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Höchstes Glück aller Triathleten Finish im Ironman Hawaii
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Meine angeschlagene Psyche verträgt sich schlecht mit dem Jahrmarkt der Eitelkeiten: Perfekte Körper und demonstrative Coolness prägen die Szene. «Go, go, go», ruft mein Freund Thorsten aus einem Café. Sein fleischgewordener Optimismus, gut gemeint, ist Salz in die wunde Seele. Gut, dass Susanne, 18, den Blick aufs Wesentliche lenkt: «Viele schöne Männer.» Will heissen: Der Körperkult am Ironman hat Sex-Appeal. Dagegen wendet der Philosoph Peter Sloterdijk ein, an solchen Anlässen werde deutlich, dass sich
unsere Gesellschaft auf dem Weg in die Versportlichung und nicht mehr in die Erotisierung befinde. Viele Zeitgenossen hätten realisiert, so Sloterdijk, «dass der Lustgewinn, der beim Sex auftritt, den Aufwand nicht lohnt»; deshalb würden sie lieber joggen. Sollte Sloterdijk seine These in der Paxis überprüfen, würde er feststellen: Das «kleine, grosse Spiel um Anziehung, Spannung und Entspannung» bleibt unangefochten Mittelpunkt der Welt.
Langsam füllt sich die Wechselzone mit Hunderten von High-Tech-Rädern. Triathlon ist ein Sport für Wohlstandsbürger aus Mitteleuropa, Amerika und Japan. Dort finden die Wettkämpfe statt, von dort stammen all die Mediziner und Manager, Anwälte und Journalisten, die in Grenzbereiche schwimmen, radeln und
laufen. Unter anderem aus Überdruss am Überfluss, behaupten Soziologen. Wegen der asketischen Komponente deuten sie den Extremsport als Möglichkeit zur Selbstbehauptung in der sinnentleerten Konsumgesellschaft.
Samstag, 4.30 Uhr: Die Angst vor dem Wasser hat mich wachgehalten. Statt die Glycogenspeicher noch
einmal zu füllen, bringe ich kaum
einen Bissen runter. Ich bin langsamer als Sten Nadolnys Romanheld John Franklin. Frühstück, Velo-Check, Schwimmanzug überziehen, alles in Zeitlupe. Fast verpasse ich den Start.
7 Uhr, Startschuss. Wie die Athleten im schwarzen Neopren das kalte Atlantikwasser durchpflügen, ähneln sie einer Herde Seehunde. 700 Schwimmer lösen meterhohe Wellen aus; sachte schwimme ich im Bruststil los, Kopf über Wasser. Die erste
Runde à 1,9 Kilometer schaffe ich in einer Stunde die Besten schwingen sich bereits auf Rad. Wachsende
Verzweiflung, doch ich schicke mich ins Unabwendbare. Endlich gelingt es mir, unter Wasser auszuatmen. Eineinhalb Kilometer Crawl: Schwimmen in Glückshormonen.
9 Uhr, Wechsel aufs Velo. Zwanzig Minuten später verfliegt meine Euphorie. Bei einer Steigung fällt das Hinterrad aus der Halterung. Den Defekt vermag ich allein nicht zu beheben; erst nach drei viertel Stunden trifft das Servicefahrzeug ein. Aufgeben? Gewiss, ohne guttrainierte Physis kein Ironman doch den Ausschlag gibt die mentale Verfassung. Gefordert ist ein äusserst ökonomischer Umgang mit den physischen und psychischen Kräften. Erfolg oder Misserfolg hängen davon ab, ob man auf den Körper hört, seine Signale vernünftig interpretiert und den Organismus nicht überfordert. Vor allem aber ist das labile Gleichgewicht zwischen Widerstand und Motivation aufrechtzuerhalten; es entscheidet darüber, ob man den Strapazen einen Sinn abgewinnt. Ist dies nicht mehr der Fall, verweigert sich der Körper. Zweifel sind gleichsam der Anfang vom Ende.
Also steige ich wieder aufs Rad und hefte den Blick an den Horizont, wo die Feuerberge erscheinen. Bizarr aufgerissene Kraterflanken, tiefschwarze Aschefelder, erstarrte Schlacken und flechtenüberwucherte Lavameere. Vor der urweltlichen Kulisse gleicht der triathletische Kampf mit den Elementen einer Parabel der menschlichen Existenz. Nicht nur um Erfolg oder Niederlage geht es im Extremsport, sondern um das Mehr. Er ist Sinnbild für das menschliche Leben und die menschliche Kultur: Verlieren und Gewinnen, Leiden und Glücklichsein, Dramatik und Ästhetik, die Prüfungen des Herakles und das Feuer des Prometheus.
Obschon die Radstrecke durch überwältigende Landschaften führt, bleibt sie monströs. Gegen 3000 Höhenmeter sind zurückzulegen, die Sonne knechtet vom Himmel, und ein heisser Wind bläst unerbittlich von den vulkanischen Hügeln entgegen. Die klimatischen und topographischen Bedingungen machen Lanzarote zum härtesten aller Ironman, härter noch als Hawaii. Wochenlanges Training macht sich nun bezahlt. Selbst die schweren Steigungen von Haría und Mirador del Río bewältige ich schnell, Dutzende von Konkurrenten hinter mich lassend. Noch immer verweigert mein Körper die Nahrungsaufnahme. Eine Banane und ein Energieriegel seit dem frühen Morgen: ein Witz bei
diesen Strapazen.
Wer finishen will, muss regelmässig essen und trinken. Im Verlaufe eines Ironmans verbrenne ich 10 000 Kalorien und verliere drei Prozent Körpergewicht. Tränke ich nicht gegen zehn Liter Flüssigkeit, endete das Unternehmen tödlich. Verschiebung der Elektrolytbilanz und Verdickung des Blutplasmas, «normal» beim Ironman; in meinem Alter (39) Extra-Systolen zunehmend, die durch die Adern rollen, als stiessen sie gegen Gestein; pH-Werte vergleichbar saurem Regen.
16 Uhr: Beginn des Marathons (drei Runden à 14 Kilometer). Meine Energievorräte neigen sich dem Ende zu. Die Laufstrecke führt durch die Plastikmeile Puerto del Carmens, vorbei an Restaurants, Boutiquen und Spielhallen. Melancholie, als in einem Garten das gekachelte Becken eines Swimmingpools aufleuchtet mit trägen Körpern am Rand, wie von David Hockney in Wasserfarben gemalt. Dann dem Strand entlang, vorbei an Hotels und Hautkrebskandidaten. Zwei Steigungen in brütender Hitze. Wassergüsse, aus den Hotelgärten verabreicht, geben, rasch verdampfend, ihre Kühle auf. Ich spüre Lungenschmerzen, sehe mit den Schulterblättern, höre mit den Knien. Gierig greife ich an den Verpflegungsposten nach wassergetränkten Schwämmen, Orangenschnitzen und Wasser, Wasser, Wasser. Laufen im Grenzbereich.
Soziologen, Anthropologen und Psychologen überbieten sich mit Erklärungen für die Lust am Limit. Vielleicht muss der Mensch wirklich in «gefährliche Randzonen vordringen», wie der Soziologe Claude Lévi-Strauss meint, «um aus dem ungeheuren Vorrat ungenutzter Kräfte einen Vorrat an persönlicher Macht zu schöpfen». Als «Odysseusfaktor»
bezeichnen Anthropologen jenen scheinbar sinnlosen menschlichen Drang, unbekannte Grenzen zu erforschen und dabei das Leben zu riskieren. Auch etliche Psychologen sprechen von einer urmenschlichen Veranlagung zum Risiko. Andere führen den Extremsport auf rationale Motive zurück: Als Mittel gegen die Angst mache er fit für das normale Leben.
Wider alle Vernunft laufe ich eine Runde lang im Tempo von fünf Minuten pro Kilometer. Mal schauen, wie lange das gutgeht. 15 Kilometer, und bin ich «schwach wie eine Flasche leer». Letzte Herausforderung: 27 Kilometer Gehen. Kein Gedanke, aufzugeben: Trotz zehn Stunden Wettkampf schützt die antrainierte Ausdauer vor gefährlicher Erschöpfung.
Mit dem Gehen streife ich die Konzentration aufs Ich ab: Hunderte von Menschen säumen die Strecke. Zu Recht schwärmen die Athleten von der «phantastischen Stimmung» in Lanzarote. Gehend treffe ich Morten, Arzt aus Berlin. Anstelle der Einsamkeit des Langstreckenläufers tritt ein Schutz- und Trutzbündnis der Zweisamkeit. Diskussion über Vorurteile von Intellektuellen gegenüber dem Sport. Uns faszinieren die Gedanken des Philosophen Gunter Gebauer, der im (Extrem-)Sportler einen umgekehrten Prometheus sieht. Den elenden Menschen brachte der Heros
Feuer und Technik. Der Sportler dagegen verschafft der Industriegesellschaft einen Anschein von humaner Leidenschaft. Sport überbrückt einen dionysischen Moment lang den Bruch zwischen Arbeit und Leben, Technik und Physis und belebt damit den hoffnungslos antiquierten Menschen.
Je näher das Zielgelände rückt, desto mehr Zuschauer feuern uns an. Es scheint uns angebracht zu traben. Bei der Zielpassage dröhnt die House-Hymne «Walkin´ wounded» von Everything but the Girl aus den Lautsprechern. Prädikat: besonders wertvoll. Die Anstrengung überfordert M., der auf der letzten Runde zurückbleibt. Verpflegungsposten werden zu Fixpunkten; sie helfen, die scheinbar stillstehende Zeit zu vernichten. Frösteln in der hereinbrechenden Dämmerung. Bis Kilometer 41 gehen, dann traben bis ins Ziel. Nach gut einem halben Tag schwimmen, radfahren und laufen finishe ich den zweiten Ironman. Zunächst überwiegt die Enttäuschung, die zeitlichen Ziele verpasst zu haben. Ein missglückter Wettkampf?
Auf dem Weg zur Massage legt sich der Frust, und
Zufriedenheit über meine leidliche körperliche Verfassung kehrt ein. In den Sanitätszelten stirbt die Lust am Limit: Ärzte, medizinische Assistenten und unzählige Freiwillige versorgen abgekämpfte Finisher, die unter Sauerstoffmasken liegen oder an Glukose- und Kochsalzlösungen hängen. Laut Auskunft des Rennarztes haben überdurchschnittlich viele Athleten aufgegeben, ein Fünftel brauchte Infusionen. «Eine normale Ironman-Bilanz», hält der Mediziner lapidar fest.
Epilog: Gunter Gebauer definiert den Sport als «Utopie der Überwindung des instrumentellen Körpergebrauchs. Sport gibt uns eine Vorahnung des Glücks, das nie erreicht werden kann.» Um einen Hauch dieses Glücks zu erhaschen, sind im Extremsport freilich Entbehrungen nötig. Und Menschen wie meine Partnerin U., doch das wäre ein anderes Thema.