VORWORT
Die vorliegende zweite Sonderausgabe (die ON-LINE-Version enthält den gesamten Text) von BRINGIN' IT BACK (die erste, THE BURBANK SESSIONS & THE BURBANK PUZZLE, fast 100 Seiten über Elvis' 1968 Comeback TV Show, ist z.Zt. noch erhältlich) beschäftigt mit einem Auftritt aus Elvis' erster Tournee in seinem letzten Lebensjahr. Wir von BIB sind uns bewußt, daß dieser Abschnitt in Elvis' Karriere aus künstlerischer Sicht gesehen nicht an die Triumphe heranreicht, die er in früheren Jahren gefeiert hatte. Wir sind uns weiters bewußt, daß Elvis' gesundheitlicher Zustand alles andere als erfreulich war und die hier abgedruckten Bilder (in der ON-LINE-Version nicht verfügbar) , die dies nicht leugnen können, nicht unbedingt nach dem Geschmack jedes einzelnen Fans sind. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine stattliche Anzahl Fotos von einem einzigen Ereignis und unsere Bestrebungen waren immer darauf ausgerichtet, Elvis' gesamte Karriere zu dokumentieren - schon alleine aus historischen Gründen. UNCHAINED MELODY wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung folgender Personen, denen wir hiermit in alphabetischer Reihenfolge unseren Dank aussprechen wollen: Peter Baumann, der uns einmal mehr als Technical Advisor zur Seite stand; Catherine Cooper Long, die uns in Savannah alle Türen öffnete und unsere eigentliche Arbeit erst ermöglicht hat; Frances S. DeWitt und Lynda Sims, die eine rührende Geschichte mit uns geteilt haben; Gerti Emathinger, die dafür gesorgt hat, daß unser englischer Text von englischsprachigen Lesern auch ohne Bauchweh gelesen werden kann; Bob Morris, Fotograf der Savannah Morning News, der uns sein gesamtes Archiv geöffnet und die hier abgebildeten Fotos, von denen die meisten hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht werden, zur Verfügung gestellt hat; Becky Porter, die uns nicht nur in vielen kleinen Detailfragen weitergeholfen hat, sondern auch jede Menge Unterlagen geschickt hat; Amy Swann, die durch ihre Unterstützung wertvolle Kontakte ermöglicht hat. Sie alle haben mitgeholfen, UNCHAINED MELODY entstehen zu lassen; sie alle haben somit mitgeholfen, einen kleinen Abschnitt aus Elvis' Leben exakt zu dokumentieren - ein großes und herzliches Dankeschön von BRINGIN' IT BACK!
Peter Schittler, Wien, im Oktober 1994
Am 31. Dezember 1976 schien die Welt wieder in Ordnung.
Sicherlich, in den vergangenen Jahren hatten einige Kritiker versucht, an Elvis' Image zu kratzen und auch 1976 hatte er so manche harte Worte - und einige davon nicht unberechtigt - innehmen müssen. Aber die Neujahrsvorstellung in Pittsburgh - das zweite Mal, daß er zu Silvester auftrat - zeigte einen fröhlichen, energievollen Elvis, der sich zwar offensichtlich für das neue Jahr vor allem ein paar gute Vorsätze betreffend seines Leibesumfanges vornehmen sollte, aber nicht so krank und elend aussah, wie es im abgelaufenen Jahr oft den Anschein gehabt hatte. Dieses Pittsburgh New Years Eve ist in der Fan-Szene schlechthin das Konzert der letzten Jahre. Dem weniger aufmerksamen Betrachter versprach es ein weiteres tolles Jahr und dem kritischen, eventuell sogar besorgten Betrachter deutete es einen Hoffnungsschimmer an, daß es nun vielleicht wieder bergauf gehen würde.
Aber 1977 brachte von Anfang an nichts Gutes. Einer der strengsten Winter seit langer Zeit legte nicht nur halb Amerika und seinen Flug-, Straßen- und Schienenverkehr, sondern auch die ansonst gut geölte Musikmaschinerie Nashville's lahm. Nashville's Musikindustrie vom Winterwetter eingefroren lautete die Schlagzeile eines Presseberichtes aus dem Januar `77, in dem MCA-Boss Jerry Crutchfield beklagte, daß der Frost gar die Kreativität der Künstler gelähmt hätte. Das lag aber nicht nur an den Musikern selbst: Der Artikel erläutert, daß man im üblicherweise in sehr mildem Klima gelegenen Nashville auf einen derart grausamen Winter nicht vorbereitet war und deshalb aufgrund der Kälte technische Probleme aufgetreten seien, die vernünftige Studioarbeit erschwert oder sogar unmöglich gemacht hätten. Zahlreiche Termine waren nicht eingehalten worden - Elvis selbst machte da keine Ausnahme.
Creative Workshop in Nashville wurde laut Angabe des Studios ab 22. Januar für 8 aufeinanderfolgende Tage gebucht. Elvis traf zwar pünktlich in der Stadt ein und wohnte im Sheraton South Inn, erschien jedoch niemals im Studio. Kathy Westmoreland hat in einem Telefonat Ende Januar 1977 erzählt, daß Elvis die Session bereits sehr bald - und zwar noch bevor sämtliche Musiker eingetroffen waren - wegen einer Verkühlung abgesagt hatte. Wie immer zirkulieren bis heute wilde Gerüchte um diese Absage, deren Ursache sich wahrscheinlich aus mehr als nur einer Komponente zusammensetzt: häufig kolportierte Geschichten um seine Probleme mit Ginger Alden (einer Beziehung, die alles andere als unter einem glücklichen Stern stand); aktuelle Presseinterviews, die Red West über das kommende Skandalbuch gab und die gerade in diesen Tagen in Zeitungen rund um Memphis genüßlich abgedruckt wurden; Elvis' Frust über sein Gewicht, das buchstäblich täglich zunahm; neben seinem allgemein nicht unbedingt erfreulichen Gesundheitszustand mag es vielleicht auch wirklich eine Erkältung gewesen sein, die ihn zusätzlich quälte - alles zusammen sicherlich Grund genug für den sprunghaften, unkonzentrierten Elvis des Jahres 1977, die Sessions nicht stattfinden zu lassen. Die Musiker noch einige Tage auf Elvis warten zu lassen, sie als Beschäftigungstherapie Overdubbings zu Liedern der letzten Session einspielen zu lassen, waren wahrscheinlich nur Verzweiflungsakte von elton Jarvis, der auf das Wunder hoffte, Elvis' Entscheidung doch noch umpolen zu können. Ein Wunder, das bekannterweise nicht eintraf - es sollte nie wieder gelingen, Elvis zur Studioarbeit zu bewegen.
Der 12. Februar sah das erste Konzert des Jahres 1977 - und Elvis bewegte sich wieder auf jener Plattform, die sein letzter Wille zu sein schien. Hollywood war der klingende Name jener ersten Station der Februar 1977-Tournee - wenn auch nicht jenes berühmte Hollywood in Kalifornien, sondern eine kleine Stadt in Florida, zwischen Miami und Fort Lauderdale gelegen. Begeisterte Fans posaunten in die Elvis-Welt hinaus, daß er Gewicht verloren habe, teuflisch sexy aussähe und seine gewaltige Stimme wie ein Orkan durch die Hallen fegte.
Um der Wahrheit genüge zu tun: Das war schlichtweg und haushoch übertrieben. Gewicht hatte er keines verloren - sicherlich hatte man schon einen dickeren Elvis gesehen, aber die Fotos in der gedruckten Version belegen zweifelsfrei, daß er alles andere als in irgendeiner Art und Weise schlank war. Die mit zitternder Stimme angepriesenen sexy looks und die gewaltige Stimme wollen die Autoren dem Urteilsvermögen des einzelnen Fans überlassen - was die Zuschauer damals mit Garantie am meisten gefangengenommen hat, war die übersprudelnd gute Laune, in der Elvis sich ganz offensichtlich befand. Maggie Daly's Tourneevorschau am 4. Februar in der Chicago Tribune unter dem Titel Elvis set to swing through South schien nicht zu viel versprochen zu haben: Er war wieder auf Tournee, er war wieder unter seinen Fans, er befand sich wieder in jener Welt, in der das Leben für ihn am angenehmsten und erträglichsten zu sein schien.
Offensichtlichster Effekt von Elvis' Hochstimmung war das Repertoire der ersten Show: 27 Lieder war der Umfang, wobei angemerkt werden muß, daß einige Titel wie z.B. Wooden Heart nur in der von ihm bekannten Art und Weise angesungen wurden. Von Hollywood eilte Elvis weiter nach West Palm Beach, Florida, wo er vor der intimen Kulisse von weniger als 6000 Zuschauern auftrat. Er blieb auch in den folgenden zwei Tagen den kleineren Hallen und Florida treu und besuchte St. Petersburg am 14. und Orlando am 15. Februar 1977. Fan-Reporten zufolge wurden die Shows im Tourneeverlauf immer besser, spätestens aber ab Orlando, wo die Show sogar wegen eines Verkehrsinfarktes auf der State Road 50 aufgrund des Besucheransturmes um 20 Minuten verschoben werden mußte, und er einige Songs in wahrhaft umwerfenden Versionen zum Besten gab. Das Konzert am 16. Februar in Montgomery bot einen einzigartigen Highlight in Elvis' Programm. Seine immer wiederkehrende Spontanität veranlaßte ihn dazu, ein vergessen geglaubtes Songjuwel zu späten Live-Ehren kommen zu lassen: Er erklärte dem Publikum plötzlich, einen Gospelsong, den er niemals zuvor auf der Bühne gesungen hatte, sich selbst am Piano begleitend vortragen zu wollen und tat dies in beeindruckender Manier: Where No One Stands Alone zählt ohne jeden Zweifel zu den außergewöhnlichsten und seltensten Live-Interpretationen seiner Karriere. Nach dieser denkwürdigen Show blieb Elvis nicht länger in Montgomery, sondern brach noch am selben Abend zur nächsten Stadt in seinem Terminkalender auf. In rund fünfzig Minuten flog er nach Savannah und verbrauchte dabei für etwa US $ 1,445.-- Treibstoff. Knapp zwanzig Minuten nach seiner Landung am SAV (Savannah Municipal Airport) langte er beim DeSoto Hilton Hotel ein, wo er die Nacht verbrachte - wie immer belagert von zahlreichen, zumeist weiblichen, Fans, die mit unendlicher Geduld seiner Ankunft harrten und - aus unerfindlichen Gründen - wie so oft seinen Aufenthaltsort herausgefunden hatten. Hier war dies vielleicht weniger überraschend, da Savannah die Heimatstadt von Juliette Low, der Gründerin der weiblichen Pfadfinder Amerika's (Girl Scouts Of The United States) ist.....
Larry Geller erinnert sich in seinem Buch an eine kleine Anekdote, die im DeSoto Hilton stattgefunden hatte - Elvis hatte ihn überraschend zu sich rufen lassen und ihn in einer sehr dramatisch angelegten Szene zum Polizeichef ernannt - dies allerdings nur, um ihm stolz ein neues Stück aus seiner Sammlung an Polizeiabzeichen präsentieren zu können.
Nicht nur Elvis verließ um exakt 21 Uhr 39 das Hotel - auch die lauernden Fans brachen auf und folgten seiner mit Begleitern beinahe überfüllten Limousine unter lautem Jubelgeschrei: "Eek! Da ist er! Ich hab' ihn gesehen! Ich sagte dir doch, daß wir ihn sehen werden!"
Die übliche wilde Jagd hat Elvis (und alle anderen) auch sicherlich davon abgehalten, irgendetwas von der Stadt selbst, die berühmt für ihre wunderschönen Gärten und Plätze ist und als eine der schönsten des Südens gilt, zu sehen. Schließlich erreichte er das Civic Center, nur ein paar Schritte vom Chippewa Square entfernt (wo viele Jahre später Dreharbeiten zu Forrest Gump erfolgen sollten).
Die Konzerthalle war bereits prall gefüllt, als Elvis mit seinem Eintreffen das Ende des Vorprogrammes einläutete. Die Weichen für einen tollen Abend waren gestellt, die Erwartungen der Fans auf ein Höchstmaß geschraubt, denn die gut informierten unter ihnen wußten bereits über den vielversprechenden Verlauf der Tournee. Lynda aus Savannah gehörte leider nicht zu den 8052 beneidenswerten Kartenbesitzern, obwohl ihre Freunde alles nur erdenkliche versuchten, ihr Karten zu besorgen: Lynda ist behindert. Ihre Schwester Frances schrieb sogar einen ausführlichen Brief an Elvis, adressiert an das DeSoto Hilton Hotel, aufgrund dessen wohl weder Elvis noch der Colonel die Bitte nach Einlaß in das Civic Center verweigert hätten, aber leider erreichte er keinen von beiden und Frances mußte später erfahren, daß ein Angestellter des Hotels ihn schlicht und einfach weggeworfen hatte (eine Reproduktion des Originalbriefes und eine Abbildung des Autogrammes, das Lynda per Post bereits früher erhalten hatte, sind im Heft zu finden).
Die lokale Tagespresse hatte für den 17. Februar angenehmere Temperaturen als zuletzt angekündigt, aber die heiße Nacht, die 8052 Besucher im Savannah Civic Center erleben sollten, hatte sie nicht vorhergesagt. Das nicht allzu ferne Rauschen des Atlantiks sollte bald vom mystischen Donnergrollen der ersten Takte von Also Sprach Zarathustra abgelöst werden - die Show hatte begonnen....
Im Zentrum der Bühne warteten die Lichtkegel zweier roter Scheinwerfer auf Elvis - und dann kam er auch schon, auf der rechten Seite, von der ersten Reihe aus betrachtet, zwischen den Sweet Inspirations und Ronnie Tutt hindurch, mitten hinein in das Blitzlichtgewitter der Halle, empfangen von zahllosen Rosen, die ihm von allen Seiten zugeworfen wurden. Im losbrechenden Begeisterungssturm blieben die Reporter der Savannah Morning News aufmerksam und berichteten über seine körperliche Verfassung: Die Beleuchtung selbst schmeichelte ihm, aber Operngläser oder auch Zoomobjektive konnte er über sein Alter nicht hinwegtäuschen. Ein figurstützender weißer Anzug mit goldener Sonnenuhr paßte sich seinen beträchtlichen Rundungen an und konnte dennoch einen ansehnlichen Wohl- standsbauch nicht verbergen.
Diese Aussage war nicht wirklich neu, denn Elvis' Gewichtsprobleme waren leider nur allzu bekannt; vielleicht nicht ganz so üblich war die nüchterne Notiz, die nicht - wie in so vielen Fällen vor und nach dem 17. Februar 1977 - in mehr als bösartige Abhandlungen ausartete. Das Konzert war im Gange und Elvis begrüßte das Publikum mit seiner Standarderöffnung See See Rider und einer kleinen, stimmlichen Unsicherheit zu Beginn, aber sonst im gewohnten 77er-Stil. Kathy Trochek und Albert Oetgen, die sich von diesem Song wohl etwas anderes erwartet hatten, zeigten sich in ihrem Artikel nicht sehr begeistert über Elvis' angeblich verwässerte Version des ursprünglich im Rhythm & Blues-Bereich angesiedelten Evergreens und hielten überdies fest: Elvis schien sich überhaupt mehr für Akrobatik als Akustik zu interessieren. Aber als die Show sich entwickelte, gewann seine Stimme an Kraft und der Funke sprang auf das Publikum über.
Nach einer wegen zahlloser Zurufe ein wenig schleppenden Einleitung zu I Got A Woman/Amen begann er eine von Routine getragene Version dieses Medleys, die durch ausführliches Plaudern mit den Fans auf eine Länge von über acht Minuten ausgedehnt wurde. An dieser Stelle erwähnte er auch, daß der Mexican Sundial ein neuer Bühnenanzug sei. (Wie in BIB 8 erläutert und illustriert, hat Elvis diesen Anzug bereits bei einigen, weniger bekannten Auftritten im Jahr `74 getragen). Allgemein war schon zu diesem Zeitpunkt offensichtlich, daß das Publikum Elvis mehr als nur wohlgesonnen und er selbst bestens bei Laune war. Beinahe eine Viertelstunde nach Beginn des Konzertes begrüßte Elvis das Publikum und versprach als Song-Menü eine Mixtur alter und neuer Lieder. Die Savannah Morning News sollte nachher anderer Ansicht sein und notierte, daß er seine neuen Hits verschmähte und überwiegend alte Hits vortrug, obwohl Love Me Tender und All Shook Up zum Bedauern einiger Fans ausgelassen wurden. Love Me, das als Lied schon die längste Zeit ausgedient hatte und nur noch als musikalische Untermalung zur verbalen und nicht-verbalen Kommunikation mit den zumeist weiblichen Verehrern verwendet wurde, folgte als dritter Titel im Programm und auch die anwesenden Journalisten merkten dies in ihrem Artikel an: Während "Love Me" verließ sich Elvis hauptsächlich auf Verrenkungen, die mehr für die tausenden von klickenden Kameras gedacht schienen und weniger dem Lied selbst zugute kamen.
Elvis irrte sich meistens, wenn er darüber sprach, wann er welches Lied aufgenommen oder als Schallplatte veröffentlicht habe - so auch, als er an diesem Abend Fairytale als einen etwa ein Jahr alten Titel ankündigte. Einer jener Titel übrigens, die Elvis praktisch immer mit besonderer Sorgfalt vorzutragen wußte, wenn auch bei der hier beschriebenen Version zunächst die fast typische Ansage "This is the story of my life" fehlt - vielmehr aber auch jene Intensität sämtlicher Versionen aus dem Las Vegas-Engagement vom März 1975; vor allem der Textzeile "you won't forget me when I go" konnte er 1977 nicht mehr jenen Nachdruck verleihen, der dem Song zwei Jahre zuvor eine ganz persönliche Note verlieh. Danach ließ sich Elvis wieder einmal auf eine Konversation mit den Fans ein und verstand es geschickt, den Anschein eines Wunschkonzertes zu erwecken, sich Liedtitel zurufen zu lassen und im richtigen Moment - als ihm Jailhouse Rock vorgeschlagen wird - zuzugreifen und noch schnell einen Scherz anzubringen ("Ich war drei Jahre alt, als ich dieses Lied sang"), um letztendlich eine moderne, jedoch dem Original gegenüber mitnichten konkurrenzfähige, Version vorzutragen. In hartem Kontrast zu diesen halbherzigen eineinhalb Minuten trat Elvis gleich darauf den Beweis an, daß viele seiner Kritiker nicht ganz unrecht hatten, wenn sie anmerkten, daß er immer noch konnte, wenn er nur wollte. You Gave Me A Mountain entwickelte in den Jahren, in denen es in Elvis' Repertoire war, nicht nur beständig mehr Reife und Dramatik, sondern stellte auch die zunächst leidenschaftlichste Interpretation des Abends dar. Leider folgte diesem musikalischen Höhepunkt einer der schaurigsten Momente dieses Abends: Sherrill Nielsen quälte sich durch etwas, das Elvis als die Originalversion von It's Now Or Never ankündigte. Die verhaltene Publikumsreaktion war mit größter Wahrscheinlichkeit kein ehrlich gemeinter Applaus, sondern vielmehr ein höfliche Geste Elvis gegenüber, der ja für diesen Programmpunkt verantwortlich zeichnete. Was ihn - nicht nur an diesem Abend - dazu bewogen hat, Sherrill eine solch lahme Version von O Sole Mio singen zu lassen, scheint unergründlich. Elvis' eigene Version litt in erster Linie unter einer sehr spanisch klingenden und Kapriolen schlagenden Trompete, die dem italienischen Ursprung des Liedes sicherlich nicht gerecht wurde. Auch er selbst konnte an diesem Tag kein Feuer der Leidenschaft entfachen und gab eine etwas flache, kurzatmige Version zum Besten. Die unglücklichste Figur in Sachen It's Now Or Never jedoch machte der verantwortliche Journalist, der in seiner Kritik über Nielsen's Solo schrieb, daß es Elvis höchstpersönlich gesungen hätte und es wie eine Arie durch die in Ehrfurcht erstarrten Zuschauerreihen hallte.
Bevor Elvis in eine glatte, unauffällige Version von Little Sister einstieg, wurde er einmal mehr der Mittelpunkt weiblicher Begierde, als eine deutlich vernehmbare Frauenstimme aus dem Publikum rief: "Elvis! Ich will Deinen Gürtel! ... Nimm ihn herunter!", aber dieser schien es nicht zu hören - oder dezent zu übergehen. Was er hingegen nicht unkommentiert läßt, ist der Abbruch von Teddy Bear/ Don't Be Cruel gleich nach ein paar Takten: "Es ist sehr schwierig mit Eis im Mund zu singen!" erklärte er, offensichtlich in Anspielung auf das eisgekühlte Wasser, das er wiederholt trank. Dieses Medley und Love Me waren beliebig austauschbar. Das Lied trat vollkommen in den Hintergrund. Wichtig schien nur die Anzahl der an das unersättliche Publikum verschenkten Schals. Dies stellte übrigens allgemein einen beliebten Angriffspunkt für die Negativ-Presse dar. Aus Fan-Sicht sah dies ein wenig anders aus, denn wer hätte es Elvis schon übelgenommen, im Tausch für eine schlampige Darbietung ein persönliches Geschenk zu erhalten?
Ehe er zu einer engagierten, kraftvollen Version von Tryin' To Get To You ansetzte, mußte er über eine Aufforderung aus dem Publikum herzlich lachen und wiederholte diese sogleich: "Schüttel einfach Dein Bein!"
Auch die Presse war in diesem Fall voll und ganz mit Elvis' Darbietung zufrieden und kommentierte dies wohlwollend: Elvis wuchs mit der Aufgabe und schrie eine fetzige Version von "Tryin' To Get To You" hinaus.
My Way erwies sich als einer der Höhepunkte im Konzert und Elvis stürzte das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle: Spielte er zunächst noch mit einem wahrscheinlich absichtlich herbeigeführten Stop des Liedes nach knapp über einer halben Minute (er sang "the final feedback" anstelle von "the final curtain"), so setzte er gleich darauf zu einer außerordentlich konzentrierten, die Worte nachempfundenen vollständigen Fassung an. Für die Savannah Morning News war My Way Grund genug, auf zwei ganzen Absätzen darauf einzugehen: Elvis lieh sich, isoliert im Lichtkegel eines einzelnen rosa Spots, eine Seite aus dem Songbook von Frank Sinatra und stellte sein noch immer bemerkenswertes Talent mit seiner Version von "My Way" unter Beweis. Er überzeugte damit auch jene Ehemänner und Freunde, die nur widerwillig zu dem zweieinhalb Stunden langen Spektakel gekommen waren. Er sang, "I've loved, I've laughed and cried, I've had my share of losing", begleitet von gelegentlichen Ohnmachten weiblicher Bewunderer. Seine athletischen Bewegungen trieben mehr als eine Großmutter an den Rand ihres Sessels, sich den Hals nach einem Blick auf seine behaarte Brust verrenkend.
Das Publikum honorierte My Way mit besonderem Applaus und gab ihm Gelegenheit zu einer kurzen Pause vor Polk Salad Annie, das er - wie so oft - lakonisch mit "Polk Salad!" ankündigte, obwohl es mehr wie eine Anweisung an die Band klang. Seine gute Laune manifestierte sich in einer kleinen Textimprovisation in der ersten Zeile des Liedes, wo er "Down on a stage in Georgia" statt "Down in Louisiana" sang. Der Rest des Songs dokumentierte, daß Polk Salad Annie eine Show-Nummer darstellte, die auf der Bühne in erster Linie von Bewegung und Tanz getragen wurde - die schlanke, zähe Figur des Elvis von 1970 war lange gewichen und damit wohl auch ein großer Teil des Reizes, den dieses Lied damals hatte. Immer wieder von Zwischenrufen seiner Fans und seiner eigenen Schweratmigkeit unterbrochen, stellte er seine Musiker vor. Auch wenn die folgende Frage an diesem Abend vielleicht nur so manchem oder auch gar niemandem in den Sinn kam: Wo war der Elvis des Sommer 1970 geblieben, der nach Polk Salad Annie mit Blue Suede Shoes oder Little Sister/Get Back weiterrockte? Trotz einer mehr als nur respektablen Show an diesem 17. Februar 1977 zeigt schon ein einziger, kleiner Vergleich mit den Auftritten der frühen Siebziger Jahre die Tiefe und Tragweite der Veränderungen auf, die Elvis innerhalb von nur sieben Jahren durchgemacht hatte.
Seine Fröhlichkeit aber war ungebrochen und er scherzte unentwegt nach allen Seiten, kommentierte die Namen seiner Musiker mit teilweise ironischem Unterton; so auch z.B. bei der Vorstellung von Buck Buckles, dessen Namen er als "verrückter als mein eigener" beschrieb. Schließlich stellte er seinen Rhythmusgitarristen John Wilkinson vor, der sogleich mit dem Intro zu Early Morning Rain begann. Obwohl Elvis zwei volle Strophen mitsang, schien das Publikum mit der Situation nicht viel anfangen zu wissen und verhielt sich extrem ruhig, um die Stille erst gegen Ende des ohnehin nicht komplett vorgetragenen Liedes zu lauten "Elvis!"- Rufen zu nutzen. Für diesen persönlich lag der Reiz des Songs offensichtlich darin, sich in immer tiefere Sphären seines Stimmenumfanges zu begeben, was schlußendlich in der Elvis In Concert-Version vom Juni 1977 seine Perfektion finden sollte.
Gleich darauf präsentierte er seinem Publikum James Burton, erwies selbst seinem Leadgitarristen aber nicht unbedingt große Ehre, weil seine schlampige und lückenhafte Darbietung von What'd I Say nicht gerade angetan war, Burton's Qualitäten zu unterstreichen. Auch das nachfolgende Johnny B. Good, das Burton mit der Gitarre hinter seinem Kopf spielte, hatte wie bereits der vorherige Song jegliche musikalische Identität verloren. Es ist zu bezweifeln, ob es überhaupt ein anderes, so deutliches Beispiel gibt, das den Verfall eines Liedes aus Elvis' Repertoire so frappant aufzeigt. Johnny B. Good verlor nach seiner Premiere im Elvis-Programm 1969 buchstäblich jedes Jahr hörbar an Substanz und war in der vorliegenden Fassung beim besten Willen nicht mehr als die kraftvolle, energische Rocknummer zu erkennen, als die Elvis es fast acht Jahre zuvor vorgestellt hatte. Nachdem James Burton sogar noch die Ehre eines dritten Solos zuteil wurde, gewährte Elvis auch den weiteren Musikern mehr als ausgiebig Zeit, ihr Können unter Beweis zu stellen.
Endlich sang auch Elvis selbst wieder ein Lied, obwohl es mit Love Letters erst im zweiten Anlauf klappte. Vor der nächsten Ballade schob Elvis noch - im wahrsten Sinne des Wortes schnell - das Solo des Joe Guercio Orchesters, Hail! Hail! Rock & Roll, ein. Hurt, zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr die aktuelle Single, wurde vom Publikum freudig begrüßt. Elvis belohnte die Fans nicht nur mit einer Zugabe des letzten Teiles des Liedes, sondern auch mit einem Schluchzer, auf den auch Mario Lanza stolz gewesen wäre, der aber vielleicht nur ein sehr elegant kaschierter, momentaner Stimmaussetzer war. Der Effekt war wahrscheinlich ungewollt, aber da es sich um keinen falschen Ton handelte, als positive Variation zu betrachten. Nicht nur das Publikum, auch die Presse war ob dieser Darbietung begeistert und titulierte das Lied als Elvis at his best.
Vor dem nächsten Song plauderte er neuerlich und machte seiner kompletten Crew das Kompliment, wie wunderbar Musik und Technik auf dieser Tournee ganz ohne Probe oder Vorbereitungen seinerseits funktionierten. Eine von frenetischem Jubel begleitete Fassung von Hound Dog endete beinahe in einem Mißton, da Elvis und die Band sich, wahrscheinlich aufgrund seiner Aktivitäten am Bühnenrand, nicht einig waren und letztere routiniert und flexibel reagierte, auf Elvis wartete und schließlich doch ein perfektes Songfinale zuwege brachte.
Nun stand der Höhepunkt des Konzertes bevor, als Elvis in bescheidener Country-Boy-Manier anfragte, ob es denn recht wäre, wenn er jetzt am Piano "a couple of songs" zum Besten gäbe. Und ohne allzu sarkastisch erscheinen zu wollen, schien Elvis die Energie, die er bei einigen Interpretationen dieses Abends eingespart hatte, in einen einzigen Song zu legen.
Unchained Melody begann überaus kraftvoll, ja fast aggressiv, und sollte es über weite Strecken auch bleiben. Einzig dem Ende des Liedes fehlte jene Perfektion, die sich in den folgenden Monaten noch entwickeln konnte; ansonst nahm Elvis' Darbietung das Publikum völlig gefangen - und dieser Meinung war auch die Savannah Morning News: Der Höhepunkt von 75 Minuten Elvis war, laut seinen eigenen Worten, "one of my favorites". Sich selbst am Piano begleitend, wickelte er sich das Publikum zur Melodie von "Unchained Melody" buchstäblich um den Finger und fesselte es während der Darbietung an seine Sitze.
Die letzten Minuten des Konzertes waren gekommen und auch die Presse vermerkte, daß sie durchaus üblich verliefen: Er beendete die Show mit seinem Standard "Can't Help Falling In Love". Da und dort eine Zeile singend, schweißgetränkte Schals verteilend, arbeitete er sich an der Bühne entlang und berührte die ausgestreckten Hände von Frauen, die sich zentimeterweise am Sicherheitspersonal vorbeigekämpft hatten.
Wie gewohnt kündigte Ronnie Tutt's Trommelwirbel am Schluß von Can't Help Falling In Love das unwiderrufliche Ende der Show an. Ein letzter Blick in die Halle, ein letzter Gruß an die tobende Masse, und schon hatte Elvis, flankiert von seinen Leibwächtern, die Bühne verlassen. Die Savannah Morning News erinnerte sich an jene Momente mit Zufriedenheit: Aber die Menge war glücklich und Elvis war großartig. Als die Lichter nach Elvis' Abgang wieder aufflammten, dröhnte eine Stimme durch die Halle: "Ladies and Gentlemen, Elvis has left the building!"
Das kürzeste Resümee über die Show findet sich im Titel und den Bildunterschriften der damaligen Kritik: Kaiser Elvis kann es noch immer: Memphis Musik, Vegas-Flair war die große Überschrift und unter den ersten beiden von insgesamt sechs Fotos stand zu lesen: Die Gewichtszunahme ist auffällig und Er faszinierte die Menge während des gesamten Konzertes. Ohne viele böse Worte, ohne übertriebene Lobhudelei haben Kathy Trocheck und Albert Oetgen bereits mit diesen Schlagworten nicht nur dieses Konzert, sondern die gesamte Tournee umrissen. Es blieb unübersehbar, daß Elvis' körperlicher Zustand nach wie vor Grund zur Besorgnis war, daß seine Show als ganzes sich in den 70er Jahren extrem gewandelt hatte, obwohl die Liederzusammenstellung selbst dies kaum verriet. Warum aus dem Jahr 1977 gerade die Februar-Shows hohes Ansehen genießen, scheint offensichtlich: Elvis hat sich augenscheinlich ehrlich gefreut, wieder auf Tournee zu sein und diese Freude springt auf das Publikum über. Warum wohl hätten Trochek & Oetgen ihre Kritik sonst mit folgenden Worten begonnen: Jeder im ganzen Zellenblock tanzte zum Jailhouse Rock - letzte Nacht, als Elvis sich zur Freude einer Menge von über 8000 Personen durch über ein Dutzend Melodien sang.
Vielleicht war diese ansteckende Fröhlichkeit von Elvis auch der Grund, daß die Zeitungsreporte vom Februar 1977 überwiegend positiv ausfielen, auf der anderen Seite jedoch Kritiken aus jenen Zeiten, als er sich lustlos auf die Bühne quälte, zynisch und hart. Ein Konzert ist und bleibt schlußendlich ein sehr aktuelles Ereignis, kaum gedacht für die Ewigkeit und in mancher Hinsicht durch Aspekte beeinflußt, die sehr wenig mit künstlerischer Qualität und Perfektion zu tun haben. Die Stimmung, die der Künstler zu großen Teilen selbst steuern kann und auch muß, unterstützt von seiner eigenen guten Laune, ist hier ein außerordentlich bedeutender Faktor. Aus dieser Sicht betrachtet, trifft die Bilanz der Show in der Savannah Morning News mit einiger Sicherheit voll und ganz zu:
Es war eine Mischung von Memphis-Musik und Las Vegas-Entertainment, vermengt zu einer gutgeölten, flotten Darbietung.
© 1994 Peter Schittler & Thomas Schreiber. Teile des Textes, wo als Originalpressezitate gekennzeichnet, sind © 1977 Savannah News Press