Den Kirchendistanzierten hinterhertelefoniert
Hoffnung für die Volkskirche: Die Aktion "neu anfangen" bringt den Glauben ins Gespräch
von Marcus Mockler, in: idea 23.7.97
Telefonieren im Namen des Herrn: 23.000 Mal haben Christen im Kirchenbezirk Bad Urach
(Kreis Reutlingen) Anfang des Jahres zum Telefonhörer gegriffen, um flächendeckend ein
kleines Buch anzubieten, das zum Gespräch über den Glauben einladen soll. "Neu
anfangen" heißt die Aktion, die dem Kirchenbezirk nicht nur eine horrende
Telefonrechnung über 15.000 Mark, sondern jede Menge Kontakte mit Kirchendistanzierten
beschert hat. Und auf die kommt es an.
Es ist nicht Gram wegen Austrittszahlen und Kirchensteuereinbußen, die den Uracher
Dekan Helmut Sorg zum Motor der Aktion "neu anfangen" haben werden lassen. Dem Bruder
des früheren württembergischen Landesbischofs Theo Sorg geht es um dasselbe wie den
ersten Christen: Menschen mit der befreienden Botschaft von Jesus Christus zu erreichen.
Und sei es per Telefon und Buch. Für dieses Ziel hat Sorg einen ganzen Kirchenbezirk
begeistert. Rund 800 ehrenamtliche Mitarbeiter haben sich ins Zeug gelegt, um mit dieser
Aktion das oft selbstgewählte Ghetto des Gotteshauses zu verlassen und das Thema Glaube
in die Häuser zu tragen.
Die 1986 gegründete Aktion "neu anfangen" hat inzwischen 28 Projekte durchgeführt;
weit über zweieinhalb Millionen Menschen wurden angerufen. Erstmals ist jetzt eine
Aktion in den neuen Bundesländern geplant: Potsdam macht den Anfang.
Und so sieht das Konzept von "neu anfangen" aus: In einer ersten Phase rufen die
Mitarbeiter alle Haushalte in einem Bezirk an und bieten ein kostenloses Buch an, in dem
Christen der betreffenden Region aus ihrem Glaubensalltag berichten. Wer das Angebot
annimmt, bekommt sie das Buch nach Hause gebracht. Zwei Wochen später klingelt bei den
Empfängern ein zweites Mal das Telefon. Sie werden zu einem offenen Gesprächskreis
eingeladen, der an fünf Abenden Glaubensthemen behandelt - meist in einem privaten
Wohnzimmer, um Schwellenängste vor Gemeindehäusern gar nicht erst keimen zu lassen. Nach
diesen fünf Abenden geht die Arbeit weiter: Hauskreise, Bibelkurse, Gesprächsforen - je
nach Gemeinde und nach den Bedürfnissen der Angesprochenen.
Das Ergebnis im Uracher Bezirk: Von den 23.000 Angerufenen ließen sich 13.000 das Buch
ins Haus bringen. An den anschließenden 210 Gesprächsrunden haben 1.400 Menschen
teilgenommen. In diesen Tagen läuft die Nacharbeit auf Hochtouren. Obwohl er über die
Zahlen mehr als glücklich ist, warnt Dekan Helmut Sorg davor, die Statistik
überzubewerten: "Wir können nicht messen, was im Verborgenen geschieht." Beispielsweise,
was die Lektüre des "neu-anfangen"-Buchs an neuem Nachdenken und Diskussionen in den
Häusern entfacht hat, ohne daß die Leser gleich den nächsten Gesprächskreis angesteuert
haben. Das gedruckte Glaubenszeugnis von Christen aus der Region hat jedenfalls
Zigtausende erreicht.
So gesehen ist "neu anfangen" eine extrem preiswerte Aktion: Der Etat lag in Bad
Urach bei 110.000 Mark, doch pro Kontakt macht das nur drei Mark, denn pro Haushalt
werden ja mehrere Menschen erreicht. Am meisten Geld verschlingt das Buch, weil es
speziell für die Aktion zusammengestellt und gedruckt wird. Und dann sind da natürlich
die Telefonkosten.
Der Verlauf der Aktion im Kirchenbezirk Bad Urach hat selbst die meisten Skeptiker am
Ende überzeugt. Als ökumenische Initiative hat sie in dieser Ecke Württembergs die
Zusammenarbeit der dominierenden Protestanten mit Katholiken, Baptisten und Methodisten
gefördert. Als flächendeckende Aktion hat sie die Christen einer ganzen Region
zusammengebracht - sie, die ansonsten nur in ihrer Ortsgemeinde vor sich hinarbeiten
und am Engagement der Schwestern und Brüder in Nachbardörfern und -städten kaum Anteil
nehmen. Ein intelligenter Einsatz der Telekommunikation verbunden mit den sehr
persönlichen Begegnungen in Gesprächskreisen - das macht "neu anfangen" gerade für die
Volkskirche interessant. Denn die Aktion wird keineswegs nur von Evangelikalen
unterstützt. Die bildeten zwar den Hauptteil der Mitarbeiter, aber viele Christen
anderer Prägung sind genauso gewillt, engagiert und opferbereit über ihren Glauben
Rechenschaft abzulegen. Und das auf eine Weise, wie sie persönlicher und freundlicher
kaum sein kann.