FRIEDERIKE KEMPNER
"POESIE IST LEBEN..."
LEBEN - WERK - WIRKUNG
Nach den Jahren des Dritten Reichs und dem Krieg ist die Kempner 1952 von Gerhart Herrmann Mostar (1901-1973) für einen breiten Leserkreis wiederentdeckt worden. Mostar geht ausführlich auf die Biographie der Dichterin ein und unternimmt es erstmals, die komische Wirkung der Gedichte Kempners zu analysieren: "Dies haarscharfe Danebenhauen, dies Beinahe-richtig-Liegen, dies Beinahegut-Sein, dies Zerschmettern aber dann der eigenen Wirkung im aller-allerletzten Augenblick, in der aller-allerunerwartetsten Weise - das ist es, das ist sie, Friederike." (Mostar). Aber erst 1956 erscheint eine profunde Kritik und Würdigung von Walter Meckauer; er unterzieht Friederike Kempners Werk einer seriösen literaturwissenschaftlichen Analyse.
Seit die Gedichte der Kempner 1880 von der Literaturkritik zur Kenntnis genommen wurden, bis in die heutige Zeit, war sie vornehmlich das Objekt von Belustigung und Schadenfreude über ihre unfreiwillige Komik. Neuerdings jedoch kann die Tendenz festgestellt werden, daß das dichterische Werk auch einer seriösen Analyse und Kritik für wert befunden wird. Darüberhinaus treten immer mehr ihr großes soziales Engagement und die politischen Überzeugungen der Kempner in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses. So vertritt Peter Hacks in seinem Vorwort zur Neuauflage der Kempnergedichte 1989 die Ansicht, Kempner habe die Komik ihrer Gedichte bewußt eingesetzt, um die Öffentlichkeit auf ihre Überzeugungen aufmerksam zu machen.
Die neueren, von Gerhart Mostar (1953), Walter Meckauer (1956) und Horst Drescher (1971) herausgegebenen Kempner-Gedichte enthalten neben Originalen zahlreiche Parodien; daß diese nicht als solche gekennzeichnet sind, schmälert den Wert dieser Ausgaben beträchtlich. Die Zahl der schriftlich oder mündlich weitergegebenen Parodien übersteigt wahrscheinlich die Zahl der echten Gedichte. Viele "Parodien" griffen nicht allein formale und inhaltliche Mängel der Kempnerschen Poesie an, sondern zielten vor allem auf die jüdische Herkunft der Dichterin.
Friederike Kempner litt unter der satirischen Verfremdung ihrer Lyrik ebenso wie unter der Ironie mancher Rezensionen und unter den Drohbriefen, die sie erreichten. Sie versuchte sich auch literarisch gegen diese zumeist anonymen Verunglimpfungen zur Wehr zu setzen:
Dumme Jungen, Pamphletisten,
Schlechte Juden, schlechte Christen
Legten Dynamit und Gift,
Keins von beiden je mich trifft.
Anonyme Flüche blitzen,
Zünden, treffen und erhitzen
Nur den Fluchenden allein.
Armer Flucher, urgemein!