Gesellschaft

11.12.97

Über tausend Scherben musst du gehn: Alles nur eine Sache des Selbstvertrauens, meint Motivations-Guru Höller am «Power-Day» in Zürich.

Der von der Energietankstelle

Motivationstrainer Jürgen Höller hilft Berge versetzen. An seinen "Power-Days" sind Energiekicks für 195 Franken zu haben.

Von Christine Loriol

Sein erstes Wort ist ein Schrei. "Yahoo!" brüllt der Mann, kommt aus einer Seitentüre geschnellt und fliegt mit wehenden Rockschössen auf die Bühne. Gleichzeitig stürzt wie ein Wasserfall James-Bond-Sound von der Saaldecke und setzt den Raum akustisch innert Sekunden unter Wasser. Dazu rennt der Mann auf der Bühne von einer Seite zur anderen. Er macht wilde Bewegungen mit Händen und Armen, springt nach hinten, sprintet nach vorne, stoppt, rennt weiter und schreit immer wieder: "Yahoo!"

Dann ist er plötzlich Tarzan im Anzug, stellt sich breitbeinig hin und trommelt mit den Fäusten auf die Brust. Vor ihm sitzen 400 Männer und Frauen und staunen. Wie ein Orkan ist Jürgen Höller über sie hereingebrochen - keine Zeit, auch nur an Schutz zu denken. Auf die Andeutung eines Handzeichens hin stoppt der Spuk. Es wird still für zwei, drei Sekunden. Applaus.

Jürgen Höller wartet und geniesst.

Der Abräumer des Jahres

Mit zwei Fingern zieht er die Manschetten aus dem Ärmel, tupft mit dem Ringfinger eine Schweissperle von der Schläfe, rückt mit den beiden Mittelfingern das Kopfhörermikrophon zurecht, blickt auf, lächelt, grüsst und redet die nächsten anderthalb Stunden. Nonstop.

Jürgen Höller ist Motivationstrainer und als solcher in Deutschland "der Abräumer des Jahres". Doch damit nicht genug: "Im Jahr 2000 will ich die Nummer eins in Europa sein", verkündet er selbstbewusst. Mehr als 50 000 Menschen sollen seine Seminare schon besucht haben, um es ebenso weit - oder lieber noch weiter - zu bringen.

Begonnen hat Jürgen Höller mit Misserfolg. Damals, Mitte zwanzig, als er beruflich völlig scheiterte, las er sein erstes wichtiges Buch: "Sorge dich nicht, lebe". - "Idiot!" habe er als erstes über den Autor gedacht, sich dann aber doch mit Dale Carnegies Ideen von der "Kraft des Positiven Denkens" befasst. Er habe weitergelesen, Kurse besucht, gelernt und "umgesetzt, was funktionierte". Er machte Motivation zu seiner Berufung. 600 Bücher, 120 Seminare und unzählige Trainingskassetten auf langen Autofahrten später ist Jürgen Höller erfolgreich und auf Monate hinaus ausgebucht.

Er verdient Geld mit einem Fitness-Center, einer Unternehmensberatung, mit Büchern wie "Sicher zum Spitzenerfolg" und "Alles ist möglich", mit Kassetten ("Erfolgreich und glücklich", "Erfolgreich und selbstbewusst", "Frei von Problemen"), mit Videolehrgängen ("The Sky is the Limit") und auch mit mehrtägigen Seminaren.

Seine Spezialität aber ist der "Power-Day". Dafür hat ihn die Schweizer Zeitschrift "Boom" - "Das Magazin für den unternehmerischen Erfolg" - am Klaustag im Technopark engagiert. Für den Motivationstag mit Jürgen Höllers Erkenntnissen, Erfahrungen, Tips und Übungen opferten fast 400 Männer und Frauen einen freien Samstag, bezahlten 195 Franken oder liessen sich vom Chef einladen wie Tilo Kupper und seine Kolleginnen Marianne und Barbara. Das Trio arbeitet in einem Fitnesscenter in Baselland. "Von uns wird erwartet, dass wir andere motivieren können, dass wir Power haben", sagt eine der Frauen, "deshalb tut es gut, hier wieder einmal selbst einen Kick zu bekommen."

Das Kurspublikum kommt aus der ganzen Schweiz, viele haben schon diverse Seminare und Weiterbildungen besucht, "weil der Mensch ein Lernender ist", wie Höller sagt, und weil "wer stehenbleibt, verliert". Weitermachen kostet Kraft und Energie, ein Tag mit Jürgen Höller sei wie Auftanken, sagt Sascha Anker aus Bern, der selber Managementtrainer werden will. "Von ihm kann man nur lernen."

Um Energie und den "Kick" geht es auch Sabrina Reich. Die 28jährige Deutsche hat bereits zwei eigene EDV-Schulungsfirmen aufgebaut. Mit weit aufgerissenen Augen erzählt sie, wieviel Spass ihr das mache, dass es wirklich funktioniere, wenn man nur an sich glaube, und, dass sie sich gerne von einem wie Jürgen Höller aufputschen lasse. "Man muss einfach immer weitermachen."

Kick ist neben Power das meistgenannte Wort an diesem Tag. Auf den Kick sind alle scharf. Jan Pacek ist gleich mit zwanzig Mitarbeitern aus Reinach angereist. Der Kick von Jürgen Höller soll dem Umsatz seiner Finanzanlagefirma auf die Sprünge helfen. Gute Mitarbeiter tragen eine goldene Klammer am Revers. John Van der Kuil, der sogar eine mit zwei Brillanten verzierte Umsatzklammer trägt, gibt zu Protokoll, es mache eben auch Spass, zusammen einen Tag bei Höller zu erleben.

Und neben Spass gibt's ja Erfolgsrezepte: Höllers Angebot reicht von der einfachen Hilfe bei Standortbestimmungen ("Wo stehe ich? Wo möchte ich eigentlich hin?") über Arbeitstechnik ("Schreibt euer Ziel auf") und Meditationsübungen ("Spür die Power, atme sie ein") bis zu Lebensweisheiten à la "Nichts ändert sich, ausser wir ändern uns". Höhepunkt jedes "Power Day" sind jedoch die "Experimente" wie das Glasscherbenlaufen, das besonders Mutige ohne Kratzer überstehen, während der ganze Saal brüllt: "Scherben sind stumpf! Scherben sind rund! Scherben machen Freude! Scherben sind weich! Scherben sind kuschelig!"

Das GAD-System

Mit genialischem Gespür für Rhythmus und Dramatik schafft Höller eine mitreissende Atmosphäre, der sich niemand im Raum entziehen kann. Er hat des Zeug zum Popstar, das heisst: Er hätte, wenn er singen könnte. "Das kann er nicht", bezeugt seine Frau Kerstin, "aber wenn er das wollte, würde er es bestimmt schaffen". Denn Jürgen Höller hat das GAD-System erkannt, erfunden: das Glaube-an-dich-System. Schliesslich wollte er schon immer hoch hinaus. Ein Fingerhütchen voll Glück? Lächerlich. Eine Schubkarre voll Erfolg? Naja, für Bescheidene. Höller ist kein Freund kleiner Schrittchen, ihn interessiert "der Quantensprung". Das zieht Gleichgesinnte an: "Keiner muss hier müssen, nur wollen muss jeder selbst", predigt er, "denn ich kann Sie nicht motivieren."

Wer nichts verspricht, braucht auch nichts zu halten. Jürgen Höller erzählt nur, was er tut und wie er es geschafft hat. Das gelingt ihm mit Witz ("Es gibt Menschen, die planen ihren Urlaub intensiver als den Rest ihrer Zukunft") und der Fähigkeit, bei allem Selbst- und Sendungsbewusstsein auch über sich selber lachen zu können. Dann, wenn der gelernte Verkäufer in ungelenker Schrift "Pro-blem" an die Zeigetafel schreibt und erklärt: "Ein Problem ist nicht etwas, das gegen uns arbeitet, sondern für uns - wenn wir den Sinn erkennen. Sonst würde es ja Antiblem heissen."

Munter und unermüdlich erzählt Jürgen Höller einen Tag lang Geschichten wie die vom jungen Adlerbaby, das aus dem Nest gefallen war und bei Hühnern aufwuchs, dabei das Fliegen verlernte und sehnsüchtig am Himmel die grossen Vögel beobachtete, die seine Verwandten waren. "Sind Adler unter uns?" fragt Höller, und im Raum wird es ganz still. Er atmet tief ein und setzt noch einen drauf: "Sind wir nicht alle - eigentlich - zum Adler geboren?" - Der Pfeil sitzt. Doch das Programm lässt keinem Zeit, ihn herauszuziehen. Dafür bleibt dann der Sonntag.


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