Ist die Mode für mich ein Halt, mit dem ich mich auf der Erde fixieren
kann, weil ich sonst nichts verstehe? Von wenig Dingen verstehe ich so viel
wie von Kleidern. Ich weiß wenig von mir, interessiere mich auch nicht
sehr für mich, aber mir kommt vor, daß meine Leidenschaft für
Mode mir mich selbst ersetzen kann, deshalb bohre ich mich ja förmlich
hinein in die Kleider, mit einer seltsamen Gier, die aber viel mehr mit dem
Gegenteil von Gier zu tun hat, dem sofortigen Loslassen, Auslassen von etwas.
Ich beschäftige mich mit Kleidung, damit ich mich nicht mit mir beschäftigen
muß, denn mich würde ich sofort fallen lassen, kaum daß ich
mich einmal in der Hand hätte. Roland Barthes nennt es ein Wunder, daß
der Körper in die Kleidung hineinschlüpft, ohne daß von dieser
Durchquerung auch nur eine Spur zurückbliebe. Andrerseits weicht die Kleidung
vor dem Körper auch zurück, um schöne Durchblicke zu lassen,
auf die Beine, die Brüste, die Arme, etc. Aber ich sehe doch gerade das
nicht, was ich sehen möchte und ich zeige nichts, was andre vielleicht
sehen möchten, na, die meisten eh nicht; ich trage immer hochgeschlossene,
sehr verhüllende Sachen, weil ich diese Spur ziehen und sie anschließend
hinter mir sofort wieder zusammenschlagen sehen und fühlen (mehr fühlen
als sehen!) möchte, ähnlich einem Schwimmer, der sich durchs Wasser
furcht, das sich hinter ihm, nur leicht aufgewühlt und sich bald glättend,
wieder schließt, als wäre gar keiner je drinnen gewesen. Ja. Als
wäre er gar nicht da gewesen, der Schwimmer, das gefällt mir gut.
Schiebe ich die Kleidung zwischen mich und das Nichts, damit ich dableiben kann,
ohne daß man merkt, daß ich da war? Soll die Spur schon alles gewesen
sein, die ja darin besteht, daß sie sofort wieder verschwinden muß?
Bin ich so versessen auf Kleidung, die mir gefä ;llt, weil ich dahinter
meine Spur, nein, nicht verwischen, das wäre ja eine aktive Tätigkeit,
sondern möglichst gründlich: verlieren möchte, damit auch niemand
andrer sie findet? Vielleicht. Sonst könnte ich ja anziehen, was alle anziehen, total normal,
dann wäre ich ja auch in gewisser Weise „unsichtbar", aber dann bestünde
die Gefahr, daß man dann auf mich schaut. Daß der Blick an meinen
Jeans, meinem Pulli abgleitet und auf mich fällt, und dann falle ich womöglich
hin. Ich ziehe mich ja nicht an, damit die Leute mich anstarren sollen, weil
ich mir wieder sowas Schönes gekauft habe, ich ziehe die Kleidung an, damit
die Leute auf sie schauen, nicht auf mich. Denn diese Kleidung ist nicht einfach
da und fertig, sie zeigt sich, indem sie auf sich selber zeigt, ja, das ist
was für mich. Oder indem sie verschwindet, um Teile des Körpers dafür
hervortreten zu lassen, das ist eher nichts für mich. Außerdem sind
es meine Einzelteile wahrscheinlich nicht wert, daß man sie besonders
hervorhebt. In dem Moment, da ich mir das überlege, habe ich schon eine
Abschätzigkeit für mich, also meine Arme sind ganz gut, der Rücken,
die Schultern sinds auch, aber den Rest sollte ich doch lieber für mich
behalten. Ich will aber im Grunde alles, wirklich alles für mich behalten,
deswegen hänge ich was vor, eine Art Vorhang, hinter der dieses Alles vermutet
werden könnte. Zerbrechen Sie sich aber nicht den Kopf, dieses Alles ist
Nichts. Also Kleidung hat für mich auch etwas mit Selbstvergessenheit zu
tun, denn, habe ich sie ausgezogen, bleibt von mir nichts in ihr drinnen, keine
Spur, außer vielleicht Haaren oder ein leichter Parfümgeruch, wenn
ich eins verwendet habe. Auch manchmal Flecken, aber die müssen dann auch
bald raus. Die Mode ist ihr Gegenteil: Daß einfach nichts da ist, indem
möglichst viel da ist. Ohne mich! Ihr Sinn ist ja, ohne jemanden auch noch
was zu sein, vielleicht nur ohne jemanden wirklich: was zu sein. Und ich bin
das, was am liebsten eben: ohne sich selbst ist. So haben wir uns gefunden,
indem wir uns permanent verlieren. Nein, nicht verlieren, indem wir da sind,
aber nur zu dem Zweck, ohne uns zu sein. Die Mode und ich.

Der Aufsatz erschien im März 2000 im Magazin der Süddeutschen Zeitung