AZ - Reinach 29.09.98

«Aupairs» auf Reinacher Glatteis

SC Reinach Amerikanerinnen verstärken das Hockeyteam

Der Schlittschuhclub Reinach hat zur Verstärkung seines erfolgreichen Nationalliga- A-Teams zwei junge Amerikanerinnen engagiert. Seit drei Wochen trainieren Karen Cherninsky und Victoria Urbas aus Princeton/New York mit ihren Schweizer Kolleginnen.

HANS-RUEDI HUBER

In einer kalt gähnenden Eishalle dirigiert Trainer Toni Neuenschwander ein gutes Dutzend Eiskämpferinnen über das Spielfeld. Ohne genaueres Hinschauen würde man sie für Männer halten, denn die «Kampfanzüge» lassen die zarten Frauengesichter in ihren bulligen Panzern verschwinden. Visuell sind die «Neulinge» deshalb voll ins Team integriert. Trainer Neuenschwander gibt seine Anweisungen auf Mundart. Kein Problem für die Amerikanerinnen, denn Hockey ist international. Das Zusammenspiel läuft perfekt.

Nach dem Training kommen die beiden an die Bande. Sofort sind die Schutzhelme weg und zwei strahlende, feine Frauengesichter, denen man kaum

Mundart, kein Problem für die Amerikanerinnen

einen harten Sport zutrauen würde, grüssen auf fröhlich-lässige Art: «Hi.» Später treffen wir uns im Club-Restaurant: Karen, die mit den schwarzen Haaren und den funkelnden grünen Augen, und Victoria, die blonde, blauäugige, die ihre angelsächsische Herkunft nicht verleugnen kann. «Well, let's start» - und schon sind wir im Gespräch, stets aufmerksam beobachtet von «Toni», ihrem Coach. «Eishockey ist unsere Lebensschule», sagt Victoria. «Dort lernst du alles, was du im Leben brauchst; vor allem aber das zielorientierte Zusammenarbeiten in einem Team, Disziplin und hartes Arbeiten.»

In den USA galten sie als «Top-Spielerinnen» der College-Liga. Ihr Club war «University of Princeton». Princeton ist ein Vorort von New York. Dort sind sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. Karen studierte Politik, Victoria Geologie. Karen, die Stürmerin, lernte bei ihren fünf Brüdern und vier Schwestern «kämpfen»; Victoria, die Verteidigerin, musste sich gegenüber ihrer älteren Schwester behaupten. Da ihnen der Reinacher Club kein Salär bezahlen kann, arbeiten die 23jährigen Freundinnen als «Aupair». «Wir lieben diesen Job», meinen sie einstimmig und schmunzeln dabei geheimnisvoll. Man nimmt ihnen ab, dass sie sich liebevoll um Kinder kümmern können. Das tun sie den ganzen Tag, bei zwei Familien in Zug. Nach Saisonende wollen sie noch zwei Monate durch die Schweiz und Europa reisen. Die Schweiz haben sie vor vier Jahren bei einem Freundschaftsspiel in St. Gallen kennen- und schätzengelernt. «Die Schweizer sind ganz nett, wenn man sie einmal etwas besser kennt.» Zu Reinach selbst haben die beiden Frauen - mit Ausnahme der Eishalle - noch keinen starken Bezug. Dass die Region das Schweizer «Stumpenland» ist, stört die nichtrauchenden Amerikanerinnen nicht. «Jeder muss selber wissen, was er tut.» Das neue Reinacher McDonald's haben sie wohl zur Kenntnis genommen: «Oh, ein wenig Heimat!» Aber in der Schweiz wollen sie das essen, was alle essen: Käse, knuspriges Brot und vor allem viel Schokolade. Kalorien können sie «tonnenweise» gebrauchen, denn Schweizer Hockey sei zwar «weniger aggressiv als in den USA, dafür werde aber härter gespielt.»

«Wir wollten als {Aupair} in die Schweiz kommen, da es für uns junge {Girls} besser ist, in eine Familie eingebettet zu sein, als uns {frei} durchschlagen zu müssen.» Sie sind junge Erwachsene von heute: Karen steht auf «Pearl Jam» und Victoria auf «Beastie Boys», zwei amerikanische Musikgruppen. Karen will als Hobby-Fotografin auf jeden Fall die Alpen ablichten. Victoria zieht es vor, die Gegend bei ausgiebigen Jogging-Touren kennenzulernen.

«Für uns ist die Zeit in der Schweiz eine Chance, uns Gedanken über die Zukunft zu machen», meint Karen. Sie flirtet mit dem «Master-Degree» in Politik und mit einer Karriere als Berufs-Hockeyanerin in der sich neu entwickelnden Damen-Profi-Liga in den USA. Victoria denkt eher an eine Laufbahn in Marketing und Werbung. Bis dahin werden sie aber hoffentlich noch viele Tore für den SC Reinach schiessen.


AZ - Reinach 15.09.98

Wo sogar Ausländer gratis spielen

Reinach Schlittschuhclub mit knappem Budget und viel Motivation in die neue Saison

Der Schlittschuhclub Reinach startet in die neue Saison: Mit zehn Teams, 220 000 Franken Budget und zwei Spielerinnen aus Amerika.

An manchen Orten sind die Schwimmbäder noch offen, und schon beginnt in der Kunsteisbahn Oberwynental die Hockey-Saison. Für das Publikum öffnet die Eisbahn zwar erst am 28. September; das 2.-Liga-Herrenteam hat aber bereits das erste Freundschaftsspiel auf eigenem Eis ausgetragen und gegen den EHC Brandis (3. Liga) gleich mit 11:1 gewonnen. Die Damen, welche in der Nationalliga A zu Hause sind, haben gegen Lyss (ebenfalls NLA) mit 2:3 verloren.

Die beiden Fanion-Teams sind nur zwei der zehn Mannschaften, mit denen der SC Reinach in die neue Saison startet. Von den «Bambini» bis zu den «Junioren» stellt der SC Reinach in allen Nachwuchs-Kategorien eine Mannschaft - für einen Verein mit 180 Aktiven ein beträchtliches Angebot. Einige der Mannschaften haben recht kleine Kader. Deshalb spielen einige Spielerinnen und Spieler gleich in zwei Mannschaften. «Wir sind halt ein Landverein», sagte Präsident Franz Pelloli an einer Medienorientierung, «das hat aber auch Vorteile: Man kennt sich noch.»

220 000 Franken beträgt das Budget für den gesamten Verein. Eine Einnahmequelle ist das Herbstfest, das über das Wochenende bei der Eisbahn stattgefunden hat. Am Herbstfest haben alle Aktiven in einem Sponsorenlauf mit den Schlittschuhen für Geld Runden gedreht. Weitere Einnahmequellen sind Sponsor- und Mitgliederbeiträge sowie der Flohmarkt, den der SC Reinach jeden Samstag im alten AEW-Unterwerk durchführt. Das Geld reicht nicht einmal, um den Spielerinnen und Spielern Reise- oder Materialspesen zu bezahlen - von Löhnen ganz zu schweigen.

Dennoch hat der Verein wie in der letzten Saison für das Damenteam zwei Ausländerinnen eingeflogen. Victoria Urbas und Karen Chernisky kommen aus Princeton, New Jersey. Nur den Flug mussten der SC Reinach den beiden Frauen bezahlen. Untergebracht sind sie als Au-pairs bei Gastfamilien in Zug. Die beiden Amerikanerinnen sind nicht die einzigen Auswärtigen im Damenteam. Nur drei der sechzehn Spielerinnen sind Reinacherinnen, die anderen kommen unter anderem aus Langenthal, Burgdorf, Aarau oder Zürich. «Damenmannschaften sind im Schweizer Eishockey halt noch sehr dünn gesät», sagt Pelloli. Zudem ist exakt die Hälfte der Spielerinnen neu im Team. «Für den Trainer ist das ziemlich schwierig», sagt Toni Niedermann, der die Damen bereits in der letzten Saison auf den zweiten Platz der Schweizer Meisterschaft geführt hat.

Mehr Konstanz herrscht bei den 2.-Liga-Herren. Marcel Meier, Thomas Vetsch, Patrick Villiger und Thomas Elias haben die Mannschaft von Trainer Eric Winkler verlassen; dafür sind Roger Faes, Patrick Bosshardt, Hanspeter Schaerer und Flurin Brändli neu zur Mannschaft gestossen. 16 der 21 Spieler sind aus dem Oberwynental. Ligaerhalt, lautet das Ziel, das ihnen Präsident Pelloli aufgibt: «Schön wäre es, wenn wir nicht bis zum letzten Spiel zittern müssten.» Die Damenmannschaft möchte wie in den letzten zwei Jahren in der ersten Tabellenhälfte der Nationalliga A mitmischen. (hä)