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Weltwoche - Ausgabe Nr. 16/01, 19.4.2001
Was nützen die Sportvereine der Jugend? Nichts
Vereinssport schützt Jugendliche vor Drogen, Gewalt und Einsamkeit glaubt man. Eine deutsche Studie beweist, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Die Ergebnisse sind auf die Schweiz übertragbar
Von Ernst Kindhauser
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Mehr Bescheidenheit ist nötig: Sportvereine erreichen ihre hochgesteckten Ziele nicht
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Vereinssport ist ein moderner Herkules. Er ist gesund. Er schützt vor Gewalt und Drogen. Vereinssport dient dem Gemeinwohl, indem er Jugendliche von der Strasse holt und sie zu fitten, leistungsfähigen und toleranten Menschen erzieht. Der Sportverein eine gewaltige Vorsorge- und Reparaturstätte. Seit es Sportvereine gibt, singen Funktionäre und Politiker das Hohelied auf deren sozialen Segen.
Doch in Wirklichkeit ist alles anders. Eine bahnbrechende, noch unveröffentlichte Studie des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums über «Jugendarbeit in Sportvereinen: Anspruch und Wirklichkeit» kratzt am Renommee des Vereinssports. Die von den Sportorganisationen und der Jugendpolitik propagierten körperlichen, psychischen und sozialen Wirkungen existieren nicht.
«Es sind fürchterliche Ergebnisse», sagt der Studieninitiator Wolf-Dietrich Brettschneider, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Paderborn. Brettschneider untersuchte von 1998 bis 2000 rund 1600 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren mehrmals anhand von Fragebögen, motorischen Tests und Interviews. Im Gegensatz zu bisherigen Untersuchungen, gelang es Brettschneider, Entwicklungen aufzuzeigen und Jugendliche, die in Vereinen Sport treiben, mit anderen Heranwachsenden zu vergleichen. Die meisten populären Ansichten über den Vereinssport lösen sich im Säurebad seiner Studie auf.
Alles falsch? Nicht ganz ...
1. Vereinssport fördert die körperliche Leistungsfähigkeit. Falsch. Zwar bringen zwölfjährige Jungen und Mädchen, die in Sportvereinen organisiert sind, anfänglich bessere Leistungen punkto Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination als andere Gleichaltrige. Doch nur deshalb, weil es den Sportvereinen gelingt, motorisch Begabte und sportlich Interessierte zu gewinnen. Deren Leistungsvorsprung kann lediglich gehalten, nicht aber ausgebaut werden. Vereinssport bewahrt bestenfalls das sportliche Potenzial von Jugendlichen fördern kann er es nicht.
2. Vereinssport lässt die Persönlichkeit reifen. Falsch. Jugendliche aus Sportvereinen verfügen im Vergleich zu anderen Heranwachsenden weder über ein positiveres Selbstbild noch über grössere emotionale Stabilität; sie können weder besser mit Stress umgehen, noch sind sie sozial kompetenter oder kontaktfreudiger. Einzig das Selbstwertgefühl von jungen Männern wird vom Sportverein positiv beeinflusst. «Unsere Daten raten zur Zurückhaltung, wenn es darum geht, die persönlichkeitsformende Kraft des Sportvereins zu preisen», bekräftigt Wolf-Dietrich Brettschneider. Viele Vereine orientieren sich einseitig am Leistungsdenken. Und vielen Trainern fehlt es an Geschick, pädagogischer Kompetenz und psychologischem Grundwissen.
3. Der Sportverein schützt Jugendliche vor Gewalt, Drogen, Problemverhalten. Falsch. Dass Jugendliche, die Sportvereinen angehören, weniger Verbrechen begehen, konnte der Paderborner Wissenschaftler nicht nachweisen. Auch nicht, dass sie weniger legale und illegale Drogen konsumieren. Im Gegenteil: «Nirgendwo wird so viel geraucht und getrunken wie im Fussball und Handball», schreibt Brettschneider. Zur typischen Vereinskarriere gehört die «dritte Halbzeit», das Zusammensein mit kollektivem Paffen und Trinken.
Ist der Vereinssport also tot? Nicht unbedingt. Laut der Paderborner Studie ist der Sportverein noch immer die Nummer eins unter den Jugendorganisationen. Rund die Hälfte aller Mädchen und Jungen treiben dort Sport. «Trotz zunehmender Individualisierung in vielen Lebensbereichen gelingt es ihnen, Heranwachsende gesellschaftlich zu integrieren», heisst es in der Studie. Der privat betriebene Sport jedoch ist stark im Kommen. «Der Vereinssport wird als Ort sozialer Ungleichheit wahrgenommen», erklärt Brettschneider. Die meisten Sportvereine sind von Männern dominiert und ziehen mittlere und höhere soziale Schichten an. Im nichtorganisierten Sport gibt es solche Ungleichheiten nicht.
Sportvereine verfehlen ihre hochgesteckten, hochmoralischen Ziele wahrscheinlich sind diese ohnehin unerreichbar. Dies heisst jedoch nicht, dass die Vereine unnütz sind. «Die Klubs haben ein pädagogisches und soziales Potenzial», sagt Brettschneider. «Für dessen Erschliessung ist jedoch mehr Realitätssinn und Bescheidenheit nötig.» Vor allem braucht es eine Neubewertung der gesellschaftlichen Rolle des Sportvereins. «Er ist keine Insel der Seligen», sagt Brettschneider und zielt damit ins Herz der herrschenden Sportethik.
Obwohl (oder: gerade weil) der Sport zur globalen Unterhaltungsindustrie mutiert ist, hat sich an seinem moralischen Selbstanspruch nichts geändert. Seine Grundwerte sind die der idealisierten Demokratie vor über hundert Jahren geschaffen, um bürgerliches Konkurrenzdenken moralisch zu überhöhen. Obschon die heile Welt des Sports nie existierte, ist sie bis heute sinnstiftendes Credo von Sportfunktionären und Politikern.
Besonders in der Schweiz, wo es gemessen an der Bevölkerung so viele Sportvereine gibt wie nirgendwo: 27000 mit rund drei Millionen Mitgliedern. Genau wie in Deutschland wird die Paderborner Studie wohl auch hierzulande auf Ablehnung stossen, zumal ihre Ergebnisse im grossen und Ganzen übertragbar sind. Dies jedenfalls glaubt Max Stierlin, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Jugend und Sport in Magglingen, der als einziger Schweizer Fachmann bislang Einblick in die «hochseriöse Untersuchung» hatte. «Anspruch und Wirklichkeit der Sportvereine klaffen auch in der Schweiz weit auseinander», sagt Stierlin. «Die Vereine stehen vor einem gewaltigen Umbruch, und sie sind schlecht darauf vorbereitet.» Zu viele Klubs sind im Leistungs- und Wettkampfdenken verhaftet und vernachlässigen neue Bedürfnisse der Heranwachsenden: Wohlbefinden, Gesundheit, Kontakt mit Gleichaltrigen. Sie wollen zwar «alles für alle» anbieten, doch das gelingt ihnen nicht.
Qualifizierte Trainer, bitte
«Die Sportvereine müssen künftig entscheiden, was sie wollen», fordert Wolf-Dietrich Brettschneider. Sie hätten nur dann eine Zukunft, wenn sie aufhörten, alles zugleich anzustreben. «Sie müssen sich spezialisieren: auf den Leistungssport, den Fitnesssektor, den Trendsport oder den Sport für psychosoziales Wohlbefinden.» Wer soziale Wirkungen erwarte, müsse sie gezielt fördern, etwa durch die Ausbildung qualifizierter Trainer. «Die&Mac220;positiven&Mac221; Effekte des Sports stellen sich nicht von selbst ein.»
Selbst um sportlich zu sein, braucht es nicht unbedingt einen Sportverein. Nebenbei widerlegt die Paderborner Studie auch Medienberichte, die das Bild der schlappen Jugend von heute zeichnen. Die meisten Mädchen und Jungen, die sich nicht im Verein engagieren, treiben nämlich ebenfalls Sport dem Klischee fauler Computer-Kids entsprechen sie nicht.
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