Erschienen am: 19.10.2001

 

Mutig gegen das Murren der Männer
Die Baslerin Riitta Schäublin hat am Mittwochabend als erste Frau in der dritthöchsten Eishockey-Spielklasse der Schweiz bei den Männern ein Spiel bestritten - und dabei eine gute Figur gemacht. 
Die Baslerin Riitta Schäublin nach ihrem durchaus geglückten Einstand in der 1. Liga der Männer. Foto Markus Stücklin
Sissach. Zwei Tore des SC Langenthal innert 50 Sekunden zum 3:0 und zum 4:0, nur drei Minuten später fiel auch noch das 5:0. Da entschlossen sich Christof Amsler und Christopher Lattmann, Coach beziehungsweise Spielertrainer des Erstligisten EHC Zunzgen/ Sissach, ihren Torhüter zu wechseln und damit in gewissem Sinn für ein kleines Stück Geschichte im Schweizer Eishockey zu sorgen: Die Matchuhr war bei 31:51 stehen geblieben, als der 19-jährige Simon Roth den Platz im Tor seinem gleichaltrigen Ersatz überliess, der Baslerin Riitta Schäublin. Die Frauen-Nationalspielerin ist damit die erste Frau des Landes, die in der drittobersten Spielklasse (der Männer) zum Einsatz gelangt.

Anfeuerung und Murren

«Es ist komisch», sagte Amsler hinterher, «in dieser Situation den Goalie zu wechseln lag auf der Hand. Aber wenn man daheim eine Frau einwechselt, dann überlegt man sich diesen Schritt zwei oder drei Mal. Misslingt das Experiment, dann ist der Schaden riesig.» Doch Riitta Schäublin machte ihre Sache recht gut, liess sich nur noch ein Mal bezwingen und zeigte ein paar bemerkenswerte Paraden, mit denen sie das Murren vieler männlicher Matchbesucher beantwortete.
Davon freilich hatte sie ohnehin nichts mitbekommen. «Ich hörte, wie ein paar Fans meinen Namen riefen», sagt sie, «und innerhalb der Mannschaft geniesse ich ohnehin die volle Anerkennung. Die Kritiker haben nun sehen können, dass ich hier durchaus mithalten kann.» Viel fehlte nicht, und sie hätte am Mittwoch sogar von Beginn an gespielt, doch ausgerechnet das Training vom Vortag ging «voll in die Hose», wie die gross gewachsene Torhüterin selbstkritisch eingesteht, «so konnte mich der Trainer nicht bringen».

«Erst einmal Leistung zeigen»

Als sie dann plötzlich aufs Eis beordert wurde, blieb ihr keine Zeit, um nervös zu werden. «Nun bin ich froh, dass dieser Schritt gemacht ist und mir dabei eine einigermassen gute Leistung gelungen ist», sagt die Basler Studentin mit dem finnischen Vornamen. Denn ihr Mut, sich im Eishockey mit den Männern zu messen, hat lange vor diesem ersten Einsatz vom Mittwoch für Diskussionen gesorgt. Der Verein musste beteuern, dass es ihm mit ihrer Verpflichtung ernst und das Ganze nicht bloss ein PR-Gag ist. Die Regionalverbände mussten einer Reglementsänderung zustimmen, welche den Einsatz einer Frau in der 1. Liga erst ermöglichte, und im Sommer wollte sogar «10 vor 10» mit der Geschichte von Riitta Schäublin ein Sommerloch stopfen. Dort aber sagte sie ab. «Ich will erst einmal Leistung zeigen, bevor man mich hochjubelt.»
Auch wenn sie dreieinhalb Spiele warten musste, bis sie zum ersten Einsatz gelangte, bereut sie ihren Entscheid in keiner Weise, lieber in der 1. Liga der Männer die Zweite, als in der obersten Liga der Frauen die Erste zu sein. Denn in Training und Spiel wird sie bei den Männern weit härter gefordert. «Das bringt mich wesentlich weiter», sagt sie, ohne weitere sportliche Ziele zu nennen. So zog sie es vergangenen Samstag zum Beispiel vor, in Aarau lieber bei Z/S Ersatzfrau zu sein, als mit dem Frauen-Nationalteam zu spielen, und stand erst am Sonntag im Tor, als die Schweizerinnen in Reinach (AG) die Slowakei mit 3:0 bezwangen. Das Fünf-Länder-Turnier im November und das erste Spiel über 60 Minuten mit Zunzgen/Sissach visiert sie als Nächstes an. Sonst aber will sie sich nicht zu weit nach draussen lehnen. «Meine Pläne muss ja nicht gleich jeder kennen», fügt sie lediglich an, «nur so viel: Ich bin sehr, sehr ehrgeizig.» Jürg Gohl