Weltwoche Nr. 30/98, 23.7.1998
Die Tour de France gehört dem französischen Verleger Philippe Ama
Herr über alle strammen
Waden
Alles kostet bei der Tour, der kleinste Reklamewimpel, jedes
Begleitfahrzeug, das Privileg, Getränke ausschenken oder einen Preis stiften zu
dürfen.
Von Rudolf Bächtold
Siehe auch «Vom
Mithalten-Können um jeden Preis»
und «Übermenschliche
Helden, fitgespritzt»
Wenn am 2. August die Tour de France zur letzten Runde auf die Pariser
Champs-Elysées einbiegt, werden Eingeweihte, und nur sie, auf der Ehrentribüne
neben dem Bürgermeister von Paris und Vertretern der Regierung einen ältern,
diskreten Herrn mit kahlem Schädel bemerken, der dieses Jahr die Endphase der
Frankreichrundfahrt ganz besonders aufmerksam verfolgen wird: Verleger Philippe
Amaury, den Eigentümer der Tour. Dem Gebieter über das Zentralorgan des
französischen Sports, die täglich erscheinende Sportzeitung «L´Equipe», hat der
Sommer 1998 ein Wechselbad von Hochs und Tiefs beschert.
Zwar liess die
Fussball-Weltmeisterschaft die Auflage von «L´Equipe» spektakulär in die Höhe
schnellen. Liegt diese im Juni und Juli durchschnittlich bei 400000 Exemplaren,
wuchs sie jetzt auf 550000 bis 700000 Stück an und stieg gar auf 2 Millionen,
als die Franzosen Weltmeister wurden. Zudem spendierte sich Verleger Amaury eine
auf Anhieb erfolgreiche «Equipe»- Sonntagsausgabe, die nun weitergeführt werden
soll.
Doch die «Equipe»-Redaktion hatte sich seit Monaten in einen
eigentlichen Vernichtungsfeldzug gegen Nationaltrainer Aimé Jacquet verstrickt,
dem sie nicht nur professionelle Unfähigkeit, sondern auch das persönliche
Format absprach, «Les Bleus» zum Sieg zu führen.
Nach Frankreichs Sieg steht
«L´Equipe» ziemlich dumm da. Aimé Jacquet, der Held der Nation, hat der
Sportzeitung öffentlich Rache geschworen. Und das Publikum teilt seine Gefühle
voll und ganz. Und zwar so sehr, dass bei der Tour de France von
«Equipe»-Begleitfahrzeugen die Reklameaufschriften entfernt werden mussten, um
feindselige Reaktionen zu vermeiden. Da fehlte gerade noch der Dopingskandal bei
der Festina-Mannschaft, um Amaurys Sportimperium in Verlegenheit zu
bringen.
Eigentümerin und Organisatorin der Tour de France ist die Amaury
Sport Organisation (ASO), eine Tochtergesellschaft der Verlagsgruppe Amaury, die
neben «L´Equipe» auch «France Football», «Vélo Magazine» und die
Boulevardzeitungen «Le Parisien» und «Aujourd´hui» herausgibt. Der mit Zahlen
zurückhaltende Verleger Amaury erzielt einen Umsatz von fast 700 Mio Schweizer
Franken, zu dem die Sportorganisation ASO rund 125 Mio Franken beiträgt. Davon
stammt die Hälfte von der Tour de France.
Der Erbschaftsstreit
Amaurys Vater hatte seine Tochter als Alleinerbin
von «L´Equipe» und damit der Tour de France vorgesehen. Doch Bruder Philippe
Amaury riss den Besitz nach einem fürchterlichen und ruinösen Familienstreit mit
seiner Schwester 1983 an sich. 1992 gründete er die ASO, unter deren
Schirmherrschaft nicht nur grosse Radsportrennen wie die Tour de France,
ParisRoubaix, LiègeBastogneLiège, die Flèche wallone, Paris-Tour
oder die Tour de l´Avenir stattfinden, sondern auch das legendäre Rallye
ParisDakar, das Leichtathletikmeeting von Paris-Charléty und ab nächstem
Jahr der Marathon von Paris. Der will jenen von New York und London mit heute
schon 20 000 Teilnehmern ernsthaft Konkurrenz machen.
Doch Herzstück bleibt
die Société du Tour de France, die dieses Jahr mit einem Budget von rund 65 Mio
Schweizer Franken rechnet eine Verdoppelung seit 1990. Zu den Einnahmen
tragen die Etappenorte mit 14 Prozent, die Fernsehrechte mit 30 und die
Sponsoren mit 56 Prozent bei. Alles kostet bei der Tour: der kleinste
Reklamewimpel, jedes Begleitfahrzeug, das Privileg, Getränke ausschenken oder
einen Preis stiften zu dürfen. Städte zahlen bis 175 000 Franken für die Ehre,
Etappen-, Start- oder Ankunftsort zu werden. Ein Teil des Geldes fliesst
allerdings wieder zurück. Denn die 3500 Personen des Tour-Trosses und die
Zuschauer belegen alle verfügbaren Hotels.
Fiat darf bis ins Jahr 2003 die
450 Begleitfahrzeuge stellen, die staatliche Fernsehgesellschaft France
Télévision besitzt bis 2001 die Fernsehrechte, die sie an Sender in 169 Ländern
weiterverkauft. Und selbstverständlich berichten die Amaury-Blätter, allen voran
«L´Equipe», in einer sonst sportlich flauen Zeit ausführlich und auflagefördernd
über das Ereignis.
Die Tour de France ist nach der Fussballweltmeisterschaft
und den Olympischen Spielen die drittgrösste Sportveranstaltung der Welt. Eine
geschätzte Milliarde Fernsehzuschauer und 15 Millionen Fans entlang der Tour und
in den Etappenorten bilden eine schöne Kulisse für Sponsoren.
Wenn aber 56
Prozent der Tour-Einnahmen (oder rund 35 Mio Franken) Sponsorengelder sind, wird
die Sorge der Tour-Veranstalter um den Imageschaden verständlich. Im Augenblick
geben sich zwar die Sponsoren noch gelassen. Das ist verständlich, wollen sie
doch den Werbeeffekt der noch rollenden Tour 1998 nicht aufs Spiel setzen. Doch
Gefahr droht 1999. Vorsorglich wollen sich die Veranstalter nach der
Schlussetappe mit den Sponsoren treffen, um Dopingprobleme zu
diskutieren.
Die Sponsoren fürchten, wie der Marketingdozent Thierry
Lardinoit herausgefunden hat, nicht einmal so sehr die direkten Folgen des
Dopinggebrauchs (nur 32 Prozent halten sie für schädlich), sondern das daraus
resultierende abnehmende Interesse an der Veranstaltung. Natürlich schadet
Doping auch dem Image des Sponsors. Deshalb stuft France Télécom den Radsport
als «riskant» ein und engagiert sich nicht direkt, und die Deutsche Telekom
führt bei ihrem Star Jan Ullrich eigene Dopingkontrollen durch und will ein
Anti-Doping-Programm finanzieren). Wenn aber die Zuschauerkulisse ausbleibt,
bedeutet dies eine Katastrophe.
Dabei stand am Anfang der Tour de France das
enorme Interesse am Velo. Schon 1893 sassen über eine Million Franzosen und
Französinnen im Sattel. Ihr Leibblatt hiess «Le Vélo». Dessen Verleger Pierre
Griffard war Anhänger des zu Unrecht des Landesverrats beschuldigten jüdischen
Hauptmanns Dreyfus. Weil sein grösster Inserent, der Velo- und
Automobilkonstrukteur Graf de Dion, aber Anti-Dreyfusard war, gründete de Dion
ein Konkurrenzblatt, «L´Auto». 1903 lancierte «L´Auto», die Vorgängerin der
heutigen «L´Equipe» und wichtig! auf gelbem Papier gedruckt, ein
Radrennen mit dem schlichtweg genialen Namen «Tour de France». 2482 Kilometer
waren zu fahren:
ParisLyon
MarseilleToulouseBordeauxNantesParis.
Von den 76 Gestarteten kamen zwar nur 21 ins Ziel aber eine Institution
war geboren.
Selbst wer von solchen Hintergründen nichts weiss, nimmt sie zur
Kenntnis: Um die Symbiose Sportzeitung/Rennen zu unterstreichen, trägt der
Gesamtleader seit 1919 das gelbe Trikot die damalige Farbe der
veranstaltenden Zeitung.