FRIEDERIKE KEMPNER

"POESIE IST LEBEN..."
LEBEN - WERK - WIRKUNG

5. Freundeskreis und Korrespondenzpartner

Friederike Kempner erfreute sich besonders in ihrer ersten Lebenshälfte eines Freundeskreises von geistig Verbundenen, denen sie Anregung und Ermutigung in ihrem literarischen Schaffen und in ihren humanitären Anliegen verdankte. Manche ihrer Bekannten hatte sie über ihre Mutter kennengelernt, zum Beispiel August Boeckh (1785-1867), den Begründer der historischen Altertumswissenschaften. Mit ihm stand die Dichterin im Briefwechsel, ihm widmete sie ihr Trauerspiel "Rudolf II.". Die innigste Brieffreundschaft verband sie aber mit dem greisen Breslauer Professor der Botanik Christian Gottfried Nees van Esenbeck (1776-1858), dem langjährigen Präsidenten der Leopoldinisch-Karolinischen Akademie der Naturforscher zu Breslau und Demokraten der Revolution von 1848/49. Aus den Jahren 1850 bis 1858 sind annähernd einhundert Briefe von Nees an Friederike erhalten. Der über Siebzigjährige unterstützte ihren Kampf gegen den Scheintod und lobte die noch unveröffentlichten Gedichte der jugendlichen Verfasserin. Später fand Friederike Kempner einen Geistesverwandten in Pastor Hermann Wilhelm Boedeker (1799-1875), der in Hannover zahlreiche soziale Einrichtungen schuf und dort bereits in den 1830er Jahren Leichenhäuser bauen ließ. Nach einem Aufenthalt bei Boedekers 1869 schrieb sie ihm zu Ehren die Schrift "Hermann Wilhelm Boedeker. Ein Vorbild für viele, welche könnten, wenn sie wollten" (Breslau 1870). In ihrer zweiten Lebenshälfte scheint die Dichterin weniger Menschen gefunden zu haben, mit denen sie sich über gemeinsame Ideale austauschen konnte.

Einen weiteren Schwerpunkt der nur spärlich erhaltenen Korrespondenz Friederike Kempners bilden die Briefe, die mit der Pflege ihres literarischen Werkes in Zusammenhang stehen. Von 1859 bis 1897 schrieb sie mehrfach an die berühmte Cotta'sche Buchhandlung und bat ohne Erfolg um Annahme ihrer Werke. Für eine Aufführung ihrer Tragödie "Berenize" wandte sie sich an eine Primadonna des Wiener Burgtheaters, Julie Rettich (1809-1865), die 1861 mit einer umfangreichen, wohlwollenden Kritik des Schauspiels antwortete. Die Schriftstellerin scheute zur Förderung ihrer Werke auch große Namen nicht. So gratulierte sie 1871 Franz Grillparzer (1791-1872) zu dessen 80. Geburtstag und legte die "Berenize" und den "Rudolf II." zur Begutachtung bei.

Zahllose Briefe schrieb Friederike Kempner, um für ihre humanitären Anliegen zu werben. Insbesondere in ihrem Kampf gegen den Scheintod und für Errichtung von Leichenhäusern wandte sie sich an nahezu alle gekrönten Häupter Europas und an die hervorragendsten Wissenschaftler ihrer Zeit.

6. Die Angst vor dem Scheintod

Die Forderung nach der Errichtung von Leichenhäusern ist ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk Friederike Kempners. Sie widmete sich diesem Thema in zahlreichen Gedichten, Dramen und nicht zuletzt in der 1850 erstmals erschienenen "Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern". So absurd dem heutigen Betrachter ein solch engagiertes Eintreten für diese Forderung erscheinen mag, so sehr ist sie doch in die geistesgeschichtliche Strömung des 18. und 19. Jahrhunderts eingebettet. Sie entsprang der in damaliger Zeit allgemein verbreiteten Angst vor dem Scheintod und in dessen Folge vor dem lebendig Begrabenwerden. Die seit dem 18. Jahrhundert sprunghafte Zunahme der sowohl wissenschaftlichen als auch belletristischen Veröffentlichungen zum Phänomen des Scheintodes sind ein deutliches Indiz. So reagierten auch auf Kempners Denkschrift sowohl führende Naturwissenschaftler wie Nees van Esenbeck oder Alexander von Humboldt als auch viele europäische Staatsoberhäupter mit Anerkennung und Zustimmung.

1792 wurde in Weimar unter der Leitung Christoph Wilhelm Hufelands (1762-1836) das erste Leichenhaus in Deutschland errichtet. Die sorgfältige Beobachtung der Leichen und ihre Aufbahrung bis zum Eintreten untrüglicher Todesmerkmale verringerten die Wahrscheinlichkeit des lebendig Begrabenwerdens. Andere Städte folgten dem Beispiel Weimars, doch waren auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts längst nicht alle Gemeinden mit Leichenhäusern ausgestattet. Friederike Kempners Bemühungen gingen dahin, diesem für sie unhaltbaren Zustand Abhilfe zu schaffen. In Droschkau ließ ihre Familie bereits 1853 ein Leichenhaus errichten. Die Einführung von Leichenhäusern ging auch auf Friederike Kempners Engagement zurück.

Um 1870 erwachte zudem eine lebhafte Diskussion über die Einführung der Brandbestattung in Deutschland. Ihre Befürworter führten unter anderem auch den Aspekt des Scheintodes als Argument ins Feld. Schließlich verhindere das Verbrennen des Leichnams die Bestattung eines noch lebenden Menschen und dessen grausames Erwachen im Sarg. Die Gegner der Feuerbestattung argumentierten ebenfalls mit dem Auftreten des Scheintodes, der Möglichkeit also, lebendig verbrannt zu werden. Sie setzten sich mehrheitlich für eine gründliche Leichenschau und die Errichtung von Leichenhäusern ein. Friederike Kempner war Befürworterin der Feuerbestattung. Ihr Leichnam wurde in Gotha einge&aumlschert, die Urne in Breslau beigesetzt.

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