Nagano Stories07.02.1998

STEHRAMPE

Checklose Puckjägerinnen

HANSRUEDI CAMENISCH

Im Big-Hat-Stadion zu Nagano zelebrieren diese Woche die weltbestenEishockeystars aus der National Hockey League (NHL) ihre prestigeträchtigen Auftritte.Gestern machten unter dem «Grossen Hut» die Dollar-Millionäre den Frauen Platz.Kanadierinnen und Amerikanerinnen jagten im ersten olympischen Damen-Eishockeyfinal demPuck nach. Statt männliche Rohkraft, Intensität und Tempo dominierten weiblicheläuferische Eleganz und zumindest zwischendurch technische Finessen, während derSpielaufbau immer wieder an Fehlpässen und Zufälligkeiten scheiterte.

Knallharte Zweikämpfe sind unter den Frauen trotz kompletterEishockeymontur verpönt. Seit nach dem ersten WM-Final nur etwa zwei Drittel allerSpielerinnen beider Teams zur Siegerehrung antrat, weil sich der Rest gleichzeitig in derKabine pflegen oder im Spital verarzten lassen musste, sind Bodychecks untersagt undwerden mit Zweiminutenstrafen belegt.

Totales Engagement ist für die Eishockey-Frauen dennoch Ehrensache —für den Sieg und ihren Sport. Vom Dollarsegen ihrer männlichen Vorbilder könnenallerdings selbst die Kanadierinnen, die alle vier bisherigen Weltmeisterschaften gewonnenhaben, nur träumen. Mit Ausnahme von Goalie Manon Rheaume, die einmal während einesTrainingsspiels beim NHL-Klub Tampa Bay zwischen den Torpfosten stand und die auch schoneinen einmaligen Auftritt in Feldkirch gegeben hat, sind alle vom 18jährigen Nesthäkchenbis zur 39jährigen Teamseniorin blütenweisse Amateure. Für Olympia haben sie jedochihre Jobs während fünf Monaten links liegen lassen und sich gemeinsam in Calgary aufNagano vorbereitet.

Mangels vielfältiger Konkurrenz trugen die Kanadierinnen nicht wenigerals 13 Partien gegen den grossen Erzfeind USA aus — zum Teil vor 15 000 Zuschauern!Der ganze Idealismus und all die Schinderei auf dem Eis und im Kraftraum haben sichzuletzt nicht einmal bezahlt gemacht: Die Amerikanerinnen erwiesen sich bei denLänderspielen als gute Schülerinnen und gewannen gestern den Olympiafinal glatt mit 3:1.

Jetzt liegt es an den kanadischen Söhnen aus dem Mutterland desEishockeys, bis Sonntag zu beweisen, dass wenigstens sie wirklich die Nummer 1 auf derWelt sind.
Silvia Kuhn (Aargauer Zeitung), Hansruedi Camenisch (Südostschweiz) und Hansjörg Wyss (Neue Luzerner Zeitung) berichten in dieser Kolumne von ihren Eindrücken in Japan.


Kanada am Boden zerstört

Eishockey-Finale der Frauen: Ewiger Zweiter USA besteigt bei der Premiere denolympischem Thron

Innerhalb von Sekunden verwandelte sich das Eis von Big Hat in ein Meer von Tränen.Während sich die US-Girls mit Freudentränen nach dem gewonnenen Finale blitzschnell vonSchläger und Helmen trennten, in Stars and Stripes schmückten und die eigensvorbereiteten Kappen mit der Aufschrift «USA Women — Olympic Champion 1998»aufsetzten, waren die Ladies des viermaligen Weltmeisters Kanada am Boden zerstört.

Ausgerechnet bei der olympischen Premiere der Eishockey-Frauen hatten die USA mit demGewinn der Goldmedaille die seit 1990 andauernde Dominanz des viermaligen WM-ChampionsKanada gebrochen. Vor 10 400 Zuschauern in der ausverkauften Eishalle Big Hat feierte derewige Zweite mit dem 3:1-Sieg über den verhassten Erzrivalen den grössten Erfolg inseiner Geschichte, nachdem die Amerikanerinnen zuvor alle Weltmeisterschafts-Endspielegegen ebendiesen Gegner verloren hatten.

«Das ist ein grosser Tag für uns alle, den niemand von uns vergessen wird», meinteeine freudetrunkene US-Spielführerin Jennifer Schmidgall, nachdem sie kurz zuvor ebensowie ihre Mitspielerinnen unter tosendem Applaus aus der Hand des amerikanischenIOC-Mitglieds Anita Defrants die Goldmedaille umgehängt bekommen hatte. Zuvor hatten dieUS-Girls Hand in Hand dem grössten Moment ihrer sportlichen Karriere entgegengefiebert,nach der Ehrenrunde dröhnte laute Rockmusik aus der amerikanischen Kabine, zu der einigeFlaschen Champagner geköpft wurden.

Gedrückt war dagegen die Stimmung beim entzauberten Favoriten, der erst lange nach derMedaillen-Zeremonie im Umkleideraum die kanadische Nationalhymne anstimmte.

«Zunächst fühlt man eine innere Leere, wenn man sein grosses Ziel verpasst hat. Dannaber kommt der stolz über die gewonnene Silbermedaille», meinte Kanadas TrainerinShannon Miller einigermassen gefasst.

Dennoch gab sie zu: «Als die US-Spielerinnen Gold bekommen haben, hätte ich zunächstam liebsten mit ihnen getauscht. Als ich dann aber auf der Videowand Catherine Granato mitder Goldmedaille gesehen habe, war mir klar, dass es viel wichtiger ist, dass erstmals einFrauen-Eishockeyteam bei Olympia Gold gewonnen hat. Das ist der Lohn für die langjährigeArbeit.»

Das US-Team von Trainer Ben Smith hatte bereits das direkte Duell in der Vorrunde 7:4für sich entschieden. Im Spiel um die Bronzemedaille hatte sich wie erwartet derWM-Dritte Finnland 4:1 gegen China durchgesetzt.

Unter den Augen von «The Great One» Wayne Gretzky und Teilen der kanadischenMännermannschaft, die einen Tag zuvor die US-Boys mit 4:1 vom Eis gefegt hatten und ihre«Ladies» bis zum Schluss lautstark anfeuerten, entwickelte sich nicht das im Vorfeldbefürchtete aggressive Duell wie drei Tage zuvor. Dort hatten beide Teams noch mitteilweise versteckten Fouls agiert. «Heute hatten alle ihre Emotionen im Griff, dennschliesslich war es ein historisches Finale», erklärte Miller.

In der zunächst ausgeglichenen Partie gingen die Amerikanerinnen in Überzahl durchStürmerin Gretchen Ulion (23.) in Führung. Danach erspielten sich die technisch besserwirkenden US-HFrauen einen leichten Vorteil. In den letzten 20 Minuten entwickelte sichein dramatischer Schlagabtausch mit hochkarätigen Chancen auf beiden Seiten. US-TorfrauSarah Tueting brachte die kanadischen Stürmerinnen immer wieder zur Verzweiflung.Ebenfalls im Powerplay traf Shelley Looney (51.) zum 2:0.

Fünf Minuten später machte Goyette ihre Unbeherrschtheit mit dem Anschlusstreffer,ebenfalls in Überzahl, zwar wieder gut. Doch der Traum vom Gold war für die«Ahornblätter» spätestens ausgeträumt, als Sandra Whyte den Puck wenige Sekunden vorSchluss in das leere kanadische Tor einschieben konnte. «Ich kann nicht glauben, dass ichdas alles entscheidende Tor geschossen habe. Ich war noch nie so glücklich», meinteWhyte.

Kuriosum am Rande: Ausgerechnet eine kanadische «Unparteiische» leitete das Spiel.Dazu war es gekommen, weil die mit der Leitung der Partie beauftragte Deutsche ManuelaGröger wegen einer fiebrigen Erkältung kurzfristig absagen musste und auch die SchweizerErsatzschiedsrichterin Sandra Dombrowski erkrankt ausfiel. Die solcherart «beglückte»Marina Zenk brachte das brisante Aufeinandertreffen allerdings neutral und sicher überdie Bühne.



«Der Gipfel des Berges rückt in Sichtweite»

Ren Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes, zieht Bilanz

Die Vereinigung von Olmypia und Eishockey mit den weltbesten Spielern auf höchstem Niveau sei «zauberhaft«, zieht Ren Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) Bilanz. Nach jahrelanger harter Vorbereitung rücke jetzt der Gipfel des Berges, das krönende Finale, in Sichtweite.

Ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen, als die Stars aus der National Hockey League (NHL) ihre Schlittschuhe erstmals in der Olympia-Geschichte in Nagano aufs Eis gesetzt haben?

Ren Fasel: Natürlich bin ich sehr glücklich. Am Ziel bin ich aber erst, wenn wir die laufende Woche auch noch gut über die Runden bringen und das Eishockeyturnier mit einem hochstehenden Final gekrönt wird. Wie schnell aus einem Traum ein Alptraum werden kann, hat man gestern mit den Nationalitäten-Problemen des schwedischen Spielers Ulf Samuelsson gesehen. Wir haben den «Fall Samuelsson« rasch und vernünftig gelöst. Jetzt steht wieder der Sport im Mittelpunkt.

Welches waren die entscheidenden Faktoren, damit es mit dem Olympiaauftritt der NHL-Stars geklappt hat?

Ren Fasel: Allein schon die räumlichen Distanzen machten es schwierig, alle Interessen unter einen Hut zu bringen: Der Sitz der NHL-Spielergewerkschaft befindet sich in Toronto, jener der NHL in New York, und die IIHF hat ihr Zentrum in Zürich. Ich bin sicher 20mal über den Atlantik geflogen, um die massgebenden Leute zu besuchen und einen gangbaren Weg für den Olympiaauftritt zu finden. Es war nicht immer einfach, vergleichbar mit dem Bergsteigen: Es gab zwischendurch Probleme mit dem Wetter und auch Steinschlag. Insgesamt war es eine harte Zeit. Doch jetzt, wo wir den Gipfel des Berges, sprich den Olmypiafinal, vor Augen sehen, will ich nicht mehr über frühere Schwierigkeiten sprechen.

Mussten Sie die NHL und die Spielergewerkschaft mit Geld ködern?

Ren Fasel: Geld spielte bei all den Verhandlungen keine Rolle.

Im Gegensatz zu den Basketball-Stars des US-Dream-Teams an den Sommerspielen wohnen gegenwärtig in Nagano selbst die berühmtesten Eishockeyspieler nicht in Nobelhotels, sondern in Doppelzimmern im Olympiadorf. Sind die Puckjäger weniger verwöhnt?

Ren Fasel: Die weltbesten Eishockeyspieler besitzen nicht nur genug Geld für die Miete der teuersten Hotelsuiten, sie könnten mit ihrem Vermögen wohl gleich die Hotels kaufen. Ein Bett im Olympiadorf kann sich hingegen keiner mit Geld erstehen, das muss sich jeder Athlet mit der Selektion über die Landesverbände erkämpfen und verdienen. Ich habe es in den letzten Tagen mit eigenen Augen gesehen, dass die prominenten Eishockeyspieler stolz darauf sind, im Olympiadorf zu leben. Sie benehmen sich dort wie alle übrigen Einwohner, schätzen den Kontakt zu anderen Sportlern und lieben diese Atmosphäre. Ein Olympiadorf ist eben wirklich etwas Einmaliges. Ehemalige Olympiateilnehmer haben den jetzigen Eishockeycracks geraten, diese einmalige Chance des Lebens im Olympiadorf ja nicht zu verpassen.

Wer profitiert vom Auftritt der Eishockeystars in Nagano mehr, Olmypia oder das Eishockey?

Ren Fasel: Olympia und Eishockey auf diesem absoluten Spitzenniveau -- das ist ganz einfach zauberhaft! Das kann nur hier in Nagano passieren und dann nie mehr. Nachher ist es weg und wird nie mehr so wie beim erstenmal sein. Sowohl Olympia als auch das Eishockey profitieren jetzt von dieser Situation.

Die A-Weltmeisterschaft findet in der ersten Mai-Hälfte in der Schweiz statt, wenn in der NHL noch um den Stanley-Cup gespielt wird. Verkommt die WM im Vergleich zu Olmypia zu einem «Provinzturnier«?

Ren Fasel: Absolut nicht! In der NHL stehen 650 Spieler unter Vertrag. Von diesen spielen jetzt nur 114 in Nagano. Ich weiss von einem Akteur, der im Olympia-Team der USA auf Pikett stand. Er hat gesagt, er wolle um jeden Preis an die WM, sofern er dann mit seinem NHL-Team nicht mehr in den Playoffs engagiert sei, und in der Schweiz beweisen, dass er ein gutes Eishockey spielen könne. Ich glaube, dass noch viele andere Spieler so denken und bin zuversichtlich, dass die Schweiz eine attraktive WM mit zahlreichen prominenten NHL-Cracks erleben wird.

Sie sind als IIHF-Präsident auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Welchen Eindruck haben Sie von den Spielen in Nagano erhalten?

Ren Fasel: Was das Eishockey betrifft, und hier kann ich es beurteilen, läuft alles sensationell. Die rund 300 freiwilligen Helfer in unserem Bereich setzen sich mit einem einmaligen Arbeitswillen und enormem Enthusiasmus ein. Ich kann den Japanern nur gratulieren zu all dem, was sie uns bieten. Alle Leute sind so freundlich. Hier dabeizusein ist wirklich ein schönes Gefühl.