FRIEDERIKE KEMPNER
"POESIE IST LEBEN..."
LEBEN - WERK - WIRKUNG
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Stämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
In der gespannten Atmosphäre vor dem ersten Weltkrieg wurde dieses Gedicht von einer ganzen Generation von Intellektuellen als gelungener Ausdruck eines neuen Weltgefühls gelesen: als Absage an die trügerische Behaglichkeit großer Teile des Bürgertums, auch als Offenbarung der Gleichzeitigkeit des objektiv nicht faßbaren Geschehens. Jakob van Hoddis erkrankte kurz darauf schwer und war ab 1914 in stationärer psychiatrischer Behandlung, wo ihn seine Mutter bis zu ihrer Emigration 1933 betreute. 1942 wurde er deportiert und in einem deutschen Massenvernichtungslager in Polen ermordet.
Kein nahes Verwandtschaftsverhältnis besteht dagegen zu Alfred
Kerr (1867-1948), der seinen ursprünglichen Namen Kempner zu Beginn
seiner literarischen Laufbahn ablegte. Nach Schul- und Studienzeit in Breslau
wurde er in Berlin für Jahrzehnte einer der einflußreichsten
Literatur- und Theaterkritiker, der vor allem den Naturalismus förderte.
1933 emigrierte er nach London, kehrte aber kurz vor seinem Tod 1948 nach
Deutschland zurück. Fast zu einem Trauma wurde für Kerr die Tatsache,
daß er von Kritikern wegen seines ursprünglichen Namens und
seiner Breslauer Herkunft immer dann mit seiner vermeintlichen "Tante"
Friederike Kempner in Verbindung gebracht wurde, wenn andere Argumente
fehlten. Als ihn eines Tages auch Bert Brecht auf diese Weise anzugreifen
versuchte, antwortete Kerr im "Berliner Tageblatt" in Versen:
... Gute Tante, schlummre selig,
Gute Tante, schlummre brav.
Leider Gottes scheuchen schmählich
Meine Gegner Dir den Schlaf.
Auf dem Friedhof und Gebeinfeld
Weckt dich manchmal Yyyya-Schrein -
Wenn dem Esel sonst nichts einfällt,
fällt ihm meine Tante ein.
Selbst wenn im 17. oder 18. Jahrhundert die Familien Kempner in Kempen/Posen
verwandt gewesen sein sollten, so waren diese familiären Beziehungen
zu Lebzeiten von Friederike Kempner und Alfred Kerr in Breslau längst
in Vergessenheit geraten. Als 15jähriger Schüler des St.-Elisabeth-Gymnasiums
hat Kerr 1882 die vierzig Jahre ältere Dichterin angeschrieben, von
seinen schriftstellerischen Ambitionen berichtet und folgende "ganz vernünftige
Antwort" (Kerr) erhalten:
"... es interessiert mich sehr, daß Sie die dornenvolle Bahn
des Ruhmes wählen wollen. - Glück auf! Freilich, nach Allem was
man dabei leidet wenn man das Gute und Schöne in der Welt verbreiten
will, und trotz aller Philister, die man dabei zu bitterbösen Feinden
(!) hat, möchte man doch mit keinem anderen tauschen, und kein Philister
sein wollen ..."
Eine Art "Kempner-Renaissance" scheint sich auch in den letzten Jahren anzubahnen. Theaterabende, Lesungen und Rundfunksendungen stellen die "Schlesische Nachtigall" wieder ins Rampenlicht. 1989 erschien in Berlin (Ost) die von Nick Barkow und Peter Hacks besorgte erste kritische Gesamtausgabe der Gedichte. Im selben Jahr wurde in Freiburg/Brsg. der "Freundeskreis Friederike Kempner/Friederike-Kempner-Gesellschaft e.V." gegründet, der sich die Pflege des literarischen Werkes und des humanitären Gedankenguts der Schriftstellerin zur Aufgabe gesetzt hat.