Presse-Stimmen aus Riga

1.

aus: Diena, Riga, vom 13. Februar 1999, KulturseiteLettland

Stadtrand und Katzen

In der Galerie "AnnA" läuft eine Ausstellung von J. Elgurt

Der Maler hat den Versuchen, eine Personality-Ausstellung zu machen, lange widerstanden. Doch jetzt, am Vorabend seines 75. Geburtstages, hat er endlich nachgegeben... Mit seiner Grafik hat er uns unendliche Freude bereitet, wofür wir ihm herzlich danken...

So blickt ein Mensch auf die Welt, der viel erlebt hat, und der den Kummer der Einsamkeit kennt... Die beklommene Wehmut der Stadtrandsiedlungen mit ihren alten, dunkel gewordenen Bauten... Fremde Fenster, die von rosafarbenem und hellblauem Licht erwärmt werden, hinter denen sicherlich die Familie das Abendbrot einnimmt, wo man sich küßt, Gäste erwartet oder den Enkeln Märchen erzählt...

Da ist sein Zimmer (zwei Arbeiten heißen auch so - "Mein Zimmer"), der alte Sessel ist mit einem weißen Überzug bedeckt, da steht die sperrige Kommode, darauf eine große Puppe im langen Kleid und mit einem Fächer, auf dem Bett schlummert eine Katze... Dies alles ist kein Interieur, sind keine Gebrauchsgegenstände - für den Bewohner der Klause mit den kleinen niedrigen Fenstern, hinter denen bald ein trüber Wintertag, bald die frühe Dämmerung schimmert, für ihn sind das lebende Gesprächspartner. Erstaunlich ist nur, wie es ihm gelungen ist, uns dieses Gefühl zu vermitteln.

Katzen sind die populärsten Personen seiner Grafik. Sie spielen mit den Ahornblättern im Herbst, schlafen gemütlich als Knäuel zusammengerollt, thronen mit dem Hochmut eines Würdenträgers und sind nach der Vorstellung ihres Schöpfers das Symbol eines Hauses, in dem es einen häuslichen Herd gibt, Eintracht und Ruhe herrscht.

Josef Elgurt ist ein Mann mit einem ungewöhnlichen Schicksal. Das Schicksal hat ihn durch schwere Prüfungen geführt. Als Junge war er im Kischinjower Ghetto, verlor seine nächsten Angehörigen. Später beendete er die Lettische Akademie der Künste. Es ist um so erstaunlicher, daß sein Verhältnis zur Welt, stille Freude, klare Trauer und das Wunder seiner eigenen Existenz in dieser Welt geworden sind. Übrigens hat der Künstler öffentlich versprochen, daß er bald Gäste zu seiner neuen Personality-Ausstellung einladen wird, wo dann keine Miniaturen, sondern solide große Bilder ausgestellt werden.

Tatjana Jarowslawskaja

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2.

aus: Respublika, Riga, vom 22. Februar 1999

Glücksbringer Schornsteinfeger

In der Miniaturengalerie "AnnA" läuft eine Ausstellung von Josef Elgurt

Es heißt, wenn man einen Schornsteinfeger anfaßt, dann bringt das Glück. Josef Elgurt ist nicht abergläubisch. Die Schornsteinfeger sind ihm ganz einfach sympathisch.

In der Straße, wo sich das Kinderkaufhaus "Djetskij Mir" befindet, stand früher einmal ein kleines altes Haus mit einem Ziegeldach. Nach der Arbeit kamen immer die Schornsteinfeger dorthin, um sich zu waschen und miteinander zu plaudern. Einmal kam gegen Abend auch ein Maler, um sich mit ihnen bekanntzumachen. Die Schornsteinfeger waren genauso wie auf dem Bild, alle in Schwarz, nur eine kleine Lampe erhellte sie. Die Schornsteinfeger verstanden das Anliegen des Malers und erklärten sich bereit, für ihn zu posieren. Ihr Leiter sammelte Reproduktionen von Bildern. Damals hatten sie sogar ihr eigenes Orchester, kurzum, sie waren der Kunst gegenüber nicht gleichgültig. Der bescheidene Maler kam nicht so oft. Er hatte Angst, daß er den Schornsteinfegern überdrüssig werden und sie von der Arbeit ablenken könnte.

Noch heute sieht er die Schornsteinfeger durch sein Fenster oft auf den Dächern, in angenehmer Gesellschaft von Katzen. Seine Wohnung aber verschönt er nur auf den Bildern mit einem Hauskater. Er läßt den kleinen Kater mit einem Herbstlaubblatt inmitten der vielen Pinsel spielen.

Nur auf einem Blatt Papier erlaubt er es sich, den Tisch in seinem Zimmer umzustellen. In der Wohnung möchte er nichts verändern. Auch eine Teewärmerpuppe, die noch vom ehemaligen Wohnungsbesitzer stammt, steht noch an derselben Stelle. Dieser hatte Elgurt beherbergt, als er noch Student war. In den 50er Jahren beendete er die Kunstakademie in Riga. Vor dem Krieg studierte er an der Kunstschule in Kischinjow, woher er auch stammt. Sein Vater arbeitete dort als Graveur, machte Monogramme auf Juweliererzeugnissen, vergoldete und versilberte Gabeln und Löffel. Kein einziges kleines Andenken hat der Sohn von ihm behalten. Während des Krieges gingen sie verloren, und auch der Vater kam um.

Irgendwann hat Josef in Kischinjow ein aufziehbarer Clown deutscher Produktion imponiert, der so drollig war, daß er ihn kaufte. Viele Jahre stand der kleine Clown ungezeichnet herum, doch plötzlich wollte der Maler ein Stilleben malen. Er nahm die Teewärmerpuppe von der Kommode, aber beide nebeneinander sahen irgendwie nicht gut aus. Der Clown war für die Puppe viel zu klein. Der Maler überlegte, ihn auf eine Erhöhung zu stellen. Und er zeichnete eine Truhe, die er in einem Schaufenster irgendeines Cafés in der Rigaer Altstadt gesehen hatte. Im Laufe der Arbeit wuchs das Stilleben zu einer psychologischen Episode von der Eleganz der kleinen Holländer. Der Clown war hoffnungslos entzückt, doch die üppige Schönheit schenkte ihm keinerlei Aufmerksamkeit. Oder war es vielleicht doch nur eine gespielte Nichtaufmerksamkeit?

Viele erinnern sich an den Maler Josef Elgurt als einen Maler, der großformatige Bilder malt. Seine Miniaturen hat er nach seinen Worten "einfach so" gemacht, als er sich etwas ernsthaftes ausdenken wollte und es nicht gelang...

Wir verzeihen dem Künstler die unnötige Bescheidenheit oder die weise Koketterie. Denn wir verstehen, daß in diesem "einfach so" eine große lyrische Stimmung liegt.

Josef Elgurt wurde in Kischinjow geboren. Doch das ist lange her. Riga mit seinen kleinen Höfen, den Katzen, den Schornsteinfegern und den kleinen Cafés ist längst seine Heimat geworden. Ein Haus, das in seiner Funktion schön ist. Ein Haus, in dem man nichts verändern möchte. Und wozu auch? Hauptsache es gibt eine Leinwand, ein Blatt Papier oder ein Stück Pappe. Es ist anziehender, seine eigene Realität zu schaffen, als eine von anderen geschaffene zu korrigieren... Denn die Maßstäbe mögen andere sein. Dafür kann man seine eigene Welt nur dadurch anreichern, daß sie wirklich teuer ist. Und ausschmücken kann man sie nicht mit den groben Kontrasten einer Tragödie oder Komödie, sondern nur durch weiche lyrische Töne...

Julija Tereschtschenko

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3.

aus: Business und Baltikum, Riga, Nr. 26 [1156]

Der unbekannte Elgurt

Die Galerie "AnnA" (Bruninieku 35) ist sich selbst treu geblieben - sie stellt bekannte Maler von ihrer unbekannten Seite vor. Am 9. Februar eröffnet hier eine Ausstellung des bekannten Meisters der Grafik, Josef Elgurt. Es werden Arbeiten gezeigt, die früher nur einem engen Kreis bekannt waren und in gewissem Maße der traditionellen Vorstellung von diesem Künstler widersprechen.

Josef Elgurt galt immer als ein Maler zweier Themen. Er stellte hervorragend Interieurs dar (ein im 18. Bis 19. Jahrhundert sehr populäres, heute aber fast vergessenes Thema) und dann sprach man von Elgurt noch als von einem "Sänger der Stadtrandgebiete Rigas". Kleine Häuschen, kleine Höfe. Leuchtende Fenster, hinter denen ein fremdes Leben pulsierte (die Fenster auf den Bildern leuchten wirklich, das ist beeindruckend). Der Schein von Traurigkeit, von leichter Melancholie.

Der Direktorin von "AnnA", Tatjana Mankjewitsch, ist es gelungen, den Maler zu überreden, Arbeiten zu zeigen, die er "für die Seele" gemacht hat. Er ist ein bescheidener Mensch und hat daher diese Bilder noch nie auf einer Ausstellung gezeigt, weil er der Meinung war, daß so etwas den Betrachter nicht besonders interessiere.

Die Arbeiten, die in der feinen Technik der Serigraphie gefertigt sind, beeindrucken durch ihren Humor und passen wenig zum Image eines nostalgischen Romantikers. Da sind die lustigen Puppen - der possenhafte Clown und die stolze Schönheit. Der Schornsteinfeger in Gesellschaft der Hofkatzen. Derselbe Schornsteinfeger, der durch das leuchtende Fenster eine stattliche, nackte Venus gesehen hat. Zufällig beobachtete Szenen, die ein sanftes Lächeln hervorrufen. Auf der Ausstellung werden auch Skizzen zu diesen Arbeiten gezeigt. Es ist in der Tat interessant, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, "aus welchem Müll Verse entstehen".

Josef Elgurt wird bald 75 Jahre alt. Es ist eine Vor-Jubiläums-Ausstellung. Parallel dazu wird eine Ausstellung mit traditionellen Arbeiten des Malers in der Bibliothek in der Pils-Straße eröffnet.

Er ist ein Mann mit keinem leichten Schicksal. Er hat den Krieg durchgemacht und das jüdische Ghetto. Doch in seinen Bildern gibt es keine Tragik. Die Reinheit des Blicks ist vorhanden. Eine lakonische Einfachheit, die entweder der unerfahrenen Jugend eigen ist oder im Laufe der Jahre erworben wird.

Jaroslawa Faworskaja

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4.

aus: Tschas (Die Stunde), Riga, vom 15. Februar 1999 Nr. 37 [456]

Ausstellung der Woche

Elgurt zu Hause

Wo: Galerie "AnnA", Bruninieku-Straße 35
Wann: Täglich, außer Sonntag von 11.00 bis 18.00 Uhr
Genre: Serigraphie, andere Gravuren, Gouache, Zeichnungen
Wer: Der Grafiker Josef Elgurt

Was und wie: Man sagt, es war nicht leicht, Elgurt zu einer Ausstellung zu überreden. Der Maler ist schüchtern... Ein vom Leben gebeutelter jüdischer Junge aus Bessarabien. Er hat das Ghetto durchgemacht, der Krieg hat ihn geprägt. Aber er hat überlebt und ist Maler geworden. Zu unser aller Freude. Er ist sowohl in der Schwarz-Weiß-Grafik gut als auch in der farbigen Gouache.

Elgurts Blick ist eindringlich und gut. Die ausgestellten Arbeiten können sehr kammerhaft erscheinen. Da sind das Zimmer des Malers, die Katze, die Pinsel, das weiße Fenster mit den Gardinen. Die häusliche Gemütlichkeit mit Samowaren. Bestimmt ist auch die berühmte Konfitüre nicht weit...

Das sind auch die kleinen Höfe mit den winzigen Schuppen, der frisch gefallene Schnee und wieder diese Katzen im Schnee. Die Generationen der Neubauten des Sozialismus hat in solchen Höfen nicht gewohnt und weiß auch nicht, wie lieb und rührend sie sind. In Riga haben sie sich immer noch erhalten. Das ist unser.

Das ergreifende Gefühl der Beteiligung an der vergangenen Zeit erfaßt den älteren Besucher. Es ist interessant, wie die Jugend das aufnehmen wird. Doch worin soll schon der Unterschied liegen? Glücklich ist der, der davon ergriffen wird.

Nuancen: Es ist gut, daß neben einigen Gravuren auch vorbereitende Skizzen zu sehen sind. Das bereichert die Ausstellung. Man spürt, daß man am Schaffensprozeß beteiligt ist.

Vorschläge: Man freut sich, daß es einen solchen Künstler wie Elgurt gibt.

Sergej Nikolajew

Die Übersetzung aus dem Russischen übernahm dankenswerter Weise:

Adi Kodym

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Hommage à Josef Elgurt

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