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Thot Als Urheber des Totenbuches galt den Ägyptern der Schreibergott Thot, der hier das Wiegeresultat mit der Schreiberbinse notiert. In einer Kultur, die an die magische Wirkung der schriftlichen oder zeichnerischen Darstellung glaubte, genoß jeder der sie beherrschte, höchstes Ansehen. So wurde Thot die Erfindung aller Wissenschaften und Künste zugeschrieben. Er war der "Zauberreiche", der "Herr der Magie", der geheimnisvolle Mondgott. Zugleich wachte er als "Herr über Recht und Wahrheit" darüber, daß die göttliche Weltordnung eingehalten wurde. Einerseits sitzt er als Pavian auf dem Stützpfeiler der Waage, andererseits erscheint er hier mit dem Kopf eines Ibis in der Funktion eines Beamten. Die Analogie rührt vielleicht daher, daß Sumpfvögel den Ägyptern wegen ihrer zurückgezogenen Lebensweise als geheimnisvoll erschienen und man den stets eifrig suchenden Vögeln auch Geschicklichkeit im "Finden" zutraute, also besondere Erfahrung und Klugheit.
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In der linken Hand hält Thot eine Palet- te, mit Aushöhlungen für schwarze Tinte und für rote, wie man sie für Über- schriften benutzte. Er schreibt stehend mit seiner gespitzten Binse (mehr davon verwahrt er in der Palette) an die Wand der Halle. Üblich war es, im Sitzen zu schreiben, ohne Tisch, direkt auf den Knien und zwar auf einer Rolle. Das Schreibmaterial war meist der Papyrus, hergestellt aus dem gequollenen und gepreßten Mark dieser Pflanze, die in den Sümpfen des Nildeltas wuchs.
    "Thot hat Ani schriftlich untersucht", wird verkündet, das heißt, der Gott hat den Namen des Toten als "Gerecht- fertigten" registriert. Erst damit ist das Totengericht abgeschlossen, denn erst durch schriftliche Aufzeichnung erhalten ein Resultat oder eine Verfügung die volle Rechtsgültigkeit. Damit nehmen es die Ägypter besonders genau;
alles wollten sie festhalten, wenn möglich, für alle Ewigkeit. Man hat deshalb von ihrer Registrier- und Sammelwut gesprochen.
    Jeder wichtige Vorgang in Stadt und Land wurde von beamteten Schreibern aktenkundig gemacht, der Verkauf eines Sklaven ebenso wie der Ablauf der Weinernte. Die Schreiber notierten die Zahl der abgelieferten Trauben- körbe, sie schrieben auf jeden Wein- krug den Jahrgang, den Namen des Weinberges und des Besitzers und übertrugen dann alles in ein Sonder- register. Das diente der Arbeitsüber- wachung ebenso wie der Festsetzung von Steuern. Es heißt, auf je zehn Arbeiter sei immer ein Schreiber gekommen.
     Die Kaste der Schreiber spielte denn auch, neben dem Stand der Priester und dem der Soldaten,
eine wichtige Rolle im zentralistischen, streng hierarchisch ausgebauten Staat am Nil. Entsprechend aufwendig war ihre Ausbildung: Rund zwölf Jahre lang lernten sie - in den Tempeln angegliederten Schulen - ihre Kunst durch das Abschreiben alter Texte. Später wurden sie als Buchhalter, Techniker, Wissenschaftler oder Künstler eingesetzt, vor allem aber als Verwaltungsbeamte. Wie Ani beaufsichtigten sie die Güter der Götter oder des Königs. Sie setzten Steuern fest, trieben sie ein, kümmerten sich um die Rechtsprechung. Ihr Amt wurde den Staatsdienern auf Lebenszeit übertragen und war meist erblich. So bildeten sie als Vertreter der Obrigkeit und "Auge des Königs" bald eine stolze Kaste:
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Grab des Nacht, WandmalereiGrab des Nacht
"Komm zu mir Thot, heiliger Ibis", so betet ein ägyptischer Schreiber,". . . leite mich, mach mich tüchtig in deinem Beruf, denn dein Beruf ist der schönste von allen. Es heißt, daß der, der sich darin auszeichnet, erhoben wird in den Fürstenstand." In dieser erlesenen Gesellschaft wird Ani als "wirklicher Schreiber" bezeichnet, das heißt, sein Titel wurde ihm nicht etwa nur ehrenhalber verliehen. Ani hatte die Künste des Gottes Thot von Grund auf erlernt, und es ist wahrscheinlich, daß er zumindest Teile seines Totenbuches mit eigener Hand geschrieben hat.

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Osiris
Der falkenköpfige Gott Horus führt den freigesprochenen Ani zu einem Opfertisch: Darauf liegen Gebäck, Fleisch und Obst. Im Hintergrund gibt es Gefäße mit Wein oder Bier. Der Schreiber Ani kniet davor; all diese irdischen Güter bringt er dem Herrscher des Totenreiches dar, dem Gott Osiris.
    Der "Herr der Ewigkeit" thront in einem Naos, einem prunkvollen hölzernen Schrein, in dem man Götter bei Prozessionen an Feiertagen herumzutragen pflegt. Das Dach ruht auf Lotus- stämmen, die daran erinnern, daß Osiris ursprünglich wohl ein Fruchtbarkeitsgott war. Auch die grüne Gesichtsfarbe des Gottes deutet daraufhin. Grün ist die Farbe des Urschlamms, aus dem für den Ägypter jegliches Leben kommt, die Farbe des Nils, der alljährlich das Land mit seiner Überschwemmung fruchtbar macht.
    In der Hand hält Osiris die Insignien der Macht: Krummstab, Geißel und Zepter; sein Haupt wird von der Atefkrone geschmückt, die sich aus der weißen, mitraförmigen Krone und den beiden Straußenfedern zusammensetzt. Das sind Zeichen für die höchste Stellung, die es in Ägypten gab: die des allmächtigen Pharao. Doch der Körper von Osiris ist starr, unbeweglich, eine eingewickelte, kunstreich bemalte Mumie. Das bedeutet: Obwohl er ein mächtiger König ist, bleibt Osiris dem menschlichen Schicksal unterworfen. Wie seine Untertanen hat auch er sterben müssen. Auf diese Schicksalsgemeinschaft gründet sich die große Hoffnung des Schreibers Ani und seiner Zeitgenossen.
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Der gute König Osiris, so erzählt die Legende, hatte einen feindlichen Bru- der, Seth. Der stellte ihm nach, band und tötete ihn. Er zerstückelte die Leiche in viele Teile und warf sie in den Nil. Doch Isis, die Frau von Osiris (sie steht auf dem oben gezeigten Bild ne- ben ihrer Schwester Nephthys schüt- zend hinter dem Thron), suchte ihn. "Kummervoll durchzog sie das Land und ließ sich nicht nieder, ehe sie ihn gefunden hatte."
     Der schakalköpfige Anubis fügte alle 14 Leichenteile wieder zusammen, wickelte sie in Binden und machte daraus die erste Mumie. Isis verwan- delte sich in ein Falkenweibchen und "ließ Luft entstehen mit ihren Flügeln". Da begann der tote Gott aufzuleben. Und wenn er auch auf Erden sein erstes Leben nicht mehr fortsetzen konnte, so konnte er doch ein zweites beginnen. Er wurde König im Toten-
reich: "Nun ist die Trauer zu Ende, das Lachen ist wiedergekommen."
     Dieser trostreiche Mythos von der Überwindung des Todes, von der Mög- lichkeit eines "zweiten Beginnens" ent- spricht einem Bedürfnis der sterblichen Menschen. Deshalb ist die Begegnung des Gestorbenen mit Osiris einer der wichtigsten Momente im Totenbuch. Die Ägypter glaubten, daß sich durch gött- liche Ordnung alles immer wiederholte und es somit einem jeden möglich sein müsse, das Schicksal des Gottes Osiris nachzuvollziehen. Jeder Sterbliche hoffte, durch Magie so sehr mit Osiris zu verschmelzen, daß auch er sich regene- rieren und zu einer neuen anderen Existenz erwachen konnte. Das Toten- buch bezeichnet denn auch von Anfang an den Schreiber Ani als "Osiris Ani", als zum Osiris gewordenen Menschen, und hofft, ihn so unter den Schutz des Auferstehungsgottes zu stellen.
     Vor allen Gefahren, die dem Schrei- ber noch drohen, kann allerdings selbst Osiris nicht schützen. Es gibt im Jenseits Abgründe, Dämonen und Schrecken die wohl Urängste der menschlichen Seele spiegeln und die selbst ein Gott fürchten muß. Ani hat davon noch eine lange Reihe zu überwinden. Die rest- lichen 35 Blätter des Totenbuches ver- suchen, ihn auch damit vertraut zu machen. Sie liefern ihm Kenntnisse, Ge- bete und Beschwörungsformeln, die ihn sicher zu den paradiesischen "Binsen Gefilden" geleiten sollen, zu dem Ort, "wo sich alle Wünsche erfüllen". Dort kann Ani dann für alle Zeiten "jeden Abend seinen Krug Bier trinken" oder tagsüber die Götter in der Sonnenbarke am Himmel begleiten. Die Tore des Jenseits stehen ihm offen; er kann sicher "herausgehen am Tage".Ende
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Thronsessel (Detail) des Tutenchamun
Rückenlehne des Thronsessels von Tutenchamun
Wandmalerei aus dem Grab eines ägyptischen Schreibers.         Vorheriger Absatz      Seitenanfang
Wandmalerei

Quellen: Pelizaeus-Museum, Hildesheim; Rose-Marie und Rainer Hagen, art, Mai 1981; Grundzüge der Geschichte, 1973; British Museum, London; Totenstadt Theben, Grab des Nacht;
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© Jürgen Jo Hübner März 1998
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