"Ein Leib und viele Glieder"
Gedanken zu 1. Korinther 14

... auf dem Hintergrund der tollen "Paulus"-Kinderbibelwoche mit fast 60 Kindern ... (Predigt im abschließenden Familiengottesdienst


Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.
1. Korinther 12,4-7



"Ach du meine Güte -
was brauche ich den Fuß!
Ich, die Hand, bin viel wichtiger!
Ich, die Hand, handle ¼
Aber immer nur das behandeln können, was in Reichweite liegt,
vielleicht gar nicht so schlecht,
daß es den Fuß gibt,
auch wenn der manchmal etwas müffelt ¼ "
"Ach du meine Güte -
was brauche ich die Hand,
Ich, der Fuß, bin viel wichtiger!
Wo es doch heute allesentscheidend ist, mobil zu sein, 'rum zu kommen - dann liegt einem die Welt zu Füßen ¼
Aber mit dem da vor den Füßen nicht handeln können ¼
Vielleicht doch nicht so schlecht, daß ich die Hand habe ¼ "
Liebe Gemeinde aus größeren und kleineren Leuten,
der Paulus überlistet uns mit jenem Bild von dem einen Leib, der sich aus den vielen Gliedern zusammen setzt;
er überlistet uns:
das ist doch Quatsch, was die Hand da erzählt,
daß sie viel besser und wichtiger sei als der Fuß;
das ist doch dumm, daß der Fuß meint,
sich über die Hand überheben zu können.
Die brauchen einander doch,
das ist doch logisch.
Paulus überlistet uns,
wie es Harald Schmidt manchmal fertigbringt,
wenn uns das Grinsen auf den Lippen gefriert und wir merken:
da bin ich ja selber gemeint
und das finde ich gar nicht mehr zum Lachen.
Schließlich sind wir Menschen, wir Christen-Menschen mit den einzelnen Gliedern dieses Leibes gemeint;
wir bilden doch jenen Körper
- vielleicht habt Ihr Euch schon das Bild auf Eurem Liedblatt angesehen -;
wir bilden doch jenen Körper, von dem Paulus spricht -
und trotzdem gehen wir manchmal mit den anderen so um,
als ob wir was besseres wären und als ob wir die anderen gar nicht bräuchten.
Was wäre, wenn du allein auf der Welt wärst?,
habe ich Euch am Freitag gefragt.
Und einer von Euch hat ganz aufgeweckt geantwortet:
Ja, da gehe ich halt erst mal zum Penny und decke mich mit Lebensmitteln ein.
Und wenn der leer ist?
Na, dann geh ich zum Spar.
Und dann?
In den anderen Supermärkten ist das Zeugs mittlerweile verschimmelt,
weil ja kein Strom mehr da ist für die Kühlschränke,
weil keiner mehr da ist, der im E-Werk arbeitet ¼
Nein,
wir Menschen sind so konstruiert,
daß wir ohne einander nicht auskommen,
das hat Gott so gemacht,
weil er selbst am liebsten mit anderen zusammen ist.
Naja,
denkt Ihr jetzt wahrscheinlich:
ist ja ganz o. k., daß ich mit Klaus oder Michael zusammengehöre:
schließlich ist Klaus gut in Mathe
und Michael hat die besten D-Jugend-Steilpässe in ganz Südwürttemberg auf Lager.
Aber diese beiden anderen da:
ne, die mag ich nicht, die sind doof,
der eine ist ein Streber und läßt mich nie die Hausaufgaben abschreiben
und die andere kann nicht mal richtig fangen.
Aber der Paulus erinnert uns daran,
daß wir zusammen gehören,
ob wir das wollen oder nicht.
Gott hat den anderen genauso lieb,
er hat ihm und ihr Begabungen geschenkt,
er hat ihn und sie so gemacht wie sie sind.
Da können wir doch nicht ewig rumnörgeln
oder die Nase hochtragen und auf andere runtergucken.
Viel mehr sollen wir entdecken,
was der andere kann,
was der an Begabungen geschenkt bekommen hat,
und darüber sollen wir uns mitfreuen.
Wenn deine Klassenkameradin eine bessere Note hat als Du,
dann freu' Dich erst mal mit -
und dann probiere es, es genauso zu schaffen, wenn Du kannst -
vielleicht hilft der andere dir sogar dabei!
Wenn Deiner Freundin immer so die Herzen zufliegen,
weil sie immer so gut drauf ist und immer viel erzählt,
dann denke daran:
viele Menschen brauchen jemand, der ihnen einfach mal zuhört,
und nicht immer so viel redet.
Die Hand da in unserem kleinen Theaterstück ist unglücklich geworden,
weil sie im Grunde ein Fuß werden wollte;
glücklich kann sie erst werden,
wenn sie aus vollem Herzen das annimmt,
was Gott aus ihr gemacht hat:
eine Hand eben.
Und wir müssen uns annehmen und sagen lernen:
Echt gut, daß ich der Martin oder die Renate oder der Alexander bin;
schließlich hat mich Gott gemacht!
Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Zeit,
wo all das nicht mehr selbstverständlich ist,
nicht einmal mehr in der Kirche -
wobei uns Paulus eigentlich zeigt, daß das noch nie so selbstverständlich war,
wie manche das gern hätten, wenn sie an die ersten Tage der Christenheit denken.
Es war wohl nie selbstverständlich,
sich damit abzufinden,
daß man den anderen braucht,
daß man angewiesen ist auf andere:
auf deren Hilfe,
deren Liebe,
deren gute Worte.
Und daß man dadurch - umgekehrt - zugleich bei den anderen in der Pflicht steht:
ihnen die Hand zu reichen, die man ist,
der Fuß zu sein, der man durch Gott ist,
sich den Kopf, der man ist, für andere zu zerbrechen.
Um glücklich zu werden, muß man irgendwann erkennen,
wer ich für Gott bin,
was mir - für mich und für andere - im wahrsten Sinn des Wortes "gottgegeben" ist.
Gott hat das so gemacht,
daß Du nicht allein sein kannst.
Gott hat uns so gemacht,
daß wir nur miteinander leben können.
Das gilt für unsere Kirchengemeinde,
wenn wir manchmal schmerzhaft spüren,
daß wir manches nicht tun können,
weil die Füße und Hände und Bäuche und Köpfe fehlen,
weil sich zu manche raushalten,
obwohl sie es besser wissen.
Und das gilt genauso für unsere Dörfer und Städte und Länder:
wir sind doch nicht zur Wirtschaftsgemeinschaft geschaffen,
so wie Eheleute doch nur im schlechtesten Fall sich als Wirtschaftsgemeinschaft verstehen;
wir sind doch "Kommune" und "Gemeinde",
also Leute, die Gott nun mal eben an den selben Fleck Erde gesetzt hat;
und das tut er deshalb, damit die miteinander was anfangen und auf die Beine bringen;
und nicht, damit immer nur noch nach denen geschielt wird,
die scheinbar zuviel kosten:
behinderte oder kranke oder Asyl suchende oder auf Sozialhilfe angewiesene Menschen.
Aber klar, dieser Blick ist dann unvermeidlich, wenn wir nur noch in Mark und Euro denken -
und dieses Bild vom Leib vergessen und verdrängen.
Und dieser Leib braucht, um lebendig zu sein, eben den Geist;
als Kirchen sprechen wir da vom Heiligen Geist, durch den Jesus Christus heute bei uns ist,
und uns Kraft gibt und miteinander verbindet,
weil der nämlich in uns allen, die wir glauben, lebt und wirkt.
Und auch in unserem Land, in Europa und unserer Welt braucht es eben den rechten Geist,
damit Leben wächst.
Um solchen Geist geht es auch in realistischer Politik und nicht um DeMark und Euro.
Aber so gesehen sind wir alle Politiker und letzlich tun "die da oben" ja nur das, was wir denken und wir tun;
Demokratie nennt man das.
Liebe Gemeinde aus kleineren und größeren Leuten,
der Paulus überlistet uns mit seinem Bild von dem einen Leib, der aus den vielen Gliedern besteht.
Doch er will uns damit nicht zum Narren machen,
sondern zur Vernunft -
oder besser noch: zueinander bringen.
Amen.



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