Update: 21.11.96, 8.08 Uhr

NACHGEFRAGT

Hat die Medizin einen Durchbruch erzielt?

Skiverbands-Arzt Jürg Ryser über Arthrose im Sport

Die Schweizer Skirennfahrerin Sonja Nef hat in einem TA-Interview von einer neuen, aus den USA importierten Methode erzählt, mit der ihr arthrosegeplagtes Knie erfolgreich behandelt worden sei. Skiverbands-Arzt Jürg Ryser dämpft die Euphorie.

Sonja Nef war ganz begeistert, endlich habe sie keine Probleme mehr, seit in ihr schon sechsmal operiertes rechtes Knie Knorpelzellen gespritzt worden seien, die das angegriffene Gewebe erneuert hätten. Hat die Medizin im Bereich der Arthrose demnach einen Durchbruch erzielt?

Nein, leider nicht. Knorpelzellen kann man heutzutage zwar kultivieren, was in Forschungslabors weltweit getan wird. Aber würde man sie ins Gelenk spritzen, gingen sie leider nicht genau dorthin, wo sie müssten. Noch lassen sie sich nicht programmieren, damit sie die "Löcher" schliessen, die durch Abnützung und Überbelastung entstanden sind. Jedoch gibt es andere Substanzen, die gespritzt werden können, wie etwa Hyaluron-Säuren, mit denen der Knorpelstoffwechsel günstig beeinflusst werden kann.

Und das ist auch die Substanz, die Sonja Nef mit gutem Erfolg gespritzt wurde?

Nach meinen Informationen ja. Damit erzielten wir vor zwei Jahren auch bei Urs Lehmanns Knie gute Erfolge. Das ist im Moment machbar.

Ist es denn aber denkbar, dass gegen Arthrose eines Tages tatsächlich Knorpelzellen gespritzt werden können?

Wer sich heute zu den Spezialisten zählt, kommt leider zum Schluss, dass das noch in weiter Ferne liegt. Knorpelzellen müssten unter Druck, gleichsam "abgepackt", implantiert werden können, denn nur unter Druck wird der Knorpel im Körper ja auch ernährt. Chondroitin-Sulfat ist eine weitere Substanz, die bei Arthrose verwendet werden kann und die früher ins Gelenk gespritzt wurde; wegen Gerinnungszwischenfällen wurde es jedoch verboten und aus dem Handel zurückgezogen. Statt dessen gibt es jetzt zwei Fischknorpelpräparate, die als Schluckkuren gegen Knorpelschäden auch jungen Sportlern verschrieben werden. Doch um ehrlich zu sein: Die Substanz wird natürlich verdaut und ist, bis sie im Gelenkknorpel landet, nicht mehr Chondroitin-Sulfat, sondern in viele Teilsubstanzen aufgeteilt.

Sind Knorpelschäden im Spitzensport die häufigsten Abnützungsfolgen?

Der Druck auf den Knorpel im Knie nimmt in der Abfahrt unter einem gewissen Winkel um ein Vielfaches zu, verglichen mit der normalen Situation beim Stehen. Aber das ist nicht nur im Skifahren der Fall, sondern in allen Sportarten. Bei einem noch so gut trainierten Sportler ist die Qualität des Knorpels nur ganz wenig besser als bei einem "gewöhnlichen" Menschen. Klar, eine gut trainierte Muskulatur schützt das Gelenk. Aber die geht in die Sehnen über, und da beginnt dann das Problem - auch deren Qualität ist nur sehr minim trainierbar.

Nehmen Knorpelschäden mit der immer höheren Belastung im Spitzensport zu?

Das Entscheidende scheint mir zu sein, dass es kaum mehr eine Sportart mit zeitlich beschränkter Saison, sondern nur noch Ganzjahresdisziplinen gibt. Dadurch kommt die Erholungsphase zu kurz . . .

. . . also können sich auch die Knorpel nicht erholen?

Das würde ich schon sagen, ja. Sie vielleicht ganz besonders nicht, weil sie ja nicht durchblutet werden, sozusagen am Existenzminimum leben.

Kommen Sie als Arzt, der regelmässig mit dem Spitzensport in Kontakt steht, auch mal ins Dilemma, einem von Arthrose geplagten Spitzensportler zum Aufhören raten zu müssen, damit er nicht lebenslang zum Krüppel wird?

Das ist schon die Ausnahme. Mir kommt als so extremer Fall nur der kniegeschädigte Fussballer Van Basten in den Sinn. Das häufigere Problem aber ist, dass der Druck auf die Sportler so gross ist, dass sie sich kaum die Zeit zu nehmen getrauen, eine Verletzung richtig auszukurieren.

Als Skiverbands-Arzt werden Sie auch immer öfters mit Bänderverletzungen, insbesondere mit Kreuzbandrissen konfrontiert. Wo ortet der Mediziner da die Probleme?

Die Belastung wird immer grösser - auch durch das Material, die taillierten Skis und die immer höheren Platten. Ein Sturz ist fast nicht mehr möglich, die Skis graben sich statt dessen richtiggehend in die Piste ein, und dann reissen die Bänder. Muskeln können am besten trainiert, die Knochen auch gestärkt werden, die Bänder und Sehnen jedoch nur sehr minim und der Knorpel fast gar nicht. (Interview: os.)