Weltwoche Nr.
30/98, 23.7.1998
Auch Sportmediziner stehen vor einem klassischen ethischen Konflikt: Die
einen werden beim Doping von Selbstzweifeln verfolgt, die andern kümmern sich
nicht um die Moral und machen das Machbare
Übermenschliche Helden,
fitgespritzt
«Was, du nimmst nichts?» ein Profirennfahrer
ungläubig zu einem andern
Von Peter Hartmann
Siehe auch «Vom
Mithalten-Können um jeden Preis»
und «Herr über alle
strammen Waden»
Ist Gérald Gremion, wenn er sich vor dem Spiegel betrachtet, ein guter
Mensch, aber, gemessen an den Standesregeln, ein zweifelhafter Arzt? Ein
beherzter Ankläger aus Gewissensgründen, der im weissen Kittel den Kampf gegen
die Doping-Mafia aufgenommen hat? Oder ein Fall für Justiz und die
Aufsichtsorgane, weil er die ärztliche Schweigepflicht gebrochen hat?
Gremion
hat den Fall Mauro Gianetti in die Öffentlichkeit getragen. Er sah, wie der
Schweizer Rennfahrer um sein Leben rang. Er zog daraus seine Schlüsse und
warnte: Doping ist eine tödliche Gefahr.
Mit ihren Geständnissen haben der
Festina-Arzt Eric Ryckaert und der Teammanager Bruno Roussel die Tour de France
an den Abgrund der Entzauberung manövriert: Die übermenschlichen Helden der
Landstrasse helfen nach. Das ist nicht neu, aber besonders dramatisch, weil es
sich um einige der besten und um das wichtigste Mehretappenrennen der Welt
handelt.
Riss in der Mauer
Unter dem Druck eines Untersuchungsrichters in Lille
ist in die Mauer des Schweigens eine Bresche gerissen worden. Nur der Staat, hat
sich in diesem Falle wieder gezeigt, kommt an die wahren Hintermänner heran, die
gleichermassen Nutzniesser sind wie die von ihnen betreuten Fahrer.
Die
Opfer sind fast immer nur die Fahrer und andere Gladiatoren in der
Hochleistungsarena. Wer zählt noch die Kreuze: Der dänische Rennfahrer, der 1960
in Rom bei den Olympischen Spielen tot vom Velo kippte; Tom Simpson, 1967 wegen
eines Cocktails aus Amphetaminen und Cognac in den Staub des Mont Ventoux
gesunken; das halbe Dutzend skandinavischer Orientierungsläufer, angeblich
gestorben an Zeckenbissen, tatsächlich an Epo-Eigenversuchen; die bärenstarken
Gewichtheber-Weltmeister Serge Reding, gestorben mit 35 am plötzlichen
Anabolika-Herztod, und Larry Pacifco, auch mit erst 35 dahingeschieden nach
Bypass-Operation; Mehrkämpferin Birgit Dressel, erst 26, tot nach
toxisch-allergischem Schock; Lyle-Alzado, American Footballer, Hirntumor nach
einer Steroid-Karriere; der DDR-Recke Detlev Gerstenberg, 35, mit Lebertumor;
der Kugelstösser Ralph Reichenbach: Anabolika-bedingte Herzerweiterung. Dazu die
namenlosen Nachahmer.
Legionen von Mittelschülern und Bodybuilding-Freaks
stopften seit den achtziger Jahren das Zeug in sich hinein wie ihre Vorbilder.
Auf Druck von Eltern haben die USA 1990 ein scharfes Gesetz erlassen, das
Dopingmittel faktisch Kokain und Heroin gleichstellt.
Der Sportmediziner
Gérald Gremion, 45, hat enthüllt, wie der Tessiner Radrennfahrer Mauro Gianetti
nach einem Kollaps an der Tour de Romandie in der Lausanner Universitätsklinik
mit lebensgefährlichen Nieren- und Leberproblemen kämpfte, die vor den Medien
als «schwere Darmgrippe» camoufliert wurden. Für Gremion, der 1997 selber als
Arzt des Post Swiss Teams hinter die Kulissen der Radrennszene blickte, hat sich
Gianetti die Blutdoping-Modedroge PFC gespritzt.
Seine Anschuldigung
verpackte Gremion in das Kuvert einer Anzeige gegen Unbekannt gegen die
Hand mit der Spritze in der Mannschaft Gianettis, gegen den Arzt, der die
Injektion zu verantworten hat. Gianetti droht mit einer Gegenklage, und Docteur
Gremion hat alles nicht so direkt gesagt und trägt jetzt ohnehin einen Maulkorb
der Spitaldirektion. Die Schweizer Justiz ist in dieser Materie mit Einäugigkeit
geschlagen, denn Doping wird nicht gerichtlich geahndet, weil es keine Gesetze,
nur die Rezeptpflicht für bestimmte Mittel gibt.
Wir bilden mit Deutschland
(hier tritt aber demnächst ein Dopinggesetz in Kraft) und Italien das
dopingjuristische Bermudadreieck. Im Beschaffungscenter Schweiz regulieren und
kontrollieren die Kavaliere der Sportbürokratie ihr Dopingunwesen selber, mit
blütenweissem Erfolg. Deshalb gilt ein Arzt wie Gérald Gremion, der das
Schweigen bricht, als Nestbeschmutzer.
Auch die Hearings in Kanada und den
USA nach dem Urknall der Ben-Johnson-Sperre haben an der Mentalität nicht viel
geändert nur die Vorsicht erhöht. In Amerika gestand der vermeintliche
Wunderarzt Dr. Robert Kerr, 1984 in Los Angeles zwanzig Medaillengewinner mit
Anabolika gedopt zu haben. Seine Ausflüchte «Die Athleten haben mich an
der Nase herumgeführt» schützten ihn nicht vor dem Entzug der Zulassung.
Berufsverbot ist die einzige wirksame Massnahme.
«Das Wesen von Doping ist
Heimlichkeit und Lüge, denn der Betrug durch Doping kann nur mit Geheimhaltung,
Vertuschung und Verschweigen gelingen», schreibt Werner Franke, Zellbiologe und
Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, der das Staatsdoping
der DDR enttarnt und Prozesse gegen Ärzte und Trainer initiiert hat.
Missbrauchstüftler
Der klassische ethische Konflikt der Atomforschung
offenbart sich auch im Hochleistungssport: Es gibt den Robert-Oppenheimer-Typ,
den von Selbstzweifeln verfolgten Forscher, und die Edward-Teller-Ausgabe, den
Pragmatiker, der sich nicht kümmert um die Moral. Den grossen Pharmafirmen ist
der Missbrauch ihrer Produkte peinlich. Ciba-Geigy hat das Dianabol schon 1982
vom Markt genommen, Winthrop die Stanozolol-Produkte nach dem Auffliegen des
Sprinters Ben Johnson 1988.
Doping ist, nach Werner Franke, «nichts anderes
als missbräuchliche Nutzung von weitgehend bekanntem Wissen». Der Dopingarzt ein
Missbrauchstüftler auf der Linie Tellers.
Der Basler Sportarzt Dr. Bernhard
Segesser gilt als Virtuose auf diesem Gebiet. Er verpasste dem
Langstreckenläufer Markus Ryffel vor dem Olympiafinal 1984 in Los Angeles eine
Ladung des verbotenen Cortisons verkehrte aber diese massive
Hilfsmassnahme ins Legale, indem er angab, Ryffel habe nach einer
Vitamininfusion einen Schock erlitten, der mit Cortison behandelt werden musste.
Ryffel gewann anderntags die Silbermedaille über fünftausend
Meter.
Kugelstoss-Weltmeister Werner Günthör blieb in der Schweiz jahrelang
gegen Überraschungskontrollen gefeit. Er und seine Entourage haben Mutmassungen
über Doping immer zurückgewiesen bis Günthörs Anabolika-Programm
verschlüsselt in einer deutschen Magisterarbeit auftauchte. Die Schweizer
Dopingbestimmungen erlaubten ein sogenanntes «Therapiefenster», gewissermassen
die Einladung zu ärztlich indizierter Anabolika-Behandlung.
Wurde auch
Ronaldo im verlorenen WM-Final ein Opfer der Ärzte? Spielte er in halbtotem
Zustand nach einem Epilepsie-Anfall, fitgespritzt nach einem
Stresszusammenbruch? Der apathische Star lieferte jetzt aus seinem
Ferienversteck eine weitere Variante: Der Doktor habe ihm eine Pille gegeben
gegen die Aufregung.