Die aktuelle
Ausstellungsbesprechung - Mai 1999
von Dr. Günther Berger, Kunsthistoriker

ARCHIV

Mythos ROMY Schneider
"Ich verleihe mich zum Träumen"

1. Mai bis 31. August, täglich 9 - 17 Uhr

Kaiserliches Hofmobiliendepot
1070 Wien, Andreasgasse 7 / Mariahilferstraße 88

"Ich muß unbedingt einmal eine Schauspielerin werden", schrieb Rosemarie Magdalena Albach (23.9.1938 Wien, Rudolfinerhaus - 29.5.1982 Paris) als Kind in ihr Tagebuch. Als Romy Schneider wurde sie einer der wenigen international berühmten deutschsprachigen Filmstars.

Trotz zahlreicher Bildbände wird sie jedoch weniger als Ereignis der europäischen Cinematographie wahrgenommen. Jung und unverheiratet wurde sie durch die "Sissi"-Filme zum umjubelten Star. Daß sie aus diesem Klischee ausbrach und noch dazu nach Frankreich übersiedelte, verziehen die professionellen Multiplikatoren Deutschlands nie. Die Presse konzentrierte sich mit wollüstiger Penetranz auf ihr Privatleben (wie später bei Prinzessin Diana und Falco).

Deshalb ist ein Teil von dem, was wir über Romy Schneider zu wissen glauben, lediglich Projektion.

Romy Schneider hat sich immer für wahrhaftige Gefühle entschieden, kannte weder im Beruf noch im Privatleben einen Kompromiß. Diese Authentität des Gefühlslebens machte sie massenkompatibel, erhob sie zum Mythos.

Dem Ausstellungsmacher und Kunstsammler Robert Amos (Cultura) und dem Filmmuseum Potsdam gelang es das ebenso spektakuläre wie tragische Leben Romy Schneiders mit etwa 1200 Exponaten in 15 Abteilungen einfühlsam zu illustrieren. Durch Filmplakate aus vier Jahrzehnten, seltenen Photos, Aushangphotos, Korrespondenz, Dokumente, Filmstimmen, den 1979 für "Eine einfache Geschichte" erhaltenen Césare und Titelseiten der oft nicht taktvollen Illustrierten werden sowohl künstlerischer und privater Werdegang Romy Schneiders lebendig erzählt als auch die Frage gestellt, wie weit öffentliche Berichterstattung gehen darf. Wer sich zeigen will, muß sich offenbaren. Können Stars heute ihr Privatleben besser von der nötigen Öffentlichkeitsarbeit trennen ?

Unter den 12 akustischen Zitaten des Eingangsraumes auch das der Großmutter, der k.u.k. Hofburgschauspielerin Rosa Albach-Retty:

"Wer sich wie sie so hemmungslos von seinen Emotionen, Leidenschaften und Begierden treiben läßt, denkt sicher nicht daran, daß eine Kerze, die man an zwei Enden anzündet auch schneller verbrennt."

Dem Photo der Firmurkunde Rosemarie Albach Schneiders (6.6.1949 Domkirche Salzburg) wird ein Videostreifen von dem Besuch Magda Schneiders beim "Führer" auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden gegenübergestellt. Es folgen Tagebuchnotizen und Klassenphotos aus Romys Internatzeiten bei den Augustinernonnen in Goldstein bei Salzburg (1949 - 1953).

"Schade, daß Mammi nie Zeit hat, um zur Premiere herzukommen und mich zu sehen ! Die Eltern von den anderen sind immer da."

Filmplakate, Kleid, Barbiepuppe, Photos und Ballszenen modell erinnern an die drei "Sissi"-Filme. Besuch beim König von Griechenland. Titelseiten.

"Schließlich war für die Entscheidung der Kommission auch die positive Aussage des Filmes, der die Werte des Herzens und der Menschlichkeit als charakteristische Merkmale österreichischer Wesensart überzeugend zur Darstellung bringt, mitbestimmend" (schrieb die Abendzeitung am 11.4.1957 über das "Sissi", die junge Kaiserin" verliehene Prädikat "künstlerisch wertvoll").

Kleider aus "Mädchen in Uniform". Zwölf rote Telefone mit Zitaten aus Filmen bzw. Kultur und Politik 1953 - 1958, Plakate, Szenenphotos, Briefe an Regisseure und Produzenten. "Die Sendung der Lysistrata". Photos von Romy Schneider und Alain Delon.

"Das was mit am meisten an ihr aufgefallen war, war ihr Bedürfnis nach Liebe. Wen sie liebte, liebte sie hemmungslos, wahnsinnig ... " (Jean-Claude Brialy zur Zeit der Dreharbeiten von "Christine" 1958)

Ausschnitte aus dem unvollendeten, bisher noch nie gezeigten Film "L'Infere - die Hölle" (1964), dessen Regisseur Henri-Georges Clouzot vor der Fertigstellung einen Herzinfarkt erlitt.

Im zweiten Stock des Kaiserlichen Hofmobiliendepots illustrieren Plakate, Filmprogramme, Photos und Titelseiten die ersten großen Erfolge Romy Schneiders in Frankreich. 1960 hatte sie in Mailand Luchino Visconti (gestorben 17.3.1976) kennengelernt, der ihr die Rolle der Annabella in John Fords "Schade, daß sie eine Dirne ist" anbot (Premiere 29.3.1961 Théatre de Paris).

"Es gibt drei Menschen, die mein Leben entscheidend verwandelt haben: Alain, Visconti und Coco Chanel".

1962 ging sie mit Anton Tschechows "Die Möwe" auf Theatertournee durch Frankreich und Algerien. Ein Photo zeigt sie mit Delon, Jeanne Moreau und Jean-Claude Brialy 1962 in Cannes. Sie besuchte die Dreharbeiten des Visconti-Filmes "Der Leopard" und nahm Geigenunterricht für ihre Rolle in dem Hollywoodfilm "Die Sieger" (1962). Filmarbeiten mit Jack Lemmon, Peter O'Toole, Antony Quinn. 1965 in der Wiener Hofburg vor dem berühmten Gemälde Kaiserin Elisabeths von Franz Xaver Winterhalter.

Während eines Berlinaufenthaltes lernte sie 1965 den deutschen Theaterregisseur Harry Meyen kennen, den sie ein Jahr später heiratete. Sohn David-Christopher (3.12.1966 Berlin - 5.7.1981 Paris).

Sie wünscht "ein privates Leben mit Freunden zu führen, Urlaub zu machen" (Quick 1965). Photos mit ihrem Vater (gestorben Winter 1967), ihrem Bruder, mit ihrer Großmutter und Christiane Hollger. Tagebuchaufzeichnungen. Briefe an Hermine und Leonard Steckel. 1968 Comeback mit dem 31. Film "Swimmingpool" mit Alain Delon. Werbung für Kinobesucher in Japan. Kostüme aus Luchino Viscontis "Ludwig II" (1972).

"Visconti war mein eigentlicher Lehrer. Er war ungeheuer anspruchsvoll, er hat mit Disziplin und einen festen Willen und das Wissen beigebracht, daß man nie genug an sich arbeiten kann."

Plakate und Photos von "Ludwig II" (ihren 39. Film) .

"Daß ausgerechnet Elisabeth, die keine körperliche Angst kannte, ermordet wurde, ist merkwürdig. Körperliche Angst ist auch mir etwas völlig Fremdes. Andere Ängste, mit denen ich fertig werden mußte oder ich muß, kenne ich zur Genüge. Überhaupt entdecke ich in der Elisabeth Charakterzüge einer Frau, die mir nicht fremd sind."

Im Juni 1975 Scheidung von Harry Meyen. Am 18.12.1975 heiratet Romy Schneider ihren zehn Jahre jüngeren Privatsekretär Daniel Biasini. Die Frisur fertigte ihr Friseur Alexandre. Am 21.7.1977 Geburt der Tochter Sarah Magdalena. 1978 entwarf sie mit Pierre Arpel (Van Cleef + Arpels) die Schmuck Collection Romy. Ein Photo von 1979 zeigt sie mit Jean-Caude Brialy vor dessen Lokal. Interview mit Alice Schwarzer. Blitzlichtgewitter. Treffen mit Heinrich Böll. Kostümentwürfe für "Die Bankiersfrau" (1980). 58. Und letzter Film: "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" (1982). Thronsessel mit Oszillograph. Als Ausklang die schönsten Photos Romy Schneiders von Robert Lebeck und Mc Bride.

Romy Schneider, die ihr Studium am Reinhardt-Seminar 1955 kurz nach Beginn beendete, erhielt für ihre schauspielerischen Leistungen zahlreiche Preise. Für "Sissi, die junge Kaiserin" 1956 "Bambi", für "Der Prozeß" 1963 Etoile de Cristal der Académie du Cinema in Paris, Juni 1964 Publikumspreis La Victoire du Cinema Francais, 1976 Grand Prix International der Ciné Revue, César für "Nachtblende" (3.4.1976), Filmband in Gold des Deutschen Filmpreises für "Gruppenbild mit Dame" (1977), César für "Eine einfache Geschichte" (1979) und David die Donatello für das Gesamtwerk sowie "Eine einfache Geschichte"(1980).

Zur sehenswerten Ausstellung erscheint eine CD "Mythos Romy Schneider" (Der Fall Romy Schneider - Lebensgeschichte, Briefe und Fakten - Eine Lebens- und Zeitreise) mit einem Dialog zwischen Judy Winter und Horst Buchholz, in dem Texte und Briefe Romy Schneiders von Sybille Lewitscharoff eingearbeitet worden sind. Außerdem singt Romy Schneider mit Michel Piccoli "La Chanson d'Hélène". Ein exklusiv gestaltetes Booklet enthält die Biographie Romy Schneiders.

Die Ausstellung wurde am Freitag, 30. April 1999 von Kommerzialrat Fröhlich und (in Vertretung des in Albanien weilenden Vizekanzlers) von Generalsekretärin Maria Gräfin Mensdorff-Pouilly-Rauch-Kallat eröffnet.

Besonders bewegend waren die persönlichen Erinnerungen der anwesenden Ehrengäste Jean-Claude Brialy, Alexandre der Paris und Oscar-Preisträgerin Yoko Shimada.

Jean Claude Brialy erinnerte sich an die erste Begegnung im Jahre 1958 als er mit seinem Freund Alain Delon zum Flughafen Paris-Orly geschickt wurde. Da Delon niemals etwas zu tragen pflegte, mußte er den vom Produzenten gesandten Blumenstrauß tragen. Als dann der Superstar Romy Schneider mit dem Flugzeug aus Berlin angekommen war, die Gangway herabschritt und Delon anlächelte, nahm dieser den Blumenstrauß. Romy Schneider, die auch nichts tragen wollte, gab den Blumenstrauß sofort wieder Brialy, der zum Unterschied von Delon (der nicht einmal englisch sprach) sogar deutsch sprach. In einer Tanzschule übten die beiden jungen Franzosen Walzer, um am Abend mit Romy Schneider auszugehen. Trotz der damaligen Mittellosigkeit der beiden Freunde zögerte Delon nicht, persönlich einen Tisch im "Lido" (dem teuersten Lokal von Paris) zu bestellen und beruhigte Brialy: "Mach dir keine Sorgen, du bist doch Offizierssohn." Delon bestellte Kaviar, Champagner, Lachs und dergleichen Spezialitäten.

Romy Schneider verliebte sich nicht nur in Paris. Während Jean-Claude Brialy den ganzen Abend nur angsterfüllt an die Rechnung denken konnte, tanzte Delon mit Romy Walzer. Als dann der Kellner die nicht minder exquisite Rechnung brachte, würdigte sie Delon mit keinem Blick, sondern schob sie zu Romy, die sie auch anstandslos bezahlte. Delon brachte sie ins Hotel, Brialy kehrte allein heim.

Dennoch begann eine 25-jährige Freundschaft ohne jeglichen Streit. Romy schätzte Brialy nicht wegen seines Chromes, sondern weil er sie zum Lachen brachte. Sie nannte ihn ihren zweiten Bruder, nannte ihn "Papa".

Jean-Claude Brialy bedauert, daß man Romy Schneider nur als "Schmerzbeladene" in Erinnerung behalten. Sie liebte das Leben, aber manchmal liebte das Leben sie nicht. Sie mußte den Verlust ihres Sohnes erleiden und wurde von gehässigen Journalisten Berichten gequält. Romy Schneider liebte Lachen, Theater, Kino, Trinken, Essen, Liebe und Freunde. Ihre Treue war ganz besonders.

Einmal wollte sie während eines Abendessens plötzlich an Marlene Dietrich schreiben. Der Chauffeur wurde um 23 Uhr mit einem Brief und einer goldenen Kette in einem Umschlag zur Wohnung von Marlene Dietrich in die Rue Montaigne geschickt. Eine halbe Stunde später kehrte er mit der Antwort und zwei Ketten von Marlene Dietrich zurück. Eine Kette erhielt Brialy.

Die Franzosen haben Romy Schneider adoptiert, aber sie ist in Wien geboren, und das hat sie nicht vergessen. Wenn man jemand liebt, kann man ihn teilen. Solange man ihrer gedenkt, ist sie nicht tot.

Abschließend erinnerte sich Jean-Claude Brialy noch wie er während der Dreharbeiten zu "Christine" (nach Arthur Schnitzlers "Liebelei", Romys 14. Und Delons zweiter Firm) im Hotel Sacher in Wien wohnte. Jeden Abend ging er mit Romy Schneider und ihrer Mutter sowie Delon essen. Das Orchester spielte Musik aus den Filmen von Magda und von Romy Schneider. Von Brialy und Delon wurde nichts gespielt. Während Delon mit Romy tanzte, mußte Brialy mit Magda Schneider tanzen, die ihn an die alte Tanzlehrerin in Paris erinnerte:
eins - zwei - drei ...

Auch Alexandre de Paris, der langjährige Coiffeur Romy Schneiders erinnerte sich. Er war auch für das make up von Sophia Loren, Elizabeth Taylor und Maria Callas zuständig, doch niemand war so schwierig. Romy Schneider sah sich in den Straßen und Geschäften genau um, was man in Paris trägt. Sie liebte Saint Tropez, den Geburtsort von Monsieur Alexandre, was im Umgang half. Manchmal fuhren sie auch zusammen dorthin. Alexandre kannte Leben, Geliebte, Freunde, Sohn und Tochter von Romy Schneider und verstand zu schweigen, denn Vertrauen war ihr am wichtigsten. Sie trug ihr Haar hinten geknotet (eine "Mikrobe"). Für den Film mit Alein Delon (Der Swimmingpool, 1968, ihr 31. Film) wollte Romy kurze Haare, jung, frech, ungestylt, wuschelig. Für den Kurzhaarschnitt und die Blondfärbung schenkte sie Maitrê Alexandre als Talisman ein Armband, daß dieser seit 20 Jahren Tag und Nacht trägt. 1982 rief Romys Bruder Wolfdieter Maitrê Alaxandre an: "Komm schnell, sie ist gestorben." Alexandre frisierte sie für ihren letzten Weg.

Die japanische Schauspielerin Yoko Shimada (als "Mariko" in der einfühlsamen Verfilmung von James Clavells Bestseller "Shogun" weltberühmt geworden) kannte Romy Schneider zwar nicht persönlich, lernte jedoch durch ihre Filme.

 

Dr. Günther Berger