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Sie schaffen’s nicht,
die Eisgenossen
Jürgen Kalwa
National Hockey
League: Warum Slowaken, Finnen und Deutsche in der besten
Eishockeyliga der Welt reüssieren – und Schweizer nur davon
träumen
Es waren einmal acht
Schweizer Eishockeyspieler, die wollten in die stärkste Liga der
Welt, die nordamerikanische National Hockey League (NHL). Doch allen
widerfuhr dasselbe Ungemach. Der Seeländer Michel Riesen war der
Erste, der von seinem Arbeitgeber St. Louis Blues in die zweite
Mannschaft, das so genannte Farmteam, abgeschoben wurde. Dort sind
die Gagen klein, der tägliche Kampf gross und die Hoffnungen auf den
Durchbruch noch grösser. Es folgten Luca Cereda von den Toronto
Maple Leafs, der ins sportliche Exil nach St. Johns musste, und Reto
von Arx von den Chicago Blackhawks, den man zu den Norfolk Admirals
schickte. Der Freiburger Goran Bezina von den Phoenix Coyotes fand
sich in Springfield wieder, wo mit Thomas Ziegler ein Landsmann auf
ihn wartete. Auch Timo Helbling (Nashville Predators) und Julien
Vauclair (Ottawa Senators) beginnen die Saison im Reserveteam.
Michel Riesen und Reto von Arx haben vom nordamerikanischen
Verdrängungskampf genug: Ein fürstliches Salär lockte sie zurück in
die Heimat zum HC Davos, der damit zum Meisterschaftsfavoriten
wurde.
Nur einer der Eisgenossen blieb übrig: Torwart David
Aebischer. Der sitzt beim Stanley–Cup–Sieger Colorado Avalanche auf
der Ersatzbank.
Das schwache Abschneiden der jungen
Schweizer erstaunt. Immerhin reüssieren seit Jahren Tschechen,
Slowaken, Russen, Schweden, Finnen und sogar Deutsche im
Eishockeyparadies. Warum schaffen das selbst die besten Eidgenossen
nicht?
Sicher ist: Nicht alle Schweizer haben dieselben
Schwächen. Die oft zitierten mentalen Defizite zum Beispiel sind
überwunden, sagt Sportdirektor Peter Zahner vom Schweizer
Eishockeyverband: «Die Schweizer haben genug Selbstvertrauen. Die
frühere Angst vor grossen Namen und Nationen haben sie
abgelegt.»
Die Tyrannei des
Powerhockeys
Und Risikofreude besitzen sie auch.
Während die meisten Schweizer Talente früher den NHL–Spähern einen
Korb gaben, weil sie die Aussicht auf ein unbequemes Leben in der
Fremde schreckte, sind sie heute forsch wie David Aebischer, der
1997 als 19–Jähriger nach Nordamerika auswanderte, weil er bei
Fribourg–Gottéron keine Chance sah. Doch Mut allein genügt offenbar
nicht. Ron Wilson, früher Verteidiger in Davos, heute Coach der
Washington Capitals: «Es gibt tonnenweise Talent in der Schweiz.
Aber es kommt im entscheidenden Moment nie zum Vorschein.» Anders
gesagt: Die Schweizer sind zwar besser und mutiger geworden, doch
ihnen fehlen noch immer Ausdauer, Willensstärke und Zielstrebigkeit,
um die darwinistischen Verhältnisse in der NHL durchzustehen. Das
gilt nicht nur für Schweizer. Der Deutsche Stefan Ustorf, der Anfang
der Neunziger in die NHL wechselte, erkannte: «Die geben hier alles,
egal wie das Spiel steht.» Doch die Motivation, sich zu plagen, fand
er nicht. Ustorf blieb ein Nobody. Er hatte die NHL–Welt in ihrem
Kern nicht begriffen: das subtile Gegeneinander im Miteinander.
Während die Europäer Teamgeist pflegen und diesen mit einem
Spielverständnis verbinden, das auf Kombinationsspiel setzt, lebt
die Hauruck–Ästhetik des kanadischen Kraft–Eishockeys von der
Einzelleistung.
Zu dieser Realität gehören auch mundfaule
Cheftrainer und akribisch geführte Spielstatistiken, die Spieler
extrem vereinzeln und verunsichern können. Sie bedeutet gleichsam
die Fortsetzung der Tyrannei des kanadischen Powerspiels mit anderen
Mitteln. Damit tun sich Schweizer schwer. So wurde Michel Riesen bei
den Edmonton Oilers das Opfer einer simplen Betrachtungsweise. Er
erarbeitete sich durch kluges Stellungsspiel zwar viele Chancen,
verwertete sie aber nicht. In der NHL zählen jedoch nur Tore, grosse
Spielkunst hingegen nichts.
Der tägliche Überlebenskampf
setzt einen grossen Bedarf an Stressbewältigung und Frusttoleranz
frei – ständig lauert das Scheitern. Die Verunsicherung drückt auf
das Selbstvertrauen, das im Spiel benötigt würde. Hinzu kommt das
Sprachproblem. Schliesslich: In der NHL wird nicht mit offenen
Karten gespielt. Man gibt sich bescheiden, lobt die Leistungen der
Mitspieler und mimt nach aussen das Sensibelchen. Das alles zum
Schein, die Wirklichkeit ist anders, nämlich ein brutaler Kampf
jeder gegen jeden – der Mitspieler ist ein Gegner. Damit kommen nur
Europäer zurecht, die wirkliche Ausnahmetalente sind. Hier der
Versuch einer Typologie.
Der Gretzky–Typ: Spielintelligenz
schlägt Kraftmeierei. «Als ich Profi wurde, hiess es: ‹Du bist zu
klein. Du wirst bis zum Nimmerleinstag gecheckt›», sagte der beste
Eishockeyspieler aller Zeiten über seine NHL–Anfänge. Also
konzentrierte sich Gretzky auf seine Stärken: Schnelligkeit,
Stocktechnik, Spielintelligenz. Er bewies, dass Grösse allein nicht
auschlaggebend ist. Allerdings war Gretzky ein Jahrzehnttalent, er
hatte hervorragende Mitspieler, kräftige Beschützer – und
beanspruchte die Führungsrolle im Team.
Der Starke
ist am mächtigsten allein
Der Hasek–Typ: Hier bin
ich, ich kann nicht anders. Selten ist ein begabter Eishockeyspieler
so ausgelacht worden wie der tschechische Torwart Dominik Hasek. Als
er 1990 zu den Chicago Blackhawks kam, bescheinigte man ihm «die
Technik einer Vogelscheuche», ab ging’s ins Farmteam. Die Buffalo
Sabres, die ihn dann verpflichteten, wollten ihn wieder loswerden.
Heute gilt Hasek als Meister seines Fachs. Seine Akrobatik, die die
Mitspieler angeblich nervös gemacht hat, wird nun gerühmt. Merke:
Eigensinn ist manchmal besser, als sich verbiegen zu
lassen.
Der Fetisow–Typ: das Erlernen einer Rolle. Beim
Powerplay sah er aus wie eine Schaufensterpuppe, welche die
Mitspieler die Arbeit verrichten liess. Wenn er einen Angriff
aufbauen sollte, liess er sich vom gegnerischen Forechecker den Puck
abnehmen. Das war der erste NHL–Auftritt von Wjatschislaw Fetisow,
einem der besten Verteidiger aller Zeiten. «Anderes Leben, anderer
Stil zu spielen», erkannte der Russe radebrechend das Problem. Es
brauchte viel Zeit, bis er Selbstmitleid und Selbstzweifel überwand
und sich ins langweilige Spielkorsett der NHL fügte. Glücklich ist
er dabei nicht geworden, aber immerhin erfolgreicher
Assistenztrainer.
Der Fedorow–Bure–Jaschin–Typ: Widerstand
gegen das nordamerikanische Eishockeysystem. Oft reüssieren jene
Spieler, die eigene Interessen rücksichtslos verfolgen, auch
gegenüber Management und Fans. Letztlich haben sie begriffen, worauf
es in der NHL ankommt. So wie die Russen Sergej Fedorow, Wladimir
Bure und Alexin Jaschin. Sie boykottierten ihre Teams, um höhere
Gehälter durchzusetzen – mit Erfolg.
Schweizern ist das nicht
zu empfehlen. Bure und Co. waren schon Eishockeygrössen, als sie
nach Nordamerika kamen. Nur der Starke ist am mächtigsten
allein.
Jürgen Kalwa ist Sportjournalist in New
York
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