nser Klubtreffen war zu Ende. Leicht ermüdet wegen des heftigen Kampfs über die Frage, wie man künstlerisch am wertvollsten das ballförmige Wollknäuel, das ein gewisses Hündchen in unserer Übersetzungsvorlage auswickelte, ins Esperanto übersetzt, ob mit bulo oder mit pilko - übrigens pilko gewann die Abstimmung, saßen die Gegner nun friedlich im Weinkeller. Die erste Runde war schon getrunken und man plauderte. Genau inmitten des Wiederauflebens der pilko-Debatte eine joviale etwas ältere Kellnerin näherte sich unserem Tisch und meldete einen Telefonanruf für jemanden von uns. Er war für mich.
Für gewöhnlich trafen wir uns zweimal im Monat. Nur ein einziger Mensch wußte um das Geheimnis dieses Verstecks nach dem Klubtreffen. Dieser wissende Vertraute war meine Frau. Aber niemals hatte sie gewagt, mich hier anzurufen. Irgendetwas wahrhaftig außerordentliches mußte geschehen sein.
"Gisela, bist du es?"
"Tabby!"
Wißt, Tabby war unsere Katze. In meiner englischen Heimat ist es ein ungeschriebenes Gesetz, jede graugestreifte Katze Tabby zu nennen. Folglich hieß unsere graugestreifte Katze - ein dicker schwergewichtiger Kater - auch in Norddeutschland Tabby.
"Was ist mit ihm?"
"Tabby ist tot!"
"Was? Wie?"
"Er liegt tot auf der Straße. Ein Auto muß ihn überfahren haben." Ein leises Seufzen war zu hören. "Was soll ich bloß machen?"
"Bist du sicher, daß er tot ist? Vielleicht ist er nur ohne Bewußtsein."
"Nein wirklich tot. Er lebt nicht mehr."
"Wo liegt er genau?"
"Einhundert Meter von uns entfernt. Mitten auf der Straße."
"Trage ihn doch Heim, Liebstes."
"Das geht nicht. Es kommen immer wieder neue Autos. Er ist schon ganz, ganz ..." schluchzen unterbrach den Redefluß, "... ganz platt!"
"Liebstes, nimm doch die Schaufel und schieb ihn bis zum Straßenabfluß. Decke ihn mit einer Plastiktüte zu. Ich kümmere mich um ihn, sobald ich nach Hause komme.
"Gut, ich versuche es. Doch komm bald. Tschüs Liebstes."
"Tchüs!"
Nach einem solchen Schock spürte ich keine Neigung, weiterhin im Weinkeller zu verbleiben. Nachdem ich meinen Mitfahrer eingesammelt hatte, einen freundlichen Gleichgesinnten aus dem Nachbarort, der mich immer begleitete, trat ich die 40-Kilometer-Heimfahrt an.
Es war Mitternacht als ich ankam. Am Straßenrand genau vor unserem Reihenhaus lag eine dunkle Masse halb bedeckt von einer Plastikfolie. Ich untersuchte sie. Im Schimmer der Autoscheinwerfer erkannte ich einen Katzenkadaver. Nun ja, das war unsere Tabby, schon etwas steif und kalt geworden. Da waren seine Streifen, da sein Schwanz, da an seinen Pfoten die weißen Flecke, die wie Stiefel aussahen. Nur sein Gesichtsausdruck erschien mir in seiner Todesstarre seltsam und ungewohnt beängstigend. Ich mußte feststellen, daß der Arme wahrhaftig etwas geplättet war, offensichtlich die Auswirkung des Verkehrsaufkommens in unserer kleinen Straße.
Zu Lebzeiten war Tabby ein herrliches Tier gewesen - mit dickem Kopf, aufgeplusterten Backen und beeindruckenden Barthaaren. Ich muß jedoch gestehen, daß mein Verhältnis zu ihm immer etwas gespannt war. Hatte er schlechte Laune, pflegte er zu knurren wie ein Hund. Mich hat er nicht selten gekratzt. Aber für den Rest der Familie war Tabby das Hätschelkind ohnegleichen. Obwohl er auch sein unverfälschtes Katzenleben lebte, mal hin und wieder hat er sich um uns Menschen gekümmert. Unsere Kinder durften sich ihm gegenüber einiges herausnehmen. Bei ihnen ertrug er einfach alles. Einmal sah ich, wie er in einem Puppenwagen saß. Halb unter einer Wolldecke ließ er sich den Bürgersteig entlang transportieren. Ohne mit einer Wimper zu zucken, harrte er den Zickzack-Kurs aus, nach welchem mein dreijähriges Töchterchen ihren Puppenwagen halb schob, halb stürzte. Gar die unübersehbaren mechanischen Stöße, die die primitiven ledernen Riemenfedern des Klappergefährts überhaupt nicht dämpften - die für Puppenwagen zuständigen Fabrikanten investieren nicht viel in den Komfort von Puppen, schienen ihn überhaupt nicht zu stören. Ich glaube, daß Tabby sich so benahm, nur um mich zu ärgern. Er wollte meine eigene Wertlosigkeit und Liebensunwürdigkeit im Gegensatz zu den nach Katzenmeinung vorhandenen Tugenden aller anderen Mitglieder meiner Familie öffentlich zur Schau stellen. Dieser niederträchtige Kater hat mich regelmäßig verspottet. Aber manchmal hat er sogar bei mir gute Laune an den Tag gelegt. In diesem Falle durfte ich um seine Ohren herumkraulen, eine Angelegenheit, die er doch über alles liebte, sogar von einem Kastenlosen wie mir.
Ich steckte seine Leiche in den Plastiksack und trug sie durch das schon schlafende Haus in den Hintergarten, ein enger Streif Grund, typisch für Reihenhäuser. Glücklicherweise war Vollmond und das fahle Licht reichte völlig für die Aufgabe vor mir. Neben einer jungen Tanne fing ich an, ein Loch zu graben, katzenbreit und zwei Meter tief. Eine Tiefe, die hoffentlich verhindern würde, daß irgendein Pflanzwütiger, der später irgendwann Blumen einbeetet, aus Versehen mit der Spitze seiner Planzschaufel in die fauligen Leichenreste des Unglücklichen sticht. In solchen Sachen hatte meine Frau schon einige Erfahrungen gesammelt. Öfters fanden die Kinder tote Jungvögel, die aus ihrem Nest gefallen waren. Diese wurden mit großem Pomp, viel Gesang und einer Menge Amen zu Grabe getragen. Es war immer unerfreulich, wenn ein paar Wochen später die kleinen Kadaver während des Harkens wieder an der Oberfläche auftauchten.
Die Beisetzungsfeierlichkeiten für die Katze dauerten wesentlich länger, als ich mir dieses vorher je hätte vorstellen können. Trotzdem ich sehr ingenieurmäßig und ausreichend bewaffnet mit Spaten, Forke und Spitzhacke mein Projekt angegangen war, verlangten die notwendigen Erdbewegungen einen höheren Aufwand als vermutet. In der Zwischenzeit hatte ich eine äußerst widerstandsfähige Schicht von Schutt erreicht. Wahrscheinlich stand der Zementmischer genau an dieser Stelle, als die Häuser gebaut wurden. Die gesamte Zeit überlegte ich, was passiert, wenn unsere Nachbarin aus Ihrem Schlafzimmerfenster schaut und mich hier beschäftigt mit dem Aushub eines tiefen Grabs sieht. Sie wird sicher in einem Anfall von Hysterie sofort die Polizei herbeirufen. Oh je! Wie soll ich glaubhaft erklären, daß ich es im allgemeinen vorziehe, verstorbene Katzen um Mitternacht zu beerdigen? Ich werde sicherlich der Hexenmeisterei angeklagt. Ob es überhaupt noch Gesetze gegen solche Praktiken gibt? Aber wahrscheinlich ist das Vergraben von Kadavern in Gärten wegen irgendwelcher hygienischen Argumente grundsätzlich verboten. Atemlos und schweißgebadet stach, scharrte und schaufelte ich weiter.
Zweieinhalb Stunden später war alles wieder glatt. Die Katze ruhte in Frieden und das Blumenbeet war repariert, was heißen will, soweit wieder hergestellt, als dieses in dem Halblicht möglich war. Ich wusch die Erdreste von meinem Körper und legte mich erschöpft neben meine tief schlafende Frau. Zwei Stunden Schlaf waren mir noch vergönnt.
Der nächste Tag begann grau und regnerisch. Das unwirtliche Wetter verstärkte die Trauerstimmung. Meine Frau, noch immer den Tränen nahe, berichtete die Katastrophe den Kindern, die im Nebenzimmer gerade aufgewacht waren. Alle weinten bitterlich. Ich muß zugeben, daß es nicht allzu lange dauerte und auch ich fing an zu schnüffeln. Weinen steckt leicht an und viel länger konnte ich nicht Widerstand leisten. Mit Tränen in den Augen und zutiefst unglücklich ging ich die Treppe hinunter, um in der Küche Kaffee aufzusetzen. Ich erhoffte mir eine gewisse Kräftigung von diesem koffeinhaltigen Getränk. Ich schritt zum Fenster und zog die Jalousie hoch.
"Miau!" klang es von draußen. Dort auf dem Fenstersims saß eine Katze. Verwirrt, manipulierte ich erfolglos am Fenstergriff herum. War dies ein Geist? Eine Katze aus Fleisch und Blut? Eine Erscheinung?
"Miau, miau!" stimmte die Fata Morgana etwas mißmutig an.
Eine dicke graugestreifte Katze starrte mich mit Ungeduld und bereits etwas vorwurfsvoll durch das Fensterglas an. Das Untier schien mich in Vorbereitung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs anzupeilen.
"M-rr-rr!" grunzte es offensichtlich schon erbost.
Ich kippte das Fenster auf und ließ es herein. Blöd gaffte ich der graugetigerten Katze, die gerade hereingesprungen war, hinterher. Völlig klar, da war unser immer hungriger, äußerst unfreundlicher, zänkischer und ziemlich oft besonders übelriechender Kater Tabby. Da war unsere eigene Katze. Langsam dämmerte mir, daß ich mitten in der Nacht offensichtlich die falsche Katze begraben hatte. Irgendeine andere Katze! Irgendeine Fremde. Irgendein Double! Irgendjemanden seine Katze! Ohne es zu wollen, war ich eine Art Leichendieb geworden.
Die Freude der Familie war riesig. Das Lachen und Geschrei schallten durch das kleinen Haus. Wegen eines Zuviels an Zuwendung beschloß Tabby unmittelbar nach seinem Wiederauftanken, in den Garten zu flüchten, und nun saß er da, auf dem Rasen, mit einem Bein gen Himmel verdreht und mit seinem Körper so verrenkt, daß er mit der Schnauze seine Hinterflanke gut erreichen konnte. In dieser Fakirstellung putzte er sich mit seiner rauhen rosafarbenen Zunge. In der Hauptsache schienen seine schwanznahen Körperteile, große Aufmerksamkeit zu verlangen. Das Wunder der Wiederauferstehung unserer Hauskatze wurde irgendwie durch die Alltäglichkeit dieser Wäsche entzaubert. Aber welcher moderne Mensch läßt sich wirklich von einem solchen Wunder noch überraschen? Die Barden wissen seit Urzeiten, die Gesänge der neun magischen Leben eines jeden Gekatzes anzustimmen. Es zeigte sich nun vor meinen eigenen Augen lediglich die völlig normale erste Reinkarnation. Nichts besonderes.
Aber das Schicksal ist eine seltsame Sache. Kaum ein halbes Jahr nach diesen Ereignissen starb unser geliebter Tabby wahrhaftig. Eines Morgens fanden wir ihn im Vordergarten, vergiftet mit irgendeinem ausgelegten Mittel gegen Ratten. Wieder war eine Katze zu begraben. Seit dieser Zeit liegen jetzt in dem kleinen Friedhof im Blumenbeet neben der Tanne zwei Katzen. Das zweite Exemplar, unsere Tabby, schläft unwiederbringlich, ein Geschoß weniger tief, direkt über dem unbekannten Nachtschwärmer. Vielleicht kannten sich die zwei Katzen schon zu Lebzeiten. Auch wenn nicht, so nahm ich an, mußte zumindest der Fellkontakt zwischen diesen zwillingshaften Graupelzen in der endlosen Einsamkeit ihrer unterirdischen Grabstätte doch etwas Trost spenden. Später schien mir diese Idee absurd. Es ist doch wahrscheinlicher, daß Tabby, genau wie er es während seiner zwei Leben tat, mich weiterhin verspottet, doch jetzt aus einem sicheren Irgendwo im Katzenhimmeljenseits.
PEJNO Simono
(Übersetzt aus der Plansprache Esperanto. Originaltitel: La duviva kato)