FRIEDERIKE KEMPNER

"POESIE IST LEBEN..."
LEBEN - WERK - WIRKUNG

13. Jakob van Hoddis und Alfred Kerr: 
Ein "richtiger" und ein "falscher" literarischer Großneffe

Unter dem Pseudonym Jakob van Hoddis ist der Lyriker Hans Davidsohn (1887-1942) berühmt geworden. Seine Mutter, Doris Davidsohn geb. Kempner, eine Nichte Friederike Kempners, war mit Dr. Hermann Davidsohn verheiratet, der nach Assistentenjahren bei Rudolf Virchow als Sanitätsrat eine Praxis im vornehmen Berliner Stadtteil Friedenau führte. Der Sohn Jakob van Hoddis kam in Berlin mit frühexpressionistischen Literatenzirkeln in Kontakt und gründete 1909 zusammen mit Kurt Hiller den "Neuen Club". Bekanntgeworden ist vor allem sein erstmals 1911 in der Zeitschrift "Der Demokrat" publiziertes Gedicht

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Stämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.


In der gespannten Atmosphäre vor dem ersten Weltkrieg wurde dieses Gedicht von einer ganzen Generation von Intellektuellen als gelungener Ausdruck eines neuen Weltgefühls gelesen: als Absage an die trügerische Behaglichkeit großer Teile des Bürgertums, auch als Offenbarung der Gleichzeitigkeit des objektiv nicht faßbaren Geschehens. Jakob van Hoddis erkrankte kurz darauf schwer und war ab 1914 in stationärer psychiatrischer Behandlung, wo ihn seine Mutter bis zu ihrer Emigration 1933 betreute. 1942 wurde er deportiert und in einem deutschen Massenvernichtungslager in Polen ermordet.

Kein nahes Verwandtschaftsverhältnis besteht dagegen zu Alfred Kerr (1867-1948), der seinen ursprünglichen Namen Kempner zu Beginn seiner literarischen Laufbahn ablegte. Nach Schul- und Studienzeit in Breslau wurde er in Berlin für Jahrzehnte einer der einflußreichsten Literatur- und Theaterkritiker, der vor allem den Naturalismus förderte. 1933 emigrierte er nach London, kehrte aber kurz vor seinem Tod 1948 nach Deutschland zurück. Fast zu einem Trauma wurde für Kerr die Tatsache, daß er von Kritikern wegen seines ursprünglichen Namens und seiner Breslauer Herkunft immer dann mit seiner vermeintlichen "Tante" Friederike Kempner in Verbindung gebracht wurde, wenn andere Argumente fehlten. Als ihn eines Tages auch Bert Brecht auf diese Weise anzugreifen versuchte, antwortete Kerr im "Berliner Tageblatt" in Versen:


... Gute Tante, schlummre selig,
Gute Tante, schlummre brav.
Leider Gottes scheuchen schmählich
Meine Gegner Dir den Schlaf.

Auf dem Friedhof und Gebeinfeld
Weckt dich manchmal Yyyya-Schrein -
Wenn dem Esel sonst nichts einfällt,
fällt ihm meine Tante ein.


Selbst wenn im 17. oder 18. Jahrhundert die Familien Kempner in Kempen/Posen verwandt gewesen sein sollten, so waren diese familiären Beziehungen zu Lebzeiten von Friederike Kempner und Alfred Kerr in Breslau längst in Vergessenheit geraten. Als 15jähriger Schüler des St.-Elisabeth-Gymnasiums hat Kerr 1882 die vierzig Jahre ältere Dichterin angeschrieben, von seinen schriftstellerischen Ambitionen berichtet und folgende "ganz vernünftige Antwort" (Kerr) erhalten:
"... es interessiert mich sehr, daß Sie die dornenvolle Bahn des Ruhmes wählen wollen. - Glück auf! Freilich, nach Allem was man dabei leidet wenn man das Gute und Schöne in der Welt verbreiten will, und trotz aller Philister, die man dabei zu bitterbösen Feinden (!) hat, möchte man doch mit keinem anderen tauschen, und kein Philister sein wollen ..."

14. Friederike Kempner heute

"Gräbt die Nachwelt einst mein Bild in Erz"

Die Beliebtheit Friederike Kempners im deutschsprachigen Raum hat sich nie ganz erschöpft, wenn auch der Bekanntheitsgrad der Dichterin in den Jahrzehnten nach ihrem Tod schwankte. Seit der ersten, auszugsweisen Wiederveröffentlichung ihrer Lyrik 1929 als Privatdruck, erschienen immer wieder Ausgaben der Gedichte, zumeist angereichert durch die Aufnahme ungekennzeichneter Parodien. Die antisemitische Kulturpolitik des Nationalsozialismus schied die Werke Kempners aus den Bibliotheken aus. Die 1950er Jahre brachten dagegen eine neue Kempnerbegeisterung.

Eine Art "Kempner-Renaissance" scheint sich auch in den letzten Jahren anzubahnen. Theaterabende, Lesungen und Rundfunksendungen stellen die "Schlesische Nachtigall" wieder ins Rampenlicht. 1989 erschien in Berlin (Ost) die von Nick Barkow und Peter Hacks besorgte erste kritische Gesamtausgabe der Gedichte. Im selben Jahr wurde in Freiburg/Brsg. der "Freundeskreis Friederike Kempner/Friederike-Kempner-Gesellschaft e.V." gegründet, der sich die Pflege des literarischen Werkes und des humanitären Gedankenguts der Schriftstellerin zur Aufgabe gesetzt hat.

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