FRIEDERIKE KEMPNER

"POESIE IST LEBEN..."
LEBEN - WERK - WIRKUNG
 
 

Friederike Kempner - Poesie mit einem Augenzwinkern


Erhalten geblieben ist in Breslau ein Friedhof und daselbst ein Grabmal, an dem es dem Besucher nicht leichtfällt, den nötigen Ernst zu bewahren. Manch einer vermag es, mit gereimten Zitaten die nicht Eingeweihten zum Lachen zu bringen. Auf der Inschrifttafel des Grabmales lesen wir unter anderem: " ... die Schriftstellerin und Gutsbesitzerin, Fräulein ... verstarb zu Friederikenhof."

Kenner der deutschen Literatur wissen, wessen sterbliche Überreste die Krypta auf dem Breslauer Friedhof birgt. Anerkannt ist sie als Genie der unfreiwilligen Komik; dieser Umstand trug ihr den Namen "Der schlesische Schwan" oder auch "Die schlesische Nachtigall" ein. Spätestens jetzt wissen wir, daß es sich um die auch gesellschaftlich engagierte Schriftstellerin Friederike Kempner handelt (1828-1904), die für ungemein neuzeitliche und außergewöhnliche Gedankengänge bekannt wurde.

Für jene Zeit war sie eine fortschrittliche Frau. Die einen brachte sie zum Lachen, die anderen schockierte sie mit ihrem ungewöhnlichen gesellschaftlichen Engagement, das voller widersprüchlicher und origineller Ideen steckte.

Friederike Kempner wurde in Opatow (Provinz Posen) am 25. Juni 1828 als Tochter eines Gutsverwalters beim Grafen Maltzahn geboren. In Übereinstimmung mit dem neuen Recht zur freien Ansiedlung und zum Besitz von unbeweglichem Hab und Gut erhoben die Eltern jüdischen Glaubens den Anspruch, sich zu integrieren und der aufgeklärten Elite Preußens anzugehören. Alsbald siedelte der Vater aus der Provinz Posen nach Schlesien um und erwarb hier Vermögen. Die Mutter kümmerte sich um die Erziehung und Bildung der Kinder, sie lehrte sie schon zu Hause Geschichte, Literatur, Religion und Französisch. Unter den fünf Geschwistern zeichnete sich Friederike durch große Entschlossenheit aus. Auf eben diese Weise naturalisierte sich die vermögende und aufgeklärte neue Generation der jüdischen Bevölkerung.

In jungen Jahren betreute Friederike Kempner Kranke und Sterbende. Als Ergebnis der Beobachtungen, die sie während dieser nicht gerade leichten Tätigkeit gemacht hatte, entstand ihr erstes Buch über die Notwendigkeit der Einführung von Leichenhäusern, die eine vorschnelle Beisetzung von scheintoten, in tödlicher Lethargie verbliebenen Personen verhindern sollte.

Im Verlauf der einige Jahrzehnte währenden öffentlichen Diskussion forderte sie in ihren Publikationen immer wieder die Einführung der allgemeinen Einäscherung in Deutschland.

Dem Wunsch der Schriftstellerin entsprechend wurde die Einäscherung ihrer sterblichen Überreste im ersten deutschen Krematorium in Gotha vollzogen (2. März 1904). Die Urne wurde in der Familiengrabstätte neben der Mutter und ihrem Bruder David beigesetzt. Der Mutter widmet die Poetin neben speziellen Publikationen auch einen einfachen Spruch auf dem Grabstein, in diesem Fall ohne das Element des Humors. Nach dem Verlust der geliebten Mutter lebte die Schriftstellerin auf dem Gut Friederikenhof, welches sie nur noch selten verließ.

Auf dem Breslauer Nekropole finden wir noch einen anderen Grabstein mit dem Namen "Kempner" und mit einem den Eltern gewidmeten Spruch. Der Autor des Epigramms ist in diesem Fall der bekannte Literaturkritiker Alfred Kerr, der ursprünglich Kempner hieß. Welche Verbindung besteht zwischen ihm und unserer Friederike?

Über viele Jahre wurde er für einen nahen Verwandten von ihr gehalten. Dieses Mißverständnis (beispielsweise in einem scharfen öffentlichen Meinungsaustausch mit Bert Brecht, der mit einem humorvollen Spruch beendet wurde) bewegte Kerr zur Namensänderung. Aber sicherlich verbanden die beiden außer dem gemeinsamen Namen und der ähnlich gestalteten Nekropole auch literarische Interessen verschiedenster Art.

Die Poesie Friederike Kempners, wie auch ihre anderen Werke, erhielt auch positive Bewertungen. Der künstlerische und intellektuelle Wert ihres Schaffens wurde von den Kritikern im allgemeinen unterschätzt - in kleinbürgerlichen Kreisen wurde sie ungemein gern und oft gelesen, obwohl so mancher bei ihr Anzeichen von Kitsch zu finden glaubte. Zweifellos aber gelang es Friederike Kempner, mit ihrem schriftstellerischen Talent dem Leser gute Laune und Seelenfrieden zu bereiten, obwohl dies vielleicht nicht ihr Hauptanliegen war. Zeitgenössische Literaten erzielen oft die gegenteilige Wirkung!

Direktor Maciejlagiewski,
Historisches Museum Breslau

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