ReizWorte des Glaubens
nachgesprochen von Gönninger Theologinnen und Theologen
6.2.-13.3.2005
Evangelische Kirchengemeinde Gönningen


Predigt über das ReizWort "Wunder"/Markus 2, 1-12
von Andreas Müller, 6.2.2005

"Das glauben Sie ja wohl selbst nicht, Herr Müller, das wäre ja gelacht!", so ein Elfklässler im vergangenen Schuljahr zu mir, als es im Religionsunterricht um biblische Wunderberichte ging. Es wäre ja gelacht, wenn ein moderner Mensch, ein rationaler Denker des 21. Jahrhunderts noch daran glaubte, dass aus Wasser Wein wird, dass Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, dass Kranke geheilt werden. Jugendliche wollen´s genau wissen: "Glauben Sie´s Herr Müller?" Was ist dran an den biblischen Berichten von Wundern? Sind sie glaub-würdig? Ich lade Sie ein, einen dieser Wunderberichte heute morgen genauer zu betrachten, sozusagen beispielhaft, exemplarisch für die vielen Wunderberichte der Bibel. Hören Sie den Bericht von der Heilung des Gelähmten, wie ihn der Evangelist Markus im 2. Kapitel überliefert.
 
"Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, daß er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so daß sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, daß sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so daß sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen."
 
Liebe Gemeinde,
auf drei Punkte möchte ich mich beschränken:
1.) Um was es dem Text geht.
2.) Ist das Wunder wirklich geschehen?
3.) Wunder heute.
 
1.) Um was es dem Text geht
Ganz offensichtlich liegt das Hauptinteresse, das Hauptaugenmerk unseres Textes nicht auf der Heilung des Gelähmten. Über die Heilung erfahren wir nur sehr wenig. Auch erfahren wir nicht, weshalb der Mann gelähmt ist, wie lange er schon nicht gehen kann und ob er bereits Ärzte konsultierte. Nein, das erfahren wir alles nicht! Lediglich ganz schlicht berichtet Markus, dass der Mann gelähmt war, zu Jesus gebracht wird und dieser zu ihm sagt: "Steh auf, nimm dein Bett und geh heim." Viel wichtiger als die körperliche Heilung scheint dem Evangelist Markus das andere zu sein: "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben." Das ist das Erste, was Jesus zu dem Gelähmten sagt! "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben." Und um das zu unterstreichen, um es zu bestätigen, dass Jesus die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben, sagt er zu dem Gelähmten: "Steh auf." Das Wunder der Heilung ist also "nur" das sichtbare Zeichen für ein viel größeres Wunder. Dieses größere Wunder, das eigentliche Wunder ist doch, dass Jesus Sünden vergibt, dass der Mann nicht länger von Sünde gefangen ist. Darum geht es dem Text! Das will der Evangelist Markus seinen Leserinnen und Lesern deutlich vor Augen stellen. Es geht also um viel mehr als die Genesung des Mannes! Und aufgepasst, dass wir nicht einem Trugschluss unterliegen: Markus sagt nicht, dass der Mann aufgrund seiner Sünde gelähmt ist, dass Krankheit die Folge einer Sünde ist. Wer das behauptet, der hat den Text nicht verstanden! Nein, unserem Text geht es darum, uns zu bezeugen, dass es einen gibt, der von der Last der Sünde, vom Niedergedrücktsein, von Lähmung befreit. Wie gut, das zu wissen! Denn dieses Gefühl, von Sünde gefangen zu sein, blockiert zu sein, das kennen Sie bestimmt genauso gut wie ich. Wie schnell rutscht mir ein unbedachtes Wort heraus, das andere verletzt? Wie gelähmt ist dann die Atmosphäre! Wie gut, liebe Gemeinde, dass Jesus befreit, vergibt, herausreißt, bis auf den heutigen Tag. In jedem Abendmahlsgottesdienst feiern und erleben wir das. Keine Schuld, kein Versagen, keine Verfehlung kann mich lähmen, weil Jesus mir vergibt. Welch ein Wunder! --- Nun mag dies alles einsichtig sein. Aber für meine Schülerinnen und Schüler bleibt die Frage nach dem Wunder der Heilung. Was hat es mit dieser Heilung auf sich? Ist sie wirklich passiert?  
Deshalb:
2. Ist das Wunder wirklich geschehen?
Wir leben in einem Zeitalter hochmoderner Computertechnologie und fortschrittlicher Medizin. Vieles ist heute möglich, was lange Zeit unmöglich war. So können Lähmungen durch Implantattechnologie überbrückt werden, repariert werden. Aber damals, vor 2000 Jahren? Was der Evangelist Markus berichtet, ist ja weit mehr als ein medizinischer Eingriff! Da sagt Jesus "steh auf" und dann steht der Gelähmte doch tatsächlich auf! Was hier berichtet wird, das widerspricht unserer Erfahrung zutiefst: wie soll das zugehen, wie soll das funktionieren? Nun, es werden verschiedene Erklärungsversuche an den Text herangetragen, weil das Wunder so wunderlich erscheint: womöglich sei der Gelähmte gar nicht gelähmt gewesen. Oder womöglich habe sich die Heilung gar nicht ereignet, Markus berichte nur von ihr, als ein Bild, das im übertragenen Sinne zu verstehen sei. Der Bericht von der Heilung also ein Sinnbild, die Lähmung ein Symbol für Lähmung durch Sünde. Beweise für diese Erklärungsversuche werden keine gebracht. Freilich, auch ich kann Ihnen keine Beweise für die Historizität des Heilungswunders bieten, ich kann Ihnen nicht beweisen, dass es wirklich so war. Gott lässt sich nicht beweisen oder in eine Schachtel packen und mitnehmen zum Gottesdienst. Oder in den Religionsunterricht. Aber ich kann rückfragen: was hält Dich denn davon ab, an ein Heilungswunder zu glauben? Sei doch nicht so kleingläubig! Traue Deinem Gott doch etwas zu! Vertraue doch darauf! Wenn Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, wie sollte er nicht auch Kranke heilen können und gesund machen? Lass Dich doch darauf ein! Lass es Dir doch gesagt sein! Warum soll nur das wahr sein, was Du nachprüfen und nachvollziehen kannst? Liebe Gemeinde: Jugendliche wollen´s genau wissen - und Sie heute morgen sicher auch. Und deshalb in aller Klarheit: Ja, ich glaube, dass es so war, wie Markus berichtet! Aber ich sage Ihnen auch, dass ich es nicht immer glaube. Dass mich Zweifel packen, dass mich die Ungewissheit plagt - und so geht es doch vielen: "ich würde ja gerne glauben, aber..." Diese Zweifel müssen wir ernst nehmen und aushalten! Und deshalb verbietet es sich, anderen den Glauben abzusprechen, wenn sie an das eine oder andere Wunder nicht glauben können. Wer den Glauben an Wunder zum Schibboleth, zum Erkennungszeichen für wahres Christsein macht, dem ist zu widersprechen! Und er sei an die zweifelnden Jünger erinnert oder an den Vater des besessenen Knaben, der in seiner Verzweiflung schrie, Jesus, "ich glaube; hilf meinem Unglauben!" (Mk. 9, 24). Jesus hat die Zweifelnden nicht verstoßen - so werden wir es erst Recht nicht tun.  
Über Wunder predigen, das geht nicht, ohne sich der Frage nach Wundern heute auszusetzen und deshalb nun der letzte Punkt:
3.) Wunder heute
Immer wieder bekommt man zu hören "ja, wenn es doch heute noch solche Wunder gäbe wie in der Urgemeinde" oder "ach, dass ich doch auch einmal Gottes Wunder sähe, dann glaubte ich auch!". Die Meinung, dass wir in einer Zeit ohne göttliche Wunder leben, ist gerade in christlichen Kreisen weit verbreitet. Aber stimmt das wirklich? Ist es nicht einfach so, dass wir geneigt sind, Wunder zu übersehen oder rational zu deuten? Es ist nicht schick, im 21. Jahrhundert von Wundererfahrungen zu erzählen. Die Bewahrung beim Unfall auf spiegelglatter Straße - nun, es war kein Wunder, sondern Glück gehabt. Die Genesung nach schwerer Krankheit - ein Wunder? Nein, vielmehr doch die Kunst der Ärzte oder das Können moderner Medizin. Die Versöhnung nach dem heftigen Streit - kein Wunder, sondern Erfolg unseres Bemühens. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Viele haben es verlernt, im Alltag die kleinen Wunder Gottes wahrzunehmen. Und so ist mir der Bericht von der Heilung des Gelähmten ein Ansporn und eine Mahnung, zukünftig genauer hinzuschauen, präziser hinzuhören. Ob Sie´s wohl auch wagen? Ob Sie sich auf den Perspektivenwechsel einlassen? Ob Sie zukünftig auch von Wundern sprechen? Nicht mehr nur vom Zufall, vom Glück-gehabt-Haben, vom Können der Ärzte, vom eigenen Bemühen, sondern von Gottes wunderbarem Eingreifen? Dieses wunderbare, wundersame Eingreifen Gottes gibt es bis heute! Und auch die in unserem Text beschriebene Sündenvergebung findet bis auf den heutigen Tag statt. Wir haben es gehört, in jedem Abendmahlsgottesdienst feiern wir sie und werden sinnenhaft daran erinnert. Bis heute ist da einer, der uns frei macht von allen Lähmungen; der uns aufrichtet; der mein Leben zurechtbringt. Welch ein Wunder! Liebe Gemeinde, nun könnte die Predigt an dieser Stelle enden, aber meine Elftklässler wenden ein: alles recht und gut, aber wie sieht es denn mit solchen spektakulären Krankenheilungen heute aus? Warum stehen heute die Gelähmten nicht mehr auf und gehen umher? Wo sind sie denn, diese Wunderheilungen in unseren Gemeinden? Wie recht sie doch haben, die Jugendlichen! Diese Frage ficht mich an. Sie lässt mich leiden. Und Sie bestimmt auch. War denn in der Urgemeinde doch alles anders? Nein - der Apostel Paulus flehte Gott mehrfach um Heilung wegen seiner schweren Krankheit an und das Wunder der Heilung blieb aus. Fehlanzeige! Nichts passierte! Aber Gott sagte zu Paulus: "lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Kor. 12,9) Ja, liebe Gönninger Gemeinde: in solcher Anfechtung, in solchem Zweifel und Leiden gilt: lasst Euch an seiner Gnade genügen! Gottes Kraft ist in Euch mächtig! Sie stärkt Euch in Eurer Schwachheit! Und wenn spektakuläre Heilungswunder ausbleiben, dann verzagt nicht und werft Euren Glauben nicht weg. Denn gerade dann, wenn Ihr im Leiden am Glauben festhaltet, wirkt Gottes Kraft in Euch. Und sie lässt Euch für Eure Umgebung glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen sein für die Wahrheit des Evangeliums. Amen.

Am Aschermittwoch fängt alles erst an …
ReizWort Sünde


Reutlinger Generalanzeiger 12.2.2005 / "Auf ein Wort"

"Am Aschermittwoch ist alles vorbei", singen die Narren und haben aus Sicht der tollen Tage natürlich recht. Am Aschermittwoch fängt alles erst an: Die Fastenzeit hat Mitte dieser Woche begonnen, die ja der Fasnet erst ihren Sinn gibt: Nur wer den Sinn und Ernst und die Spielregeln des Lebens kennt, kann das (und sich) auch zum Narren halten!
Nun hat sie uns also: die Fastenzeit. Bei Protestanten wird sie auch Passionszeit genannt: Wir bekommt es mit der Passion, dem Leiden Jesu zu tun - und damit mit den Abgründen der Menschen, nicht zuletzt den Abgründen des eigenen Lebens. Das Leiden, das Sterben, das Kreuz Jesu hält uns eigene Schuld und Sünde vor. Ich weiß: das ist natürlich ein Reiz-Wort, und weil damit viel Unfug getrieben und Menschen klein und "irgendwie sündig" gehalten wurden, traut man sich's eigentlich als Kirchenmann schon zweimal nicht in den Mund zu nehmen oder zu Papier zu bringen.
Und doch: Komme ich ohne Sünde aus? Komme ich damit vor mir durch, sie zu leugnen? Bekomme ich sie wirklich totgeschwiegen - oder ist mein Schweigen womöglich nicht laut und beredt genug?
Lassen Sie sich die Sünde nicht madig machen! Spielen Sie das unheilvolle Spiel nicht mit, das da heißt: Nur nichts zugeben - und wenn, dann nur im Notfall; die weiße Weste über stolz geschwellter Brust zeigen und Fehler auf andere schieben: Stoiber auf Schröder, Müntefering auf Merkel …
Faites vos jeux - machen Sie Ihr eigenes Spiel: Bringen Sie das, was Sie verkehrt machen vor Gott und den Menschen ins Spiel. Stehen Sie dazu, wie es sich für erwachsene Menschen geziemt! Lassen Sie sich von diesem Wort Sünde reizen!
Sie werden sich vielleicht eine blutige Nase holen, weil andere Ihre Eingeständnisse als Schwäche werten werden; Sie werden vielleicht Bauchweh haben und unfreiwillig fasten; aber unsere Seelen werden gesünder dadurch.
Daß das nicht einfach ist, wissen Sie so gut wie ich. Und wir spüren, daß es nur gelingt, wenn ich vom anderen weiß: Er wird mich nicht kaputt machen. So wie Gott eben: Er macht uns nicht mit drohendem Zeigefinger und drückendem Daumen kaputt, sondern erleidet selbst am Kreuz unsere menschliche Schuld, unsere Sünde - und er vergibt uns, stellt auf die Beine und eröffnet neue Wege - den Weg ins Leben! Machen Sie nicht mit bei den dummen Spielen, die die Schuld immer nur bei anderen sehen und dabei gar nicht merken, wie sie sich selbst betrügen. Machen Sie Ihr eigenes Spiel!
"Am Aschermittwoch ist alles vorbei" - diese Tage könnten ein guter Anfang sein … PS Ums "ReizWort Sünde" (und bis 13. März um vier weitere solcher Begriffe) geht es morgen in unserem Gottesdienst ab 10.00 Uhr im Gönninger Gemeindehaus … Und diskutieren drüber können Sie beim sich anschließenden Gemeinde-Essen, zu dem Sie herzlich eingeladen sind!

Predigt über Sünde anhand von 1. Mose 3,1-19
von Vikarin Maren Müller-Klingler, 13.2.2005

1. Hinführung

Liebe Gemeinde,
es wundert mich, dass Sie heute alle gekommen sind! Das Thema "Sünde" ist ja nicht gerade eine ansprechende Thematik für so einen Sonntagmorgen. Wir haben es uns ziemlich abgewöhnt von der Sünde zu sprechen, zumindest von jener Sünde, die etwas mit Gott und Mensch zu tun hat. Von den Verkehrssündern reden wir bedeutend öfter. Und auch von den Sünden während einer Diät. Sünde, Todsünde, Erbsünde, Sündenfall - keine süßen Lockworte. Wirklich eher Reizworte. Widerspruchsworte. Manche meinen auch, dass es Worte sind, die ausgedient haben. Und doch sind sie heute da, liebe Gemeinde! Und es erwartet sie die alte Geschichte vom "Sündenfall". Entlang dieser Erzählung machen wir uns zum Thema Sünde auf die Suche. Hören wir als erstes noch einmal auf den biblischen Text und darauf, was er uns zur Sünde zu sagen hat.

2. Verlesung des Predigttextes: Genesis 3,1-19

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so daß ich aß. Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

3. Vorbemerkungen

a) Hermeneutik der Urgeschichte

Liebe Gemeinde, Diese ganze Geschichte ist doch schon seit Jahrzehnten überholt, oder!? Adam und Eva, die nackig durchs Paradies tollen - die sind doch längst von der Steinzeitdame Lucy und dem Neandertaler abgelöst! Und eine Schlange, die sprechen kann? Wir sind doch nicht im Kindergarten! Und Gott geht in der Abendkühle spazieren? Gott ist doch kein alter Mann, der die Mittagshitze nicht mehr erträgt… Das ist doch Blödsinn! So war der Anfang der Welt sicher nicht!
Nein, so war der Anfang der Welt nicht! Aber davon spricht die Erzählung auch nicht! Sie erzählt nicht vom Anfang der Zeit oder vom Anfang der Menschengeschichte. Sie erzählt vielmehr vom Urgrund der Zeit und vom Urgrund der Menschengeschichte. Und das ist etwas anderes! Die Erzählung beschreibt, wie es immer wieder zugeht bei uns Menschen, was unsere ureigenste Geschichte ist. Wir haben es mit Urgeschichte zu tun. Aber nicht als wäre es eine Geschichte über unsere Urahnen! Nein, Adam und Eva stehen als Platzhalter für unsere Namen. Adam, das heißt auf Hebräisch schlicht "der Mann, der Mensch". Die Urgeschichte ist unsere ureigenste Geschichte. Wir sind Adam und Eva. Wir sind mittendrin.
Und so ist die ganze Ausgestaltung der Erzählung kein historischer Bericht, sondern Inszenierung. In der Geschichte wird uns in Szene gesetzt, wie wir Menschen sind. Es ist unsere Geschichte, diese Urgeschichte.

b) In der Erzählung fehlt das Wort Sünde

Noch etwa, liebe Gemeinde: Wir haben es bei dieser Urgeschichte mit einer Reizwort-Geschichte ohne Reizwort zu tun! Kein einziges Mal kommt das Wort Sünde vor!
Sünde wird nicht genannt - und doch ist dieser Abschnitt der Bibel schon immer (von jüdischen und christlichen Theologen) als die Geschichte zum Thema Sünde gelesen und ausgelegt worden. Wir alle kennen sie unter dem Titel "Der Sündenfall".
Liebe Gemeinde, im Vertrauen auf diese Vorfahren lade ich Sie ein, sich mit mir auf die Suche zu machen nach dem, was uns die Erzählung über die Sünde lehrt- auch wenn das Reizwort fehlt!
Und im Übrigen. Eigentlich wundert es uns ja nicht, dass die Sünde kein Namensschild um den Hals trägt. So kennen wir sie auch: Sünde kommt nur selten plakativ und grade raus daher. Sünde schleicht sich ein, ist kaum zu greifen, ist auf einmal da…

4. Gespräch zwischen Schlange und Frau: Kennzeichen der Sünde

a) Sünde als äußere Macht: Die Schlange

Das ist ein erstes Kennzeichen, das auch mit der Gestalt der Schlange zusammenpasst, die uns in der Erzählung begegnet. Sie verkörpert hier die Sünde, die von außen an den Menschen herantritt. Und dieses Bild ist exzellent gewählt: Denn die Schlange ist den Menschen ein unheimliches Geschöpf:
- Sie hat eine seltsame Zwischenstellung: Sie bewegt sich schnell und wendig fort, aber ohne Füße. Sie lebt auf dem Land, ist aber kalt wie die Fische im Wasser.
- Sie hat Macht über das Leben. Sie kann mit ihrem Giftzahn Leben zerstören - ohne Gewalt, ohne Lärm, nur mit ein paar Tropfen Gift. Und sie kann sich häuten, kann ihre alte Haut ablegen und in neuer Jugend erstrahlen.
- Sie ist unscheinbar mächtig, lebt versteckt, ist ein leises Tier, das nicht brüllt sondern nur zischelt, eine "professionelle Schleicherin", voller Kraft und Macht. Im alten Orient galt sie als das klügste aller Tiere.
Dieses Tier passt zu dem, wie wir Sünde erleben: Immer wieder steht sie uns unerwartet und unvorhergesehen gegenüber, in immer neuen Gestalten, in immer neuen Häuten begegnet sie uns und wollen wir sie packen und verstehen, schleicht sie sich behände davon.
Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Schlange ist ein Geschöpf Gottes wie die anderen Lebewesen im Garten auch, sie ist kein Dämon, nichts außerhalb von Gottes Schöpfung!
Dieses Geschöpf, das listiger ist, als alle Tiere des Feldes hat noch ein Kennzeichen: es hat eine gespaltene Zunge. Und so redet die Schlange auch mit Eva, doppelzüngig: Sie sagt "Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?" Sie gibt vor, Gott zu zitieren - Gottes Originalton zu Adam war allerdings anders: "Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben."
Hören Sie den Unterschied? Bei Gottes Wort, da steht die große Erlaubnis vorne dran "Von allen Bäumen im Garten" dürfen die Menschen essen. Und erst dann folgt eine Einschränkung "aber nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen" und diese Einschränkung wird begründet mit dem Schutz des Menschen. "Alles steht euch offen, das eine lasst, weil es nicht gut für euch ist!" So spricht Gott. Liebe Gemeinde, so ist Gott! Großzügig und fürsorglich!
Die Schlange aber ist eine perfekte Wortverdreherin! Sie verdreht die Worte Gottes: "Gott hat alles Bäume verboten!", behauptet sie. So arbeitet die Sünde. Sünde kommt im Gewand sinn-verdrehter, sinn-entstellter Worte daher.

b) Sünde als inneres Geschehen: Die Erwiderungen der Frau

Noch ein weiteres Kennzeichen der Sünde lässt sich beobachten, und zwar an der Reaktion der Eva auf die Ansprache der Schlange. Eva weist die Schlange zuerst zurecht: "Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet." Eva weist die Schlange zurecht - und geht ihr doch auf den Leim! Denn sie meint, Gott verteidigen zu müssen und ergänzt seine Worte mit dem "rührt sie auch nicht an".
Daran wird deutlich, dass die Sünde nicht nur von außen in Gestalt der Schlange an die Menschen herantritt, sondern, dass die Sünde auch etwas wachruft, was schon im Menschen vorhanden ist. In Eva selbst ist Gott zu jemandem geworden, der "wenig erlaubt und ausführlich" verbietet. Eva selbst schaut nicht mehr auf die große Erlaubnis, sondern auf die kleine Einschränkung. Und dadurch verdreht sich die Begründung für diese Einschränkung: Nicht mehr der Schutz der Menschen ist im Blick, sondern ein Gott, der Vergehen straft.

c) Sünde ist Misstrauen gegen Gott

Es sind dies die ersten Worte, die die Bibel uns von Eva berichtet. Und es sind unser aller Urworte. Der Unglaube hat sich schon in ihnen eingenistet. Wir können es Gott nur selten glauben, dass er es gut mit uns meint. Und das ist die Wurzel der Sünde. Die Wurzel der Sünde ist der Verdacht, dass Gott mir eins auswischen will. Die Wurzel der Sünde ist das Misstrauen gegen Gott.

Exkurs: Der Baum der Erkenntnis

Liebe Gemeinde, warum das so ist, warum Gott uns als solche Geschöpfe geschaffen hat, die zu dieser Wurzelsünde, zum Misstrauen gegen ihn, zum Unglauben fähig sind - darauf habe ich Ihnen keinen richtige Antwort. Oft fragen sich auch Menschen, warum Gott denn den Baum der Erkenntnis mitten ins Paradies gestellt hat, wenn doch klar war, dass die Menschen davon essen würden. Das hätte Gott in seiner Allmacht doch verhindern können! Ein Ausleger kann uns auf eine Spur helfen: Er sagt, die Erschaffung des Baums der Erkenntnis mitsamt dem Verbot, davon zu essen, ist die Erschaffung der Freiheit. Nur indem die Menschen die Möglichkeit haben, sich für das Misstrauen gegen Gottes Gebot zu entscheiden, ist das Vertrauen echtes Vertrauen, freies Vertrauen. Vertrauen und Liebe sind nur echt, wenn sie in Freiheit gewählt sind. Aber wie schwer tragen wir an dieser Freiheit… Und so wie Adam und Eva ist es auch für uns verlockend, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Von dem Baum zu essen, der verheißt, dass wir gute Entscheidungen selbstmächtig treffen können, der verheißt, dass wir unabhängig seien von Gott und seiner Fürsorge für uns…

5. Essen vom Baum der Erkenntnis: Folgen der Sünde

Eva überlegt noch, sie schmeckt in Gedanken schon die Frucht, freut sich an ihrem Aussehen und giert nach ihrer Wirkung. Und dann geht es ganz schnell: Sie nimmt und isst. Adam, der Mann, der bei ihr steht, der isst auch.
Liebe Männer, ich kann es ertragen, dass wir Frauen in dieser Geschichte die Eva sind. Aber nehmen sie bitte zur Kenntnis, dass der Adam auch nicht sehr rühmlich weg kommt… Ziemlich tröge steht er da rum und isst einfach ohne Nachdenken. Und letztlich, liebe Männer und Frauen, letztlich geht es hier ja nicht darum, dass wir uns unter den Geschlechtern den schwarzen Peter zuzuschieben. Denn essen tun wir beide - und miteinander stehen wir vor den Scherben des Missbrauchs unserer Freiheit.
Wir wollen sein wie Gott, beanspruchen zu wissen, was Gut und Böse ist, was dem Leben nützt und was ihm schadet. Und die Folgen: oft genug stehen wir vor den Scherben unserer Selbstherrlichkeit.
Die Folgen der missbräuchlichen Selbstbestimmung treten sofort ein: Alles wird den beiden peinlich! Ihre Nacktheit, Gott zu begegnen, zur eigenen Tat zu stehen - alles ist ihnen peinlich. Die Einheit mit sich und der Welt, dieser paradiesische Zustand ist vorbei. Die vormals ersehnte Eva wird zum "Weib, das Gott Adam angedreht hat", die Schlange wird zur Feindin, der Acker zur Plackerei.
Liebe Gemeinde, Folgen der Schuldzuschieberei und der Brüche, die hier beschrieben werden, finden wir in unserem Leben zuhauf! Wir kennen die zerstörte Einheit nur zu gut. Wir leben bis heute mitten drin.
- Keiner von uns lebt gänzlich mit sich im Reinen. Der eine schämt sich wegen seines Bauches, die andere wegen ihrer Hüften, der dritte wegen seiner Vergangenheit und die vierte wegen ihrer Kinder - wir haben doch alle etwas zu verbergen!
- Und statt der Einheit mit Gott leiden wir doch alle immer wieder an unseren Zweifeln und unserem Unglauben.
- Über die Entzweiung der Menschen untereinander, über die Entzweiung zwischen Mann und Frau - darüber muss ich gar nichts sagen. Sie alle haben sicherlich sofort konkrete Situationen vor Augen, wo Zwietracht und Streit statt Einigkeit und Vertrauen herrschen.
- Genauso offensichtlich ist es, dass wir mit unserer Natur in Uneinigkeit leben: Das Wasser überrollt uns Menschen, wir vergiften die Ozeane usw. Das ist keine Harmonie, das ist Feindschaft.
Das ist unsere Realität Es ist die Realität, liebe Gemeinde, die uns die Urgeschichte vor Augen malt. Unsere Realität. Unsere traurige Realität. Wie ein Riss geht es durch die ganze Schöpfung, wie ein Riss geht es durch uns und unser Leben. Durch ihr Leben genauso, wie durch meines. Keiner kann sich raushalten, weil es unser aller Urgeschichte, ureigenste Geschichte ist.
Das anzuerkennen macht traurig. Und es ist traurig und zum Erbarmen.

6. Von der Trauer zur Erlösung: Überwindung der Sünde

a) Gott wendet sich auch den sündigen Menschen zu

Ja, zum Erbarmen ist es. Und, Gott sei Dank, es hat sich jemand über uns erbarmt. Gott hat sich der Menschen erbarmt.
Er sieht die Scham der Menschen im Paradies, aber er beschämt sie nicht, er stellt sie nicht bloß, sondern macht ihnen Fellkleider. Sogar noch dem Menschen gegenüber, der sich auflehnt, der ihn abweist, erweist sich Gott als fürsorglich.
Und man kann sogar die Vertreibung aus dem Garten als eine Sorge Gottes für die Menschen betrachten: Nicht auch noch vom Baum des Lebens sollten sie essen, damit sie die Last ihrer Selbstherrlichkeit nicht auch noch auf ewig tragen müssen.
Und so geht die Geschichte ja weiter! Immer wieder flickt Gott den Riss, baut Brücken über den Riss, schafft den neuen Anfang: - Dem Brudermörder Kain ermöglicht er Leben, - dem verderbten Menschengeschlecht schafft er mit Noah in der Arche einen neuen Anfang, - den Totschläger Mose macht er zum Freiheitsführer, - den ungehorsamen Jona zum Verkündiger seines Wortes. So ist unser Gott, liebe Gemeinde! So fürsorglich und großherzig ist unser Gott, er verbindet den Riss!

b) Gott stellt sich in den Riss und überwindet die Sünde

Und schließlich hat Gott sich selbst in den Riss gestellt. - der als Verbrecher ans Kreuz genagelt ist, wird an Ostern als der Sohn Gottes in Herrlichkeit auferweckt.
Das ist das große Erbarmen, liebe Gemeinde, das es uns erst ermöglicht, über die Sünde zu sprechen. Weil wir sie im Licht von Ostern überwunden wissen.
Vielleicht haben sie das Bild zur Jahreslosung vor Augen: Da steht Jesus Christus mitten im Riss - und bringt das Licht mit sich. Und manche von Ihnen haben wohl auch das Lied im Ohr, das die Dadline-Band schon oft gespielt hat. Dort heißt es: "Zwischen Himmel und Erde ist ein Riss - wo die Balken sich kreuzen ist der Ort, wo sich Himmel und Erde trifft in dir, dort am Kreuz!" Jesus Christus - in ihm und bei ihm wird heil, was zerbrochen ist: Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ist ungetrübt, kranke Menschen werden ganz und heil, der Sturm beruhigt sich und bedroht die Menschen nicht mehr.

7. Schluss: Eine neue Urgeschichte beginnt am Kreuz

Liebe Gemeinde, am Kreuz beginnt eine neue Urgeschichte: Alle Uneinigkeit, alle Zwiespältigkeit, alle Zweifel, alles, was Dir das Leben, das Glauben und das Vertrauen zerreißt - alles ist da im Kreuz zusammengefügt. Was in Jesus Christus begonnen hat, was sich jetzt noch verborgen ausbreitet, das wird zu einem guten Ende kommen. Gott hat sich in den Riss gestellt und der Sünde ein für allemal die Macht genommen. So fürsorglich, so großherzig, so liebend ist Gott zu dir! Amen.

Predigt über das ReizWort "Unglaube"
von Pfarrer Heinz Gerstlauer, 20.2.2005

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns zuerst über die andern reden. Die Ungläubigen. Also über unsere Nachbarn. Über Schmidts in der dritten Etage, die aus der ehemaligen DDR zu uns gekommen sind. Sie wissen ja: Jugendweihe, Sozialismus, Atheismus und so weiter und so fort. Oder über Gerhard Schröder, der beim Amtseid den Zusatz: "So wahr mir Gott helfe" verweigert hat. Oder über Müllers, die nie in die Kirche gehen, aber jeden Samstag beim VFB in der Gemeinde der Fußballjünger die Laola Welle zelebrieren. Oder über Frau Dächle, die sich schon mal aus der Glaskugel hat die Zukunft lesen lassen - gegen Geld, versteht sich. Wo man hinschaut - Ungläubige, oder wie man im Theologenjargon zu sagen pflegt: getaufte Heiden. Keine Gegner des Christentums, mitnichten. Bloß praktische Atheisten und Heilsegoisten zugleich. Unglaube ist bei uns kein Thema, so wenig wie der Glaube.
Robert Lembke meinte einmal: im Flugzeug gehen bei starken Turbulenzen die Atheisten zurück auf drei Prozent. Und Georg Christoph Lichtenberg stößt ins gleiche Horn, wenn er sagt: von einem französischen Atheisten wird verlangt, dass er sich nur bei schmerzlicher Krankheit oder auf dem Totenbett bekehrt. Unsere deutschen Ungläubigen hingegen bekehren sich bei jedem Donnerwetter. Glaube und Unglaube, das ist kein leidenschaftliches Thema mehr. Das Entweder Oder ist einem Sowohl als Auch, oder einem " Warum nicht?" gewichen.

Manchmal sehnt man sich andere Zeiten zurück: Ach waren das noch Zeiten, wo man einteilen konnte in gut und böse, in rechtgläubig und falschgläubig. Wer Karl May gelesen hat, wusste genau, wer mit den Ungläubigen gemeint war. Im Zeitalter der Reformation waren die Fronten klar und selbst in der Zeit, als ich in der kirchlichen Jugendarbeit groß geworden bin habe ich innerkirchliche Auseinandersetzungen erlebt, in denen man sich gegenseitig den Glauben absprach. Im Studium gab es Redeschlachten zwischen Barthianern und Bultmannianern, es herrschte Misstrauen bis offene Rivalität zwischen Stiftlern und Bengelhäuslern. Man hatte Konzepte und Theorien, man fühlte sich im einen Lager zuhause und wusste genau, wo der Feind saß. Die Welt war übersichtlich und einfach. Der Unglaube und die Ungläubigen waren identisch. Und damit hatte man seine Identität. Man war wer. Auch bei Gott, gerade bei Gott.

Natürlich hatte das auch seine Schattenseiten. Konfessionsverbindende Ehen waren tabu. Man pflegte die Unterschiede und die stereotypen Vorurteile und freute sich über jeden Übertritt. Dabei ging es nicht immer so heiter zu wie zwischen Don Camillo und Peppone. Bisweilen wurde die Sache todernst. Die Köpfe rollten, die Gefängnisse wurden aufgesperrt, man erfand Folterwerkzeuge und die Inquisition. Man verkündete den Heiligen Krieg oder zog in die Schlacht gen Jerusalem, die Waldenser wurden in den piemontesischen Täler eingesperrt, die Mennoniten wanderten nach Amerika aus, die Wiedertäufer wurden selbst von der evangelischen Seite verfolgt oder eingesperrt, gegen die Lutheraner wurde in der Gegenreformation das Kreuzschlagen eingeführt, den Frieden unter den Konfessionen konnte man nur herstellen, indem man ganze Dörfer und Landstriche einer einheitlichen Konfession unterwarf.
Und heute hat man hin und wieder das Gefühl, dass Politik und Religion wieder diese unheilige Allianz eingehen und wir uns zu modernen Kreuzzügen gegen das Böse und die Ungläubigen hinreißen lassen.

Glaube und Unglaube - sie bauen Kathedralen und komponieren Motetten, sie bauen Waffen und produzieren Kriegsgeschrei, sie bringen Lob und Leid, sie bringen das Höchste und das Niedrigste hervor, zu dem Menschen fähig sind.

Soll man am liebsten davon schweigen, am liebsten davon die Finger lassen ?

Glaube und Unglaube, zu gefährlich und zu wirksam sind sie, als dass man sie sich selbst überlassen dürfte. Und darum ist es gut, dass wir heute darüber reden

Sollen wir darum weiter reden - über die andern ? Oder kommt die ganze Katastrophe nicht auch gerade daher, dass man den Unglauben nur bei den andern sucht und bekämpft und von sich selbst ablenkt ? Dass man meint, das Thema wäre erledigt, wenn die andern erledigt sind ?

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns die Innenseite des Themas betrachten: unseren eigenen Glauben und unsere eigene Glaubensgeschichte. Zu Beginn unseres Gottesdienstes habe ich das Gleichnis von den törichen Jungfrauen gelesen, denen das Öl ausgegangen ist. In fast ähnlicher Weise spricht die Jahreslosung diesen Jahres davon ,dass unser Glaube aufhören kann. Und was ein Ende hat, hat meist einen Anfang.

Wie hat das bei den törichten Jungfrauen begonnen und wie hat es bei Ihnen begonnen ? Wann haben wir von der Einladung des Glaubens gehört ? Die Mutter fällt mir ein, die abends ein Gebet sprach oder die Großmutter, die Kinderkirche, in denen wir Geschichten gehört haben, die Jungschar, der Religionsunterricht oder die Konfirmation. Die einen haben einen tollen Kirchentag erlebt oder eine Freundin, die betet und glaubt. Man hört von Martin Luther Kind oder von Mutter Theresa und ist fasziniert. Man heiratet und bekommt Kinder und betet wieder. Der Glaube beginnt. Die Anfänge sind verschieden. Verschieden die Wege.
Bei mir war es ungefähr so. Ich bin dann andern begegnet, bei denen es anders war. Entschiedener jedenfalls. Sie konnten Tag und Stunde ihrer Bekehrung nennen, was mich immer beeindruckt hat.
Und dann lernte ich: Glaube, das ist eine Entscheidung, die man nicht nur für heute, sondern für das ganze Leben trifft. Und zu der man sich bekennen soll. Glaube, das war so ein Schatz, den man hatte, ein Besitz, den es zu pflegen und zu bewahren galt und gilt. Der von Ewigkeit zu Ewigkeit hält, weil Gott zu Dir hält.
Wenn Zweifel kamen, dann kam das schlechte Gewissen gleich mit. Ich fühlte mich schuldig an den andern, vor allem aber gegenüber Gott, der doch sein Leben für mich gab. Und ich, ich war bloß wegen einer blöden Bemerkung eines Klassenkameraden untreu geworden, hatte gespottet oder bin ausgewichen. Mein Glaube wurde zum Kampf. Er sollte nicht verwässert, sondern geschützt werden. Ich war ständig am Säubern und Polieren; nichts durfte sich ändern. Jede Frage war ein Angriff, jeder Zweifel die Axt, die an den Stamm gelegt wurde. Und dabei wurde er nicht fröhlicher, sondern immer noch ernster... .

So kann es gehen. Das kostet Kraft und das kostet, um das Gleichnis noch einmal zu zitieren, das Öl, das in der Lampe ist. Am Ende zieht man die Summe und stellt fest: das Öl ist verbraucht. Ich habe nichts mehr. Nichts leuchtet mehr.

Ich weiß, bei andern ist das anders.

Am Anfang ist man begeistert. Bei der Konfirmation sagt man noch einmal Ja. Aber dann kommt der Alltag und der Beruf, die berühmten Sachzwänge. Am Anfang betet man noch mit den Kindern, man schlägt das Kreuz, man erzählt Geschichten...aber das lässt nach. Manche verlöschen schon nach ein, zwei Jahren. Bei andern ist es wie beim Federsee - man merkt zunächst gar nicht, wie er zurückgeht. Es geht langsam, aber stetig. Und am Ende heißt es: sie hatten kein Öl mehr. Jetzt, wo es drauf ankommt, wo man es brauchen könnte, gegen die Angst oder die Sinnlosigkeit, gegen die Routine oder die Gleichgültigkeit, gegen die zunehmende Kälte in unserer Welt. Sie hatten kein Öl mehr. Ein finsterer Satz

Und allgemein ist es so geworden:

Vor zwanzig Jahren gingen die modernen Soziologen von der These aus, dass sich Religion und Glaube ganz leise auf und davon machen würden. Der Wohlstand und die zunehmende Gleich-Gültigkeit der Lebensentwürfe würden das ihre dazutun. Abnehmende Kirchenmitgliederzahlen gaben und geben ihnen Recht. Selbstsäkularisierung war das Stichwort. Der bekannte Münchner Soziologe Ulrich Beck schrieb sein Buch von der Risikogesellschaft, in der jeder für seinen Lebensentwurf selbst verantwortlich ist und niemand für sein Scheitern verantwortlich machen kann. Das Wort von den Bastelidentitäten machte die Runde. Was Freiheit von Konvention war, war andererseits der Zwang, sich überall zu bedienen. Und so griff man zu im Warenhaus der Religionen und Anbieter von Sinnstiftung. Und wenn man heute die Gesellschaft unter die Lupe nimmt, die Menschen befragt, was sie treiben und was sie tun, wenn sie merken dass Arbeit nicht alles ist und sie noch das "andere" suchen, den " Kick", den Weg nach innen, den Trip ins Jenseits oder ins vorherige Leben, wenn sie sich aufmachen, die Kraft der Jahrtausende an einem Brunnen zu schöpfen.....dann heißt die Summe: Religion boomt wie nie. Wir leben nicht in einem Zeitalter der Ungläubigkeit, sondern im Zeitalter der Leichtgläubigkeit. Wir glauben alles und gehen jedem auf den Leim. Die Kriterien sind uns abhanden gekommen, die eigene Tradition gibt ihre Geheimnisse nicht mehr preiss, weil wir sie nicht mehr pflegen, sie entfaltet nicht mehr ihre Kraft, weil wir sie nicht mehr üben. Wir sind nicht mehr im Training. Oder , um es in der Sprache des Gleichnisses zu sagen: wir haben nicht nur kein Öl, es ist uns auch wurscht, was da in der Lampe brennt. Hauptsache es brennt.

(Die Zeiten des Unglaubens oder des Nicht Glauben Könnens, die Zeiten der Zweifel, der Ungereimtheiten, die Zeiten der Abwesenheit von Glauben, der Routine....all das gehört dazu.)

Die törichten und die klugen Jungfrauen - mal gehören wir zu den einen, mal zu den andern. Beide stehen für uns und unser Leben mit Gott. Zu uns gehört beides, der Glaube und der Unglaube

Wir sollten daran denken, wenn wir andern im Brustton der Überzeugung entgegentreten, mit hellem Licht und vollen Lampen.

Und woher kommt das Öl ? Wie bekomme ich einen Vorrat an Hoffnung und Vertrauen ?

Lassen Sie mich drei Antworten versuchen

Die erste Antwort: auch Glauben braucht lebenslanges Lernen. Es genügt nicht, auf dem Besitzstand eines Konfirmanden stehen zu bleiben und zu glauben, dass es einen trägt, wenn man Manager ist oder Lehrerin. Glaube ändert sich, er will wachsen und gedeihen, er will reifen und Früchte tragen. Glaube, so lerne ich daraus, ist kein Besitz, den man einmal bekommen hat und den es zu bewahren gilt, sondern Glaube ist ein Prozess, er ist etwas Lebendiges. Er wächst und gedeiht, er erleidet Rückfälle und gerät unter die Räder von Zweifel und Leid. Als ich ein Kind war, glaubte ich wie ein Kind, sagt Paulus einmal im Korintherbrief, nun bin ich ein Mann und glaube wie ein Mann.. Zum Wachsen braucht er Zeit und vor allem Nahrung. Ob das der Gottesdienstbesuch ist, die Lektüre der Bibel, das Wort zum Sonntag, das Gebet....das entscheiden Sie selbst. Aber er kommt nicht ohne Zufuhr aus. ( Sie blieben beständig in der Apostel Lehre und im Gebet, Acta)

Die zweite Antwort stammt von Martin Luther, der wie wir immer wieder von Zweifeln an Gottes Güte geplagt war und gesagt hat: Ich danke Gott und bin fröhlich, dass ich als ein Kind getauft bin. Ich habe nun geglaubt oder nicht, so bin ich dennoch auf Gottes Gebot getauft. An der Taufe fehlt nichts; am Glauben fehlt's immerdar ( ‚EG S. 1061) und gemeint hat: mein Glaube hat ein festes Fundament, auf das ich mich immer wieder zurückziehen kann. Das ist der Bund, den Gott mit mir geschlossen hat und in dem er mir seine Treue zugesagt hat. An der Taufe fehlt nichts, am Glauben fehlt's immerdar.

Und die dritte Antwort. Die Jahreslosung, in der Jesus zu Petrus sagt: ich habe für Dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört.
In der Tat, das ist ein schönes und wunderbares Gefühl, dass dort, wo ich nicht mehr kann, ein anderer für mich eintritt. Es gibt so viel, was meinen Glauben erschüttern kann, aber es gibt genauso viel, was ihn am Leben erhält. Glauben kann und soll man offenbar nicht allein. Darum gibt es eine Gemeinde. Da kann es sein, dass einer eine Strophe nicht mitsingen oder nicht mitbeten kann, dass einer unter uns sitzt und vor lauter Zweifeln oder vor lauter Überheblichkeit die Bäume nicht mehr sieht. Daneben sitzen andere, die für mich singen und beten und glauben, damit mein Glaube nicht aufhört, sondern sich entwickelt. In der Schule habe ich einmal die Kinder gefragt, ob es schlimm wäre, wenn die Großmutter nicht mehr für sie beten würde. Dann würde sie mich ja nicht mehr lieben, sagte eine. So ist es. Und darum ist die Jahreslosung ja so wichtig, als Hinweis und als Trost: ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre und damit wir wissen, dass Gott uns liebt.

Amen

Predigt über das ReizWort "Leiden"
von Pfarrerin Susanne Englert, 27.2.2005

Liebe Gemeinde,
vor gut zwei Wochen lag ich für einige Tage mit einem grippalen Infekt im Bett.
Obwohl so ein Infekt im Vergleich zu einer lebensbedrohenden Krankheit eine harmlose Sache ist und man vor allem weiß, dass es vorbei geht, war es für mich doch innerlich wie "Land unter".
"Land unter": ich liege und kann nichts mehr tun.
Ich fühle mich sehr allein und hilflos.
Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen und gerate in den Strudel meiner Ängste und beinahe wahnhaften Gedanken.
Ich sehe Probleme ins Unermessliche wachsen und bin der Spirale meiner niederschmetternden Fantasien ohnmächtig ausgeliefert.

So eine Krankheit ist ein lästiger Störenfried.
Deshalb setzen die Ärztinnen und Ärzte alles daran, diesen Störenfried loszuwerden, ihn zu besiegen.
Sie haben Mittel dagegen, und ich nehme sie gerne in Anspruch.
Denn schließlich will ich ja bald wieder aufstehen, will wieder arbeiten und meinen Haushalt führen und meine Kinder versorgen.
Gelingt es nicht, die Krankheit aus der Welt zu schaffen, ist das eine Niederlage, auf die ich überhaupt nicht gefasst bin.
Mit voller Wucht trifft mich die jähe Erkenntnis, dass ich nichts mehr im Griff habe, dass ich schwach und ausgeliefert und auf die Hilfe anderer angewiesen bin.
Denn eigentlich bin ich ja die Macherin, die Starke, die Gesunde, die Funktionierende.

Wenn ich genau hinschaue, dann wird mir bewusst, wie sehr ich den Sinn meines Daseins mit diesem Schaffen und Machen verknüpft habe.
Niederlagen, Krankheit, Verwundung und Seelenqual, Schmerz und schließlich der Tod haben in diesem Sinngefüge keinen Platz.
Und darum sind diese Orte der Verwundung so bedrohlich, weil sie dann eben keine Nachricht, keinen Sinn und auch keinen Segen für uns Macherinnen und Macher haben.

"Leiden ist sinnlos.
" Noch während meiner Erkrankung kam mir dieser Satz in den Sinn, und ich schrieb ihn auf, sozusagen als erste Predigtthese.
Der Satz schien mir richtig.
Leiden ist sinnlos.
Jedenfalls kann man dem Leiden keinen Sinn beimessen wollen, so meinte ich.
Wie sehr ich bei dieser Aussage meinem eigenen Machbarkeitswahn aufgesessen bin, das wurde mir erst durch eine Freundin bewusst.
Die Freundin ist seit Jahren an Multipler Sklerose erkrankt.
Ich stehe mit ihr in einem regen und für mich sehr wertvollen Austausch, fast ausschließlich per E-mail.
Ohne mit der Wimper zu zucken hatte ich ihr meine Thesen geschrieben, beginnend mit dieser Aussage: "Leiden ist sinnlos.
" Eine gnadenlose Aussage - aber darauf musste sie mich erst bringen.
Sie hat sich daran gestoßen, zurecht.
"Mir gefällt diese Formulierung "Leiden ist sinnlos" überhaupt nicht!" schrieb sie zurück.
"Zu sagen "Leiden ist sinnlos" ist wie eine Bewertung von etwas, was ist.
Wie sollte ich mit einem Leben leben können, das mir so geschenkt ist, wie es ist, wenn darin ein wesentlicher Teil sinnlos wäre? Mir ist es wichtig zu sehen, dass es das Leiden gibt, als etwas keineswegs Seltenes oder Außergewöhnliches.
Leiden IST, und es ist ein Teil dieses Lebens, aber eben nicht der böse Teil, den es zu bekämpfen gilt, sondern er gehört zu meinem und jedem Leben dazu.

Vielleicht haben wir sehr verlernt zu leiden?"
Vielleicht haben wir verlernt zu leiden.
An dieser Frage oder Vermutung meiner Freundin habe ich zu kauen.
Sie trifft ins Schwarze.
Mit der Hellhörigkeit einer Frau, die auf Dauer mit einer Krankheit lebt, hat sie die Gnadenlosigkeit meiner Aussage auf den Punkt gebracht.
Wer dem Leiden Sinnlosigkeit unterstellt, ist zumindest in Gefahr, den Leidenden ihre Würde abzusprechen.
Es gibt aber keine Krankheit, kein so beschädigtes oder beeinträchtigtes Leben, dass es die Würde eines Menschen, eines Gottesgeschöpfs, zerstören könnte.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar.
" Dieser zutiefst christliche Satz unseres Grundgesetzes bleibt die Herausforderung auch und gerade für Menschen, die an Gottes Gegenwart glauben in allem, was ist.

Wie aber gehen wir nun mit dem Leiden um? Sollen wir das wollen: Leiden lernen? Bevor ich mich dieser Frage zuwende, möchte ich noch etwas zu der Frage davor sagen.
Warum gibt es überhaupt Leid? Wie kann Gott das zulassen? Menschen, die von einem persönlichen Schicksalsschlag betroffen sind, stellen sie.
Aber auch Katastrophen wie die verheerende Flutwelle in Asien werfen sie auf.
Häufig wird sie so gestellt, dass die Antwort eigentlich schon klar ist.
Nämlich: Eigentlich darf, eigentlich kann Gott so etwas nicht zulassen.
Und darum gibt es ihn auch nicht, und es gibt demnach keinen Grund, an eine göttliche Kraft zu glauben.
Für Menschen, die so auf die Welt schauen, scheinen Unglück und Leid nur ihre vorher getroffenen Annahmen zu bestätigen.

Obwohl also hier die Existenz Gottes bestritten wird, steht dahinter ein ganz bestimmtes Gottesbild.
Will heißen: wenn es Gott gibt, dann ist er allmächtig und lenkt wie ein gigantischer Strippenzieher die Geschicke der Welt.
Wir Menschen wären also von ihm gesteuert, und Gott hätte alles im Griff.
Einen solchen strippenziehenden, auf diese Art allmächtigen Gott gibt es für mich nicht.
Spätestens seit Jesus den Foltertod am Kreuz gestorben ist, lässt sich ein solcher Gott nicht mehr denken.
Insofern konnte ich persönlich auch noch nie viel anfangen mit dieser Frage: wie kann Gott das zulassen.
Für mich stellt sich vielmehr die Frage: wo war Gott, wo ist Gott, wenn irgendwo auf der Erde Menschen leiden? Denn da gibt es ja nicht nur das unabänderliche Leiden zum Beispiel auf Grund von Krankheit oder Naturkatastrophen, sondern da gibt es auch jede Menge vermeidbaren, von Menschen gemachten und zugefügten Leidens.
Und da gibt es aus jüdischer wie aus christlicher Sicht nur eine Antwort: Gott ist bei den misshandelten Opfern.
Gott ist bei den durch Sklavenarbeit Unterdrückten.
Gott ist bei den Gefangenen, Flüchtenden und Hungernden.
Gott ist bei den Verletzten, Gedemütigten und Leidenden.
Gott sieht das Leid der Verstoßenen und hört den Schrei der Armen.
Ja, mehr noch, Gott setzt sich dem allem selbst aus.
Auch der tiefsten Ohnmacht und Verlassenheit.

Wenn wir uns in diesen Wochen wieder auf den Passionsweg mit Jesus machen, dann ist das im Zentrum: wenn Gott zur Welt kommt, dann setzt er sich dem Leiden aus.
An dieser Stelle möchte ich nochmals meine Freundin zu Wort kommen lassen.
Sie - die sich übrigens aus der Kirche verabschiedet hat - schreibt: "Das besondere von diesem Jesus ist doch, dass wir "Gottes Sohn" sehen, der Mensch geworden ist.
Und da wird uns gezeigt: selbst ein Gottessohn, wenn er Mensch wird, hat mit Leiden zu tun.
Das ist ein Teil, den es im Himmel meiner Vorstellung nach nicht gibt, ohne den ich aber kein Mensch bin.
Vielleicht kann ich mein Menschsein nur übers Leiden wirklich erfahren.

Über Freuden habe ich immer das Gefühl, schon "im Himmel zu sein".
Ich bin aber noch immer Mensch.
Das nicht zu vergessen, und das Leben Jesu zeigt uns den Anteil besonders deutlich, könnte doch auch eine Art Erlösung sein hin zu unserer derzeitigen Bestimmung; eine Erlösung vom Himmelswahn auf Erden.
Und trotzdem ist es toll, bei jeder Form von Liebe den Himmel zu spüren!"
Was die Freundin den "Himmelswahn auf Erden" nennt, ist der Versuch, sich seine eigene Vollkommenheit zu konstruieren, für die eigene Ganzheit und Unversehrtheit verantwortlich zu sein.
"Gegen die Chaosängste der alten Zeit gab es immerhin den Glauben, dass Gott das Zerbrochene heilt und sich dem Geringen zuneigt.
Man war also nicht völlig auf die eigene Ganzheit angewiesen.
Die Ganzheitszwänge steigen da, wo der Glaube schwindet.
Wer an Gott glaubt, braucht nicht Gott zu sein und Gott zu spielen.
Wo aber der Glaube zerbricht, da ist dem Menschen die nicht zu tragende Last der Verantwortung für die eigene Ganzheit auferlegt.
" So formuliert es Fulbert Steffensky.

Gegen die Ganzheitszwänge lobt er die gelungene Halbheit.
"Es gibt Leiden, das durch überhöhte Erwartungen entsteht, durch die Erwartung, dass die eigene Ehe vollkommen sei; dass der Partner einen vollkommen erfülle; dass der Beruf einen völlig ausfülle; dass uns die Erziehung der Kinder vollkommen gelingt.
So ist das Leben nicht.
Die meisten Ehen gelingen halb, und das ist viel.
Meistens ist man nur ein halber guter Vater, eine halbe gute Lehrerin, ein halber glücklicher Mensch, und das ist viel.

Die Süße und die Schönheit des Lebens liegt nicht am Ende, im vollkommenen Gelingen und in der Ganzheit.
Das Leben ist endlich, nicht nur in dem Sinn, dass wir sterben müssen.
Die Endlichkeit liegt im Leben selber, im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit.
Hier ist uns nicht versprochen, alles zu sein.
Souverän wäre es, die Güte des Lebens anzunehmen und zu genießen, die man jetzt schon haben kann, und die Halbheit nicht zu verachten, nur weil die Ganzheit noch nicht möglich ist.
Souverän wäre es, den Durst nach dem ganzen Leben nicht zu verlieren.
Wenn man in dieser Weise der Endlichkeit fähig wäre, dann würde beschädigtes Leben nicht so maßlos irritieren.
" Die Güte des Lebens in der Halbheit annehmen und genießen, und zugleich den Durst nach dem ganzen Leben nicht verlieren: damit sind zwei Pole genannt, die durchaus in Spannung zueinander stehen können.
Beide Pole durchziehen die Bibel und die Geschichte der Kirche.
Da gibt es die Empörung und Klage des Hiob: "Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin!" Zugleich kann ein Franz von Assisi sagen: "Sei gepriesen, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen.
" Und dann zählt er sie auf: Sonne, Wasser, Feuer, die Mutter Erde.
Und schließlich: "Sei gepriesen, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod!" Beide hat das Christentum hervorgebracht: Den Widerstand, die Protestleute gegen den Tod, herkommend von Gottes Osteraufstand und dem tiefen Glauben, dass Gott dem Tod seine Grenze setzt und in neues Leben verwandelt.
Aber auch die Ergebung, das Lassen und Loslassen dieses grenzenlosen Wunsches nach Selbstbehauptung und Machbarkeit.
"Wir können eins sein mit Gott, auch im Leiden.
Gott ist nicht ein technokratischer Leidabschaffer.
Nicht Leidfreiheit ist das Ziel der Menschwerdung, sondern liebesfähig können wir werden.
" (Dorothee Sölle)
Leiden lernen - und da schließt sich der Kreis - , Leiden lernen heißt Lieben.
Wer in der Liebe ist, für den, für die ist Leiden nichts Weltfremdes.
Und so erklärt sich für mich auch, dass Menschen, die sich auf beeindruckende Weise dem Leiden und Mit-Leiden ergeben haben, von einer ganz besonderen Liebe zum Leben durchdrungen sind.
Sophie Scholl - in diesen Tagen durch den beeindruckend dichten und intensiven Kinofilm wieder ganz aktuell - , Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, von ihnen allen gibt es bewegende Zeugnisse ihrer tiefen Verbundenheit mit dem Leben.
Letzten Sommer las ich das bewegende Tagebuch einer jungen holländischen Jüdin.
Anfang der Vierziger Jahre sah Etty Hillesum der kommenden Vernichtung des europäischen Judentums ins Auge, und damit auch der Bedrohung ihres eigenen Lebens.
Sie wusste, und sie wusste auch, dass es kein Entrinnen gab.
Mit großer Leidenschaft und Hingabe konnte sie beides zusammenbringen: die Liebe zum Leben, den Genuss des ihr geschenkten Glücks und das Leiden, das entsetzliche Grauen der Nazivernichtungsmaschinerie, die ihre Bewegungsfreiheit immer mehr einschränkte und sie schließlich in Auschwitz um's Leben brachte.
Ihre Liebe zum Leben gründete in einem unverbrüchlichen Vertrauen zu Gott.
In ihrer Gottesbeziehung war ihr auch wichtig, dass Gott auch angewiesen ist auf ihre Hilfe.
Ich möchte schließen mit einem Gedicht von Etty Hillesum:
Ich bin ganz still, doch in mir rauscht die ganze Welt:
ein klarer Fluss, ein dunkler Wald mit vielen Sternen,
und meine Seele ist wie Bergkristall und Feuer,
kann kühl und schillernd sein und doch so zärtlich wärmen.
 
In mir ein Brunnen, tief und gut, darin ist Gott,
und liegen Steine drauf, so will ich nach ihm graben,
hoff', dass er auferstehen kann in allen Menschen,
die ihn mit schweren Sorgen zugeschüttet haben.
 
Und bleibt mir nur ein schmaler Weg,
der Himmel bleibt ganz weit und groß,
spannt sich in mir und über mir,
behütend und doch grenzenlos.
 
In mir, da blüht noch immer duftend der Jasmin,
er blüht für Gott an diesen stürmisch-grauen Tagen,
und auch in anderen verbirgt sich so viel Schönes,
oft sind es Zeichen, die viel mehr als Worte sagen.
 
In mir ist Leben und als Freund sogar der Tod,
er wird mein Dasein nicht begrenzen, sondern weiten,
allein die Angst verengt den Atemstrom des Lebens,
ich aber liebe es mit allen seinen Seiten.
 
Amen.

Predigt über das ReizWort "Demut"
von Pfarrer Alexander Behrend, 6.3.2005

Liebe Gemeinde,
so geziemt es sich und so klingt das gut: Wer der erste sein will, der soll der letzte sein und Diener!
Sei schön demütig, dann mag Gott dich!
Sei schön demütig, dann schätzen dich die anderen!
Sei schön demütig -
womöglich wirst du dann aber auch für ganz schön dumm verkauft.
Nein, liebe Gemeinde, ich werde mir diesen Schuh nicht anziehen und sie in der Senkel der Demut stellen - würde ich auch gar nicht schaffen - aber reizen will ich Sie gern mit diesem Reizwort Demut - falls Sie es nicht eh schon sind, schon allein dann, wenn Sie dieses Wort hören: Demut.
Sie haben Ihre Geschichte und Ihre Geschichten mit diesem Wörtlein:
Es wurde Ihnen von oben herab vorgehalten und vielleicht in guter Absicht um die Ohren gehauen und vor die Füße geworfen!
Sie wissen freilich auch, welch gewichtige Rolle es in der Bibel spielt - und daß es die Demut sogar auf das Siegertreppchen der christlichen Haupt-Tugenden geschafft hat - durch manche hat sie sogar die Goldmedaille umgehängt bekommen.
Und dann kennen Sie aber vielleicht auch einen Menschen, der so sehr mit sich im Reinen ist, daß er ganz bei sich und bei anderen sein kann - und irgendwie finden Sie da dieses Prädikat "demütig" auf einmal völlig recht am Platz und im besten Sinne treffend.
Liebe Gemeinde, mehr als einmal ist nun dieses Stich- und Reizwort in diesem Gottesdiensten schon gefallen - und so will ich Ihnen gleich zu Anfang meiner Predigt sagen, was ich darüber gelernt habe;
meine beiden Merksätze sind schlicht und einfach; sie heißen:
Sei auf keinen Fall demütig.
Und zweitens: Sei auf jeden Fall demütig vor Gott.
Liebe Gemeinde, mehr werde ich Ihnen an diesem Morgen nicht sagen können über die Demut: Auf keinen Fall demütig sein! Auf jeden Fall demütig sein vor Gott!
Ich weiß freilich, daß das durchaus ungewohnt ist - denn ich sage Ihnen ja damit, daß Demut allein Gott zusteht - und nie und nimmer irgendeinem Menschen.
Demut ist schlicht ein anderes Wort für Glaube, für das Vertrauen in Gott, für die Beziehung zu ihm, für das rechte Verhalten ihm gegenüber, für das richtige Verhältnis zu ihm.
Demut ist das einzig angemessene Verhalten gegenüber Gott. Und nur Gott gegenüber ist Demut ein angemessenes Verhalten.
Liebe Gemeinde, und doch geht es einem jeden von uns so, daß ihm und ihr die Demut widerstrebt.
Wir sind nicht zur Demut geboren, sind nicht darauf programmiert - und das ist in aller Regel gut und richtig so: Wir sollen uns ja nicht von Herrn Großkotz und Frau Neunmalklug runter drücken und klein machen lassen; wir sollen und dürfen doch wissen, wer wir sind, was wir wert sind und was wir können.
Ich bin wer - und ich muß mich anderen beweisen, muß mich gegenüber anderen abgrenzen und behaupten - wer etwas anderes behaupten wollte, wäre naiv - und zumindest unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden würden nur milde lächeln darüber, spätestens wenn ihnen die morgendliche Busfahrt und das Gedrängel in den Sinn kommt oder sie an die nächste Projektprüfung denken, wo sie hinstehen und sich hinstellen und darstellen müssen.
Ich bin wer - das darf und soll ruhig jeder wissen - aber ich soll zugleich von mir wissen: Ich bin ein niemand. Ich bin nichts. Ich bin gottlos, fern von meinem Schöpfer, mit abgeschnittener Nabelschnur und doch nicht auf eigenen Beinen - gerade geboren und schon zum Sterben bestimmt - ich bin: ich bin nur, weil Gott mich erlöst, weil er sich mir zeigt, sich an mich bindet, weil er demütig geworden ist: sein Sohn ließ seine Gottheit fahren, wurde uns Menschen gleich, damit wir wieder zu Menschen werden - ich bin wer: nicht aus mir selbst, nur und ausschließlich, weil Gott zu mir spricht, weil er mich nicht demütigt, - womit er als Gott mehr als Recht und Grund hätte -, er erwählt mich zum Leben.
Demut dem demütigen Gott gegenüber: er demütigt nicht dich, so sehr du es wegen deiner Schuld und Sünde verdient hättest, er demütigt sich selbst, damit du groß raus kommst!
Wie in der Sündenfall-Geschichte, auf die wir drei Wochen gehört haben: als die beiden Paradeiser erkennen, daß sie nackt sind - da lacht sich Gott nicht krumm über sie oder stellt sie beschämenderweise auch noch auf ein Podeschdle - nein, er macht ihnen eigenhändig Kleider, damit sie nicht mehr nackt daher kommen, damit sie aufrechten Ganges und erhobenen Hauptes ihren Weg gehen können.
Gott demütigt nicht uns, er demütigt sich selbst, kommt zu uns herab - und wenn wir es annehmen, daß wir diese Wanderung Gottes zu uns nötig haben wie sonst nichts im Leben, dann finden wir zur Demut, die nicht den Atem nimmt, sondern die Lungen mit Gottes gutem Geist füllt!
Liebe Gemeinde, der Prototyp der Demut - und zugegebenermaßen mein Liebling in der Bibel ist der Apostel Paulus; ein Prototyp in Sachen Demut allerdings erst bei genauerem Hinsehen! Paulus - ein Christenmensch mit Ecken und Kanten, kein braver, netter; einer mit Behindertenausweis, mit einem Glauben, der diesen Glauben nicht auf die eigenen Fahnen schrieb und dadurch kaputt machte, einer, der im besten Sinne demütig, und wenn nötig völlig unbescheiden sein konnte.
Als er wieder einmal ziemlichen Krach mit seinen Freunden in Korinth hatte - sie haben sich übrigens eigentlich dauernd gestritten, hat man den Eindruck -, da schreibt er ihnen voll beißender Ironie im sogenannten Zweiten Korintherbrief folgendes:
Text 2. Korinther 12,2-10
Ich kenne einen Menschen in Christus; [und Sie ahnen schon, daß Paulus sich selbst meint!] vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
Für [diesen Visionär] will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen.
Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche.
Und der Herr hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
 
Liebe Gemeinde, ich habe natürlich nicht übersehen, daß unser Reiz-Wort in diesen Versen nicht vorkommt - so wenig wie die Sünde in der Sündenfalls-Geschichte - aber es kommt die Demut darin zum Tragen: es begegnet uns die Demut eines Paulus, die weit jenseits von Duckmäusertum und Überheblichkeit liegt.
Liebe Gemeinde, da spricht einer, der zutiefst gedemütigt wurde - und das ist das Aufregende an diesen Versen: denn in aller Regel haben es Gedemütigte schwer mit der Demut!
Ein gedemütigter Apostel: Wie hatten die Korinther doch glasig-fromme Augen bekommen, als diese Star-Prediger kamen und ihnen Jesus in völlig neuem Licht aufscheinen ließen; es war zwar nicht mehr der Jesus, der ihnen von Paulus verkündigt worden war, der Gekreuzigte, es war eher einer, bei dem das Kreuz nur ein Unfall im göttlichen Schauspiel darstellte - aber wie sie das rüber brachten - das war schon etwas anderes als bei jenem Paulus, bei dem nicht nur Konfirmanden das große Gähnen ankam, wenn er zu predigen begann.
Und die Korinther haben nicht einmal ein Hehl aus ihrer Meinung über Paulus gemacht - und sie haben ihn aufs tiefste gedemütigt - ihn, der kaum eine größere Liebe in seinem Leben kannte als die zu diesen Leuten in Korinth.
Und was tut er - Paulus, ich bewundere dich! -?
Er läßt sich nicht demütigen, er läßt es nicht zu, daß er mehr auf ihr Urteil als auf Gottes Wort gibt.
Allein Gott gegenüber ist er demütig - und weil er das wirklich und wahrhaftig ist, kann er den Demütigungen der anderen in Liebe widerstehen.
Seine Bescheidenheit besteht darin, daß er zu dem stehen kann, was er getan und geleistet und fertig gebracht hat und - vor allem - erlitten hat für Christus - er muß nicht in koketter und eitler Pseudo-Bescheidenheit machen, die doch nur die Schwester des Stolzes ist,
er muß nicht auf bescheiden machen - weil er seine Leistungen als Geschenk Gottes an ihn und von ihm ermöglicht erkennt.
Und selbst da, wo er - wenn auch in ironischer Verfremdung wie in unseren Versen - von seinen Leistungen spricht, gerät er nie in die Versuchung des Stolzes, des Hochmutes, der Selbstsucht.
Denn er weiß, daß auch seine besten Anstrengungen und hehrsten Vorsätze nichts sind - ohne Gott, er weiß zugleich, daß er das, was Gott durch ihn wirkt, nicht gering achten darf, um sich selbst und vor allem Gott nicht untreu zu werden.
Bescheidenheit ist eine Zier - doch weiter kommt man: - wenn man sich realistisch einschätzt, wenn man es wachen Auges wahrnimmt, was Gott durch einen wirkt - und das dann dankbar Gott in seine Hände zurücklegt.
Was wäre die Welt ohne dich?!
Was wäre sie ohne dein Lächeln, das gut tut! Was wäre sie ohne deine jugendliche Frechheit, die die richtigen Fragen stellt! Was wäre sie ohne deine Freigebigkeit an Zeit und Geld und Kraft! Was wäre sie ohne dein klärendes Wort und dein offenes Ohr! Was wäre die Welt ohne dich - und Gott in dir!
Du hast allen Grund zu aufrechter Demut gegenüber deinem Gott, der sich dir in Jesus demütigt, herab kommt zu dir, um dich aus dem Staube aufzurichten, Kleider des Heils anzuziehen und dich auf den Weg zu machen!
Du hast keinen Grund zu Demut gegenüber niemandem - aber deswegen allen Grund zur Bescheidenheit: zu einer Bescheidenheit, die sich an Gottes Kraft genügen läßt, an dem Maß an Gaben und Fähigkeiten, das Gott dir zuteilt, zu einer Bescheidenheit, die nicht gering von sich denkt, sondern sich herab hält zu den Gedemütigten, zu den Bedrückten, zu den Getretenen - und den Hoffärtigen kräftig und deutlich widersteht.
Liebe Gemeinde, nicht mehr habe ich Ihnen an diesem Morgen sagen können über die Demut als das: Auf keinen Fall demütig sein! Auf jeden Fall demütig sein vor Gott!
Amen.

Predigt über das ReizWort "Kreuz"
von Pfarrer Joachim Ruopp, 13.3.2005

Predgttext - 1. Korinther 1,18-25
"Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit,
wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind."
Liebe Gemeinde,
so schreibt er an die Gemeinde in Korinth, der Völkerapostel, und so hören wir bis heute auf seine Rede über das Wort vom Kreuz. Nicht leicht, diese Worte voller Wucht und Rhetorik. Wen will er treffen? Wen hat er vor Augen? Der gekreuzigte Christus und das Kreuz, auf denen beharrt er. Ich will keinen Vortrag halten, keine Auslegung nach den Regeln der Kunst weitergeben. - Ich will statt dessen eine Geschichte erzählen. Sie könnte sich so abgespielt haben. Vielleicht gab es ja tatsächlich Menschen, denen es so ging, wie ich erzählen werde. Wir befinden uns in Korinth, im ersten Jahrhundert nach Christus. Korinth ist eine Stadt mit sprichwörtlich schlechtem Ruf. Hier geht es ja zu wie in Korinth so sagte man, um klarzustellen, was man von Zügellosigkeit und moralischer Großzügigkeit hält. Janna ist die Hauptperson meiner Geschichte. Nein, eine Prostituierte war sie nicht: obwohl die Stadt voll davon war. Griechischer Wein, schenk noch mal ein - gleich zwei Häfen gab es in dieser Stadt, einer nach Osten, einer nach Westen, und natürlich die dazugehörigen Schiffer, die in die Stadt kommen. Den berühmten Kanal von Korinth, den gab es natürlich noch nicht. Aber viele Schiffe hat man einfach die paar Kilometer über Land gezogen, um sich den weiten Weg um die Südspitze des Peloponnes zu sparen. Sklaven dafür gab es genug. Unsere Janna war eine Tagelöhnerin. Eine von vielen. Mal hier, mal da. Aber immer dort, wo es lustig ist, wo viel gelacht wird und der griechische Wein fließt. Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Man musste auch lustig sein in dieser Welt. Lustig war es ansonsten nicht. Das Leben zu bestehen, war schwer, wenn man nicht zu den wenigen Reichen zählte. Janna machte das Beste daraus. Sie wusste, was man zutun hat. Mit wem man besser lacht, von wem man sich fernhält, und wie man sich in den vielen Heiligtümern richtig bewegt, um in allen Lebenslagen nichts falsch zu machen. Bei Krankheit: in Asklepiosheiligtum, Waschungen, Heilschlaf. Regelmäßig der Demeter Gaben darbringen, damit der Rhythmus des Lebens gelingt. Janna wusste, was zu tun war. Doch dann ist alles anders gekommen. Eine Freundin hat sie mitgenommen zu einer Versammlung. Es war in einem Haus, man staune: im Haus eines Kaufmanns - der hat sie eingeladen, ihr sogar Platz angeboten; ihr, einer Tagelöhnerin, einer Frau! Zuerst dachte sie, es sei einfach ein neuer Kult, den man auch noch kennen und beachten müsste, damit einem im Leben nichts passiert. Aber rasch hat Janna bemerkt, dass es sich bei diesen Leuten anders verhält. Ehemalige Juden waren darunter, die waren ihr schon gut bekannt. Strenge Sitten hatten die. Nichts mit Tanz und griechischem Wein. Für sie hatten die nicht einmal einen Blick übrig. Kurz und gut, es war ein ganz anderer Kult. Sie kamen regelmäßig zusammen, jeden Tag, und am siebten Wochentag. Sie sangen Hymnen, sie beteten zum höchsten Gott, den sie Vater nannten, und sie hatten ein Kreuz aufgestellt. Und sie lasen beständig immer wieder Briefe eines gewissen Paulus. Laut wurden die vorgelesen und ausgelegt. In ihrem Gottesdienst. Am Anfang hat sie nichts verstanden. Vom gekreuzigten Christus war da die Rede, und dass Gott in ihm allen Menschen Heil schenkt. Wenn sie denn etwas verstanden hatte, dann fand sie es reichlich komisch. Ein Gott, der stirbt. Was ist das für ein Gott. Das sagten auch alle anderen. Die Freunde in den Tavernen Aber seltsam: dieser Paulus wusste offenbar sehr genau, dass alle das komisch finden. Den Griechen eine Torheit, hat er geschrieben: wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Und obwohl er weiß, wie das auf andere wirkt, predigt er weiter so. Götter haben doch stark zu sein. Wenn ich schon die Welt nicht beherrschen kann, dachte Janna, dann muss ich doch zu jemandem gehen können, der mächtig ist, für mich zu tun, was ich möchte, ihm Opfer bringen, ihn günstig stimmen, damit die Ernte gelingt, die Krankheit vorüber geht. Diese Christen dachten offenbar anders. Die freuten sich offenbar an solchen Widersprüchen. Da stirbt einer den Tod von Verbrechern, verlassen und verachtet, und das soll der Nabel der Welt sein. Das kann keine Vernunft der Welt verstehen.
Ja, so dachte Janna lange. Bis eben zu dem Tag, an dem ihre Freundin sie mitgenommen hatte zu dem neuen Kult, bei dem ein Kreuz in der Mitte des Raumes stand. Lange hatte sie gefragt, neugierig, offen wie sie ist. sich immer wieder diesen Brief des Paulus erläutern lassen. Auf Anhieb gemocht hatte sie diesen Paulus übrigens nicht. Schließlich hatte der im selben Brief auch so ungefähr geschrieben: schaut doch mal auf euch neugewordene Christen selbst: da sind ja wohl nicht viele von hohem Stand und guter Bildung dabei, eher Hallodris und ganz, ganz einfache Leute. Und trotzdem hat Gott gerade euch erwählt, will er genau dich zu seinem Kind haben. An Euch kann es wohl nicht liegen: was könnt ihr denn schon mitbringen. - Zugegebenermaßen nicht sehr charmant, auch wenn dieser Paulus natürlich recht hatte - was Jannas Herkunft anbetraf. Aber das fand sie eben faszinierend, dass ihre Herkunft bei den Leuten mit dem Kreuz keine Rolle spielte. Sie konnte als Frau ohne Probleme dabei sein. Sklaven waren sogar Teilnehmer bei diesen Versammlungen! Das gab es sonst nicht. Der Sklave und der Freie in einem Raum. Einmal war sie nicht die verachtete Tagelöhnerin. Einmal spielte es keine Rolle, woher sie kam.
Das hat Janna fasziniert, ohne dass sie es sich eingestehen konnte. Auch wenn ihr die Sache mit dem gekreuzigten Gott nicht einleuchten wollte. Das ist eben dein Problem, sagte ihre Freundin, du willst immer erst verstehen, was du glaubst. Hast du nicht gehört, was Paulus geschrieben hat? die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus - eines Tages war ihr das Licht aufgegangen. Einfach so. Ohne Zutun. Der gekreuzigte Christus steht gegen die Weisheit der Griechen. Was ist denn einzuwenden gegen Weisheit, dachte sie immer. Und dann hat es ihr auf einmal eingeleuchtet. Die Weisheit, das ist der Inbegriff all ihrer Versuche, Gott zu finden. Immer sind es ihre Wege, ihre Mittel, ihre Methoden gewesen, sich die Götter gnädig zu stimmen; die Nymphen am Brunnenheiligtum auf ihre Seite zu bekommen, den Heilgott Asklepios. Immer neue Mittel und Wege galt es zu beschreiten, sich damit zu befassen, immer weiter zu suchen. Dabei ist es anders. Man kann Gott nicht suchen. Man kann ihn nur finden. Man kann ihn nicht selbst aufsuchen. Er kann nur zu mir kommen. Und er kommt eben so, wie ich es nie erwarten würden. Er kommt eben nicht auf den von mir beschrittenen, ausgetretenen Pfaden. Er kommt als gekreuzigter, in der allergrößten Schwachheit. Er kommt so wie ich. Er stirbt meinen Tod.
Seither ist unsere Janna ein neuer Mensch geworden. Angst war bisher ihr Lebensgefühl, das konnte sie sich jetzt eingestehen. Angst, alles richtig zu machen, Angst, die kultischen Handlungen korrekt zu vollziehen, Sorge, sich an den richtigen Gott gewendet zu haben. Nein, keine Angst mehr. Janna hat Gott nicht weiter gesucht, weil Gott sie gefunden hat. Und das so, dass der Tod dazugehört. Wenn Gott sogar in den Tod geht für mich, dann hat mein Tod den Schrecken verloren. Und damit lässt es sich viel besser leben als zuvor. Leben unter dem Kreuz, zusammen mit all den anderen Tagelöhnern, mit denen sie diesen Glauben teilt.
Nun, nicht alles an diesem Paulus hat sie gut gefunden. Aber dass der gekreuzigte Christus das Besondere ist, das hat sie verstanden. Dass es nicht mehr nötig ist, sich verrückt und irre machen zu lassen am Leben, nicht nötig ist, den Sternen, dem Lauf des Mondes und den Göttern Aufmerksamkeit über Aufmerksamkeit zu schenken. Nein, zu einer großen Gelassenheit hat das geführt. Nicht, das ihr Leben nun ein völlig anderes geworden wäre. Sie ist Tagelöhnerin geblieben. Sie hat Korinth nicht verlassen und ist dem Paulus nachgezogen, so wie andere das getan haben. Sie hat ihr Leben nicht verändert. Und doch hat ein neues Leben für sie begonnen, ein Leben der Gelassenheit. Ohne griechische Weisheit, ohne Versuche und Mittel über Methoden und Wege, Gott nahe zu kommen. Denn dieser Gott ist immer schon da: im Wort vom Kreuz seines Sohnes, Christus. Amen.