Privat: Natascha Badmann


Wer vom Adler träumt, muss keine Meise haben

Von Carl Schönenberger


Velofahren auf dem Hometrainer in der Stube - für Natascha Badmann ist das Training gerade jetzt, in der kalt-feuchten Jahreszeit sinnvoll, denn so lassen sich Erkältungen und Stürze auf glitschignassen Strassen weitgehend verhindern

Foto: Kurt Schorrer

Natascha Badmann (32) ist letzten Freitag als Schweizer Sportlerin des Jahres 1998 gefeiert worden. Noch vor zehn Jahren konnte sie mit Sport überhaupt nichts anfangen. Dann kamen Toniund der Triathlon, und Natascha wurde neu geboren.

Wohnen in der Turnhalle. Der Eindruck entsteht unweigerlich, wenn man in Winznau bei Olten in die gemeinsame Wohnung von Triathletin Natascha Badmann und ihrem Freund und Trainer Toni Hasler tritt. So stellt man sich das Zuhause der erfolgreichsten Schweizer Sportlerin des Jahres 1998 kaum vor.

An einer Wand ist die Sprossenwand angeschraubt, darüber hängt die allzeit bereite Gymnastikmatte. Das rund drei Meter lange Monster eines Schwimm-Hometrainers versperrt die Tür ins Büro, daneben liegen in einer Schachtel Schwimmflossen, und unter dem Trockenschwimmgerät liegt eine alte Küchenuhr mit grossem Sekundenzeiger am Boden, damit Natascha Badmann jeweils ohne Ablenkung vom Training mit einem Blick die Belastungsdauer ablesen kann.
Und da steht auch ein eigentümliches Gerät mit der Aufschrift «Mountain Air 6000» - eine Hightech-Maschine. Wenn sich Natascha Badmann daran setzt, sich dabei die an der Decke hängende «Käseglocke» über den Kopf stülpt und fest auf die Schultern zieht, dann kann die Ironwoman von Hawaii bis in Höhen von 6000 Metern «entschweben». Das Luftgemisch lässt sich entsprechend regulieren und auf einen so geringen Sauerstoffanteil verändern, dass es der Höhenlage von bis zu 6000 m ü. M. entspricht. Natascha Badmann absolviert so ihr Höhentraining zu Hause im eigenen Wohnzimmer. Täglich mindestens 66 Minuten - so lange läuft das von Wissenschaftlern ausgetüftelte Programm. Badmann nimmt dabei auch den Nachteil in Kauf, dass sie unter der Käseglocke aussieht wie Juri Gagarin 1961 bei seinem ersten Flug ins Weltall 1961. Wozu Epo spritzen oder andere verbotene Substanzen schlucken, wenn die Vermehrung der sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen so auch funktioniert?
«Mountain Air 6000» soll Natascha Badmann auch auf den olympischen Höhenflug 2000 vorbereiten: Der Countdown für Sydney läuft. Bei Badmanns und Haslers halt auch daheim in ihrer Wohnung. Zum Gerätepark gehören auch farbige Gummibänder zum Dehnen, Hantelstangen und Gewichtscheiben fürs Krafttraining, und überall auf den Regalen liegen verschiedendste Stopp- und Pulsuhren herum. In der guten Stube, vor dem Fenster zum Balkon, steht Nataschas Rennmaschine, das 10 000 Franken teure Carbonvelo mit dem Flüssigkeitstank, der in den Rahmen eingelassen ist und ihr die Bidons ersetzt. Das Superrad ist auf der Rolle aufgeschraubt, über die hydraulisch der Tretwiderstand eingestellt werden kann.
Nein, Natascha Badmann wohnt nicht in einer Turnhalle - ihre Geräte fürs tägliche Training könnten ebensogut in einem wissenschaftlichen Institut für Leistungsphysiologie an der ETH oder in Magglingen stehen. Nur, die dort sind vielleicht nicht einmal so modern eingerichtet.

«Du, Toni, ist das eigentlich normal, so wie wir leben? hat mich Anastasia, die 15 Jahre alte Tochter von Natascha, letzthin gefragt», erinnert sich Toni Hasler, der einzige Mann im Zwei-Frauen-Haushalt. Als Antwort habe er der pubertierenden Bezirksschülerin eine Gegenfrage gestellt. «Was ist denn für dich normal?» Darauf nahm Anastasia ihre Grundsatzfrage schnell zurück. Eigentlich findet sie es ja ganz schön, dass sie nicht in einer Familie lebt, wo alles streng geregelt ist: Arbeiten von Montag bis Freitag, von sieben bis zwölf, von eins bis halb fünf.
«Wir arbeiten sieben Tage in der Woche, und das rund ums Jahr», sagt Natascha Badmann. Und so kommt sie allfälligen Spekulationen über ein von gutmütigen Sponsoren subventioniertes «Flohnerleben» zuvor. Arbeiten, das heisst für die Gewinnerin des Ironman 1998 auf Hawaii seit einigen Jahren Training. Laufen, Radfahren, Schwimmen - aber auch Schuften für mehr Kraft. Für Toni Hasler, seit rund zehn Jahren Profitrainer, bedeutet arbeiten das exakte Planen und häufige Begleiten von Nataschas Training sowie das Schreiben von Trainingsplänen für rund dreissig weitere Triathleten und Triathletinnen. Dazu ist Hasler regelmässig bei Seminaren als Referent gefragt. Er spricht über Themen wie sportliche Leistungsfähigkeit, mentales Training, Psychologie und Ernährung. All sein Wissen hat sich der einstige Radamateur und Informatikspezialist mehrheitlich im Selbststudium oder bei Abendlehrgängen angeeignet.

Natascha sei heute sein «Versuchsobjekt», sagt Toni Hasler - den Ausdruck «Versuchskaninchen» mag Natascha nicht hören. Die Sportlerin selbst fühlt sich in dieser Rolle wohl: «Ich liebe das Neue. Ich bin froh, wenn Toni mit mir immer wieder neue Wege geht», sagt sie. Grund für Skepsis gebe es für sie nicht, immerhin habe sie bisher mit ihrem Trainer und Freund zusammen alle Ziele erreicht, die sie angestrebt habe. Und so soll es weitergehen. Sydney 2000, die Olympiapremiere im Triathlon, eineinhalb Kilometer Schwimmen, vierzig Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen - das ist es, worauf im Hause Badmann/Hasler die nächsten zwanzig Monate lang alles und jedes ausgerichtet ist. Dazu gehört auch der demnächst beginnende dreimonatige Trainingsaufenthalt in Brisbane (Au). «Wir wollen dorthin, wo die Besten sind. Natascha und ich können nur von weltbesten Kurzdistanz-Triathleten lernen, wie man noch besser wird», sagt Hasler.
So ist es heute. So hoch ist der Leistungsanspruch von Natascha Badmann im Lauf ihres «sportlichen Lebens» gestiegen.

Vor etwas Über zehn Jahren war das ganz anders. Damals war Sport für die junge Sekretärin überhaupt kein Thema. «Höchstens am Rand, wegen den verschiedenen Sportdiäten. Ich probierte so ziemlich alle aus, denn ich wollte abnehmen», erinnert sich Natascha Badmann. Ein Rückblick, den sie nicht unbedingt gerne macht. Das sei die Zeit gewesen, in der sie sich in ihrem Körper nicht wohl fühlte, während der sie Schokolade und andere Süssigkeiten in sich hineinstopfte. «Ich war mit meiner äusseren Erscheinung unzufrieden, versuchte das zu überdecken und mich mit teuren Kleidern und Schmuck äusserlich wertvoll zu machen», sagt sie.
Dazu kam ihre Tochter Anastasia. Als 17jährige sei sie gar nicht in der Lage gewesen, die Mutterrolle wahrzunehmen, und später habe sie ihr Kind als eigene Tochter eine Zeitlang fast abgelehnt, sagt Natascha Badmann über eine Phase ihres Lebens, die sie eigentlich vergessen möchte. «Erst als ich eines Tages realisierte, wie Anastasia zu meiner eigenen Mutter ÜMamiİ sagte, machte es bei mir klick. Da spürte ich, dass es höchste Zeit für mich war, zu Anastasia ja zu sagen, mit ihr von zu Hause auszuziehen und gemeinsam unser eigenes Leben zu führen.»
Was sie heute miteinander im selben Haushalt erleben, sei wunderschön. «Zwischen uns herrscht nicht ein Mutter/Tochter-Verhältnis, unsere Beziehung ist die zweier guter Freundinnen», sagt Natascha Badmann sichtlich stolz. Und Toni Hasler fügt bei: «Anastasia diskutiert heute mit Natascha über Dinge, die sie wohl mit einer Ünormalenİ Mama kaum besprechen würde.»
Und Anastasia macht noch mehr. Wenn sie Lust hat, begleitet sie Natascha ins Schwimmtraining. Dann muss sich die Weltklassetriathletin sputen, um ihrer Tochter im Wasser folgen zu können. Damit sich Natascha nach und zwischen den Trainings erholen kann, stehen Anastasia und Toni auch oft zusammen in der Küche und bereiten ein ausschliesslich aus Bioprodukten und ohne Fleisch zusammengestelltes Menü zu. «Ein Glas Rotwein dazu darf gerne sein», sagt Natascha Badmann. Und das Vorurteil, sie könnten «Körnlipicker» sein, entschärft Toni Hasler schnell: «Wir freuen uns auch über eine gute Rösti mit Spiegelei.»

Natascha Badmann ist vor zehn Jahren in den Sport geflÜchtet, um ihrer Vergangenheit davonzulaufen - das könnte man tatsächlich denken.
Sie selber sieht das anders. Ihre erste sportliche Betätigung sei das gemeinsame Tanzen mit Toni gewesen, dann habe er sie zum Laufen gebracht.
«Durch den Sport wurde ich neu geboren», sagt Natascha Badmann heute. «Über meinen Körper habe ich meinen Geist entdeckt. Der Sport brachte mir die Harmonie von Körper und Seele.» Und das heisst für sie heute Glück - Glück und Erfolg, für die sie arbeitet. «Denn damit ich im Triathlon so stark sein kann, muss ich vor allem im mentalen Bereich viel arbeiten. Ich bin überzeugt, Rekorde werden in Zukunft im Kopf gemacht und nicht mehr von der Chemie», sagt sie und drückt damit ihren Glauben aus an eine grundsätzlich gute Welt.
Auch ihren Triumph beim Hawaii Ironman baute sie vor zwei Monaten grösstenteils mit mentalen Bausteinen auf, mit positiven Bildern, die sie die Schmerzen der körperlichen Anstrengung vergessen lassen. Die Vorstellung der Schönheit eines schwerelos über ihr schwebenden Adlers oder die Leichtigkeit eines Delphins liessen sie beim Schwimmen, Radfahren und Laufen in glühender Hitze die körperlichen Strapazen vergessen und in Euphorie geraten.
Wer vom Adler träumt, muss nicht unbedingt eine Meise haben.

Auch für Natascha Badmann gibt es noch anderers als nur den Sport. «Persönliche Erfolgsgefühle und Befriedigung kann ich auch im Seidenmalen erfahren», sagt sie. «Davon bin ich überzeugt.» Auch die Musik könnte sie sich als künftiges Tätigkeitsfeld vorstellen. «Mit dem Unterschied halt, dass meine sportlichen Erfolge - solange das Siege sind - auch von der Öffentlichkeit gewürdigt werden. Beim Malen oder bei der Musik wäre das wohl eher mein privates Glück.»