© SonntagsBlick; 2001-12-02; Seite s32; Nummer 48
Riitta Schäublin (19) steht als erste Frau im Tor eines Erstligisten - nun durfte sie beim EV Zug mittrainieren
VON ANDREAS INEICHEN (text) und sven thomann (fotos)
ZUG - Riitta Schäublin eine Hexe? «Ja», sagt sie lachend, «dazu muss ich wohl stehen. Meine Mutter sagt das öfters.» Dabei redeten wir doch gar nicht über ihre Wesensart! Aber mit feinem Humor und Herzlichkeit ist die 19-Jährige einer Anspielung elegant ausgewichen. Von Torhütern im Eishockey war die Rede, von solchen, die mit schier magischen Kräften die unwahrscheinlichsten Dinger entschärfen - und deshalb Hexer genannt werden. Riitta Schäublin ist auch Torhüterin. Sie spielt ihre erste Saison beim EHC Zunzgen-Sissach - mit den Männern in der 1. Liga! Davor wurde sie mit dem SC Reinach Schweizer Meister bei den Frauen. Vier Spiele über die ganze Länge und zwei Teileinsätze bestritt sie für die Baselbieter, die mit sieben Punkten aus insgesamt 14 Spielen auf dem zehnten und drittletzten Platz der Gruppe 2 liegen. Fünf Punkte holte Zunzgen-Sissach mit Schäublin im Tor (13 Gegentore in vier Spielen), deren zwei mit dem gleichaltrigen Stammgoalie Simon Roth. Gerade darum ist Riitta eine Hexe.
SonntagsBlick wollte wissen, welche Figur die mit 1,82 m grosse Frau im Tor eines NLA-Trainings macht. Der EVZ machte mit und lud sie zum Training ein. Donnerstagmorgen, 9.30 Uhr. Riitta erscheint mit vollgepackter Sporttasche auf dem Rücken und zwei Goaliestöcken in der Hand vor der Hertihalle. Leo Schumacher, Coach der Elite-Junioren, stellt ihr die gemeinsame Garderobe der EVZ-Trainer zum Umziehen zur Verfügung. «Ich würde niemals mit den Teamkollegen duschen», sagt sie später. Und: «Bei einem Engpass warte ich, bis die Schiris geduscht haben. Eine separate Garderobe kriege ich immer. Die Eismeister finden es einfach lustig, wenn ich danach frage.» Eine Weile später. In voller Montur stapft sie aus der Garderobe. Holt tief Luft und gesteht: «Ich bin richtig nervös. Das passiert mir sonst nicht mal vor einem Match!» Die EVZ-Spieler stehen bereits auf dem Eis der Trainingshalle, als Riitta zu dem in der Ecke stehenden EVZ-Goalietrainer Wladimir Myschkin kurvt. Nach einer kurzen Begrüssung zeigt der Olympiasieger von 1984 und sechsfache Weltmeister mit der UdSSR, was er in der nächsten Übung sehen will. Von links und rechts und der Mitte schiesst je ein Spieler aufs Tor. Der Goalie steht mit dem Rücken zu den Spielern, und erst der Pfiff von Myschkin verrät ihm, auf welche Seite er sich für den ersten Schuss drehen muss. Nach Patrick Schöpf und Ronnie Rüeger ist die Reihe an Riitta. «Nicht so hart schiessen», ruft Myschkin, bevor er pfeift - Riitta dreht sich auf die falsche Seite um. Tja, die Nerven... Aber die Studentin bleibt cool. Es läuft ihr immer besser. In der nächsten Übung lässt sich die Torhüterin mit dem Butterfly-Stil bei acht 2-1-Situationen nur einmal erwischen. Minuten später: Ein Match ist im Gang und Rüeger gerade derjenige Goalie, der aussetzt. Er fährt zur Spielerbank, nimmt einen Schluck aus der Trinkflasche und ruft: «Hey, die ist echt gut. Da sind ein paar Jungs aber zünftig erschrocken.» Und welches Zeugnis gibts von Myschkin? «Nach nur einem Training fiel mir auf, dass sie sehr beweglich ist und einen guten Reflex hat. Aber ihre Körperhaltung im Tor muss sie verbessern. Und Männer, so glaube ich, können das Spiel einfach schneller lesen.» Nach anderthalb Stunden geht das Training zu Ende. Riitta strahlt: «Das war echt geil! Die Spieler klopften mir auf die Schoner und sagten, ich sei gut gewesen.»
Zum Abschied gabs noch Geschenke - von Schöpf und Rüeger erhielt sie je einen Goaliestock. Als Erinnerung an einen ganz speziellen Hexentanz!
persönlich
Name: Schäublin Vorname: Riitta Geburtsdatum: 7. September 1982 Grösse: 1, 82 m Gewicht: «Über 70 kg, mehr will ich nicht verraten.» Beruf: Maturandin im Zwischenjahr. «Ich will Informatik an der ETH Zürich studieren.» Wohnort: Basel Verein: EHC Zunzgen-Sissach (1. Liga) Position: Torhüterin Länderspiele: 22 Grösste Erfolge: Aufstieg mit der Frauen-Nati in die A-Gruppe 2001, Einsätze mit Zunzgen-Sissach Hobbys: Schlafen, mit Kollegen etwas unternehmen.
ZUG - Wie beurteilen zwei EVZ-Profis und die Nationaltrainerin das Können von Riitta Schäublin?
Stefan Grogg, Stürmer: «Ich habe lange nicht gemerkt, dass der dritte Goalie eine Frau ist. Ich glaubte, das sei ein Elite-Junior. Dass Frauen im Eishockey wirklich gut sein können, habe ich erfahren, als ich in den USA auf Rollschuhen gegen eine Frau im Tor spielte. Riitta hat gute Reflexe und ein gutes Positionsspiel.»
Patrick Schöpf, Torhüter: «Ich weiss noch, wie ich damals als Erstliga-Goalie vom NLA-Team Lugano zum Training eingeladen wurde - und wie das erste Training total in die Hose ging. Von daher betrachtet bezeichne ich Riittas Auftritt als gelungen. Sie nutzt ihre Körpergrösse aus, macht sich gross im Tor, ist aber dennoch beweglich und geduldig.»
Diane Michaud, Nationaltrainerin der Frauen: «Riitta hat in letzter Zeit grosse Fortschritte in ihrer Entwicklung gemacht. Mit ihr haben wir an der WM 2001 den Aufstieg in die A-Gruppe geschafft. Bei vier Siegen in vier Spielen hat sie nur drei Tore kassiert. Ich bin mir sicher, dass eine Frau im Tor in der höchsten Spielklasse der Männer mithalten könnte, wenn sie von klein auf wie die talentierten Buben geschult und trainiert wird. Denn im Tor kommts nicht so darauf an, dass eine Frau im physischen Bereich und punkto Schnelligkeit einem Mann unterlegen ist.» A. I.