Das "innere Licht"
Religion - Das protestantische Erbe - Restauration der Marienkirche
von Dr. Klaus Kemmler,
in: Eine Stadt vor 100 Jahren: Reutlingen - Bilder und Berichte; München 1997; DM 29,80
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers!
Die Reutlinger und die Religion
Was für ein Verhältnis hatten die Reutlinger der Jahrhundertwende
zur Religion? War es noch echte Glaubensüberzeugung oder
nur noch eine Sache der Bravheit, bürgerlicher Ehrbarkeit
und Sitte, was sie bewog, am Sonntag in die Kirche zu gehen? Trug
der Gedanke an die enge Verbindung von "Thron und Altar"
dazu bei oder der Stolz auf ihre schöne, soeben erneuerte
Marienkirche? Oder war Religion nicht schon zu einer Sache unverbindlicher
Vergangenheit geworden, einer Vergangenheit, die allerdings in
Reutlingen durch die vielfach belebte Erinnerung an die mit den
Namen von Matthäus Alber und Jos Weis verbundene ruhmreiche
Rolle der Stadt in der Reformationszeit noch immer gegenwärtig
war? Waren nicht sowohl viele Intellektuelle als auch weite Kreise
der Arbeiterschaft der Kirche schon längst entfremdet?
Es ist bekannt, welche Bedeutung der schwäbische Pietismus
mit seiner Ethik des Sparens und "Konsumverzichts" für
die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes gehabt hat.
Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Genügsamkeit und Wohltätigkeit
waren noch immer christliche Tugenden, die auf der Skala moralischer
Werte ganz oben standen. Christlich geboren, kirchlich getauft
und bürgerlich erzogen, waren gewiß auch die meisten
Reutlinger noch ganz selbstverständlich in dieser Tradition
beheimatet, konnte man doch unschwer Gottes durchgängige
Treue schon daran erkennen, daß Segen auf der eigenen erfolgreichen
Arbeit lag, daß zudem das Leben sich in einem geordneten
Staatswesen unter äußerlich friedlichen Verhältnissen
abspielte, - viele suchten in der Kirche wohl vor allem einfach
eine Bestätigung des Gefühls innerer Übereinstimmung
mit Gott und der Welt. Die "Gottseligkeit, die zu vielerlei
Dingen nütze war" oder auch der Eifer mancher der "ganz
Frommen", die sich in Gemeinschaften und Sekten ständig
um ihr Seelenheil sorgten, war ihrem nüchternen Sinn eher
suspekt. Doch geht aus den Berichten der Zeitgenossen auch hervor,
daß die eigentliche, aus dem Inneren kommende Frömmigkeit
sich mehr und mehr in nach außen gerichteten Aktivitäten
erschöpfte und daß viele traditionelle Glaubensinhalte
zu verflachen und dem rationalistischen "Zeitgeist"
zu weichen begannen.
Das Oberamt Reutlingen gehört zu den Bezirken mit sehr
stark vorherrschender evangelischer Konfession. Es zählt
41158 Evangelische, 2302 Katholiken, 193 Anhänger eines anderen
christlichen Bekenntnisses und 74 Israeliten. Die ersteren sind
mit 94,1%, die Katholiken mit nur 5,3% im ganzen vertreten. Unter
den Bezirksorten befindet sich übrigens ein solcher mit nahezu
rein katholischer Bevölkerung, Groß-Engstingen; außerdem
überwiegt noch in Bronnen die Zahl der Katholiken (mit 57%).
In der Oberamtsstadt, welche 994 Katholiken zählt, machen
dieselben, ähnlich wie im Bezirk überhaupt, 5,4% der
Einwohnerschaft aus; ebenso sind in Pfullingen 4,2% der Bevölkerung
katholisch.
Bei den 193 Anhängern anderer christlicher Konfessionen
kommen 72 auf die Stadt Reutlingen, 71 auf Pfullingen und 24 auf
Holzelfingen. Die Israeliten sind außer in Reutlingen (60)
nur in Pfullingen und Bronnen, jedoch in unerheblicher Anzahl
vertreten.
(Beschreibung des Oberamts Reutlingen 1893)
Am 17.März hielt Professor Dr.Jäger aus Stuttgart
im Verein für Natur- und Altertumskunde einen Vortrag über
die Darwin'sche Lehre, gegen den sich Dekan Kalchreuter in der
Kreiszeitung in scharfer Weise wandte, und u.a. Professor Jäger
entgegenhielt: "eine einzige Gebetserhörung wiege tausend
angebliche Beweise der Naturwissenschaft gegen das Wunder auf."
Leider folgte der Verein für Natur- und Altertumskunde dem
wohlgemeinten Rate des Herrn Dekans: "nach dem Vorgange anderer
derartiger Vereine sich auf Lokalforschungen zu legen, statt in
hoher und dazuhin destruktiver "Wissenschaft" zu machen,
womit der religiösen wie wissenschaftlichen Ueberzeugung
Vieler - und nicht der Schlechtesten - ins Gesicht geschlagen
werde," nicht, sondern hielt an dem, auch schon von Luther
proklamierten und in Anspruch genommenen Recht der freien Forschung
fest.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1874)
Religionsverächter gibt es in den höheren und niederen
Ständen. Einige Herren der besseren Gesellschaft sind allgemein
als religiöse Nihilisten bekannt; auch in mittleren und unteren
Schichten fehlt es nicht an Freigeistern, die sich an Wirts-tischen
etc. offen ihrer Aufklärung rühmen.
Zwar hat sich der Kirchenbesuch, wenigstens, was den Sonntagvormittag
betrifft, seit einigen Jahren entschieden gehoben...Große
Massen aber, namentlich aus dem niederen Bürgerstande und
den Kreisen der Fabrikarbeiter sind leider der Kirche fast ganz
entfremdet...
Die Gründe der Unkirchlichkeit mögen hier im allgemeinen
dieselben sein wie in anderen größeren Städten.
Für Reutlingen kommen aber noch 2 Momente in Betracht: 1.Die
empfindliche Kälte, die während des Winters in der Hauptkirche
herrscht und viele vom Besuch derselben abhält und 2.der
Umstand, daß ein bedeutender Teil der Kirchenstühle
bis jetzt noch im Privatbesitz alter Reutlinger Familien sich
befindet und von anderen nicht benutzt werden darf.
(Pfarrbericht unter Dekan Gustav Adolf Stirm, 1889)
Der Methodismus
Über den Charakter der Einwohner ist an einem andern Ort
gesprochen worden und dabei auch auf die geschichtliche Grundlage
desselben hingewiesen worden. Die religiöse Gesinnung
des Reutlingers sucht vielfach Befriedigung im Pietismus und anderen
dem Separatismus sich zuneigenden Bestrebungen. Neuerdings hat
besonders der Methodismus Fuß gefaßt: das Bethaus
der sogenannten evangelischen Gemeinschaft, die Ebenezerkapelle,
wurde 1869 mit amerikanischen Mitteln errichtet; ein Predigerseminar
wurde geschaffen und die Stadt bildet nun den Mittelpunkt der
methodistischen Gemeinden Württembergs.
(Beschreibung des Oberamts Reutlingen 1893)
Bedeutender und gefährlicher für die Kirche (als
die Sekten) ist die seit 10 Jahren durch Wolgert hier eingebürgerte
Abart der Methodisten, die sich "evang. Gemeinschaft"
nennt (vulgo Albrechtsbrüder). Seitdem dieser "Superintendent"
Wolgert nach Thun versetzt ist, ist auch die anfänglich festgelegte
Taktik, sich den Schein besten Einvernehmens mit der Kirche zu
geben, verlassen worden... (Sein Nachfolger) hielt die Nachmittagsversammlungen
zur gleichen Zeit mit den kirchlichen Nachmittagsgottesdiensten,
angeblich um der vielen Auswärtigen willen. Denn allerdings
von auswärts ist der Besuch ein ebenso starker wie von hier.
Ganz besonders sind es ledige Weibspersonen, die leicht erregbar
und zu Überspannung geneigt, in den Vorträgen, den nächtlichen
Gottesdiensten, dem maßlosen Beten, bei dem sie selbst eine
Rolle spielen dürfen, wie in der lebhaften Gesangsweise einen
besonders vollkommenen Typus des Christentums finden...(1874)
Bezüglich der Methodisten, die nun auch ein Predigerseminar
mit 8 Zöglingen hier haben.... unterläßt (der
Referent) auch grobe Polemik auf de Kanzel gegen sie, schon darum,
weil es nichts helfen, sondern nur schaden würde, namentlich
bei dem leicht erregbaren Oppositionsgeist der Hiesigen gegen
weltliche und geistliche Obrigkeit...(1880)
(Pfarrberichte unter Dekan Karl Ludwig Kalchreuter 1873-1887)
Das protestantische Erbe
Seit Matthäus Alber (1495-1570) in Reutlingen unter
dem Eindruck von Luthers Schriften im Jahr 1519 zu predigen begonnen
und der Reutlinger Bürgermeister Jos Weiß auf
dem Reichstag zu Augsburg 1530 das lutherische Bekenntnis im Namen
seiner Vaterstadt vor dem Kaiser mutig vertreten hatte, galt Reutlingen
als Bastion des Protestantismus.
Am 24.Juni waren es 50 Jahre, daß in unserer Stadt die
Säkularfeier stattfand zum Gedächtnis der Übergabe
der Augsburger Konfession, welche für unsere Stadt hochwichtige
Begebenheit durch entsprechende Festlichkeiten s.Z. gefeiert wurde.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1880)
10.Dezember. In der Bundeshalle fand unter außerordentlich
reger Betheiligung zum 400. Geburtstage unseres Reutlinger Reformators
Matthäus Alber eine würdige Feier statt. Der Saal war
festlich dekoriert. Zu beiden Seiten der Bühne waren die
Büsten der beiden großen Söhne unserer Stadt aus
der Reformationszeit, Jodokus Weis und Matthäus Alber aufgestellt,
Herr Dekan Herzog begrüßte die Versammlung und in fast
zweistündigem Vortrage gab Herr Stadtpfarrer Ströle
ein treues Bild von dem Leben und Wirken Albers. In lebhaften
Zügen schilderte zum Schlusse der Redner die unwandelbare
Treue, mit welcher die dankbaren Reutlinger trotz aller Verfolgungen
an ihrem mutigen Prediger hingen. Herr Prälat Sandberger
wies darauf hin, welcher Gunst die Reutlinger in dem Besitz der
beiden großen Bürger Jodokus Weiß und Matthäus
Alber teilhaftig geworden...
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1895)
Das am 9.Juni in unseren Mauern stattfindende 44. Gustav
Adolf-Fest vereinigte eine große Zahl hiesiger und auswärtiger
Gäste, welche in gottesdienstlichen, wie geselligen Feiern,
in Reden und Gesängen die Segnungen der Reformation priesen
und unter anderem die evangelische Treue des Schwabenlandes betonten.
Ein großartiger Festzug verlieh dem Feste einen würdigen
Rahmen, Seitens der Stadt und des Bezirks wurde dem Comité
für den Gustav Adolf-Verein die Summe von 6000 Mk. übergeben.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1886)
Restauration der Marienkirche
Gegen Ende des Monats September wurde am oberen Umlauf der
Marienkirche ein Gerüst, bis beinahe zur Kreuzblume hinaufreichend,
errichtet. Der Turm zeigte da und dort Spuren eines bedenklichen
Zerfalls, und schwere Schäden, welche sich erst ganz werden
übersehen lassen, wenn einmal nach Vollendung des Schiffes
die Bauthätigkeit sich dem Turme zuwendet.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen, 1874)
Am 21.September trat die Kommission zusammen, bestehend aus
den Herren Prälat Dr. v.Merz, Dombaumeister Professor v.Beyer,
Finanzrat Dr.Paulus und Baurat Dollmetsch, um mit den Mitgliedern
des gewählten Kirchenbaurats unter Vorsitz des Dekans Herzog
den Restaurationsplan der Marienkirche zu beraten. Baurat Dollmetsch
hat die Arbeiten in drei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe umfaßt
die Sicherung des Baues im Voranschlag von 51.000 Mk., die zweite
Gruppe im Innern im Voranschlag von 366.000 Mk., die dritte Gruppe
umfaßt die Architektur und Ornamentik des Äußeren,
Ausbau der Thürme Voranschlag 183.000 Mark. Die vorhandenen
Mittel reichen nicht für die beiden ersten Gruppen aus, doch
hofft man warme Herzen und Hände zu finden, um während
der Reihe von Jahren , welche das Bauwerk in Anspruch nimmt, die
Gelder zusammenzubringen.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1892)
Durch Haussammlungen, Stiftungen, Vermächtnisse, musikalische
und sonstige Veranstaltungen sowie aus Spenden der bürgerlichen
und der Kirchengemeinde kam rund eine halbe Million Mark für
Kanzel, Altar, Orgel, Gestühl, Heizung und Beleuchtung zusammen;
zur Finanzierung der übrigen Teile des Bauprogrammes dienten
großenteils Erträge aus einer Kirchenbaulotterie.
28.November. Im oberen Schwanensaale wurde der Bazar des Kirchenbauvereins
eröffnet. Entzückende Gegenstände, von zarter Hand
gearbeitet, alles was das Herz begehrt, waren vor den Blicken
des Beschauers ausgebreitet. Sogar auf des Leibes Nahrung und
Notdurft, wie in jedem großstädtischen Bazar, war gesorgt.
Inmitten all der Herrlichkeiten walteten ihre Waren etc. "preisend
mit viel schönen Reden" die holden Priesterinnen der
Wohlthätigkeit ihres Amtes. Die Einnahmen überstiegen
diejenigen der früheren Jahre um ein Bedeutendes. Die geschmackvollen
Dekorationsarbeiten lieferten die Herren A.Hammeley und Gärtner
Dietterlein unentgeltlich; auch der Saal wurde mit Heizung und
Beleuchtung gratis zur Verfügung gestellt.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen 1895)
In Sachen der Marienkirche wurden nach längeren Debatten
wegen der Emporen beschlossen, daß dieselben endgiltig abgelehnt
wurden; gleichzeitig hat Herr Commerzienrat Louis Gminder in hochherziger
Weise für die Bestuhlung 26000 Mk. gestiftet.
(Fehleisen, Chronica von Reutlingen. 1897)
In sieben Jahren Umbauzeit war uns die liebe alte Marienkirche
ein alltägliches Gesprächsthema geworden, und dies schon
deshalb, weil der Vater über je vier Monate im Jahr zum Mittags-Choralblasen
auf den Turm steigen mußte. In den Wintermonaten blies man
von den Fensterchen des Turmwächterbodens heraus, und nur
im Sommer ging das Choralblasen vom großen Turm herab vor
sich. Die Baugerüste hatte man mehr und mehr satt und war
im Herbst 1901 allmählich auf eine bald stattfindende Einweihung
gespannt; denn es liefen hiezu alle Vorbereitungen. Die Ummantelungen
der Apostel- und Prophetenstandbilder verschwanden Zug um Zug,
desgleichen die Baugerüste und Bauhütten. Wir sahen
oft lange von der Lyzeumsstaffel dem emsigen Treiben der Aufräumer
zu. Ja, viele behäbige Bürger verweilten oft mehr oder
weniger lange im Zuschauen zu der fortschreitenden Verwandlung...
Am Sonntag, den 24.November 1901 erstrahlte die Stadt in herrlichem
Flaggenschmuck, weil das Königspaar, S.M. König Wilhelm
und Königin Charlotte von Württemberg, erscheinen würden
Schon frühmorgens wurde vom Turm ein Festchoral geblasen
und mit allen Glocken geläutet. Um 9.00 Uhr stellte sich
der Festzug auf dem Marktplatz auf, wozu sich mehrere Minister,
Prälaten und die Männer des Kirchenbau-Komitees nebst
allen prominenten Geladenen eingefunden hatten. Da die Ankunft
des Königspaares mittels des Hofzuges mit 10.00 Uhr festgelegt
war, hatten sich vom Marktplatz bis zur Marienkirche die Feuerwehr
und die Vereine mit Fahnen spalierbildend aufgestellt. Der Zug
bewegte sich unter den Klängen eines von der Stadtmusik intonierten
Festmarsches bis vor die Portale der mit ihren Bildwerken, Maßwerken,
Steinrosetten und Baldachinen herabgrüßenden Wilhelmstraßenfront.
Da traf unter den Jubelrufen der Reutlinger in der von einem Vierergespann
gezogenen Hofkutsche das Königspaar ein. Schon von der unteren
Wilhelmstraße hörte man den Begrüßungsjubel
heraufbranden, und rasch war S.M. König Wilhelm in Grenadier-Uniform
und Königin Charlotte vor dem Portal eingetroffen und alsbald
von Herrn Dekan Ströhle begrüßt worden. Die Schlüsselübergabe
erfolgte in feierlichem Zeremoniell durch die Hände der Dombauer,
Prälaten und Dekane, bis Stadtschultheiß Hepp die hohe
Pforte aufschloß und das Königspaar in das herrliche
Gotteshaus geleitete. Nun durfte sich auch der Strom der mit Eintrittskarten
versehenen Gemeindemitglieder in die in neuer Schönheit erstrahlenden
Kirchenschiffe ergießen. Die neue Orgel erklang unter Meister
Schönhardts Händen und erfüllte mit vielen Registern
in brillierenden Läufen der Engelsstimmen bis zu den wogenden
Bässen durch die weiten Kirchenschiffe, wo nun jeder Platz
besetzt war von all denen, die seit Jahren diesen hohen Festtag
erwartet hatten. Sie waren jetzt alle von der Formengestaltung
kirchenbaulicher Kunst der reinen Gotik überwältigt...
(Friedrich Faiss: "Was ich als Bub um die Jahrhundertwende
in Reutlingen sah".
abgedruckt im Reutlinger Generalanzeiger 1956)
Eine dritte *) evangelische Kirche hat die Stadt erst in den
allerletzten Jahren (1887-1890) auf dem Friedhof erbaut, die
Katharinenkirche. Der Bau ist nach Entwürfen des Baurats
Dolmetsch in Stuttgart durchweg in weißem Sandstein aufgeführt
und in den edlen Formen des frühgotischen Stils gehalten...
Das Innere der Kirche, reich, aber nicht überladen, macht
einen wohlthuenden harmonischen Eindruck durch die Bemalung der
Wände und die Glasmalereien, wie auch durch die ganze Ausstattung
des Altars, der Kanzel, der Emporen. Eigentümlich ist der
offene Dachstuhl mit seinem schöngeschnitzten Gebälk.
Die Gesamtkosten des Baues mit Einschluß der Bauleitung
beliefen sich auf rund 106000 M. - Die Katharinenkirche steht
genau auf dem Platze der alten Katharinenkapelle, die 1887 abgebrochen
wurde.
(Beschreibung des Oberamts Reutlingen 1893)
*) Die zweite evangelische Kirche war damals noch die Heiliggeist-
oder Spitalkirche am Marktplatz. Um die ungestörte Fortführung
der Gottesdienste während der Bauarbeiten an der Marienkirche
zu ermöglichen, wurde 1893/94 unter Verwendung entbehrlich
gewordenen Materials aus der alten Marienkirche eine weitere Kirche
als "Interimskirche" gebaut, die heutige Leonhardskirche.
Im Jahr 1805 hatte Reutlingen 10225 evangelisch-lutherische und
lediglich 8 katholische Einwohner. Nachdem Reutlingen württembergisch
geworden war, nahm die Zahl der Katholiken allmählich zu.
1823 bildete sich eine katholische Gemeinde aus etwa 60 Gemeindemitgliedern;
sie erhielten mit der Nikolaikirche eine schöne eigene Kirche,
die jedoch bald zu klein wurde. Bis gegen Ende des Jahrhunderts
war die Einwohnerzahl auf 18524 und die Zahl der Katholiken auf
994 angewachsen, die sich dann eine größere neue Kirche,
die St.Wolfgangs-Kirche, erbauten. Sie wurde am 6.Oktober 1910
durch Bischof Dr. Paul Wilhelm Keppler geweiht; danach fand ein
Hochamt statt, an das sich die Firmung von 240 Kindern anschloß.