Neue Zürcher Zeitung
SPORT Samstag, 13.03.1999 Nr. 60 55
tre. Eishockeyspielende Frauen zählen in der Schweiz eher zu einer Randerscheinung und entsprechen kaum dem Idealbild von Traditionalisten. Pirouetten und Sprungkombinationen passen besser zum weiblichen Klischee als Powerplay und Penaltykilling. Die Elite der hiesigen Szene nimmt gegenwärtig in Finnland an der WM teil. In der Schweiz sind 700 Frauen im Besitz einer Lizenz zum Umgang mit Stock und Puck; obwohl Frauen-Eishockey in Nagano erstmals im olympischen Programm figurierte, wirkte sich diese Statusverbesserung kaum positiv auf die Entwicklung in der Schweiz aus - ein gewisses Imageproblem ist unverkennbar. Doch nicht alle Verbände kennen solche Akzeptanz-Schwierigkeiten. In Kanada, wo die erste Frauenliga im Jahr 1900 gegründet wurde, zählt der Verband 40 000 Spielerinnen, in den USA 23 000. Vor Jahresfrist fand ein Olympia- Vorbereitungsspiel zwischen den beiden nordamerikanischen Nationalteams in Calgary vor 16 000 Zuschauern statt. Nicht nur organisatorisch, auch sportlich besteht eine Zweiklassengesellschaft. Die 0:10-Niederlage gegen Kanada zum WM-Start bezeichnete die Schweizer Stürmerin Sandra Cattaneo als «ehrenvoll»; das beste je gegen Kanada erzielte Resultat sei ein 1:6 gewesen. Wie in (fast) allen anderen Sportarten ist auch im Eishockey der Leistungsunterschied zwischen Männlein und Weiblein frappant. Body-Checks sind unter Damen nicht erlaubt. Einzig auf der Torhüterposition können Frauen (auf einem gewissen Niveau) mit ihren Branchenkollegen mithalten. Patricia Sautter, Goalie der Schweizer Nationalequipe, hütet das Tor der Winterthurer Elite-B-Junioren und besitzt sogar die Lizenz für Erstligaspiele. In der Schweiz dürfen sich Mädchen bis zur Novizen-Kategorie an der Junioren- Meisterschaft beteiligen; danach ist eine Spezial- Genehmigung notwendig. Die wohl bekannteste Eishockeyspielerin ist die Torhüterin Manon Rheaume. Die 27jährige Kanadierin wurde (zu Werbezwecken) schon in einem Exhibition-Match mit den Tampa Bay Lightning eingesetzt. Auch die Verantwortlichen der VEU Feldkirch beanspruchten die PR-Dienste der Torfrau. 1995 stand sie in einem Testspiel gegen den ZSC im Feldkircher Tor. Der Schweizer Nationalcoach Ralph Krueger, damals Trainer der Vorarlberger, erinnert sich mit einem Schmunzeln an jene Partie. Seine Spieler hätten sich noch nie so beherzt in die Scheiben geworfen, und die Zürcher seien sichtlich verunsichert gewesen. Ob letzteres allerdings mit Rheaumes Präsenz zusammenhing, ist fraglich. Nicht immer ist eine attraktive Brunette notwendig, um Zürcher Eishockey-Spieler zu irritieren. |