Und plötzlich gerät er ins Schwärmen

HC-Davos-Trainer Arno Del Curto ist Ausbildner der grössten Talente im Schweizer Eishockey

Neben Riccardo Fuhrer (La Chaux-de-Fonds) und Ueli Schwarz (Bern) ist Arno Del Curto der Dritte in der Fraktion der Schweizer Trainer in der NLA. Seinem Ruf als hervorragender Ausbildner wird er auch in Davos gerecht. Die Arbeit mit den grössten Talenten im Schweizer Eishockey ist für den Enthusiasten ein Geschenk, auch wenn ihm der Glanz der NLA «nicht viel bedeutet».

* christian bürge

Einen Verrückten haben sie ihn schon genannt, einen Hockey-Besessenen oder eines der leidenschaftlichsten Energiebündel im Schweizer Eishockey. Arno Del Curto wurde schon immer mit Attributen bedacht, die ihm nie ganz gerecht wurden. Er sagt, er könne eigentlich nur darüber lachen, wenn er derlei Bezeichnungen über sich höre.
Viele sehen ihn als Vorreiter einer neuen Schweizer Trainergilde, als Propheten, der auch im eigenen Lande etwas gilt. Dies, weil er nach langer Zeit der erste Schweizer war, der sich auch auf höchster Ebene durchsetzen konnte. Doch all die Lorbeeren interessieren ihn nicht, seine Brust schwillt deswegen nicht an. «Mir ist es egal», sagt Del Curto, «ob jetzt einer, drei oder gar kein Schweizer in der NLA an der Bande steht. Das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Mich würde es auch nicht stören, in der nächsten Saison wieder in der 1. Liga zu arbeiten. Es kommt nur auf die Herausforderung an.» Mit seinen 41 Jahren hat er doch schon einige Herausforderungen erlebt in seiner Trainerkarriere. Das mag ein Grund sein, dass er die Dinge gelassener sieht, mit mehr Distanz auch. «Der Glanz der NLA», sagt Del Curto, «bedeutet mir nicht viel.»

Stationen als Wellental

Der Bündner hat schon einige Orte gesehen, bevor er in Davos gelandet ist. Je zwei Jahre arbeitete er bei den Zweitligisten Buochs und Reinach, sechs Jahre beim Erstligisten SC Küsnacht, zweieinhalb Jahre beim damaligen B-Ligisten SC Herisau, zwei Jahre beim ZSC, dann zurück in die NLB zu Bülach und in die 1. Liga zu Luzern (2 Jahre). Dazu kamen vier Jahre mit der U18- und U20-Juniorennationalmannschaft. Die Stationen spiegeln ein eigentliches Wellental der Ligen. Für Del Curto ist dies aber nicht gleichbedeutend mit «Hoch» und «Tief». «Ich habe in Luzern zwei wunderbare Jahre erlebt, weil ich dort etwas bewegen konnte. Auch wenn das nur in der 1. Liga war, sind das die grossen Anreize meiner Arbeit.» Dass er dies so hervorhebt, verwundert nicht. Del Curto hält nicht viel davon, die höchste Liga als einzig befriedigendes Betätigungsfeld zu sehen. Er spricht auch von Neid und Falschheit, die einem dort in grossem Masse begegneten. Auch jenen, die ihn jetzt für den Grössten halten, bleibt er lieber fern. «Ich kann in diesem Jahr mit Davos Meister werden und dann errichten sie mir ein Denkmal. Wenn dann in der folgenden Saison meine Spieler aber einmal auf die Nase fallen, kann ich schnell meine Koffer packen. So läuft das.»

Der grosse Ausbildner

Warum er trotzdem dem Eishockey erhalten bleibt, ist seiner Faszination für die Veränderung zuzuschreiben. Und verändern kann er am meisten bei den jungen Talenten. Die Spieler will er formen, sie ausbilden, aus Reagierenden Agierende machen, wie er sagt. «Ich will attraktives Hockey vermitteln, damit die Leute unterhalten werden. Die Jungen sind schlittschuhläuferisch ebensogut wie jeder Ausländer, aber sie müssen noch abgeklärter werden. Manchmal zünden sie ein Feuerwerk und verlieren trotzdem, weil sie die Ruhe nicht haben. Daran müssen wir arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Dann ernten wir auch den Lohn.» Mit seiner Begeisterungsfähigkeit werden sie diese Arbeit auch gerne tun. Für ihn muss Davos eine Art Paradies sein. Mit Mark Streit, Reto von Arx und dem von den Edmonton Oilers gedrafteten Michel Riesen hat er die grössten Talente der Schweiz im Team. Um mit ihnen zu arbeiten, müsse man kein Künstler sein, sagt Del Curto. Sie seien selbst Künstler.

(Zu)viel Rummel um Riesen

Er mag es nicht, wenn man Spieler wie Riesen schon jetzt zu Stars machen will. Bis in die NHL sei es noch ein weiter Weg. «Man muss sich einmal vor Augen führen, dass ein Weltklassespieler wie Oleg Petrow von Ambri auch nicht in der NHL spielt. Michel ist noch nicht soweit, aber er ist auf gutem Weg.» Und dann gerät er doch ins Schwärmen. «Der Junge hat die Genialität. Mein Gott», sagt er, «und diese Hände». Dass diese grossen Talente für ihn auch zum Stolperstein werden könnten, glaubt er nicht. «Wenn sie mich hier davonjagen sollten, ist das auch keine Tragödie. Dann steige ich ins Auto und fahre woanders hin. Es gibt noch viele interessante Plätze in der Schweiz.»


Aus dem Tagblatt vom 15.11.1997 © St.Galler Tagblatt