Erschienen am: 30.01.2002

«Im Sport zählt Leistung - nicht das Geschlecht»

Seit dieser Saison spielt Riitta Schäublin als erste Frau in der dritthöchsten Eishockey-Liga der Schweiz. Ihre Präsenz in einem ungewohnten Umfeld stösst auf grosses Interesse - vor allem deshalb, weil Frauen in Männerteams, die Spitzensport betreiben, eine grosse Ausnahme bleiben.
Torhüterin Riitta Schäublin fühlt sich im Kreis ihrer Teamkollegen voll akzeptiert. Foto Dominik Plüss
Basel. «Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter», trällerte die Schlagersängerin Wencke Myhre irgendwann einmal, lang ist es her. Heute kann die Rollenverteilung schon mal umgekehrt sein. Die Frau steht im Tor, und die Männer haben sich hinter und vor ihr zu bemühen, sie bei der Arbeit so gut wie möglich zu unterstützen.
Beim EHC Zunzgen/Sissach zumindest sind die Rollen derart ungewohnt verteilt. Zwei Goalies befinden sich im Kader des Eishockey-Erstligisten. Einer davon ist eine Sie: Riitta Schäublin bestreitet ihre erste Saison in einem Männerteam. Und sie macht ihre Sache gut. So gut, dass sie inzwischen als Stammtorhüterin des Clubs angesehen werden darf. Zuvor hatte es noch einige Hürden zu überspringen gegeben, um als erste Frau in der dritthöchsten Schweizer Spielklasse (der Männer) antreten zu dürfen. Erst war ihr jetziger Verein von ihrem Können zu überzeugen, dann mussten die Regionalverbände einer Reglementsänderung zustimmen, die ihren Einsatz überhaupt erst ermöglichte.

Keine PR-Geschichte

Doch so selbstverständlich, wie die Geschichte klingt, war der Weg der 19-Jährigen zur Torhüterin bei Z/S keineswegs. Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der Baselbieter Club über eine Verpflichtung der gross gewachsenen Baslerin nachdenkt, kam an manchem Ort vorschnell der Verdacht auf, es könne sich dabei um eine PR-Geschichte handeln. Allein dieser Gedankengang zeigt schon, dass der Eintritt einer Frau in eine Männerdomäne nicht immer reibungslos vonstatten geht. Dass ausschliesslich sportliche Gründe für den Verein ausschlaggebend waren, die Spielerin zu verpflichten, musste Z/S dem Verband denn auch im Antrag für die Spielgenehmigung beteuern.
Im Herbst 2001 wars dann so weit, im vierten Saisonspiel kam Schäublin erstmals zu einem Einsatz. Die Torhüterin weiss, dass ihre Präsenz in der 1. Liga ein mediales Echo ausgelöst hat, das keiner ihrer Teamkollegen auch nur annähernd erreichen kann. Doch die Baslerin hat sich gut auf dieses - aus ihrer Sicht - übertriebene Interesse eingestellt. Wenn es ihr passt, spielt sie das Spiel der Medien mit, wenn nicht, verzichtet sie dankend. So erteilte sie im vergangenen Sommer «10 vor 10» eine Absage, als das Nachrichtenmagazin ihre Geschichte verfilmen wollte.
«Mich ärgert, wenn man jemanden vor dem Wettkampf hochjubelt», begründet sie ihren Entscheid, denn zu jenem Zeitpunkt hatte sie noch kein Spiel für Z/S absolviert. Hingegen liess sie sich gerne vom «Sonntagsblick» einspannen, als ihr dieser ein Probetraining beim EV Zug ermöglichte. «Ich wusste von Anfang an, dass das nur ein Promo-Gag ist.» Sie habe aber unbedingt mal bei einem Profiteam reinschauen wollen, das Erlebnis bezeichnet sie rückblickend mit leuchtenden Augen als «grossartig».
Die angehende Wirtschaftsstudentin weiss nur Positives über ihre ersten Monate in einem Männerteam zu berichten. «Ich wurde von Anfang an von meinen Mitspielern grossartig akzeptiert.» Erst seien die Teamkollegen vorsichtig gewesen, sagt sie, und meint damit in erster Linie den Umgangston. Inzwischen hätten sie aber gemerkt, dass sich die junge Torhüterin auch in einer Männergruppe bestens zu verteidigen wisse, und würden sie deshalb wie einen männlichen Mitspieler behandeln. Auch haben die Männer anfangs nicht so recht gewusst, ob sie mit voller Wucht auf ihr Tor abziehen dürfen, doch diese Unsicherheit hat sich ebenfalls längst gelegt.

Gegner nehmen keine Rücksicht

Auch die Gegner im Wettkampf nehmen keine Rücksicht, dass da eine Frau versucht, sie an Torerfolgen zu hindern. «Einmal nur habe ich gemerkt, dass ein Spieler den Stock zurückzieht, statt nachzustochern.» Manchmal würden ihre Mitspieler im Training sie gar stärker als nötig bedrängen, damit sie den Respekt vor solchen Situationen verliere. Dies wertet sie als Zeichen, dass ihr sportliches Leistungsvermögen ernst genommen wird.
Denn dieses - und nur dieses - bildet den Hintergrund ihres beachteten Ausflugs ins Männer-Eishockey. Im letzten Jahr noch bestritt Schäublin mit Reinach die Meisterschaft der Frauen, doch schon damals absolvierte sie einige Trainings bei Z/S und spürte sofort, dass ihr die härteren und schnelleren Schüsse sportliche Fortschritte ermöglichen. Es ist ihr wichtig zu betonen, sie spiele bei den Männern, um guten Sport auszuüben - das Geschlecht ihrer Mitspieler sei ihr egal.
Sie will als Sportlerin ernst genommen werden. Als Vorkämpferin, die anderen Frauen irgendwelche Türen öffnet, betrachtet sie sich selber nicht, denn «ich bin keine Feministin». Vielleicht deshalb nicht, weil sie selber kaum Erfahrungen gemacht hat, mit denen Frauen in der Berufswelt manchmal zu kämpfen haben. Im Sport, dies ist ihre Wahrnehmung, zähle die Leistung des Einzelnen - unabhängig vom Geschlecht.
Neid ihrer Geschlechtsgenossinnen ist ihr fremd. Die Kolleginnen im der Frauen-Nationalteam würden sich sehr für ihr «Abenteuer Männerliga» interessieren, fänden den Schritt gut, meint sie. Überhaupt fühlt sie sich von allen Seiten unterstützt - insbesondere auch von ihrer Familie. Bruder Jarkko spielt selber ambitioniert Eishockey, in der Nationalliga B für den EHC Basel. «Er akzeptiert mich als Eishockeyspielerin», sagt sie nicht ohne Stolz, denn seine Meinung bedeute ihr sehr viel. Ein Mann also, der hinter ihr steht, während sie das Tor hütet.

Von Patrick Künzle