Neue Zürcher Zeitung SPORT Mittwoch, 18.02.1998 Nr. 40  63

 

  Reisender und Preisträger in Sachen «Sportliche Mobilität»  
  Olympic Order an Professor Benno Nigg von der Universität Calgary  

    ost. Im Winter der Olympischen Spiele von Sapporo, vor 26 Jahren, nahm ein junger Zürcher ETH-Professor mit einigen Assistenten und Testpersonen auf der Skiabfahrt am Pizol Messungen vor. Mit antennenbewehrten Helmen, an Knie, Hüften und Brust angesetzten Elektroden auch, flitzten die Skifahrer zur Hütte, in welcher der ausgebildete Nuklearphysiker Benno Nigg seine Messstation eingerichtet hatte, wo er die Schläge aufzeichnete, die im ruppigen Gelände und bei recht hohem Tempo auf die Gelenke der Skifahrer wirken. Vier Jahre später übernahm Nigg die Leitung des Institutes, für das er gearbeitet hatte, das Labor für Biomechanik.

    Jetzt weilt der Professor an den Spielen in Nagano und wirkt immer noch im Dienste des Sports. Aber im Gegensatz zu früher, als er schon in Zürich besser gearbeitet hatte als andere mit vergleichbaren Projekten (Beispiel: wissenschaftliches Austesten von Wachs), profitieren primär nicht mehr Schweizer Spitzen- und Freizeitsportler von seinen Erkenntnissen. Weil er in der Schweiz an einen Plafond gestossen war, auf Grund der bestehenden Strukturen keine Chance sah, mehr zu erreichen, folgte er 1981 dem Ruf der University of Calgary, an welcher er ein vergleichbares Institut mit nicht absehbarer Wachstumsrate übernahm. Heute umfasst sein Forschungszentrum 80 Mitarbeiter. Motivation für den Umzug nach Übersee waren neben den unbeschränkten Möglichkeiten der Ehrgeiz der Uni in der Olympiastadt von 1988, in Sachen Bewegungslehre eine führende Rolle zu spielen, wobei von rund einem Viertel der Arbeit der Spitzensport, zu 75 Prozent der Breitensport profitiert.

    Praktische Auswirkungen der am Human Performance Laboratory vorgenommenen Untersuchungen sind beispielsweise Einstellungen an Sportgeräten wie am Ski, Schuh oder an der Bindung. Es soll vermieden werden, dass Kräfte an den Gelenken vorbei wirken. Zumeist kann schon mit Einlagen vermieden werden, dass schief auf dem Ski oder im Schuh gestanden wird. Es wurden zur Optimierung der Muskelarbeit in Zusammenarbeit mit den im Labor angestellten Physikern, Biologen, Mathematikern neue Schuhmodelle entwickelt, für Behinderte auch die notwendigen Prothesen. In ähnlichem Zusammenhang befassen sich Studien mit der Erhaltung der Mobilität bei alternden Leuten.

    Generell, ob im Spitzen- oder Breitensport, richten sich die Untersuchungen und praktischen Anwendungen darauf aus, zum Zwecke besserer Leistung die Belastungen zu reduzieren und den Komfort zu vergrössern. Der Körper soll weniger Energie zum Ausgleich unzulänglichen Materials verbrauchen. Daher arbeitet Niggs Institut beispielsweise auch an der Entwicklung von Gelenke schonenden Bodenbelägen (in Hallen oder im Freien), die weich, aber nicht zu elastisch sein sollen, oder beteiligte sich an der Entwicklung der Klappschlittschuhe (Stossdämpfer).

    So erstaunt es nicht, dass beispielsweise die kanadischen Eisschnelläufer zum Kundenkreis aus dem Spitzensport zählen, dem indessen nicht nur Athleten aus Niggs neuer Heimat angehören. Sein Institut befasste sich unter anderem auch mit dem inzwischen sehr beliebten Höhentraining im Labor (mit Masken), das den ungeahnten Vorteil birgt, dass der Höhentrainingseffekt erzielt und gleichzeitig die Regenerationsphase des Unterlandes erreicht wird. Das multidisziplinär aufgebaute Institut arbeitet auch Programme für Teilnehmer an wichtigen Veranstaltungen aus, damit diese unter Berücksichtigung sämtlicher möglicher Zyklen und Rhythmen zum fraglichen Zeitpunkt die bestmögliche Leistung erreichen.

    Für soviel Arbeit und Engagement zum Wohle des Sports allgemein und der Spitzenathleten im speziellen durfte Professor Nigg während der 107. IOK-Session den prestigeträchtigen Olympic Order in Empfang nehmen. Die Ehre wurde ihm zuteil in Anerkennung seines Beitrages zum wissenschaftlichen Projekt der ärztlichen Kommission des IOK und für seine führende Rolle im Bemühen um die Einrichtung des IOK-Olympia- Preises. Dieser honoriert herausragende wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Bewegungs- und Trainingslehre sowie des Sports. Dem nächsten Preisträger stehen 500 000 Dollar zu. Auch dies ist ein Verdienst Niggs, dass aufwendig betriebene wertvolle Arbeit auch pekuniär grosszügig entschädigt wird. Mit einem Sponsor steht er derzeit bereits in Verhandlung, damit dem als übernächstem Geehrten (es kann sich auch um eine Institution handeln) eine runde Million überwiesen werden kann. Geld ist zwar nicht alles, aber allemal Ansporn genug, auch auf intellektueller Ebene Spitzenleistungen zu erzielen.

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