grösseren um die Erdkugel schwappenden Spekulationswellen
zeigen. -- Wo liegt der Fehler?
Auslöser dieses Widerspruchs ist der Tatbestand, dass sich der Zins
als einziger Marktpreis der natürlichen Rückkopplung durch Angebot
und Nachfrage entziehen kann. Während sich die Knappheitsgewinne bei
Gütern und Leistungen mit zunehmender Marktsättigung gegen Null
zurückentwickeln, sinkt der für die Gesamtwirtschaft entscheidende
Knappheitspreis, nämlich der Kapitalmarktzins, in Deutschland allenfalls
einmal bis kurz unter die «magische Grenze» von sechs Prozent.
Ursache ist die Möglichkeit der Geldhalter, langfristige Ausleihungen
bei einem niedrigeren Zins zu verzögern bzw. zu unterlassen. Während
also Güterproduzenten und Arbeitskräfte auch bei fallenden Preisen
noch zum Angebot gezwungen sind, kann das Geld seinen Preis durch Angebotsverknappung
künstlich hochhalten und damit den Markt ausser Kraft setzen. Diese
Überlegenheit über den Markt muss überwunden werden. Das
Geld muss zuerst einmal rechtsordnungsmässig anderen öffentlichen
Einrichtungen gleichgestellt werden. Die heutige Stellung des Geldes sowohl
als öffentliche Einrichtung als auch als privates Eigentum ist schlichtweg
schizophren: Nichts kann gleichzeitig zwei Herren dienen.
Öffentliche Einrichtungen sind normalerweise dadurch gekennzeichnet,
dass jeder sie unter gleichen Bedingungen nutzen, jedoch niemand sie blockieren
darf. Das heisst, das heutige Recht der Wirtschaftsteilnehmer, Geld blockieren
und damit andere an der Nutzung hindern zu können, muss rechtlich ähnlich
eingestuft und geahndet werden, wie das Blockieren anderer öffentlicher
Verkehrseinrichtungen. Das einzige gesetzliche Zahlungsmittel in unserer
Wirtschaft muss also nicht nur -- wie bereits der Fall -- unter
Annahmezwang gestellt werden, sondern ebenso unter Weitergabezwang. Durch
einen solchen Weitergabezwang würde es, wie die Güter und Dienstleistungen,
zum Angebot gezwungen. Das heisst, das Geld würde den zu tauschenden
Gütern und Leistungen gleichgestellt. Damit müsste der Zins, im
Gleichschritt mit den Sättigungen der Gütermärkte und den
dort fallenden Knappheitsgewinnen, ebenfalls gegen Null heruntergehen.
Schon John Maynard Keynes hat zu diesem Zweck in seinem Hauptwerk «Allgemeine
Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes» die Einführung
von Durchhaltekosten (carrying costs) auf die Geldhaltung vorgeschlagen.
Damit würde man in der Lage sein -- so schrieb er -- «innerhalb
einer Generation die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (also seinen
Ertrag, d.V.)...auf ungefähr Null herunterzubringen» und «allmählich
die verschiedenen anstössigen Formen des Kapitalismus loszuwerden».
Ohne eine solche Korrektur der Geldordnung, die dem Geld seine Herrschaftsposition
nimmt und es zu einem neutralen, dienenden Tauschmittel macht, ist weder
die Überwindung der sozialen noch der wirtschaftlichen und umweltbezogenen
Krisen möglich.
Oder anders ausgedrückt: Ein nachhaltiges und zukunftsfähiges
Wirtschaften bzw. eine ökologisch orientierte Kreislaufwirtschaft ohne
ständiges Wachstum ist erst erreichbar, wenn die Geldhalter das marktgerechte
Absinken der Zinssätze und der Geldvermögens-Überentwicklungen
nicht mehr verhindern können.
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