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Über tausend
Scherben musst du gehn: Alles nur
eine Sache des Selbstvertrauens, meint
Motivations-Guru Höller am «Power-Day» in
Zürich. |
Der von der Energietankstelle
Motivationstrainer Jürgen Höller hilft Berge
versetzen. An seinen "Power-Days" sind
Energiekicks für 195 Franken zu haben.
Von Christine Loriol
Sein erstes Wort ist ein Schrei.
"Yahoo!" brüllt der Mann, kommt aus einer
Seitentüre geschnellt und fliegt mit wehenden
Rockschössen auf die Bühne. Gleichzeitig stürzt
wie ein Wasserfall James-Bond-Sound von der Saaldecke
und setzt den Raum akustisch innert Sekunden unter
Wasser. Dazu rennt der Mann auf der Bühne von einer
Seite zur anderen. Er macht wilde Bewegungen mit
Händen und Armen, springt nach hinten, sprintet nach
vorne, stoppt, rennt weiter und schreit immer wieder:
"Yahoo!"
Dann ist er plötzlich Tarzan im Anzug, stellt
sich breitbeinig hin und trommelt mit den Fäusten
auf die Brust. Vor ihm sitzen 400 Männer und Frauen
und staunen. Wie ein Orkan ist Jürgen Höller über
sie hereingebrochen - keine Zeit, auch nur an Schutz
zu denken. Auf die Andeutung eines Handzeichens hin
stoppt der Spuk. Es wird still für zwei, drei
Sekunden. Applaus.
Jürgen Höller wartet und geniesst.
Der Abräumer des Jahres
Mit zwei Fingern zieht er die Manschetten aus dem
Ärmel, tupft mit dem Ringfinger eine Schweissperle
von der Schläfe, rückt mit den beiden Mittelfingern
das Kopfhörermikrophon zurecht, blickt auf,
lächelt, grüsst und redet die nächsten anderthalb
Stunden. Nonstop.
Jürgen Höller ist Motivationstrainer und als
solcher in Deutschland "der Abräumer des
Jahres". Doch damit nicht genug: "Im Jahr
2000 will ich die Nummer eins in Europa sein",
verkündet er selbstbewusst. Mehr als 50 000 Menschen
sollen seine Seminare schon besucht haben, um es
ebenso weit - oder lieber noch weiter - zu bringen.
Begonnen hat Jürgen Höller mit Misserfolg.
Damals, Mitte zwanzig, als er beruflich völlig
scheiterte, las er sein erstes wichtiges Buch:
"Sorge dich nicht, lebe". -
"Idiot!" habe er als erstes über den Autor
gedacht, sich dann aber doch mit Dale Carnegies Ideen
von der "Kraft des Positiven Denkens"
befasst. Er habe weitergelesen, Kurse besucht,
gelernt und "umgesetzt, was funktionierte".
Er machte Motivation zu seiner Berufung. 600 Bücher,
120 Seminare und unzählige Trainingskassetten auf
langen Autofahrten später ist Jürgen Höller
erfolgreich und auf Monate hinaus ausgebucht.
Er verdient Geld mit einem Fitness-Center, einer
Unternehmensberatung, mit Büchern wie "Sicher
zum Spitzenerfolg" und "Alles ist
möglich", mit Kassetten ("Erfolgreich und
glücklich", "Erfolgreich und
selbstbewusst", "Frei von Problemen"),
mit Videolehrgängen ("The Sky is the
Limit") und auch mit mehrtägigen Seminaren.
Seine Spezialität aber ist der
"Power-Day". Dafür hat ihn die Schweizer
Zeitschrift "Boom" - "Das Magazin für
den unternehmerischen Erfolg" - am Klaustag im
Technopark engagiert. Für den Motivationstag mit
Jürgen Höllers Erkenntnissen, Erfahrungen, Tips und
Übungen opferten fast 400 Männer und Frauen einen
freien Samstag, bezahlten 195 Franken oder liessen
sich vom Chef einladen wie Tilo Kupper und seine
Kolleginnen Marianne und Barbara. Das Trio arbeitet
in einem Fitnesscenter in Baselland. "Von uns
wird erwartet, dass wir andere motivieren können,
dass wir Power haben", sagt eine der Frauen,
"deshalb tut es gut, hier wieder einmal selbst
einen Kick zu bekommen."
Das Kurspublikum kommt aus der ganzen Schweiz,
viele haben schon diverse Seminare und
Weiterbildungen besucht, "weil der Mensch ein
Lernender ist", wie Höller sagt, und weil
"wer stehenbleibt, verliert". Weitermachen
kostet Kraft und Energie, ein Tag mit Jürgen Höller
sei wie Auftanken, sagt Sascha Anker aus Bern, der
selber Managementtrainer werden will. "Von ihm
kann man nur lernen."
Um Energie und den "Kick" geht es auch
Sabrina Reich. Die 28jährige Deutsche hat bereits
zwei eigene EDV-Schulungsfirmen aufgebaut. Mit weit
aufgerissenen Augen erzählt sie, wieviel Spass ihr
das mache, dass es wirklich funktioniere, wenn man
nur an sich glaube, und, dass sie sich gerne von
einem wie Jürgen Höller aufputschen lasse.
"Man muss einfach immer weitermachen."
Kick ist neben Power das meistgenannte Wort an
diesem Tag. Auf den Kick sind alle scharf. Jan Pacek
ist gleich mit zwanzig Mitarbeitern aus Reinach
angereist. Der Kick von Jürgen Höller soll dem
Umsatz seiner Finanzanlagefirma auf die Sprünge
helfen. Gute Mitarbeiter tragen eine goldene Klammer
am Revers. John Van der Kuil, der sogar eine mit zwei
Brillanten verzierte Umsatzklammer trägt, gibt zu
Protokoll, es mache eben auch Spass, zusammen einen
Tag bei Höller zu erleben.
Und neben Spass gibt's ja Erfolgsrezepte: Höllers
Angebot reicht von der einfachen Hilfe bei
Standortbestimmungen ("Wo stehe ich? Wo möchte
ich eigentlich hin?") über Arbeitstechnik
("Schreibt euer Ziel auf") und
Meditationsübungen ("Spür die Power, atme sie
ein") bis zu Lebensweisheiten à la "Nichts
ändert sich, ausser wir ändern uns".
Höhepunkt jedes "Power Day" sind jedoch
die "Experimente" wie das
Glasscherbenlaufen, das besonders Mutige ohne Kratzer
überstehen, während der ganze Saal brüllt:
"Scherben sind stumpf! Scherben sind rund!
Scherben machen Freude! Scherben sind weich! Scherben
sind kuschelig!"
Das GAD-System
Mit genialischem Gespür für Rhythmus und
Dramatik schafft Höller eine mitreissende
Atmosphäre, der sich niemand im Raum entziehen kann.
Er hat des Zeug zum Popstar, das heisst: Er hätte,
wenn er singen könnte. "Das kann er
nicht", bezeugt seine Frau Kerstin, "aber
wenn er das wollte, würde er es bestimmt
schaffen". Denn Jürgen Höller hat das
GAD-System erkannt, erfunden: das
Glaube-an-dich-System. Schliesslich wollte er schon
immer hoch hinaus. Ein Fingerhütchen voll Glück?
Lächerlich. Eine Schubkarre voll Erfolg? Naja, für
Bescheidene. Höller ist kein Freund kleiner
Schrittchen, ihn interessiert "der
Quantensprung". Das zieht Gleichgesinnte an:
"Keiner muss hier müssen, nur wollen muss jeder
selbst", predigt er, "denn ich kann Sie
nicht motivieren."
Wer nichts verspricht, braucht auch nichts zu
halten. Jürgen Höller erzählt nur, was er tut und
wie er es geschafft hat. Das gelingt ihm mit Witz
("Es gibt Menschen, die planen ihren Urlaub
intensiver als den Rest ihrer Zukunft") und der
Fähigkeit, bei allem Selbst- und Sendungsbewusstsein
auch über sich selber lachen zu können. Dann, wenn
der gelernte Verkäufer in ungelenker Schrift
"Pro-blem" an die Zeigetafel schreibt und
erklärt: "Ein Problem ist nicht etwas, das
gegen uns arbeitet, sondern für uns - wenn wir den
Sinn erkennen. Sonst würde es ja Antiblem
heissen."
Munter und unermüdlich erzählt Jürgen Höller
einen Tag lang Geschichten wie die vom jungen
Adlerbaby, das aus dem Nest gefallen war und bei
Hühnern aufwuchs, dabei das Fliegen verlernte und
sehnsüchtig am Himmel die grossen Vögel
beobachtete, die seine Verwandten waren. "Sind
Adler unter uns?" fragt Höller, und im Raum
wird es ganz still. Er atmet tief ein und setzt noch
einen drauf: "Sind wir nicht alle - eigentlich -
zum Adler geboren?" - Der Pfeil sitzt. Doch das
Programm lässt keinem Zeit, ihn herauszuziehen.
Dafür bleibt dann der Sonntag.
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