Alexander Jakuschew (ganz rechts) und seine «Fallensteller»:
Kwartalnow, Petrow und Tschibirew (von links)
Foto: Reuters

Die Mär von den «neuen Besen»

[ Auswirkungen der Trainerwechsel seit 1991 ]

Von Ivan Sajnoha

Der schöne Brauch, bei Misserfolg den Trainer zu feuern, wird auch in der Schweiz weiter gepflegt: Mit Alexander Jakuschew wurde der 43. NL-A-Coach seit 1987 entlassen. Die Frage bleibt: Was bringt’s?.

Wenn ein Klub den Trainer feuert, bemüht nicht nur der Präsident fast immer das Bild von den neuen Besen, die angeblich besser kehren sollen.
Stimmt das?
Die Trainerentlassung ist zwar auch im Eishockey die natürlichste Sache, seit es diesen Sport gibt.
Aber meistens die sinnloseste.
Mit Ambris Alexander Jakuschew wurde der 43. NL-A-Trainer seit 1987 vorzeitig entlassen. Aber nur in einem einzigen Fall ging es der Mannschaft nach dem Trainerwechsel wesentlich besser als zuvor: Der EHC Kloten schickte in der Saison 1994/95 nach dem enttäuschenden siebten Platz in der Qualifikation das schwedische Duo Ingvar Carlsson/Lars Falk nach Hause, und der «neue finnische Besen» Alpo Suhonen fegte die kriselnde Mannschaft zum Meistertitel.
Doch sonst brachten die Trainer-Rochaden keine wesentlichen Erfolgserlebnisse: Nur in neun Fällen hat ein Team nach einem Trainertausch einen oder zwei Ränge gewonnen, 32mal hingegen lief es ähnlich schlecht oder sogar schlechter als vorher.
Auch in den letzten fünf Jahren ist die Bilanz der Vereine nach einer Trainerentlassung ähnlich (siehe Kasten): 17 NL-A-Teams stellten 21 «Besen» vorzeitig in die Ecke. Einmal brachte der Trainerwechsel den gewünschten Erfolg (im erwähnten Beispiel von Kloten), dreimal besserte sich die Lage minim, doch 15mal veränderte sich nichts oder - noch schlimmer - mit dem neuen Trainer ging’s weiter abwärts.
Bei fünf NL-A-Vereinen führten die Trainerentlassungen sogar zum Debakel: Lausanne (1995/96), Biel (1994/95), Olten (1993/94), Chur (1992/93) und nochmals Olten (1991/92) mussten in die National-
liga B absteigen, nachdem sie sich einen neuen «Zauberbesen» zugelegt hatten.
Dieses Schicksal droht weder Ambri noch Fribourg, denn der Abstieg ist ja abgeschafft. Doch welche Folgen die Wechsel bei Fribourg (Peloffy für Larsson) und bei Ambri (Huras für Jakuschew) haben werden, weiss noch niemand.

Auch die Wissenschaft zweifelt an den neuen Besen

Dass ein vorzeitiger Trainerwechsel nur wenig oder nichts bringt, haben auch zwei Wissenschaftler bewiesen: Professor Roland Singer vom Sportwissenschaftlichen Institut der TH Darmstadt und sein Mitarbeiter Christoph Breuer haben die 222 Trainerentlassungen in 32 Jahren deutscher Fussball-Bundesliga untersucht.
Wie der «stern» in Ausgabe 42 berichtet, haben diese beiden Herren annähernd 10000 Spiele und rund 1000 Tabellen ausgewertet. Ihr Fazit: Lediglich in den ersten Spielen nach einem Wechsel kam es allenfalls zu einer Steigerung. Dann aber versiegte der anfängliche Motivationsschub rasch, und die Leistungskurve der untersuchten Klubs flachte ab.
Dramatische Leistungssprünge wie beim Hamburger SV, der sich im Vorjahr unter dem neuen Trainer Felix Magath aus der Abstiegsregion auf den fünften Rang katapultierte, bildeten die Ausnahme.
Der schöne Brauch, den Trainer zu feuern, führt auch die Begeisterung für die neue Profiliga und ihre Arbeitsbedingungen teilweise ad absurdum. «Weniger Hektik im Tagesgeschäft» und «weniger Kosten durch den Einsatz von eigenen Junioren in den ersten Mannschaften» hatten die Verfechter der Liga nach NHL-Muster versprochen.

Der Irrglaube von der Allmacht des Trainers

Aber schon nach 15 Runden Profibetrieb ist klar: Durch die drastisch sinkenden Zuschauerzahlen aufgeschreckt, suchen die Klubs mehr denn je den schnellen Erfolg. Da wird der Trainer schon nach zwei, drei Niederlagen zum Thema. Von einer langfristigen Planung ist nichts mehr zu sehen. Statt den eigenen Junioren eine Chance zu geben und mit vier Blöcken ins Spiel zu gehen, konzentrieren die meisten Teams bereits nach einem 0:1-Rückstand ihre besten Kräfte, der Nachwuchs hingegen muss die Ersatzbank drücken. Eine mehr als fragwürdige Entwicklung.
Genau so dubios ist die weit verbreitete Überzeugung, dass in erster Linie der Trainer für Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft verantwortlich ist. Doch in der Realität sieht es anders aus: Die Hauptverantwortlichen für einen Sieg oder eine Schlappe sind immer die Spieler.
Nur wenn sie abgeschafft würden, wäre alles gut...
Dem Irrglauben vom allmächtigen Trainer fielen in der Schweiz nicht nur Coaches der zweiten Garnitur zum Opfer. Auch in der Eishockey-Welt anerkannte Experten mussten ihre Klubs vorzeitig verlassen: Bengt Ohlson, Timo Lahtinen, Jozef Golonka, Curt Lindström, Björn Kinding, Kent Ruhnke, Simon Schenk, Dan Hober, Andy Murray, Pavel Wohl und zuletzt auch Kjell Larsson und Alexander Jakuschew landeten auf dem «Besenfriedhof».


Auswirkungen der Trainerwechsel seit 1991

SaisonKlubTrainerBilanz:RangSpielePunkteSaisonende
1995/96LuganoTimo Lahtinen 8 75
John Slettvoll 73635Viertelfinal
LausanneJean Lussier10237
Doug McKay103610Abstieg
1994/95BielAnders Sörensen 91810
Jean Helfer102412
Chris Reynolds103616Abstieg
KlotenIngvar Carlsson/Lars Falk 73638
Alpo SuhonenMeister
1993/94ZSCArno Del Curto10104
Ueli Hofmann 83624Viertelfinal
OltenDick Decloe102510
Kent Ruhnke 93620Abstieg
BielKöbi Kölliker 92616
Jiri Kochta103618
Jean HelferAbstiegs-Playoff
1992/93LuganoAndy Murray 62225
John Slettvoll 43643Halbfinal
ChurAlex Andjelic10222
Juri Woschakow103610Abstieg
BernLance Nethery 33646
Jim KoleffViertelfinal
1991/92ZSCPavel Wohl 71611
Del Curto 73628Halbfinal
KlotenPavel Volek 71812
Richi Thomet/Gabriel Weber 82014
Ingvar Carlsson 63635Viertelfinal
ChurLeo Schumacher102410
Wolfgang Haldi/Juri Woschakow 93316
Alex Andjelic103618Abstiegs-Playoff
OltenDan Hober103316
Bill Lochead 93619Abstieg
BielDick Decloe 83322
Köbi Kölliker 83623Viertelfinal