AUGUST 16, 1977
LAST NIGHT, WHEN WE WERE YOUNG
Dick Grob, der professionelle Security-Mann Elvis', der auch mit FBI und CIA gearbeitet hatte, hat in seinem Buch THE ELVIS CONSPIRACY die letzten Tage von Elvis Presley detailliert aufgezeichnet. Er zählte zu den letzten , die Elvis lebend gesehen haben und hat noch in der Nacht vom 15. zum 16. August ausführlich mit ihm gesprochen. Neben all den emotionellen Erlebnisberichten aus dem August 1977 kann man die sachlichen Niederschriften von Dick Grob gar nicht genug schätzen. Seine ganz in der schlichten Sprache von Geheimdienstprotokollen niedergeschriebenen Aufzeichnungen des 16. August, von 0:30 Uhr bis 14:20 Uhr, dem Auffinden von Elvis' Leichnam, wollen wir hier gerafft, aber völlig unkommentiert als den wahrscheinlich zentralen Artikel dieses BIB-Jahres präsentieren.
Von Dick Grob
(Übersetzt von Peter Schittler)
Erschienen im Juli 1997 in Bringin' It Back Nr. 17
0:30 UHR
Das Telefon läutete in Graceland. Rick Stanley wußte genau, wer es war. "Verdammt, dieser Elvis! Ich weiß es: Er will in's Kino! Scheiße, jetzt sind wir wieder die ganze Nacht auf!" Als er den Hörer abnahm, erwies sich seine Annahme als richtig. Billy Smith war am anderen Ende: "Hey, Ricky?" "Yeah?" "Hör zu, Elvis will im Ridgeway MacArthur sehen. Kannst Du Dich darum kümmern?" Ricky sagte zu, daß er sich bemühen werde und hängte auf. Er rief den Manager des Ridgeway an, der ihm sagte, daß das Personal schon nach Hause gegangen sei, aber er würde versuchen, ihn zu erreichen und versprach, zurückzurufen. Sam Thompson meinte, daß er nun nach Hause gehen würde, da alle Pläne und Termine für den morgigen ersten Tourneetag perfekt waren und er frühmorgens mit Lisa Marie aufbrechen mußte. Der Kinobesitzer rief zurück: Er konnte das Personal nicht mehr auftreiben. Ricky seufzte erleichtert und erfreut.
01:30 UHR
Als Elvis und
die anderen nach Hause kamen, ging jeder seiner Wege. Ich wartete, bis Elvis
Zeit hätte, mit mir zu sprechen. Als er nach oben ging, sagte ich, daß
ich ihn über einige Kleinigkeiten informieren müßte. Er
ersuchte, ihm "eine Minute oder zwei zu geben, und dann komm `rauf!".
Als ich sein Schlafzimmer 15 oder 20 Minuten später betrat, war Ginger
nirgendwo zu sehen. Aber vom Badezimmer ganz hinten, das üblicherweis nur
Gäste benutzten, war Licht zu sehen. Ich begann meine Unterhaltung mit
Elvis, indem die Details über Lisa's Rückkehr zu Priscilla nach
Los Angeles erläuterte. Es war immer besser, wichtige Dinge, die ihn
interessierten, zuerst zu diskutieren. Sehr oft wollte er Sicherheitsfragen
erst gar nicht erörtern und überließ sie Sam oder mir. Diese
Nacht war er aber sehr aufgekratzt und interessiert in alles, was ich
vorbrachte. Er stellte eine Menge Fragen und hörte mit großer
Aufmerksamkeit zu. Als ich bereits teilweise mit meine Informationen über
die Tournee fertig war, unterbrach er mich: "Ich sehe diesem Trip mit großer
Erwartung entgegen."
Er schien sich ehrlich darauf zu freuen und erwähnte
sogar seine Ansicht, daß dies "die beste Tour, die wir jemals
gemacht haben" werden würde. Dann hatte ich die Chance, das Gespräch
wieder aufzunehmen - aber nur kurz, denn er war in redseliger Stimmung. Während
ich die einzelnen Städte erläuterte und ihn über die morgige
Abfahrtszeit informierte, unterbrach Elvis mich erneut und ersuchte mich
sicherzustellen, daß Charlie ganz bestimmte Notenblätter mitnimmt,
denn er wolle ein paar neue Songs auf der Tournee singen. Er schrieb die Titel
auf ein Blatt Papier und drückte es mir in die Hand, wobei er meinte: "Das
wird ihn überraschen!" Er unterstrich dann noch einmal die
Wichtigkeit, daß Charlie die Notenblätter kopieren und an die
Musiker verteilen sollte. Ich gehörte zu den wenigen, die Zugang zu Elvis'
privaten Gedanken erhielten. Elvis fühlte sich wohl, wenn er wichtige
Dinge und Aspekte seines Lebens mit mir diskutieren konnte. Ich war aber
mitnichten die einzige Person, die derart privilegiert war: Billy Smith, Joe
Esposito und Sam Thompson zählten ebenfalls dazu. Elvis wußte, daß
bestimmte Leute immer und unter allen Umständen "Ja!" sagen würden,
ganz gleich, was er von sich gab, während ein paar andere sich bemühten,
ehrliche und überlegte Antworten auf seine Fragen zu geben. Die "Ja!"-Leute
stimmten ihm zu, wenn er um Mitternacht behauptete, es sei 12 Uhr mittags, während
die anderen die Vorhänge beiseite zogen, auf die hereinstrahlende Sonne
deuteten und ihm erklärten, daß er verrückt sei. Billy, Joe,
Sam und auch ich durften uns zu letzteren zählen. Elvis führte seine
Ja-Sager oft auf's Glatteis, indem er etwas vollkommen Blödsinniges
sagte oder tat und ihnen dann zuhorchte, wie sie Geschichten erfanden, warum er
rechthabe. Elvis diskutierte die dummen Bemerkungen später und lachte,
aber nur sehr selten vor den anderen, den Ja-Sagern. Es war eine Art Spiel oder
Sport für ihn, sie hinter's Licht zu führen. Viele Leute machten
den klassischen Fehler, Elvis für einen Tölpel vom Land zu halten -
weit, weit gefehlt! Er war extrem intelligent und besaß ein
photographisches Gedächtnis, das es ihm erlaubte, Geschehnisse exakt
wiederzugeben oder genau zu wissen, was gesagt worden war. Er hatte auch eine
gute Menschenkenntnis und konnte die Motive von Leuten um sich auf Anhieb
erkennen, unbeschadet der Tatsache, wie sehr sie es auch zu verbergen
versuchten. Unser Gespräch ging weiter. Elvis hatte in dieser Nacht
offensichtlich das Bedürfnis, über seine Gefühle zu sprechen,
denn er warf seine Kommentare immer wieder in unsere Diskussion am frühen
Morgen ein. Üblicherweise dauerten unsere Gespräche nur 15 Minuten
und Elvis horchte zu. Er stellte sonst nur sehr wenige Fragen. Dieses Mal
jedoch unterbrach er mich immer wieder, stellte zahlreiche Fragen, machte viele
Anmerkungen und redete im ganzen so, als wollte er nicht, daß ich gehe.
Er benahm sich ganz so, als wollte er nicht alleine bleiben. In dieser Nacht
sollte unsere kurze Besprechung einige Stunden dauern. Seine nächste
Unterbrechung betraf Ginger und er begann sich über sie zu beschweren. Er
war verärgert darüber gewesen, daß sie sich strikt geweigert
hatte, ihn auf dieser Tournee zu begleiten, als sie angekündigt worden
war. Sie war bei allen vorher dabei gewesen, lehnte diese neue jedoch ab.
Zuerst hatte Elvis versucht, sie zu überreden, jedoch ohne Erfolg. Es
machte ihm mittlerweile jedoch nicht mehr sonderlich viel aus. Er zwinkerte mir
scherzhaft zu, als er erzählte, daß "der Boss eben alleine auf
diese Tour gehen würde". Elvis wußte jedoch genau, daß es
bereits anders arrangiert war. Ich verstand den Hinweis. Elvis hatte Alicia
Kerwin seit einiger Zeit gesehen und sie schien eine echte Lady zu sein. Er
hatte ihr bereits einen Wagen gekauft und es war alles sehr diskret
vorbereitet, daß sie in Portland, Maine, zur Tournee stoßen würde.
Noch vor ein oder zwei Stunden hatte Jo Smith einige sehr nette Koplimente über
Alicia gesagt und einige viel weniger schmeichelhafte Dinge über Ginger. Während
wir weiterplauderten, sagte Elvis, daß er versucht hatte, ÆGinger
den besten und einfachsten Weg für einen Abschied zu bieten, aber sie
weigerte sich standhaft, den Wink verstehen zu wollen". Elvis, der niemals
Konfrontationen gemocht hatte, sagte dann zu mir: "Daddy wird sie
ausquartieren, sobald wir weg sind und sie wird niemals mehr hier reinkommen."
Ich erinnerte mich damals an ein anderes Gespräch, das wir kurz zuvor geführt
hatten: Wir waren alle im Libertyland in Memphis, das wir für den Abend
gemietet hatten. Elvis und ich saßen herum, Hot Dogs essend und Pepsi
trinkend, als er aufsah und eine Geste in Richtung Ginger und ihrer Familie
machte. "Sie glaubt, ich werde ihr Haus für sie kaufen und es so
retten. Kannst Du Dir das vorstellen? Jeder, der glaubt, ich würde mich an
diese Familie binden ist verrückter, als er es von mir glaubt!" Elvis
sprach weiter: "Die glauben, ich würde Ginger heiraten. Zumindest `Momma'
plant es so. Well, es wird nicht passieren. Sieht aus, als wäre Zeit für
Veränderungen."
Ich wußte nur zu gut, daß Ginger's
Mutter finanzielle Probleme hatte. Ich wußte auch, daß sie auf der
Ausschau nach Geld war, um ihr Haus behalten zu können. Sie hatte das
mehrmals in den letzten Monaten erwähnt. Elvis war nur allzu bekannt für
seine Großzügigkeit, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß
sogar er irgendwo eine Grenze ziehen würde. Und es sah ganz so aus, als wäre
es nun soweit. Elvis hatte Ginger viele nette Dinge zukommen lassen: ein Auto,
Kleider, einen der für ihn typischen Juwelierbesuche - und das nicht nur
einmal. Er ließ sogar einen Stein von einem seiner eigenen Ringe
entfernen und daraus einen neuen Ring machen. Es war ein außergewöhnlich
teures Schmuckstück. Nach Elvis' Tod trug sie ihn plötzlich an
der linken Hand und behauptete, daß es ein Verlobungsring wäre.
Weder ich noch die anderen Leute unserer Gruppe konnten sich erinnern, diesen
Ring vor Elvis' Tod an ihrem linken Ringfinger gesehen zu habe, noch
daran, daß Elvis zu irgendjemanden gesagt hätte, daß er
verlobt sei. Tatsächlich hatten entsprechende Gespräche mit Elvis über
seine Zukunft (und auch die Gegenwart) genau das Gegenteil angedeutet. Würde
ein frischverlobter Mann einer anderen Frau einen Wagen kaufen? Würde ein
frischverlobter Mann es arrangieren, daß eine andere Frau ihn auf Tournee
in aller Öffentlichkeit begleitet? Ich persönlich bezweifle Ginger's
Aussage. Auf jeden Fall war es sicher, daß Elvis, da er die Verlobung
also niemals offiziell bekanntgegeben hatte, ziemlich pissed off gewesen wäre
über ihre Ankündigung nach seinem Tod. Elvis fuhr einmal nach San
Francisco, um ein großes Karateturnier zu besuchen, an dem sein Freund Ed
Parker beteiligt war. Auf dem Weg dorthin sah er ein Plakat, das ankündigte,
daß Elvis anwesend sein würde. Da er seine Genehmigung dafür
nicht gegeben hatte, ließ er den Wagen zurück zum Flughafen fahren
und flog nach Los Angeles zurück. Das Turnier hat er nie besucht und die
Freundschaft zwischen ihm und Ed war für lange Zeit beeinträchtigt.
Dieses Turnier konnte man dennoch nicht mit einer Verlobung vergleichen und da
er seine Sachen lieber selber ankündigte, bin ich zuversichtlich, daß
er Ginger's Aktion nicht gutgeheißen hätte. Ich bin mit meiner
Meinung im inner circle, dem inneren Kreis der Menschen um ihn, wahrlich nicht
alleine. Ehe ich das Thema unseres Gespräches auf Sicherheitsfragen zurücklenken
konnte, machte er ein letztes Statement über Ginger. Er zeigte ein wenig
gespielte Enttäuschung und meinte: ÆVerdammte Ginger, sie ist wie all
die anderen verdammten Frauen - man wird niemals auch nur eine einzige von
ihnen verstehen." Tatsächlich war es so, daß er es sehr gut
gelernt hatte, die meisten Frauen - wie auch Männer - zu durchschauen.
Elvis ließ sich nur bis zu einem bestimmten Punkt nutzen, oder nur, wenn
die Sache nicht wirklich von Bedeutung war. Er wußte auch, daß
einige seiner Leute ihn benutzen und wies des öfteren darauf hin. Wir
wandten uns dem Buch Elvis What Happened zu, daß, von Red und Sonny West
und Dave Hebler geschrieben, kürzlich erschienen war und ihn sehr beschäftigte.
Was passiert war (What happened), war ziemlich einfach. Elvis, oder besser sein
Vater, hatte sie gefeuert. Ich rufe in Erinnerung, daß Elvis
Konfrontationen nicht mochte. Es war nicht das erste Mal, aber diesmal schien
es auf Dauer zu sein - immerhin war bereits über ein Jahr vergangen. Elvis
hatte seine Gründe, die ich respektierte. Vielleicht ist die folgende
Formulierung auch korrekter: Vernon hatte seine Gründe, sie zu feuern und
von der Lohnliste zu streichen, aber ich war sicher, daß Elvis seinen
Vater in dieser Angelegenheit unterstützte. Sie wurden nicht ohne Grund
entlassen: Vernon hatte Elvis nicht nur einfach eingeredet, daß ein paar
Leute eingespart werden mußten. Mir waren die Gründe bekannt - tatsächlich
verhinderte damals der Einspruch von Billy und Joe, die Elvis erklärten,
daß ich üblicherweise immer bemüht gewesen war, die
Konsequenzen der Handlungen der Entlassenen zu mildern, meine eigene Kündigung
- und ich hätte keine Argumente dagegen vorbringen können. Das
Erscheinungsdatum des Buches fiel ziemlich genau mit dem ersten Jahrestag ihrer
Kündigung zusammen. Das Buch war deswegen so störend, weil es
geschrieben war, um Elvis zu verletzten - und das tat es auch! Für Elvis
war das Buch eine Abrechnung. Obwohl der Inhalt keine wirkliche Überraschung
war (wir hatten uns schon vor der Veröffentlichung Abzüge besorgt und
Elvis hat das meiste gelesen), war er dennoch ein Schock für Elvis. Er
hoffte, daß das Publikum das Werk richtig beurteilen würden. "Die
wissen, daß ich kein verdammter Junkie bin. Wie konnte Red so etwas über
mich sagen?" Die öffentliche Meinung beunruhigte Elvis sehr.
(Anmerkung: Eine längere Passage über weitere Hintergründe zum
Buch hat nicht direkt mit dem 16. August 1977 zu tun und wurde deshalb übersprungen).
Als ich mich bemühte, meinen Vortrag zu Ende zu bringen, erinnerte Elvis
mich erneut an die vier neuen Songs und ein paar andere, die er noch ergänzte,
die Charlie für die Show vorbereiten sollte: "Ich habe zwei davon vor
langer Zeit gespielt, und ich möchte, daß die Band sie kann. Die
anderen habe ich noch nicht gebracht. Bitte stelle sicher, daß Charlie sie
mithat, damit wir sie auf der Tour spielem können." Unter diesen
Songs befanden sich die Titel Hey Jude, Sweet Caroline, The Twelfth Of Never,
Wabbash Cannonball und The Fool. Obwohl er die Lieder schon vorher erwähnt
hatte, schien es mir nun, als wäre es ihm außerordentlich wichtig,
sie im Gepäck zu haben. Ich war nun endgültig mit allen Punkten
fertig, sagte Elvis, daß ich gehen und ihn am nächsten Nachmittag
sehen würde. Ich schloß mit der Erinnerung, daß er zeitig
aufstehen müßte. Er nickte und sagte: "Good night, Dick, see
you tomorrow."
Ginger war noch immer nirgendwo zu sehen, sie war
vermutlich noch immer im anderen Badezimmer. Sie interessierte sich
offensichtlich für überhaupt nichts, was Elvis diese Nacht tat. Es
war mittlerweile 4:00 Uhr oder 4:30 morgens und ich ging hinunter. Ich war
keine fünf Minuten unten, als Elvis anrief und mich wieder nach oben bat.
Er sagte: Ich muß mit Dir schnell ein paar Minuten über ein
paar Dinge reden." Ich schnappte mir eine Tasse Kaffe und ging hinauf in
Elvis' Schlafzimmer. Als ich eintrat, lehnte ich mich an den Türrahmen
und Elvis fragte: "Wer bringt Lisa zurück?" Das war ein Thema,
das wir bereits behandelt hatten. Ich spielte den Plan noch einmal durch und
erklärte, daß es Sam's erste Aufgabe sein und er uns dann in
Portland treffen würde. Er nickte. Ich bemerkte, daß Ginger noch
immer nicht im Raum oder irgendwo zu sehen war. Dann fragte er: "In
welchen Städten werden wir spielen und war ich in einigen davon schon?"
Das hatten wir auch schon diskutiert. Ich skizzierte die Städte und hob
dabei die, die er bereits kannte, hervor. Ich fragte mich, ob mit ihm alles in
Ordnung war. Ich schoß eine Serie Fragen auf ihn ab, die er alle korrekt
beantwortete. Dann verwickelte ich ihn in ein schnellgeführtes Gespräch
über die Gerichtsverhandlung in Reno, Nevada. Ich hatte dort gegen Joe
Conforte und andere Leute aus dem Dunstkreis des organisierten Verbrechens
ausgesagt. Es war eine große Sache gewesen und das FBI hatte
Personenschutz für mich und meine Familie geleistet. Wenige Menschen wußten
von dem Fall. Elvis war einer davon und ich wußte, es würde ihn
brennend interessieren, falls er o.k. war. Er antwortete mit großem Eifer
und nun war ich mir sicher, daß er geistig und körperlich in Ordnung
war. Ich begriff jetzt, daß seine Fragen nach bereist besprochenen Themen
nur damit zu tun hatten, daß er mit Ginger nicht allein sein wollte.
Schließlich sagte er, er würde noch ein bißchen Racquetball mit
Billy und Jo spielen, um sich ein wenig zu entspannen. Das machte nun endlich
ein wenig Sinn, wo Ginger war und was sie dort machte: Sie bereitete sich auf
das Spiel vor. Sie mußte einfach immer perfekt sein und würde
wahrscheinlich noch mindestens 30 Minuten benötigen, ehe sie sich für
herzeigbar genug hielt, um zum Spiel zu erscheinen. Sie hatte keinerlei
Probleme damit, Elvis und alle anderen warten zu lassen, während sie sich
schminkte und vorbereitete. Ich offerierte, zu bleiben und mitzuspielen, aber
Elvis saget, ich könne nach Hause gehen. Als ich mich zur Tür wandte,
meinte er neuerlich, wie Ægroßartig diese Tour werde". Er war
freudig erregt über Alicia, die neuen Songs und die Tour im allgemeinen.
Seine Vorfreude war unverkennbar. Die letzten Worte, die ich von ihm hörte,
waren: "I'll be great, a whole new life is born!"
05:30 UHR
Als
ich mich verabschiedete, fragte ich nach Ricky. Rick Stanley hatte Nachtdienst
bis mittags am 16. August. Zu dieser Zeit würden David, Al, Dean und ich
uns alle ín Graceland treffen und die Abfahrt vorbereiten. Rick hätte
dann normalen Dienst bis um 18:00 Uhr, zur Ablöse. Ich hatte ihn früher
gesehen und wußte, er war unten gewesen und hatte telefoniert. Ich fragte
bei Lottie nach ihm, denn ich wollte nicht einfach hereinplatzen und ihn - was
mir schon passiert war - mit einem Mädchen in eher kompromittierender Lage
überraschen. Lottie entgegnete: "Nein, Mr. Dick, Rich ist fort, er
sagte, er hätte zu wenig Bier! Ich glaube, David ist unten mit einem
Freund, aber Ricky ist fort." Ich fragte leider nicht, wie lange er schon
weg sei, denn dann hätte ich vielleicht anders reagiert. Ich hielt es
nicht für unüblich. Ricky konnte eine Menge Bier trinken und am nächsten
Tag trotzdem seinen Mann stehen. Ich glaube, ich war dankbar, daß er sich
nicht irgendetwas anderes beschaffte. Einige Tage später sollte ich
erfahren, daß Ricky das Haus in dem Moment verlassen hatte, als ich zu
Elvis nach oben gegangen war. Ich sah kurz nach unten, die Türen waren
geschlossen, alles machte einen sicheren Eindruck. Als ich das Haus verließ,
war weder Ricky's nach Davis' Wagen da, aber auch das war nicht unüblich,
da sie oft in einem Auto kamen und Rick damit wahrscheinlich um Bier unterwegs
war. Ich hatte Gute Nacht zu Elvis gesagt. Es war das letzte Mal, das ich ihn
sah. Von jetzt an muß ich mich auf die Erhebungen stützen, die ich
wenige Tage später durchführen sollte. Elvis spielte demzufolge eine
gemütliche Partie mit Billy Smith, dessen Frau Jo und Ginger, was alles in
allem etwa zwei Stunden dauerte. "Wir schlugen den Ball herum, nichts
ernsthaftes; Elvis schwitzte nicht einmal!" erinnerte sich Billy. Meine
Frage hatte natürlich darauf abgezielt, eventuell unübliche
Belastungen zu entdecken, die Elvis' Herz geschadet haben könnten.
Aber es war mehr ein Juxspiel, wer wen mit dem Ball traf. Die meisten unserer
Spiele mit Elvis endeten so. Billy sagte, daß Elvis sich offensichtlich
einen Knöchel verstaucht hatte; von diesem Zeitpunkt an wurde das Spiel
zum Geplauder.
"Elvis war aufgeregt, in Form, fröhliuch und wollte
reden!" erinnerte sich Billy. Es war ganz offensichtlich der gleiche
Zustand wie bei meinem Gespräch etwas früher am Morgen. Billy zählte
auch zu den Menschen, denen Elvis überaus vertraute und denen er seine
geheimsten Gedanken anvertraute. er wußte auch über den geplanten
Wechsel bezüglich Elvis' weiblicher Begleitung Bescheid. Er und Elvis
ruhten sich außerhalb des Spielplatzes aus, wo sie ungestört
sprechen konnten. Das Gebäude war so konstruiert, daß man Gespräche,
die innen bzw. außen stattfanden, von der anderen Seite nicht hören
konnte. Während die beiden sich unterhielten, spielten Jo und Ginger eine
Partie nach Ginger's Stil: Jo war eine ausgezeichnete Spielerin, die sogar
viele der Jungs schlug, aber Ginger hatte für das Spiel wenig übrig
und wollte in erster Linie nicht ins Schwitzen kommen. Manchmal denke ich, daß
Elvis Ginger nur mit Jo spielen ließ, um in Ruhe mit Billy plaudern zu können,
welcher über jene Nacht nochmals bekräfttigte: "Es ging ihm gur
und er war fröhlich!"
07:30 UHR
Es war jetzt ungefähr 7:30 morgens und Elvis zog sich in seine Räume zurück, um zu duschen. Jo hatte eine Gute Nacht gewünscht und sich verabschiedet. Billy ging mit nach oben und half ein wenig. Er bereitete einen frischen Pyjama vor und föhnte dann auch Elvis' Haar trocken. Elvis würde niemals schlafen gehen, solange sein Haar auch nur eine Spur feucht war. Sein Schlafzimmer war überdurchschnittlich kühl und eine Verkühlung wollte niemand riskieren. Es war üblich für eine Handvoll Leute, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. Sonst war es die Aufgabe des Wachhabenden, aber Ricky war nicht zu finden, also kümmerte Billy sich darum, wie er es so oft getan hatte. Er wußte auch, daß Rick und David eine Abmachung hatten und sich den Dienst diese Nacht teilten. Billy wußte nicht, daß Ricky Gracveland bereits vor mehreren Stunden verlassen hatte und nicht zurückgekommen war. Bill nahm viel mehr an, daß Rick oder David - welcher von den beiden eben gerade da war - zu viel getrunken hatte und eingeschlafen war. Da Billy ein viel zu netter Typ war, um jemanden aufzuwecken, erledigte er den Job selbst. Tish Henley, die mit ihrem Mann Tommy an einem Ende des Geländes lebte, war eine geprüfte Krankenschwester, die für Dr. Nick arbeitete. Tish hatte neben Elvis' Bett pflichtbewußt alles an leichten Medikamenten zur Verfügung gestellt, was er eventuell brauchen könnte. Elvis beklagte sich über einen heiseren Hals und ununterbrochene Bemühungen zu seinem Wohlergehen waren an der Tagesordnung. Er hatte auch Schlafprobleme, und das bereits seit einigen Jahren. Aus diesem Grund erhielt er üblicherweise ein mildes Schlafmittel, das von Tish zur Verfügung gestellt wurde. Bei seinem Zahnarztbesuch vor einigen Stunden hatte er Schmerz- und Desinfektionsmittel erhalten. Da sonst nichts anderes vorlag, hatte auch kein Grund bestanden, sonstige Medikamente bereitzustellen. Die Arznei, die Tish vorbereitet hatte, war unberührt, als ich ging. Billy Smith gab später zu Protokoll, daß sie immer noch unberührt gewesen war, als er Elvis verlassen hatte. Hier erscheint es passend, über die zweite Krankenschwester in Elvis' Umgebung zu sprechen. Marian Cocke war an jenem Abend nicht in Graceland. Sie war aber immer hier (und übernachtete auch hier), wenn Elvis ernsthaft krank war. Sie tat dies auf Elvis' Wunsch und ohne irgendeine offizielle Bezahlung. Ich bin mir sicher, daß Elvis ihr den einen oder anderen Bonus zukommen ließ, aber sie tat es nicht des Geldes wegen. Marian schätzte Elvis aufrichtig als Freund, und er erwiderte diese Gefühle, strikt as Freund. Elvis hatte Tante Delta an diesem Abend ersucht, Marian am nächsten Morgen um acht Uhr anzurufen und sie nach Graceland zu bitten. Aber auch Elvis persönlich hatte sie an diesem Morgen um etwa 8:30 Uhr angerufen, um sicherzugehen, daß sie da wäre, wenn er zur Tournee aufbricht. Marian versprach, daß sie um 15:30 da sein würde. "Vergiß mich nicht!" sagte Elvis und Marian antwortete, "I'll be there, Babe, you can count on me!". Wiederum muß ich - aus meiner Sicht der Dinge - anmerken, daß dieses Telefonat sehr deutlich ausdrückt, daß er nicht mit Ginger alleine sein wollte, sondern mit anderen sprechen wollte. Billy und Elvis unterhielten sich kurz, ehe auch Billy sich verabschiedete. Es war jetzt ungefähr acht Uhr Morgens und Billy kündigte Elvis noch an, wann er ihn wecken würde. Rick sollte auf Wache sein und auch das wurde Elvis mitgeteilt. Alles schien korrekt abzulaufen. Billy kehrte nach Hause zu seiner Frau zurück - mit keinem Gedanken ahnend, daß er seinen Kusin und Freund niemals wieder lebend sehen würde.
8:00 UHR
Elvis konnte nicht schlafen. Laut einer Aussage, die Ginger Alden später einem Polizeibeamten gemacht hatte, "stand Elvis vom Bett auf und wollte eine Weile lesen." Sie sagte, daß sie einschlief, als Elvis ein Buch ergriff und sich in's nächste Zimmer begab. Diese Aussage wiederholte sie mir gegenüber, als ich selbst sie später befragte. Philosophie und Religion interessierten Elvis über alle Maßen. Er war ein sehr wählerischer Leser und verbrachte das meiste seiner Zeit in selbsgewählter Einsamkeit in Graceland. In der Vergangenheit waren immer wieder ganze Kisten voller Bücher mit auf Tournee gegangen, weil er ein so begeisterter Leser war. Es ist nicht ganz uninteressant anzumerken, daß er diesen Morgen Das Leichentuch von Turin gewählt hatte. Nach dem bereits erwähnten Polizeiprotokoll erwachte Ginger kurz. Sie saht, daß Elvis noch immer nicht im Bett war, kümmerte sich nicht darum und schlief wieder ein. Sie wachte ein zweites Mal auf. Noch immer kein Elvis, also legte sie sich erneut nieder. Bis zu diesem Punkt deckte sich der Ablauf ziemlich genau mit den Aussagen, die sie mir, Sam und Billy gegenüber machte. Nun aber gelangten wir zu einer Diskrepanz, die oberflächlich betrachtet geringfügig erschien, aber (im Laufe meiner Erhebungen) sehr bedeutungsschwer wurde. Sie erzählte Sam und Billy, daß sie ein drittes Mal aufwachte und ein lautes Geräusch, als fiele etwas Schweres zu Boden, hörte. Sie erzählte mir dagegen, daß sie ein drittes Mal aufwachte und kein Elvis da war, worauf sie weiterschlief. Dann sei sie ein viertes Mal aufgewacht, als sie das laute, plumpsende Geräusch hörte. Dieses Mal - je nach Version das dritte oder vierte Mal - entschied sie sich, nachzusehen. Sie fand Elvis "drüben am Boden liegend". Sie rief um Hilfe nach unten. Joe Esposito und Al Strada eilten zu Hilfe. Es war jetzt ungefähr 14:20. Charlie Hodge war in der Küche. Er war eben aufgestanden und wollte eine Kleinigkeit essen. Er sah Vernon und Patsy Gamble mit ungläubigen Gesichtern vornbeilaufen. Sein erster Gedanke war, daß irgendjemand etwas lustiges gesagt hatte. Dann wurde ihm erzählt, daß mit Elvis etwas ernsthaft nicht in Ordnung sei. Er rannte hinter Vernon die Treppe hinauf und mitten in die hoffnungslose Szene hinein, die sich da oben abspielte. Während sie sich um Elvis kümmerten, jeder mit einem stummen Gebet auf den Lippen, mußte jeder einzelne gefühlt haben, daß Elvis bereits von uns gegangen war.
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