Elektronisch auf dieser Site veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autoren. © W. Keller 1997, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.
Eine ausführlichere Publikation der Ergebnisse ist
in Vorbereitung. Eine etwas längere Version wurde publiziert als
Keller W (1997) "Research and jungian psychotherapy -
Outcome studies, part II". In: Mattoon MA (ed) Open Questions in Analytical
Psychology. Proceedings of the Thirteenth International Congress for Analytical
Psychology, Zürich 1995. Einsiedeln, Daimon,
pp 641-645
Trotz zahlreicher empirischer Ergebnisstudien
zur Effektivität der Psychotherapie fehlen bislang Studien zum Wirksamkeitsnachweis
von Langzeitanalysen mit einem naturalistischen Design unter Einbeziehung
niedergelassener Psychoanalytiker und Psychotherapeuten. Verantwortlich
dafür sind die lange Laufzeit prospektiver katamnestischer Untersuchungen,
die damit verbundenen hohen Kosten sowie methodische Schwierigkeiten im
Bereich der Versorgungspraxis. Aus Gründen der Realisierbarkeit in
einem akzeptablen zeitlichen und finanziellen Rahmen wurde ein retrospektives,
naturalistisches Mehrebenendesign gewählt. Diese Studie wurde über
Drittmittel finanziert. (2)
Ziele der Studie
1. Ein Wirksamkeitsnachweis von Langzeitanalysen > 100 Stunden in der Versorgungspraxis und die Überprüfung der Stabilität des Behandlungsergebnisses durch eine Nachuntersuchung 6 Jahre nach Therapieende.
2. Evaluation von Kosten-Nutzen-Aspekten.
3. Implementierung von Forschungsstrategien in den ambulanten
Versorgungsbereich als Maßnahme der Qualitätssicherung.
Methodik und Design
Zentraler Bestandteil der Studie war zum einen die Nachuntersuchung
der ehemaligen Patienten über einen Fragebogen 6 Jahre nach Beendigung
der Psychotherapie bzw. Psychoanalyse. Zum anderen die Erhebung objektiver
administrativer Inanspruchnahmedaten der Krankenkassen (Arbeitsunfähigkeitstage
(AU-Tage), Krankenhaustage (KH-Tage 5 Jahre vor und nach der Behandlung.
Alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie,
der Dachorganisation jungianischer Psychoanalytiker (DGAP) wurden zur Teilnahme
an der Studie aufgefordert. 78% antworteten auf unsere Anfrage, 24,6% nahmen
an der Studie Teil. Die teilnehmenden niedergelassenen Therapeuten dokumentierten
anhand ihrer Aufzeichnungen alle 1987 und 1988 abgeschlossenen Fälle,
einschließlich der Abbrecher über einen Basisbogen hinsichtlich
klinischer, soziodemographischer Daten und Settingscharakteristika bei
Behandlungsbeginn und gaben eine globale Einschätzung der Verfassung
ihrer Patienten bei Beendigung der Therapie. Die Selektion der über
den Katamnesefragebogen erreichten Stichprobe von 111 Fällen wurde
durch den Vergleich mit den insgesamt 353 dokumentierten Therapieabschlüssen
aus den Jahren 1987/88 kontrolliert. Die Selektion der teilnehmenden Therapeuten
wurde über einen survey aller DGAP Mitglieder hinsichtlich zentraler
Therapeuten -und Settingscharakleristika kontrolliert. Anhand der Anträge
der ehemaligen Therapeuten zur Kostenübernahme wurde retrospektiv
von unabhängigen Ratern eine ICD-10 Klassifikation vorgenommen und
die Krankheitsschwere nach der Methode von Schepank (BSS, 1987, 1994) eingeschätzt.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen auf mehreren Beurteilungsebenen und Erfolgskriterien die Wir it jungianischer Psychoanalysen und Psychotherapien für den größten Teil der Untersuchungsteilnehmer (70% - 90% je nach Kriterium). Im Einzelnen zeigte sich die Behandlungseffektivität auf fünf unterschiedlichen Ebenen:
1. 70-94% der Probanden berichten über gute bis sehr gute Verbesserungen in der subjektiven komparativen Selbsteinschätzung der Patienten hinsichtlich körperlicher, psychischer Symptomatik, allgemeiner Lebenszufriedenheit, in der beruflichen Leistungsfähigkeit, ihren partnerschaftlichen und familiären Beziehungen sowie in weiteren sozial relevanten Bereichen (einschließlich des subjektiven Krankheitsverhaltens).
2. In der globalen Einschätzung der Verfassung der Patienten bei Therapieende durch den früheren Therapeuten und die relativ gute Übereinstimmung mit dem Patientenurteil bei der katamnestischen Nachuntersuchung 6 Jahren nach Behandlungsende (Therapeut: 60,3% gute, 29,7% mäßige, 5,4% unveränderte oder verschlechterte Gesamtverfassung, Patienten: 70,3% gut gebessert 22,5% mäßig, 7,2% unverändert oder verschlechtert).
3. In den standardisierten psychometrischen Testuntersuchungen des aktuellen Gesundheitsstatus liegt die untersuchte Stichprobe in den relevanten Veränderungsqualitäten der Symptomatik (SCL 90-R) und der Persönlichkeit (Gießen-Test) im Vergleich mit anderen klinischen Krankheitsgruppen im Bereich gesunder Normstichproben. Hinsichtlich einer Veränderung des Erlebens und Verhaltens (VEV) zeigen die untersuchten Probanden im Vergleich zu der Eichstichprobe auf dem 0, l% Signifikanzniveau Verbesserungen in unterschiedlichen Lebensbereichen.
4. Die vergleichenden "prae - post" Fremdbeurteilung des aktuellen Krankheitsstatus durch klinische Interviews bei der Nachuntersuchung einer Teilstichprobe von N=33 Patienten (Berliner Regionalstichprobe) durch unabhängige Untersucher zeigte eine signifikante (P < 0.01) Abnahme der Krankheitsschwere (Beeinträchtigungsschwere nach Schepank).
5. in der Reduktion der objektiven, bei den Kostenträgern
erhobenen Arbeitsunfähigkeitszeiten und Krankenhaustage im
Vergleich 5 und 1 Jahr vor und nach der Behandlung sowie in dem Vergleich
mit den Durchschnittswerten einer großen Krankenkasse (Barmer Ersatzkasse)
aus den untersuchungsrelevanten Jahren (Abb. 1 und 2). Eine Reduktion der
Arbeitsunfähigkeitszeiten und der beanspruchten Krankenhaustage nach
einer Behandlung kann als indirektes Maß für den Therapieerfolg
angesehen werden. Für die Bestimmung der Arbeitsunfähigkeitstage
(AU-Tage) müssen die Probanden in einem kontinuierlichen Arbeitsverhältnis
stehen. Dadurch fällt ein Teil der Stichprobe für diese Fragestellung
aus. Die Stichprobe reduzierte sich daher von 111 auf 47 Patienten für
die AU-Tage und 58 Patienten für die KH-Tage.
Konklusion
Aus fünf unterschiedlichen Perspektiven und verschiedener Erfolgskriterien
ließ sich die Wirksamkeit jungianischer Psychoanalysen und Psychotherapien
nachweisen. Mehr als 3/4 der untersuchten Patienten hatten eine Psychoanalyse,
so daß für die Langzeitanalysen damit ein empirischer Wirksamkeitsnachweis
vorliegt, der auch noch nach durchschnittlich 6 Jahren nachweisbar ist.
Die Verbesserung des Gesundheitszustandes und des Krankheitsverhaltens
führt auch noch nach 5 Jahren zu einer deutlich anhaltenden Reduktion
der Inanspruchnahme von Krankenkassenleistungen (AU-Tage, Krankenhaustage,
Zahl der Arztbesuche und der Medikamenteneinnahme) eines großen Teils
der behandelten Patienten und damit zu einer Kostenersparnis. Kosten-Nutzen
Erwägungen spielen als Erfolgskriterien besonders für die Gesundheitsverwaltung
eine zunehmende Rolle. Wie wir anhand dieser retrospektiven Studie nachweisen
konnten hat die Psychotherapie offenbar einen langanhaltenden Effekt auch
auf das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten. Die lückenlose Erhebung
dieser Daten erfordert eine große Sorgfalt und ein methodisch abgesichertes
Vorgehen für die Interpretation der Daten (Richter et al. 1994). Wenn
diese Voraussetzungen jedoch gegeben sind lassen sich zusammen mit den
klinischen Ergebnissen auch bei dem retrospektiven Design überzeugende
Argumente für die Wirksamkeit der Psychoanalyse bzw. Psychotherapie
finden.
Literatur
Schepank, H: Psychogene Erkrankungen der Stadtbevölkerung - eine epidemiologische Studie in Mannheim. Springer, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo (1987)
Richter, R, Hartmann, A, Meyer AE, Rüger, U: Die Kränkesten
gehen in eine psychoanalytische Behandlung? - Kritische Anmerkung zu einem
Artikel in Report Psychologie. Zsch. psychosom. Med. 40, 41-51 (1994)
Fußnoten
1 D. Baldus, R. Väth-Szusdziara, C. Weitze, R. Huntzinger, G. Betzner, H. Krause, P. Affeld-Niemeyer, A. Göttke, S. Loesche [zurück]
2 Stiftung für Bildungs-
und Behindertenforschung: Robert Bosch
Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP) [zurück]
| 18 | ||
| 16 | 16 | |
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| 8 | 8 | |
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| Tage /
Zeitraum |
5 Jahre vor Psth. | 5 Jahre nach Psth. |
| 10 | ||
| 8 | 8 | |
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| 2 | 2 | |
| 0 | ||
| Tage /
Zeitraum |
1 Jahr vor Psth. | 1 Jahr nach Psth. |
| Summe der
AU-Tage / 100 |
AU-Fälle / 100 | AU-Dauer
(Tage) |
|
| 1 J. vor Therapie | 1456,1 | 61,4 | 41,6 |
| 1 J. nach Therapie | 819,6 | 59,6 | 13,5 |
| Durchschnitt der
BEK 1985 ("prae") |
1083 | 68 | 16 |
| Durchschnitt der
BEK 1989 ("post") |
1229 | 83 | 15 |
Stichprobe n=47 hochgerechnet auf 100 Patienten