"Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit"
Wort des Rates der Ev. Kirche in Deutschland und der Dt. Bischofskonferenz
zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland (Februar
1997)
1. Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen
Politik möglich machen.
- für eine Wertorientierung einzutreten, die dem Wohlergehen
aller dient. Sie betrachten es als ihre besondere Verpflichtung,
dem Anliegen jener Gehör zu verschaffen, die im wirtschaftlichen
und politischen Kalkül leicht vergessen werden, weil sie
sich selbst nicht wirksam artikulieren können: der Armen,
Benachteiligten und Machtlosen, auch der kommenden Generationen
und der stummen Kreatur.
2. Die Qualität der sozialen Sicherung und das Leistungsvermögen
der Volkswirtschaft bedingen einander.
- anhaltenden Exportüberschüsse
- sozialen Frieden geführt, der sich als bedeutsamer Standortvorteil
erwiesen hat.
3. Die Soziale Marktwirtschaft braucht eine strukturelle und
moralische Erneuerung.
- Heute ist die Gefahr groß, daß die Wettbewerbsfähigkeit
auf Kosten der sozialen Sicherung gestärkt werden soll.
- die Verteidigung von Besitzständen an Subventionen und
steuerlichen Vorteilen verhindert Reformen.
- Weiterentwicklung zu einer sozial, ökologisch und global
verpflichteten Marktwirtschaft
- Die Strukturen müssen, um dauerhaften Bestand zu haben,
eingebettet sein in eine sie tragende und stützende Kultur.
- Es ist eine kulturelle Aufgabe, dem Eigennutz eine gemeinwohlverträgliche
Gestalt zu geben.
- Kultur des Erbarmens
- Die Armen sollen mit Verläßlichkeit Erbarmen erfahren.
Dieses Erbarmen drängt auf Gerechtigkeit.
4. In der sozialen Sicherung spricht nichts für einen
Systemwechsel, Reformen aber sind unerläßlich.
- Anspruchsberechtigung und Leistungsverpflichtung müssen
spürbarer aneinander gekoppelt werden.
- Eine beträchtliche Schwäche des gegenwärtigen
Systems sozialer Sicherung liegt in der vorrangigen Bindung an
das Erwerbseinkommen.
5. Die vordringlichste Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik
ist in den nächsten Jahren der Abbau der Massenarbeitslosigkeit.
- nicht der Sozialstaat zu teuer, sondern die Arbeitslosigkeit.
- Priorität hat nach wie vor die Schaffung wettbewerbsfähiger
Arbeitsplätze. Dem dient es, wenn die Arbeitskosten gesenkt
werden.
- Teilung von Erwerbsarbeit
- öffentlich geförderten Arbeit
6. Der Sozialstaat dient dem sozialen Ausgleich. Darum belastet
er die Stärkeren zugunsten der Schwächeren.
- Leistungsfähigkeit für die solidarische Finanzierung
des sozialen Ausgleichs bestimmt sich im übrigen nicht nur
nach dem laufenden Einkommen, sondern auch nach dem Vermögen.
- Nicht nur Armut, auch Reichtum muß ein Thema der politischen
Debatte sein.
7. Der Sozialstaat muß so weiterentwickelt werden, daß
die staatlich gewährleistete Versorgung durch mehr Eigenverantwortung
und Verantwortung der kleinen sozialen Einheiten gestützt
wird. Er bedarf einer ihn tragenden und ergänzenden Sozialkultur.
- Eigenverantwortung und Verantwortung der kleinen sozialen
Einheiten müssen gestärkt werden.
- Vorfahrt für Eigenverantwortung
- mehr betrieblicher Gestaltungsspielraum
- Ein anderer Akzent wird hingegen dort gesetzt, wo unter Berufung
auf das Subsidiaritätsprinzip Aufgaben nach unten abgegeben
und dann ehrenamtliche Leistungen eingefordert und Risiken sowie
Kosten auf den einzelnen übertragen werden.
8. Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse im Westen
und im Osten Deutschlands wird noch für lange Zeit spürbar
bleiben. Das Geschenk der Einheit muß wirtschaftlich und
sozial mit Leben erfüllt werden.
- Frauen, die die Hauptlast der Beschäftigungskrise zu
tragen haben
- Teil der Kriegsfolgelast Deutschlands. Die Opfer der Solidarität,
die im übrigen auch von den Menschen in den neuen Bundesländern
erbracht werden, sind vollauf gerechtfertigt.
- müssen sich im Prozeß des weiteren Zusammenwachsens
beide Teile Deutschlands verändern.
9. Die Menschen teilen die Welt mit den anderen Geschöpfen
Gottes. Deutschland lebt in der Welt zusammen mit anderen Ländern.
Solidarität und Gerechtigkeit sind unteilbar.
- wie die reichen Länder bereit sind, ihre Märkte
offenzuhalten und weiter zu öffnen.
10. Das Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen
Lage in Deutschland ist kein letztes Wort.
(Zusammenfassung durch A. Behrend, Mai 1997; die Thesen 1 bis
10 sind die zusammenfassenden Sätze aus der "Hinführung")
Das Wort ist als "Gemeinsame Texte 9" erhältlich
beim Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrenhäuser
Straße 12, 30419 Hannover, Tel. (0511) 2796-0, Fax (0511)
2796-707, E-Mail kirche.online@gep.de, und beim Sekretariat der
Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53113 Bonn,
sowie z. Z. im Internet unter http://www.ekd.de/aktuell.