Walter
Ryser
Riitta Schäublin seufzt und sagt ohne Umschweife, was
sie denkt, als sie am Natel erfährt, wer sie sprechen will: «Nein,
nicht schon wieder.» Immer wieder rufen in diesen Tagen Journalisten
an, auf Schritt und Tritt wird sie von Fotografen verfolgt. Der
19-jährigen Baslerin ist so viel Aufmerksamkeit unangenehm. «Ich bin
nicht gerne in der Zeitung. Das muss doch nicht jeder wissen», wehrt
sie ab, um dann doch bereitwillig Auskunft zu geben.
Bei
den Männern mehr gefordert
Riitta Schäublin hat eine
absolute Männer-Domäne geknackt. Am 17. Oktober stand sie im
Erstliga-Spiel zwischen Zunzgen-Sissach und Langen-thal ab der 30.
Minute für Simon Roth im Zunzgen-Tor und sorgte damit für eine
aufsehenerregende Premiere im Schweizer Eishockey, stand doch noch nie eine Frau in
einer der drei höchsten Männer-Ligen des Landes im Einsatz. Am
letzten Samstag dann die Fortsetzung: Riitta Schäublin stand im
Spiel Burgdorf Zunzgen gar 40 Minuten lang im Tor der Baselbieter.
In den 70 gespielten Minuten kassierte die Frau lediglich zwei Tore,
womit sie in der Gruppe 2 nun sogar statistisch der beste Torwart
ist... «Natürlich habe ich gewusst, dass nach dem ersten Spiel
alle Journalisten anrennen werden», sagt sie lachend, um gleich
anzufügen, dass ihr dieser Rummel aber höchst unangenehm sei. Riitta
Schäublin hätte es einfacher haben und bei einem Frauen-Verein in der NLA spielen können. «Haben
Sie schon einmal ein NLA-Spiel der Frauen
gesehen...», antwortet sie provokativ auf diese Frage. «Nein, bei
den Männern bin ich viel mehr gefordert», entgegnet die Torhüterin,
die bereits seit vier Jahren Mitglied der Frauen-Nationalmannschaft ist.
Und wo
duscht Frau Schäublin?
Für Riitta Schäublin ist das
Mitspielen bei den Männern nichts Besonderes mehr, sie kennt nichts
anderes. Seit sie beim EHC Basel mit dem Eishockey begann, spielte sie stets bei den
Knaben mit (sechs Jahre lang auch beim EHC Olten). Aufgewachsen mit
fünf Brüdern, wovon deren drei auch Eishockey spielen (Jarkko in der NLB bei Basel),
war es fast naheliegend, dass auch die Schwester aufs Eis ging.
Natürlich hat sie auch bei den Frauen
reingeschaut und spielte zwei Jahre mit dem NLA-Team von Reinach.
Doch Riitta Schäublin wollte wieder mit den Männern spielen. Der
Trainer der Reinacher Frauen vermittelte
sie deshalb letzten Herbst zum Erstligisten Zunzgen-Sissach, der ihr
anerbot, einmal mitzutrainieren. «Offenbahr habe ich da keinen
schlechten Eindruck hinterlassen», sagt sie, denn als Ende Saison
Zunzgen-Goalie Leo Giglio zurücktrat, erhielt Riitta Schäublin ein
Angebot als Zunzgen-Torhüterin. Die junge Frau überlegte nicht
lange und sagte zu. Skeptisch seien nur die anderen gewesen, sagt
sie. «Warum hätte ich das nicht machen sollen?», fragt sie keck.
Sicher sei es nicht ganz normal gewesen, als da plötzlich eine Frau
mitgespielt habe, «aber nach den ersten Eistrainings haben alle
gesehen, dass ich etwas kann.» Diese Aussage wird auch von
Spielertrainer Christopher Lattmann bestätigt: Wir hatten Riitta ja
schon letztes Jahr im Training, deshalb wussten wir ganz genau, auf
was wir uns da einliessen.» Lattmann sagt denn auch, dass er
keinerlei Hemmungen habe, die junge Frau im rauhen Erstliga-Eishockey der Männer einzusetzen. Es sei sogar
denkbar, dass sie in naher Zukunft von Beginn weg im Tor stehen
werde, «wenn sie noch etwas Aggressivität zulegt.» Riitta Schäublin
kämpft um diese Chance und betont, dass Simon Roth nicht explizit
als Stammgoalie bezeichnet sei. Die Premiere jedenfalls, die ist
der jungen Torhüterin glänzend gelungen. Angst vor diesem Moment,
nein, die habe sie nicht verspürt. «Dazu hatte ich gar keine Zeit.
Der Trainer kam nur kurz zu mir und sagte, Riitta mach dich bereit,
du spielst jetzt. Aber auch sonst bin ich nicht der Typ, der schnell
nervös wird. Wenn ich mir diese Aufgabe nicht zutrauen würde, hätte
ich nie zusagen dürfen», bemerkt die schweizerisch-finnische
Doppelbürgerin (daher der Name Riitta). Wäre eigentlich nur noch
eine Frage zu klären, jene typisch männliche, die bei dieser Story
aber auf keinen Fall fehlen darf: Wo duscht denn Frau Schäublin?
«Klar, diese Frage taucht immer auf, meist sogar bevor man mich
fragt, wie es sei, mit Männern zu spielen», zeigt sie sich wenig
überrascht. Doch die junge Frau findet diese Frage gar nicht so
daneben, «denn auch ich frage immer zuerst, wo ich duschen kann»,
sagt sie. Auf der Eisbahn in Sissach habe sie eine eigene Garderobe
mit Dusche «und auch auf fremden Eisbahnen konnte Gott sei Dank
immer eine Lösung gefunden werden.» Riitta Schäublin erhält in
diesen Tagen wirklich viel Aufmerksamkeit.
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