Weltwoche Nr. 30/98, 23.7.1998

Immer weniger Menschen schaffen ihren Alltag ohne Drogen. Die einen steigern damit ihre körperlichen und geistigen Leistungen, die andern kompensieren ihre sinkende

Vom Mithalten-Können um jeden Preis

Die Doping-Gesellschaft: Wie es war, wie es ist, wie es wird

Von Günter Amendt

Siehe auch «Herr über alle strammen Waden»
und «Übermenschliche Helden, fitgespritzt»

Chemische Beschleunigung
in Zeiten der Hochgeschwindigkeit

Wieder einmal wird kräftig geheuchelt. Velo-Athleten haben sich (oder wurden) für die Tour de France gedopt. Wahrlich kein Grund, sich zu wundern, auch wenn die Rennleitung von allem nichts gewusst haben will. Empört fordert das Publikum einen sauberen Leistungssport ­ verdrängt aber, dass sich immer mehr Menschen mit chemischen Substanzen für die steigenden Anforderungen des Alltags dopen.
Fitnessstudios, um nur das Augenfälligste zu nennen, sind längst zu offenen Drogenszenen der Pharmakonzerne geworden. Kaum mehr abzusehen, was da an Aufputschern und fitmachenden Präparaten geschluckt wird.
In Zeiten der allgemeinen Beschleunigung, bei der immer mehr Menschen aus dem Arbeitsprozess herauskatapultiert werden, weil sie nicht mehr gebraucht werden oder nicht mehr mithalten können, haben Leistungs- und Durchhaltedrogen Hochkonjunktur: Amphetamine, Amphetaminderivate und Kokain. Angestrebt werden eine leistungsfähige Psyche und ein gestählter Körper.
Zwischen der Art, wie wir unser Leben und unsere Arbeit organisieren, und der Präferenz für bestimmte Drogen gibt es einen inneren Zusammenhang. Speed war schon immer die Droge der Kriege und Krisenzeiten. Deshalb war bereits auf dem Höhepunkt der eher kontemplativen «Haschwelle» in den Siebzigern die Renaissance synthetischer Pharmadrogen abzusehen. Wir sind mittendrin.
Ohne Zweifel wird der Hochgeschwindigkeitskurs des Neoliberalismus die Gesellschaft weiter spalten und immer mehr Menschen an den Rand drängen. Der Bedarf an Leistungsdrogen wird, egal, ob legal oder illegal, rapid steigen. Die körpereigene Chemie reicht nicht mehr aus, um mithalten zu können. Biochemische Fremdsteuerung tritt zunehmend an ihre Stelle.
Alltagsdoping, ob während der Arbeits- oder der Freizeit, wird zur Selbstverständlichkeit.
Ecstasy spielte dabei für die Generation der Raver die Rolle des Türöffners. Mit Techno und Ecstasy wurde das für viele Jugendliche früherer Jahrgänge noch typische chemiekritische Bewusstsein ausgelöscht. Die Raverkultur zeigt, dass Jugendkulturen der Systemmodernisierung dienen und nicht, wie meine Generation hoffte, der Systemveränderung.
Und die Pharmakonzerne liefern. Sie spezialisieren sich zunehmend auf die Entwicklung von Substanzen mit genau bestimmter Wirkung und Wirkungsdauer: etwa Kurzzeittrips ohne nachweisbare Nebenwirkungen und spürbaren Hang-over, Drogen, die Lustgewinn bringen, ohne die Arbeitsfähigkeit zu schmälern. Ecstasy erfüllt teilweise schon heute diese Funktion. Denn im Unterschied zu einem LSD-Trip, der viel länger dauert, hat Ecstasy eine relativ kurze und kalkulierbare Wirkungsdauer.
Bei den Marketingleuten eines Schweizer Pillenkonzerns laufen die neuen Designerdrogen unter dem demaskierenden Begriff «Lifestyle-Segment». Misst man die Marktchancen dieses «Segments» an Happy Pills wie Prozac und anderen Fluktinen oder auch an den Amphetaminen und ihren Derivaten, lassen sich die hohen Gewinnerwartungen nachvollziehen. Am Ende steht die chemische Vollsteuerung von Emotion und Trieb.

Suchtmittel Zucker

Das Erektionsmittel Viagra ist ein Produkt des Lifestyle-Segments. An Viagra offenbart sich die Wechselwirkung zwischen Körperdrogen und Psychodrogen. Kaum war das Potenzmittel eingeführt, verschob sich die Suche der Produktedesigner auf das psychische Gegenstück. Erektionsfähigkeit ohne gleichzeitiges Begehren ist ein sinnloser Zustand. Also sucht die Pharmaforschung nun nach einem Endorphinderivat, das die chemisch wiederhergestellte Körperfunktion mit einer chemisch hergestellten Begierde kombinieren soll.
Kein Wunder, dass sich auch die Nahrungs- und die Genussmittelindustrie in das boomende Geschäft mit den Stimulanzien einklinken.
Designerfood und die kaum mehr überschaubaren Angebote an Energy Drinks sind nur der Anfang.
Drogen können der Nahrung beigemischt werden, mit oder ohne Wissen der Konsumenten ­ etwa zur Trieb- und Aggressionssteuerung bei Soldaten oder zur Stimulation eines allgemeinen Glücksgefühls. Dabei, das zeigt der massive Einsatz des Suchtmittels Zucker im Fast food, verschwimmt der Unterschied zwischen Suchtmitteln und Lebensmitteln.
Eine Illusion freilich, zu glauben, die neuen Drogen verdrängten die alten (Alkohol, Heroin, Kokain, LSD, Cannabis). Die Erfahrung lehrt: Eine am Markt eingeführte Droge verschwindet nicht ­ sie wechselt höchstens ihren Marktanteil. Heroin etwa wird auch künftig angeboten und konsumiert werden. Ob auch das Heroinproblem weiterhin so schwerwiegend bleibt, hängt weitgehend von der Drogenpolitik ab.
Alkohol wird seinen Rang als weltweite Suchtdroge Nummer eins behalten. Allein Trinkmoden und Modedrinks variieren. Der Konsum wird so lange steigen, wie die Gesellschaft toleriert, dass Alkohol und andere Drogen wie Psychopharmaka massiv beworben werden dürfen.
Der Alkohol bleibt, die Amphetamine kommen. Werden beide Drogen kombiniert, entsteht ein riskanter Cocktail, gesundheitlich wie gesellschaftlich. Alkohol wie Amphetamine fördern das Autoritäre im Menschen, erhöhen die Gewaltbereitschaft. Wo immer Skins oder Neonazis Menschen terrorisieren, waren Alkohol und zunehmend der Cocktail Alkohol/Amphetamine im Spiel.

Genussunfähigkeit

Elendsalkoholismus und Verzweiflungsmedikation werden zunehmen. Damit ist angesichts der sozialen Lage zu rechnen. Je unsicherer die Lebensperspektive, je grösser die Angst vor Krisen und Katastrophen, desto stärker werden die Menschen zu chemischen Stimulanzien greifen. Die sinkende Bereitschaft, körperlichen und psychischen Schmerz zu ertragen, führt zu extremem Pillenkonsum vor allem bei älteren Menschen.
Auch die Suche nach Sinn fördert die Bereitschaft, psychoaktive Substanzen, die das Tor zum Unbewussten öffnen, zu schlucken. Bereits erlebt LSD ­ schwächer dosiert als früher ­ ein Comeback in der Technoszene. Und Extremsportarten sind in Mode, weil sie die Produktion von körpereigenen Hormonen (Adrenalin) antreiben.
Flucht und Verdrängung, nicht Rausch und Ekstase sind die dominanten Motive des massenhaften Drogenkonsums. Doping wird alltäglich.
Käme es zu einer Verlangsamung der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, so liessen Leistungsdruck und Konkurrenz nach und damit auch die Angst vor der Zukunft. Dann erführen kontemplative Drogen wie Marihuana, Haschisch oder Pilze eine Renaissance. Denn Drogen wird es immer geben, wie auch das Bedürfnis nach dem Rauschzustand.
Würden Drogen nur noch in einem rituellen Zusammenhang zur Entspannung benützt, würden sie wieder vom Sucht- zum Genussmittel werden, was sie in vielen Kulturen schon immer waren. Das Drogenproblem ist ein Suchtproblem. Und Sucht ist letztlich nur ein anderer Ausdruck für Genussunfähigkeit.


Günter Amendt
Der deutsche Soziologe, 58, beschäftigt sich seit dreissig Jahren mit Drogen.
1996 erschien die aktualisierte Ausgabe seines letzten drogenpolitischen Bandes: «Die Droge Der Staat Der Tod»