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Reiseführer im Jenseits

Ägypten, um 1300 vor Christus: Aus dem "Totenbuch des Schreibers Ani"

ägyptische Hieroglyphen
Mein Herz meiner Mutter, mein Herz meiner Mutter
mein Herz meiner wechselnden Formen
stehe nicht auf gegen mich als Zeuge
tritt mir nicht entgegen im Gerichtshof
mache keine Beugung wider mich vor dem Wägemeister.

(Gebet des Schreibers Ani)

Zwischen den Beinen vieler ägyptischer Mumien liegen Papyrusrollen, mit einge- wickelt  in  die   Leinenbinden, die den Körper zusammenhalten. Diese Rollen enthalten Sprüche und Bilder, eine Art Führer durch das Totenreich. Den Ge- storbenen sollen sie mit der Unterwelt vertraut machen, ihm dort helfen, Prü- fungen zu bestehen und aus den dunk- len   Tiefen  sicher  wieder  hervorzu- gehen  an  das Licht der Sonne. Des- halb nannten die Ägypter einen sol- chen Wegweiser "Das Buch vom Herausgehen am Tage". Erst Grabräuber des 19. Jahrhunderts haben  die  geheimnisvollen  Rollen Totenbücher genannt. Von einem solchen Grabräuber hat wahrscheinlich auch der englische Ägyptologe Sir E.A.Wallis Budge 1880 in Luxor das sogenannte Totenbuch des Ani erstanden: eine 23,79 Meter lange und 38cm hohe Rolle, die im Britischen Museum in London zu besichtigen ist. (Leider nicht mehr am Stück, sondern in 37 einzelne Blätter zerschnitten). Budge berichtet, der über 3000 Jahre alte Papyrus sei beim Entrollen noch ganz hell in den Farben gewesen, aber an der Luft sofort stark nachgedunkelt.
Die Blätter 3 und 4 sind hier abgebildet. Auf beiden ist der königliche Schreiber Ani, für den das Totenbuch angefertigt wurde, bei seinem Eintritt ins Totenreich zu sehen. Er wird von Richtern erwar- tet, die sein Herz auf einer Waage prüfen, von einem Ungeheuer, das ihn verschlingen will, und endlich, auf dem nächsten Bild, von Gott Osiris, dem Herrscher im Totenreich.
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Blatt 4 des  Totenbuch des Ani
Anis Haltung ist leicht gebeugt, res- pektvoll: Der quer über die Brust ge- legte Arm bedeutet Ergebenheit gegen- über Höhergestellten. Hinter ihm seine Ehefrau Tutu, die wahrscheinlich schon vor ihrem Mann gestorben ist. Sie be- gleitet ihn auf einer kurzen Wegstrecke. Zu Lebzeiten hat sie als Priesterin im Chore des Amun-Tempels gesungen; sie hält noch das Sistrum in der Hand, eine Rassel zur Untermalung der Tem- pellieder. Das Paar ist festlich gekleidet, ihre Augen sind schwarz geschminkt, die Zeremonienperücken kunstvoll gelockt und geflochten.
Ani wird um etwa 1300 vor Christus in Theben, der damaligen Hauptstadt des Reiches am Nil, gelebt haben, nur wenige Jahre später als der bekannte Pharao Tutanchamun (1332 bis 1323
vor Christus). Zweifellos bekleidete der "wirkliche königliche Schreiber" Ani einen hohen Rang in der ägyptischen Tempelverwaltung. Ein im Papyrus vermerkter Titel weist ihn als Oberaufseher über alle Opfergaben aus, die den Göttern in Theben und Abydos dargebracht wurden.
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Außerdem hatte er wahrscheinlich die erheblichen Abgaben festzusetzen, die alle reichen Ägypter den Tempeln re- gelmäßig in Form von Getreide und Vieh schuldeten, und er mußte die riesigen Tempelbesitztümer verwalten. Ein tüchtiger Mann also, der  hoch  in der Gunst des Königs stand.
    Ani gehörte denn auch zur Kaste der wohlhabenden  Beamten, die sich  ein  Totenbuch leisten konnten. Etwa 1500 Jahre lang, von 1550 v. Chr. bis in die römische Zeit hinein war es Brauch, den Gestorbenen solche Rollen  mit  ins Grab  zu  geben. Sie wurden entweder speziell angefertigt oder fertig gekauft, so daß nur der Name des Besitzers einzufügen war. Ihr Preis entsprach etwa dem für einen Sklaven - oder dem halben Jahreseinkommen eines Arbeiters, war für die unteren Schichten also unerschwinglich.
    In früheren Zeiten war ein Jenseits-
führer sogar ausschließlich Privileg der Könige gewesen. Die Sprüche wurden damals allerdings nicht auf Papyrus ge- zeichnet, sondern auf  die Wände der

Tutanchamun

geheimen Grabkammern in den Pyra- miden gemalt. Ein gewisser Demokra- tisierungsprozess, wenigstens was das Jenseits betraf, erlaubte es später auch wohlhabenden Staatsdienern, sich mit einer Anleitung fürs Totenreich aus- zurüsten.
     Die Anschaffung eines persön- lichen Totenbuches gehörte fortan zu den umfassenden Todes- Vorberei- tungen, die jeder fromme und wohl- habende Ägypter schon bei Lebzeiten traf. So ließ er eine unzugängliche Grabkammer anlegen und füllte sie mit allem, was im Diesseits wie im Jenseits nützlich war: Mit Vorräten, Mobiliar, auch Statuen von Dienern und Frauen. Ein Sarkophag aus Stein wurde angefertigt, ebenso eine Totenmaske aus Gips oder Karton. Schon im Voraus wurde auch die Beisetzungs - Zeremonie geregelt. Erst nach Erfüllung all dieser materiellen Voraussetzungen konnte ein Zeitgenosse Tutanchamuns beruhigt den Tag erwarten, an dem er würde "übersetzen müssen zum anderen Ufer".
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Blatt 3 des  Totenbuch des Ani
Der Gott Anubis, kenntlich an dem schwarzen Schakalskopf, kniet unter der rechten Balkenhälfte einer Waage. Als "Der zur Waage Gehörige" ist er berufen, die erste Prüfung vorzuneh- men, die den Schreiber Ani im Jenseits erwartet: das Aufwiegen von Anis Herz gegen eine Feder.
     Anubis wird auch "Erster der Westlichen" genannt. Im Westen der ägyptischen Städte liegen, abgesondert,
aber in Sichtweite der Lebenden, die Nekropolen, deren Schutzgott Anubis war. Die dort herumstreunenden wilden Hunde und Schakale bedrohten die Ruhe der Leichname, sie scharrten die Gräber auf und verschleppten daraus die Gebeine. Indem sie einen schakals- köpfigen Gott zum Schützer ihrer Toten erwählten, hofften die Ägypter, dieser Plage Herr zu werden.     Anubis überwachte auch die kompli- zierten Balsamierungsriuale. Sie dauer- ten 70 Tage; während dieser Zeit wur- de der Leichnam in Natron ausgetrock- net und mit Harz, Ölen und Gewürzen konserviert. Die genaue Zusammen- setzung dieser Mittel ist bis heute das Geheimnis der Anubispriester ge- blieben.
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Blatt 3 des  Totenbuch des Ani
Im Mittelpunkt des Szenario steht eine große Waage, wie sie zum Wiegen von Gold und Silber benutzt wird. Weniger wertvolle Metalle, Kupfer z. B., zählt man barrenweise ab, Getreide mißt man mit dem Scheffel. Die Waage ist den kostbarsten Gütern vorbehalten. Ihre richtige Funktion kontrolliert auf diesem Bild ein hockender Affe, der den Schreib- und Rechengott Thot verkörpert. Er thront auf dem Stütz- pfeiler, an dem der Waagebalken hängt. Fest damit verbunden ist der spitze, dreieckige Zeiger. Nur wenn er genau senkrecht nach unten weist, sind die Schalen im Gleichgewicht. Davon überzeugt sich Anubis mit einem Griff nach dem herzförmigen Lot, das am Haken baumelt.
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    Unter der linken Balkenhälfte stehen Gottheiten minderen Ranges: der Schicksalsgott Schai, hinter ihm die beiden Göttinen Meschenet und Renenet. Sie kennen Ani seit langem. Meschenet hat bei seiner Geburt seine Lebenszeit und seine Todes- stunde bestimmt. Der Kopf dieser Gottheit ist oberhalb Schai ein zweites Mal zu sehen, und zwar am Geburtsziegel. Das ist ein rechteckiger Block, auf dem die Ägypterinnen knieend nieder- kamen. Renenet hat Ani als Amme genährt und über seine Entwicklung gewacht. Beide sind Schicksalsgöttinnen, die Ani vor Gericht entlasten können. Neben Ihnen verfolgt Anis Seele, darge- stellt als Vogel mit menschlichem Kopf, vom Dach seines Grabmals aus das Wiegen. Zwar kann seine Seele fliegen, muß aber immer wieder zum Körper zurück. Auch ihr Schicksal hängt vom Ausgang der Prozedur ab.
    Die "Herren der Gerechtigkeit" thronen hoch über der Waage. Als Götter des Himmels, der Erde, des Lichtes bilden sie das Richtergremium, das über Ani zu befinden hat, je nachdem, wie die beiden Waagschalen sich verhalten.
Amun, 1000 b.C. Amun, 1000 b.C. Ort des Totengerichts ist immer die "Halle der vollständigen Gerechtigkeit", wo Diesseits und Jenseits einander berühren. Maat, die Göttin der Gerechtigkeit und Wahrheit ist nur durch ihr Symbol der "Göttlichen Ordnung" anwesend: Es ist die Feder, die auf der einen Waagschale liegt. Als so leicht muß sich Anis Herz erweisen, wenn er die Prüfung bestehen soll. Das irdische Ver- halten eines Menschen wird hier also gemessen am Ideal der himmlischen Gerechtigkeit.
    Nur sehr wenige Menschen wären einer sol- chen Prüfung gewachsen. Alle fürchten sie. Des- halb beruht ihre einzige Hoffnung auf dem hilf- reichen Totenbuch, das die Gefahren der Unter- welt nicht nur nennt, sondern gleichzeitig Mittel bereithält, sie abzumildern. Es ist also auch eine Art Zauberbuch.
     Nahezu 200 magische Formeln gibt es dem Verstorbenen mit. Sagt er sie im richtigen Mo- ment auf, kann er vielleicht ein für ihn günstiges Resultat herbeihexen.
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Für das Erscheinen vor dem Totenge- richt eignet sich der 125.Spruch, der das "negative Bekenntnis" enthält. Es ist sehr lang, fängt an mit "Ich habe kein Unrecht gegen Menschen begangen", fährt fort mit "Ich habe keine Tiere miß- handelt" und hört auf mit "Ich habe mei- nem Stadtgott keine Schande bereitet".
     Auch wird jene Beteuerung nicht vergessen, die für das vom Nil fruchtbar gemachte Land so wichtig ist: "Ich habe das Überschwemmungswasser nicht zu- rückgehalten in seiner Jahreszeit." Aus dem Bekenntnis ergibt sich, was in ei- nem Beamtenstaat wie Ägypten zu den schwersten Vergehen gehörte: Unwahr- haftigkeit und Lüge, Veruntreuung und Betrug. Ein wahrhaftiger Bericht über das irdische Verhalten des Toten ist in diesem Spruch keinesfalls zu finden; er soll ja geradezu verhindern, daß die Wahrheit ans Licht kommt. Er dient als Beschwörung.
    Den bildlichen Darstellungen des To- tenbuches trauten die Ägypter ebenso Zaubermacht zu. Das Abbild eines Ge- genstandes oder Wesens, so die Ver- mutung, besitzt auch etwas von dessen Fähigkeiten: Die dem Toten ins Grab mitgegebenen Dienerstatuen sollen ihren Herrn im Jenseits weiter kleiden und nähren; die auf dem Papyrus im Zu- stand des Gleichgewichts dargestellte Waage wird magisch dafür sorgen, daß auch auf der Götterwaage Herz und Feder gleich schwer sind. Diese Hoff- nung nimmt der Zeremonie etwas von ihrem Schrecken.
    Ani wird freigesprochen, die Richter erklären ihn im Einklang mit der gött- lichen Ordnung: "Ani ist gerechtfertigt. Die Fresserin soll keine Gewalt über ihn haben."
    Natürlich sieht man nie in einem To- tenbuch, wie diese bedrohliche "Toten- fresserin" einen Verurteilten verschlingt.
Durch die Sprüche gebannt, bleibt ihr Reptilmaul geschlossen. Das Monster ist zusammengesetzt aus verschiedenen ge- fährlichen Bestien: Krokodil, Raubkatze und Nilpferd. Würde ein nicht "gerecht- fertigter" Toter wirklich von ihr ver- schlungen, so erlitt er die wohl für einen Ägypter schlimmste aller denkbaren Strafen: die völlige, definitive Vernich- tung, den gefürchteten und endgültigen zweiten Tod, ohne jede Hoffnung auf Wiedergeburt. Auf der linken Waag- schale liegt ein Herz, rot mit weißen Adern oben und seitlich. Nicht der gesamte Mensch wird also aufgewogen gegen die Straußenfeder, das Symbol der Welt-Ordnung, sondern nur jenes Stück von ihm, das den Ägyptern als das wahre Zentrum der Persönlichkeit galt, als Sitz von Verstand, Willen und Gewissen.
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Anders als die übrigen Eingeweide wird darum auch das Herz bei der Balsa- mierung nicht aus dem Körper entfernt und in Krügen aufbewahrt. Es bleibt als wichtigstes Organ in der Mumie. Von seinem Herzen droht dem Toten beim Gericht Gefahr. Wie, wenn es gegen seinen Besitzer aussagte? Es könnte dadurch dessen Beteuerungen Lügen strafen, die magische Wirkung aufheben und die Waagschalen bedrohlich aus dem Gleichgewicht bringen. Um dem zuvorzukommen, hält das Totenbuch eine andere Beschwörungsformel bereit, den 30. Spruch. Er trägt den Titel: "Spruch, das Herz sich ihm nicht widersetzen zu lassen im Totenreich". Der Text steht auf der Abbildung in der bildhaften Hieroglyphenschrift links über dem Waagebalken. Er beginnt rechts oben und verläuft in senkrechten Ko- lonnen. Zweimal ist darin ein hockender Mann hinter einer Herz- Hieroglyphe zu erkennen, die dem Herzen auf der Waage sehr ähnlich ist. In der zweiten Kolonne von rechts ist auch der Name des Schreibers Ani in schwarzer Schrift zu sehen, darüber die Insignien der Schreiberzunft (eine stilisierte Palette mit Schreibgerät); darunter ein Vogel, eine stilisierte Wasserlinie, zwei Schilfblätter und ein hockender Mann. In diesem Spruch beschwört Ani sein Herz, auf zweifache Weise, zu schweigen: Erst wendet er sich an das "Herz meiner Mutter", an das Herz also, das er bei Geburt mit auf die Welt bekam, dann an sein eigenes Herz, wie es sich im Laufe seines Lebens "in wechselnden Formen" entwickelt hat. Dieser Spruch, der sich auch oft auf herzförmigen Amuletten findet, soll schon früher als 2000 vor Christus in Gebrauch gewesen sein. Er wäre demnach eines der ältesten Gebete der Menschheit.
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Quellen: Pelizaeus-Museum, Hildesheim; Rose-Marie und Rainer Hagen, art, Mai 1981; Grundzüge der Geschichte, 1973; British Museum, London; Totenstadt Theben, Grab des Nacht;
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© Jürgen Jo Hübner Mai 1997
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