NHL: Die Kultur der Schmerzen in der härtesten Liga


Sie fürchten nur die Autopsie

Von Michael Farber
Übersetzung: D. Hostettler


Gespaltene Lippen, ausgekugelte Schultern, gebrochene Rippen und andere Knochen - kein Problem! Unter grossen Schmerzen zu spielen ist ein wesentlicher Teil der Eishockey-Kultur Nordamerikas. Wer klaglos leidet, ist ein Leader.

Es war in einer Frühlingsnacht 1993 im «Le Colisée» zu Quebec City. Montreals Goalie Patrick Roy sass im Raum des Physiotherapeuten, die Augen fixiert auf den TV-Schirm, wo das Spektakel zu sehen war, das sich vor der Türe in der Arena abspielte. Im fünften Spiel der ersten Playoff-Runde zwischen den Québec Nordiques und den Canadiens stand es zwar 2:2, doch die Gastgeber waren eindeutig am Drücker, und nur Roy konnte die Canadiens im Spiel und in der Serie halten.
Doch da sass er nun, unfähig seinen rechten Arm zu heben, nachdem ihn im zweiten Drittel ein Slapshot an der Schulter getroffen hatte. Verdrossen hatte er mitansehen müssen, wie sein Ersatz André «das rote Licht» Racicot zwei Schüsse zum Ausgleich passieren liess. Zur gleichen Zeit drückte sich ein Angestellter der Canadiens durch die Presseboxen und informierte, dass Roy für den Rest des Spiels ausfalle.
«Es sieht nach einer ziemlich starken Schulterprellung aus», sagte Montreals Arzt Eric Lenczner zu Roy. «Können wir die Schulter gefühllos machen?» fragte Roy. «Nun, wir können es versuchen.»
Zwei Spritzen mit dem Anästhetikum Marcaine taten ihr Werk. Roy konnte den Arm zwar immer noch nicht heben, aber er kam ins Spiel zurück und half den Canadiens, in der Verlängerung zu gewinnen. Es war die Wende in der Serie, und die Canadiens holten in der Folge ihren 24. Stanley Cup. «Es war schlicht Pats Siegeswille», sagt Lenczner im Rückblick über seinen Goalie, der im Jahr darauf die Playoffs mit einem entzündeten Blinddarm bestritt. «Solange die Spieler wissen, dass sie keinen bleibenden Schaden davontragen, können sie die Schmerzgrenze sehr weit hinausschieben. Aber sie sprechen kaum einmal darüber.»

Eishockeyspieler amerikanischer Prägung verrichten ihre Arbeit mit einer stoischen Ruhe, die bis auf die Knochen geht - selbst auf gebrochene. Acht Monate pro Jahr spielen sie und halten den Mund, halsstarrig, manchmal jenseits der Vernunft, oder «stupid», wie Todd Simpson, der Captain der Calgary Flames, sagt. Aber sich gross mit Verletzungen oder Schmerzen auseinanderzusetzen würde nur heissen, daraus etwas Spezielles oder gar Heroisches zu machen, statt es bei dem zu belassen, was es aus ihrer Sicht ist: banal.
«Jedermann weiss, dass Hockey ein sehr physisches, zuweilen sogar gewaltsames Spiel ist», meint Dallas´ GM Bob Gainey. «Jeder Spieler, ohne Ausnahme, trägt Verletzungen davon.» Schmerzen, oder besser, stilles Leiden ist sicher nicht das einzige Markenzeichen der NHL, doch Stiche und Nähte gehören ganz eng zum Spiel. Es gibt Spieler, die fürchten nur einen medizinischen Eingriff: die Autopsie.
Patrick Roys Beispiel von Tapferkeit ist bloss eines, wahllos herausgepickt aus den unzähligen belegten Geschichten aus den Annalen der Liga. Mit der Story über seine lädierte Schulter qualifiziert sich Roy höchstens knapp für Montreals Tempel der grössten Kämpferherzen. Dort drin steht zuoberst Gainey, der 1984 zum sechsten Spiel des Halbfinals angetreten war, die eine Schulter ausgerenkt, die andere gezerrt. «Wir hatten damals eben ein sehr schmales Kader», sagt Gainey, «und ich dachte, ich könnte trotzdem so gegen zehn Minuten spielen und im Penaltykilling eingesetzt werden.»

Am 20. März 1994 wurde Gary Roberts, damals linker Flügel bei den Calgary Flames, im Spiel gegen Toronto von einem Schuss getroffen, der ihm den rechten Daumen zertrümmerte. Die Betreuer stillten das Blut, und Roberts liess keinen Einsatz aus. In der Drittelspause wurde der Daumen geschient, damit bestritt Roberts auch die Partien der darauffolgenden Wochen. In den Playoffs desselben Jahres konnte er wegen einer Nackenverletzung den Arm nicht mehr über Schulterhöhe heben, worauf ihm die Ärzte in der ersten Runde gegen Vancouver einen Nackenschutz anpassten. Als es jedoch in die Verlängerung ging, entfernte er den Kragen, ganz einfach, weil er ihn daran hinderte, Pucks zu sehen, die nahe bei seinen Füssen waren.
Übrigens: Roberts war der klar beste Spieler der Serie.
Noch mehr? Also gut. Nehmen wir an, wir spielen Poker. Die Währung ist, wer mehr leiden kann. Sie legen als erste Karte Michael Jordan, der grippegeplagt, total erschöpft und dehydriert 1997 das fünfte Spiel des NBA-Finals gegen die Utah Jazz spielte und entschied. Wir kontern mit Bobby Baun, einem äusserst durchschnittlichen Verteidiger der Toronto Maple Leafs: Er schoss 1964 im Stanley-Cup-Final im sechsten Spiel nach 2:43 der Verlängerung den Siegtreffer, der die Serie ausglich, nachdem er Mitte des letzten Drittels das Schienbein gebrochen hatte. Zwei Tage später kam Baun 90 Minuten vor dem «Final Game» in die Garderobe und liess sich das Bein von den Ärzten alle zehn Minuten einfrieren. Beim 4:0 gegen die Red Wings spielte er einen vollen Einsatz, den Gewinn des Cups musste er indes in der Ambulanz feiern. Danach trug er sechs Wochen einen Gips.

Als die Edmonton Oilers am 17. Mai 1983 durch die Katakomben des Nassau Coliseum schlichen, sahen sie etwas, das ihnen die Augen öffnete und ihrer Franchise eine neue, erfolgreiche Richtung wies. Eine knappe Stunde zuvor waren sie 4:2 geschlagen worden, von den New York Islanders, welche damit ihren vierten aufeinanderfolgenden Stanley-Cup «feiern» konnten.
Das wenigstens dachten die Oilers, als sie sich an der offenen Garderobentür der Islanders vorbeiduckten. Aber sie vernahmen keinen überbordenden Jubel, dafür war praktisch jeder Quadratzentimeter des spielenden Personals mit Eispackungen bedeckt. «Drei Spieler, darunter mein Bruder Duane, mussten sich danach die Knie operieren lassen», sagt Brian Sutter, heute Calgarys Coach. «Wer gewinnen will, muss einen Preis dafür bezahlen, und zu dem gehört, Schmerzen zu ertragen. Das konnten die Islanders besser als die Oilers, das machte den Unterschied.» Selbst «The Great One» ist der gleichen Meinung. «Wir sahen in jenem Moment vor der Kabinentür, was unserem Team noch fehlte», schrieb Wayne Gretzky in seiner Autobiographie. Im Jahr darauf holte Edmonton den Cup.

«Unter Schmerzen zu spielen ist im Eishockey eine Status-Angelegenheit», sagt der auch in der Schweiz bekannte Dave King, derzeit Assistenzcoach in Montreal. «Es ist der einfachste Weg, um sich bei Teamkollegen, Gegnern und Trainern Respekt zu verschaffen. Als Coach beurteilt man Spieler ständig, gerade auch nach einem harten Check oder gar nach einem Stockschlag. Was macht er? Steht er auf und fährt zur Bank, oder spielt er einfach weiter? Wenn ein Spieler sich in einen Schuss geworfen hat: Bleibt er liegen oder steht er auf, als wäre nichts geschehen? Schmerzen ertragen zu können, ist im Eishockey eine Messlatte.»
Dabei gibt es Spieler, die schlecht abschneiden, als «weich» gelten, obwohl es ihnen nicht am Mumm fehlt, die aber einfach die Schmerzgrenze nicht hinausschieben können. So setzte Montreals russischer Verteidiger Wladimir Malakow im vergangenen Frühjahr in der zweiten Runde des Playoff gegen Buffalo wegen Nackenschmerzen ein Spiel aus, was unter seinen Mitspielern in der Garderobe zu bösen Kommentaren führte.
Im Frühling davor war selbst der zweifache MVP Dominik Hasek von seinen Mitspielern argwöhnisch beobachtet worden, als er während eines Playoffspiels das Eis einer nicht sonderlich ernsthaften Knieverletzung wegen verlassen hatte.

Colorados Claude Lemieux, der meistgehasste Spieler der Liga, ist ein anderes Beispiel ist. Als er noch in Montreal spielte, sagte man ihm nach, er spiele zwei Positionen - am rechten Flügel und ausgestreckt auf dem Eis. Er hatte die Tendenz, selbst nach minimalstem Körperkontakt liegenzubleiben und sich zu winden, um eine gegnerische Strafe herauszuschinden. Den Mitspielern und seinen Coaches freilich stiess das Benehmen gehörig auf, weil es die ungeschriebenen Gesetze des Spiels verhöhnte. Im Final 1989 platzte Coach Pat Burns schliesslich der Kragen. Als sich Lemieux wieder einmal auf dem Eis wälzte, packte Burns den Physiotherapeuten am Pullover, bevor der über die Bande springen konnte. «Lass den gefälligst liegen!» donnerte Burns und steckte Lemieux im nächsten Spiel unter die Wolldecke.
«Beide hatten die Unsitte, sich nach jedem Kontakt hinzulegen», sagt Brian Sutter ohne Namen zu nennen, aber er meint ganz klar Claude und Jocelyn Lemieux. Die sechs Sutter-Brüder hingegen hatten den Hockey-Code schon als kleine Buben gelernt. Im Dörfchen Viking in der Provinz Alberta, wo der Winter meistens fürchterlich war. Brian und Darryl sassen in der Lobby des örtlichen Eisrinks, und ihre Füsse schmerzten vor Kälte derart, dass ihnen Tränen über die Backen flossen. Vater Louis sah das und gab ihnen den Tarif bekannt: «Wenn ich euch noch einmal auf einem Eisfeld weinen sehe, ist´s aus mit Hockey.»
Die Sutters verstanden die Botschaft, zumal sie vom Leben auf der abgelegenen elterlichen Farm wussten, dass man Mühen und Plagen des Alltags einfach zu ignorieren hatte. Und obwohl bis in die 70er Jahre hinein die Liga von Spielern dominiert wurde, die vornehmlich in kleinen kanadischen Städten aufgewachsen waren, findet man die Wurzeln des nordamerikanischen Eishockeys weitgehend auf dem Land. Deshalb ist auch vielen Spielern jene Mentalität des «Schwamm drüber» eigen, die jeden Krankenkassendirektor vor Freude die Hände reiben lässt.

Die Sutters gehören noch knapp zu jener Generation, die sich an NHL-Zeiten erinnert, als bloss sechs Teams dazugehörten. Ein nahezu geschlossener Zirkel mit bloss 110 Stellen, wo selbst ein bestandener Veteran fürchten musste, dass eine Verletzung zu Arbeitslosigkeit führen würde. Als Brian Sutter, der älteste, 1976 in der NHL debütierte, waren es schon 18 Teams. Aber auch das sind nur 60 Prozent der Grösse, welche die Liga nach Abschluss der Expansion im Jahr 2000 haben wird.
«Damals war es ein riesiges Privileg, in der NHL spielen zu dürfen», sagt Darryl Sutter, der acht Saisons in Chicago engagiert war. «Ich habe zwei-, dreimal mit gebrochenen Rippen gespielt. Solange die Rippe nicht die Lunge durchbohrt, legt man Eis auf und spielt. Wer das klaglos tut, zeigt Führungsqualitäten und ist für alle andern Spieler ein Vorbild, das sie nachahmen.»
Wie verstümmelt das Personal jeweils ist, wissen die wenigsten. Denn Eishockey versucht, seinen Schmerzenskult zu verbergen. Der wöchentliche «Medical Report» der NHL ist wie ein Stephen-King-Roman: fürchterlich, aber fiktiv. So sagt Dave King: «Wenn da steht: Knie, Einsatz zweifelhaft, dann kann das durchaus heissen, dass der Betroffene eine Schulterverletzung hat und spielen wird. Denn wenn andere Spieler wissen, wo es einen zwickt, werden sie auf diese Körperpartien losgehen und noch etwas härter zupacken.»
Nicht ohne Grund sprechen Journalisten von der «Diagonal-Regel». Heisst es von einem Spieler, er sei am rechten Knöchel verletzt, ist vermutlich seine linke Schulter nicht in Ordnung. 1996, bei einem Playoff-Spiel zwischen Montreal und den New York Rangers, fragte eine TV-Reporterin in der Pause Eric Lenczner nach der Verletzung von Saku Koivu, der sich am linken Knöchel weh getan hatte. «Rechter Oberschenkel», war die knappe Antwort. «Oberschenkel klingt immer gut», sagt King dazu.

Heutzutage verdienen die Spieler viel mehr Geld und haben eine starke Gewerkschaft - Faktoren, welche zur Abkehr von der «Kultur der Schmerzen» führen könnte. Unzweifelhaft ist die medizinische Betreuung weit besser. Derweil ihre Vorgänger noch Klebband um Knöchel und Stockschaufeln wickelten, sind die Betreuer heutzutage professionell ausgebildet. Die Ärzte haben ein sensibleres Verhältnis zu Verletzungen, vor allem wenn sie den Kopf betreffen. «Wir nannten es Kopfschmerzen», sagt Darryl Sutter, «heute heisst es Hirnerschütterung.»
Um die Differenz zur alten Generation zu erklären: Man darf davon ausgehen, dass Philadelphias GM Bobby Clarke frustriert ist angesichts der Anzahl Partien, die sein Starspieler Eric Lindros in den letzten sechs Saisons verpasst hat. Das sind 102 von 462 oder 22 Prozent. Schliesslich hat Clarke, der zu den berüchtigten «Broad Street Bullies» gehörte, 1974 miterlebt, wie sein Teamkollege Barry Ashbee einen Nackenschutz aufsetzte und trotz einer Wirbelverletzung spielte. Clarke hat vergangenen Sommer Lindros´ Führungsqualitäten öffentlich in Frage gestellt und sich dabei nicht bemüht, seine Einsatzbereitschaft bei Verletzungen auszuklammern.
Der Imperativ, ungeachtet von Verletzungen zu spielen, hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Die meisten Spieler sind unheimlich hart zu sich selbst. «Die Mentalität ist geblieben», sagt Calgarys Todd Simpson, «Erfolg um jeden Preis.»