Das Schweizer Frauen-Eishockey: eine Bestandesaufnahme

Nachdem die auf die Meisterschaft 95/96 eingeführte Nationalliga B auf Anhieb als voller Erfolg bezeichnet werden konnte, wurde noch in der gleichen Saison mit der Gründung von regionalen Auswahlteams in der Zentral- und Ostschweiz ein erster Schritt gemacht, um unter der Nationalmannschaft eine Leistungs-Pyramide zu schaffen. Im Laufe der Saison 96/97 wurde im Schweizer Frauen-Eishockey erneut einiges bewegt. Bereits im Sommer kam mit der Schaffung des B-Nationalteams, welches von allem Anfang an bereits vom Verband finanziell unterstützt wurde, ein weiterer sehr wichtiger Schritt dazu. Ende letzter Saison konnte mit der Schaffung der Auswahl Suisse Romand und der Neuorganisation der beiden anderen Regionalteams der Unterbau der Nationalmannschaft vervollständigt werden. Für die Führung dieser Mannschaften konnten eine Anzahl kompetenter und erfahrener Eishockeyfachleute gewonnen werden. Dies zeigt, dass das Schweizer Frauen-Eishockey immer ernster genommen wird. Die Bildung dieser Auswahlteams hingegen wird sich kaum schon in der kommenden Saison nachhaltig auf die Leistungen der Nationalmannschaft auswirken. Die Ernte dieser Anstrengungen wird frühestens in 2 bis 3 Jahren eingefahren werden können.

Das Fernziel für die Nationalmannschaft kann nur heissen: Teilnahme an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City. Bei der zweiten Auflage eines olympischen Frauen-Turniers werden acht Mannschaften teilnehmen können. Der Platz in der erweiterten Weltspitze (zwischen Rang 5 und 8) soll aber bereits mittelfristig konsolidiert werden. Im weiteren muss der Abstand zur absoluten Weltspitze unbedingt massiv verringert werden.

Das erste Zwischenziel wurde mit dem souveränen Gewinn des WM-Qualifikationsturnier in Huttwil im März98 und der damit verbunden Berechtigung zur Teilnahme an der A-Weltmeisterschaft 1999 in Finnland erreicht. Die Bestätigung dieses Resultats in Form eines Nichtabstiegs (min. 7. Platz) bei der WM im Frühling, dürfte allerdings ungemein viel schwieriger werden.

Um in Zukunft näher an die Weltspitze zu gelangen, wird eine Vielzahl von weiteren Massnahmen nötig sein. So muss unbedingt die Anzahl Spielerinnen in der Schweiz in absehbarer zeit von heute ungefähr 700 auf mindestens 1500 erhöht werden. Dazu ist aber eine bessere Eingliederung der Mädchen in die Nachwuchsmannschaften der Clubs notwendig. Andererseits müssen aber auch neue Teams in Clubs etabliert werden, die bis heute den Frauen keine Spielgelegenheit bieten. Vor allem aber sind die bestehenden Clubs mit Frauenteams gefordert, die Nachwuchsarbeit endlich ernst zu nehmen! Dazu müssen Nachwuchs- und Reservemannschaften gegründet werden, um so Spielgelegenheiten für junge Mädchen zu schaffen, die nicht schon mit 7 oder 8 Jahren bei den Knaben begonnen haben, Eishockey zu spielen.

Obwohl sich die Akzeptanz dieser noch jungen Sportart in den letzten paar Jahren eklatant verbessert hat – zumindest die Mannschaften aus den beiden obersten Ligen und die Auswahlteams werden heute nicht mehr in Frage gestellt – ist noch ein weiter Weg zu gehen. Dem steht aber die nach wie vor weitverbreitete Meinung von einigen Clubfunktionären gegenüber, dass die Mädchen und Frauen nur den "richtigen" Eishockeyspielern das Eis wegnehmen. Diese Ansichten zu ändern, gehört meines Erachtens wohl oder übel zu den Aufgaben jeder Person, die sich in der Schweiz aktiv mit Frauen-Eishockey beschäftigt. Viele Leute mit "konservativen Eishockeyideen" sehen bis heute nicht ein, dass das Frauen-Eishockey nicht eine Konkurrenz sondern ganz klar eine Belebung und Verbreiterung der Basis unserer Sportart darstellt und diese damit stärker und gewichtiger macht. Ein positiver Punkt sind sicher auch die immer zahlreicher werdenden Schiedsrichterinnen und Trainerinnen, die sich in den Nachwuchsabteilungen engagieren. Viele von ihnen sind oder waren selber aktiv.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil sind die kurzen geographischen Distanzen in der Schweiz. Wir sind neben Finnland das einzige Land, das seine besten Spielerinnen in wenigen Spitzenteams konzentrieren und so in der Meisterschaft permanent gegeneinander antreten lassen kann. Dieser Trumpf wird aber noch nicht voll ausgespielt, da noch in zu wenigen Clubs versucht wird, wirklich Leistungssport zu betreiben. Diese Voraussetzung ist aber in Zukunft absolut notwendig, wenn wir mit der Nationalmannschaft die erwähnten Ziele erreichen wollen. Die Meisterschaft muss ausgeglichen bleiben, wie dies die letzten beiden Saisons der Fall war. Zusätzlich muss aber der Niveauunterschied innerhalb der Teams verringert, die Anzahl Trainings auf minimal dreimal Eis und einmal Kraft pro Woche gesteigert, sowie die Anzahl Meisterschaftsspiele auf 25 – 30 erhöht werden.

Das Fundament steht, jetzt liegt es vor allem an den einzelnen Clubverantwortlichen und Spielerinnen ob der Mehraufwand auf sich genommen wird, der die angestrebte Steigerung mit sich bringt.

Nick Heim, Sommer 1998