Logo Weltwoche Ausgabe 41/02
spacer spacer

Sie schaffen’s nicht, die Eisgenossen

Jürgen Kalwa

National Hockey League: Warum Slowaken, Finnen und Deutsche in der besten Eishockeyliga der Welt reüssieren – und Schweizer nur davon träumen

Es waren einmal acht Schweizer Eishockeyspieler, die wollten in die stärkste Liga der Welt, die nordamerikanische National Hockey League (NHL). Doch allen widerfuhr dasselbe Ungemach. Der Seeländer Michel Riesen war der Erste, der von seinem Arbeitgeber St. Louis Blues in die zweite Mannschaft, das so genannte Farmteam, abgeschoben wurde. Dort sind die Gagen klein, der tägliche Kampf gross und die Hoffnungen auf den Durchbruch noch grösser. Es folgten Luca Cereda von den Toronto Maple Leafs, der ins sportliche Exil nach St. Johns musste, und Reto von Arx von den Chicago Blackhawks, den man zu den Norfolk Admirals schickte. Der Freiburger Goran Bezina von den Phoenix Coyotes fand sich in Springfield wieder, wo mit Thomas Ziegler ein Landsmann auf ihn wartete. Auch Timo Helbling (Nashville Predators) und Julien Vauclair (Ottawa Senators) beginnen die Saison im Reserveteam. Michel Riesen und Reto von Arx haben vom nordamerikanischen Verdrängungskampf genug: Ein fürstliches Salär lockte sie zurück in die Heimat zum HC Davos, der damit zum Meisterschaftsfavoriten wurde.

Nur einer der Eisgenossen blieb übrig: Torwart David Aebischer. Der sitzt beim Stanley–Cup–Sieger Colorado Avalanche auf der Ersatzbank.

Das schwache Abschneiden der jungen Schweizer erstaunt. Immerhin reüssieren seit Jahren Tschechen, Slowaken, Russen, Schweden, Finnen und sogar Deutsche im Eishockeyparadies. Warum schaffen das selbst die besten Eidgenossen nicht?

Sicher ist: Nicht alle Schweizer haben dieselben Schwächen. Die oft zitierten mentalen Defizite zum Beispiel sind überwunden, sagt Sportdirektor Peter Zahner vom Schweizer Eishockeyverband: «Die Schweizer haben genug Selbstvertrauen. Die frühere Angst vor grossen Namen und Nationen haben sie abgelegt.»

Die Tyrannei des Powerhockeys

Und Risikofreude besitzen sie auch. Während die meisten Schweizer Talente früher den NHL–Spähern einen Korb gaben, weil sie die Aussicht auf ein unbequemes Leben in der Fremde schreckte, sind sie heute forsch wie David Aebischer, der 1997 als 19–Jähriger nach Nordamerika auswanderte, weil er bei Fribourg–Gottéron keine Chance sah. Doch Mut allein genügt offenbar nicht. Ron Wilson, früher Verteidiger in Davos, heute Coach der Washington Capitals: «Es gibt tonnenweise Talent in der Schweiz. Aber es kommt im entscheidenden Moment nie zum Vorschein.» Anders gesagt: Die Schweizer sind zwar besser und mutiger geworden, doch ihnen fehlen noch immer Ausdauer, Willensstärke und Zielstrebigkeit, um die darwinistischen Verhältnisse in der NHL durchzustehen.
Das gilt nicht nur für Schweizer. Der Deutsche Stefan Ustorf, der Anfang der Neunziger in die NHL wechselte, erkannte: «Die geben hier alles, egal wie das Spiel steht.» Doch die Motivation, sich zu plagen, fand er nicht. Ustorf blieb ein Nobody. Er hatte die NHL–Welt in ihrem Kern nicht begriffen: das subtile Gegeneinander im Miteinander. Während die Europäer Teamgeist pflegen und diesen mit einem Spielverständnis verbinden, das auf Kombinationsspiel setzt, lebt die Hauruck–Ästhetik des kanadischen Kraft–Eishockeys von der Einzelleistung.

Zu dieser Realität gehören auch mundfaule Cheftrainer und akribisch geführte Spielstatistiken, die Spieler extrem vereinzeln und verunsichern können. Sie bedeutet gleichsam die Fortsetzung der Tyrannei des kanadischen Powerspiels mit anderen Mitteln. Damit tun sich Schweizer schwer. So wurde Michel Riesen bei den Edmonton Oilers das Opfer einer simplen Betrachtungsweise. Er erarbeitete sich durch kluges Stellungsspiel zwar viele Chancen, verwertete sie aber nicht. In der NHL zählen jedoch nur Tore, grosse Spielkunst hingegen nichts.

Der tägliche Überlebenskampf setzt einen grossen Bedarf an Stressbewältigung und Frusttoleranz frei – ständig lauert das Scheitern. Die Verunsicherung drückt auf das Selbstvertrauen, das im Spiel benötigt würde. Hinzu kommt das Sprachproblem. Schliesslich: In der NHL wird nicht mit offenen Karten gespielt. Man gibt sich bescheiden, lobt die Leistungen der Mitspieler und mimt nach aussen das Sensibelchen. Das alles zum Schein, die Wirklichkeit ist anders, nämlich ein brutaler Kampf jeder gegen jeden – der Mitspieler ist ein Gegner. Damit kommen nur Europäer zurecht, die wirkliche Ausnahmetalente sind. Hier der Versuch einer Typologie.

Der Gretzky–Typ: Spielintelligenz schlägt Kraftmeierei. «Als ich Profi wurde, hiess es: ‹Du bist zu klein. Du wirst bis zum Nimmerleinstag gecheckt›», sagte der beste Eishockeyspieler aller Zeiten über seine NHL–Anfänge. Also konzentrierte sich Gretzky auf seine Stärken: Schnelligkeit, Stocktechnik, Spielintelligenz. Er bewies, dass Grösse allein nicht auschlaggebend ist. Allerdings war Gretzky ein Jahrzehnttalent, er hatte hervorragende Mitspieler, kräftige Beschützer – und beanspruchte die Führungsrolle im Team.

Der Starke ist am mächtigsten allein

Der Hasek–Typ: Hier bin ich, ich kann nicht anders. Selten ist ein begabter Eishockeyspieler so ausgelacht worden wie der tschechische Torwart Dominik Hasek. Als er 1990 zu den Chicago Blackhawks kam, bescheinigte man ihm «die Technik einer Vogelscheuche», ab ging’s ins Farmteam. Die Buffalo Sabres, die ihn dann verpflichteten, wollten ihn wieder loswerden. Heute gilt Hasek als Meister seines Fachs. Seine Akrobatik, die die Mitspieler angeblich nervös gemacht hat, wird nun gerühmt. Merke: Eigensinn ist manchmal besser, als sich verbiegen zu lassen.

Der Fetisow–Typ: das Erlernen einer Rolle. Beim Powerplay sah er aus wie eine Schaufensterpuppe, welche die Mitspieler die Arbeit verrichten liess. Wenn er einen Angriff aufbauen sollte, liess er sich vom gegnerischen Forechecker den Puck abnehmen. Das war der erste NHL–Auftritt von Wjatschislaw Fetisow, einem der besten Verteidiger aller Zeiten. «Anderes Leben, anderer Stil zu spielen», erkannte der Russe radebrechend das Problem. Es brauchte viel Zeit, bis er Selbstmitleid und Selbstzweifel überwand und sich ins langweilige Spielkorsett der NHL fügte. Glücklich ist er dabei nicht geworden, aber immerhin erfolgreicher Assistenztrainer.

Der Fedorow–Bure–Jaschin–Typ: Widerstand gegen das nordamerikanische Eishockeysystem. Oft reüssieren jene Spieler, die eigene Interessen rücksichtslos verfolgen, auch gegenüber Management und Fans. Letztlich haben sie begriffen, worauf es in der NHL ankommt. So wie die Russen Sergej Fedorow, Wladimir Bure und Alexin Jaschin. Sie boykottierten ihre Teams, um höhere Gehälter durchzusetzen – mit Erfolg.

Schweizern ist das nicht zu empfehlen. Bure und Co. waren schon Eishockeygrössen, als sie nach Nordamerika kamen. Nur der Starke ist am mächtigsten allein.

Jürgen Kalwa ist Sportjournalist in New York

spacer