Weltwoche 29/02

Die neue Weiblichkeit zeigt Muskeln

Ernst Kindhauser

Schön, fit, schlank, das reicht nicht mehr, heute wollen Frauen kraftvoll wirken: Lange Zeit als männlich verpönt, sind Muckis zum sexy Accessoire avanciert

Früher bei den Spice Girls, den Gewürzmädchen, war sie Ginger Spice, die Freche mit dem schärfsten Aroma. Ihre Lippen glichen Wellen, die Sturm ankündigten. Sie hatte viel Busen und viel Hintern, und bisweilen gar Marilyn Monroes Blick. Auch heute präsentiert Geri Halliwell, 28, gerne Kurven, doch aus Rundungen sind Muskeln geworden. Im Video zur Hitsingle «It’s Raining Men» weckt sie als Tanzschülerin ein Altmännerkollegium zu neuem Leben, Kameraeinstellung: Bauch, Beine, Po. Ihr Körper ist durchtrainiert, als übte sie täglich mit Elitesoldaten: Blick wie eine Pantherin, Bauch wie eine Eisenplatte, Pobacken wie Billardkugeln.


Ginger Spices Verwandlung markiert eine Trendwende. Früher hatten rotbackige Sennentuntschis Muskeln, bassstimmige Walküren aus dem Ostblock und jene Cyborgs, die in der Freak-Show namens Frauen-Bodybuilding auftraten. Nur teutonische Altrocker wie Udo Lindenberg labten sich am Anblick der Hüninnen: «Ich liebe grosse starke Frauen / Mit prallen Muskeln und ultrahart / Grosse starke Gigantenfrauen / So welche im Meister-Proper-Format / Ich besuch sie öfter mal in ihrer B-B-Bizepsfarm / Ich krieg ja so ne Latte mit ihr auf der Trainingsmatte / Süsse Body Building Braut / Du bist mein Totalknockout / Hab ich auch seit Wochen mir die Knochen gebrochen / Ist egal / Denn Sex mit dir ist phänomenal» (Body Building Braut, 1983).

Mit Bodybuilding-Bräuten haben moderne Athletinnen allerdings nichts gemein. Ihr Trizeps ist kräftig und wohldefiniert, der Bauch hart und geschmeidig, die Beine stark und gazellenhaft. Sie sind muskulös und schlank und sexy - das Schönheitsideal von Frauen im 3. Jahrtausend.

Frauen wie die Tennis spielenden Schwestern Venus und Serena Williams. Ihre kraftvollen Schläge und körperbetonten Dresses haben selbst- genügsame Rockträgerinnen wie Martina Hingis ins Abseits gedrängt. Frauen wie die unbekannte, muskulöse Schöne aus der SMS-Werbung der Swisscom, die ihren Freund in flagranti erwischt und kurzen Prozess mit ihm macht. Frauen wie Angelina Jolie alias Lara Croft, die sich monatelang stählte, damit sie Widersacher kickboxend in den Orkus schicken konnte. Frauen wie Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw aus der Fernsehserie «Sex and the City»: Ihr Trizeps lockt nicht nur in der Werbung, wo Carrie mit himmellangen Beinen Männerpuppen tanzen lässt, er lockt auch beim Anbaggern - als verführerisches Accessoire. Frauen schliesslich wie die toughen Schönen von Destiny’s Child, der angesagtesten Girlgroup zurzeit. Amazonenhaft preschen sie im Video durch den Dschungel und erteilen Karatelektionen, Songtitel: «Independent Women Pt. 1».

«Empowering» (bekräftigend, unterstützend) nennt man an Amerikas Beziehungsfront die pädagogische Wirkung der neuen Athletinnen. Das Schönheitsideal BMW (Brett mit Warze) alias Ally McBeal hat ausgedient. «Frauen wollen nicht mehr dünn und schwach sein», registriert kühl auch das britische Szenemagazin «The Face».

Immer schon war es schwer schwer verständlich, warum Frauen wie Ally McBeal aussehen wollten. Was, um Gottes willen, macht einen übergrossen Kopf auf einem ausgemergelten Kleinmädchen-körper begehrenswert?

Die Vermutung, muskulöse Frauen gehörten zu jenen Celebrity-Trends, die schnell kommen und schnell vergehen, ist falsch. «Muskeln sind auch unter ‹normalen› Frauen angesagt», sagt Andrea Maihofer, Professorin für Gender-Studies an der Universität Basel. «Das ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich die gesellschaftlichen Leitbilder von Weiblichkeit und Männlichkeit angenähert haben.» In der Werbung, im Film, im Pop: Männer haben weibliche Züge erhalten, Frauen männliche. Die Zahlen des Verbands Schweizer Fitnesscenter sind eindeutig: Stählten sich vor zehn Jahren fast nur Männer mit Krafttraining, sind es heute zu rund zwei Dritteln Frauen.

Sie stemmen Gewichte, weil sie unzufrieden mit ihrem Körper sind. Weshalb aber will frau nicht nur schönfitschlank sein, warum will sie plötzlich Muskeln - wenn auch nicht zu viele? «Krafttraining nährt das Gefühl, den eigenen Körper unter Kontrolle zu haben», sagt Andrea Maihofer. «Und dank der Erfahrung, mittels Maschinen den perfekten Körper formen zu können, spüren Frauen Kraft in allen Facetten.» Schliesslich: Frauen wollen Muskeln zeigen, weil diese beruflichen Erfolg symbolisieren wie nur wenige Accessoires. «Wie die Männer schon lange disziplinieren auch die Frauen ihren Körper, um im Beruf bestehen zu können», sagt Maihofer. Das Schönheitsideal Athletin steht symbolisch für den Wunsch, den Männern auf jedem Feld gleichberechtigt entgegenzutreten: sozial, beruflich, physisch.

Das allein erklärt die Anziehungskraft muskulöser Frauenkörper nicht. Uralte, beleidigende Klischeebilder geisterten beispielsweise noch vor zwei Jahren durch die Gazetten, als die Tennisspielerin Amélie Mauresmo am Australian Open von Sieg zu Sieg eilte. «Der Tennisspielerin», titelte eine Zeitung. «Sie ist ein halber Mann, sie hat auch ihre Freundin hier», spottete Martina Hingis, nachdem sie Mauresmo im Finale knapp besiegt hatte.

Muskeln im Minirock

Mauresmos Pech: Sie sah ausgesprochen androgyn aus, als ästhetisches Vorbild kam sie nicht in Frage. Anders die neue Muskelfrau, die in Gestalt einer unschlagbaren Promotorin in die Welt kam: Madonna, trendsettende Pop-Ikone, brach in Männerdomänen ein, predigte und lebte sexuelle Freiheit, schlug sich mit Jungs, die sie als Trophäe wollten - und als Trophäe endeten. Und sie verwandelte ihren Körper in ein dynamisches Kraftpaket. «Madonna verband Muskeln mit typisch weiblichen Accessoires», sagt Gender-Forscherin Maihofer. «Ein neues Role-Model war geboren: muskulös und tough, unabhängig und erfolgreich, feminin und sexy.»

Geri Halliwell, Angelina Jolie, Destiny’s Child: Allesamt sind sie mühelos emanzipierter als Alice Schwarzer, femininer als Melanie Winiger. «Den Preis ihrer körperlichen Emanzipation bezahlen sie nicht mit dem Verlust dessen, was wir früher als Weiblichkeit bezeichnet haben», sagt der Schriftsteller Matthias Politycki («Weiberroman», «Ein Mann von vierzig Jahren»). Männer, keine Frage, begehren die neuen Athletinnen. Sie wünschen sich einen perfekte Körper - den Anblick von muskelbepackten Tops und Miniröcken nehmen sie gerne in Kauf.
Bodyshaping, eine Leibesübung also ohne Risiken und Nebenwirkungen? Weniger «empowering» ist womöglich der Effekt, dass die Sexualisierung des Körpers nach permanenter Reizsteigerung verlangt. Im Übrigen lauern, wenn forciert betrieben, die üblichen Gefahren: Fitnesswahn, Doping, Magersucht. Athletic Spice Geri Halliwell gab kürzlich zu Protokoll, «zehn Jahre unter fürchterlichen Essstörungen» gelitten zu haben. Jetzt hat sie angeblich alles im Griff. Gerne zeigt sie auf der Bühne das Steissbein, wo ein tätowierter Panther lockt. Bisweilen hat man den Eindruck, das Tier gucke etwas verängstigt, weil es bald nur noch von Muskeln umgeben ist.