"Was, du willst bei der Geburt deines Kindes nicht dabeisein?" Noch vor wenigen Jahren hätte die Gesellschaft Väter, die sich vor dem Kreißsaal "drückten", am liebsten die rote Karte gezeigt. Grobes Foul gegenüber Ehefrau und Baby, völlig ungeeignet in der Vaterrolle. Heute gehe nur noch jeder zweite Vater mit in den Kreißsaal, beobachtet Prof. Friedrich Wolff, Chefarzt der Frauenklinik Holweide, "vor zehn Jahren waren es bestimmt noch 90 Prozent". Schlimm? Wolff: "Wichtig ist für die meisten Gebärenden, daß überhaupt eine Begleitperson dabei ist. Das ist heute oft die beste Freundin." Was sagen Väter dazu? Zwei EXPRESS-Redakteure sagen ihre Meinung.
Um gleich eines vorwegzunehmen: Ich habe noch nicht zugenommen, mein Kreuz schmerzt nicht und mir ist auch seit Beginn der Schwangerschaft nicht übel. Dass solch ein leidender Vater in spe im Kreißsaal keine Hilfe sein kann, glaube ich aufs Wort. Doch kettenrauchenderweise vor der Tür zu sitzen, um anschliessend aller Welt in der Stammkneipe die Geburt des Stammhalters zu verkünden - das kann doch, bitteschön, auch nicht die Alternative sein. Ich will dabeisein, wenn unser Kind auf die Welt kommt. Zum einen aus rein egoistischen Motiven: Ich möchte gerne als erster unser Kind baden, ich möchte meiner Frau in die Augen sehen, wenn sie unser Baby das erste Mal in die Arme schliesst. Der Chefarzt unserer Geburtsklinik sieht's übrigens genauso: "Wir sehen es sehr gerne, wenn die Väter bei der Geburt dabei sind. Sie sind meistens eine sehr wichtige Hilfe." Bestens: Wenn ich mich sogar nützlich machen kann, ist es um so wertvoller, dass ich mit im Kreißsaal bin. Aber das entscheidende Argument für mich ist: Meine Frau möchte mich gerne an ihrer Seite haben. "Ich möchte den Menschen, zu dem ich das größte Vertrauen habe, um mich wissen", sagt sie. Einen schöneren Grund kann es für mich doch gar nicht geben. Und danach ist immer noch genug Zeit, mit stolzgeschwellter Brust in meiner Kneipe aller Welt kundzutun: "Wir sind jetzt Eltern."
Natürlich hab ich mich auf unseren Sohn gefreut, auf seine Geburt, auf unsere kleine Familie. Aber ebenso wie ich mit meiner Frau einig war, nicht vorher wissen zu wollen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, waren wir uns einig, daß die Geburt einzig und allein ein Moment zwischen Mutter und Kind ist. Ein inniger Moment, der intimste Moment, den zwei Menschen überhaupt miteinander haben können. Wir wollten auch beide, daß bei der Geburt nur Profis dabei sind. Menschen, die in kritischen Momenten genau wissen, was sie tun müssen. Ein aufgeregter Vater gehört bestimmt nicht dazu. Wie hätte ich denn reagiert, wenn mir der Arzt plötzlich gesagt hätte: "Es wird kritisch, gehen Sie bitte auf den Flur, bis wir die Lage im Griff haben. "Genau: Obwohl vielleicht alles halb so schlimm gewesen wäre, hätte ich mich vom stolzen Vater in spe in ein kettenrauchendes Nervenbündel verwandelt. Eine Frau, die unter Schmerzen ein Kind zur Welt bringt - nicht unbedingt ein Anblick, den ich haben muss. Und auch meine Frau legte keinen gesteigerten Wert auf mich als Augenzeugen. Irgendwie war ich ganz dankbar dafür . Heute ist Lars sieben Jahre alt. Ich liebe meinen Sohn, für ihn bin ich Vater, Kumpel und Freund. Auch ohne seinen ersten Schrei gehört zu haben, mit meiner Frau gelitten zu haben, sind wir glücklich. Alle drei. Denn jetzt erleben wir alles zu dritt - ganz bewußt.
Ich fahre mit dem Zug von der Arbeit nach Hause und lese jenen fragenden Titel, der schon längst überholt scheint. Dort behauptet Herr Professor Friedrich Wolff, Chefarzt einer Frauenklinik in der Nähe von Köln, heutzutage würden in seiner Klinik nur noch die Hälfte aller werdenden Väter in den Kreißsaal zur Geburt ihres Kindes mitgehen - gegenüber etwa 90% vor zehn Jahren. Der EXPRESS lässt klugerweise zwei Männer zu Wort kommen: der eine ist schon Vater, der andere wills noch werden. Der eine findets gut, der andere nicht.
Was können wir aus so einer Veröffentlichung lernen? Wer noch kein Kind hat, der hat noch Flausen im Kopf. Der erfahrene Vater war rücksichtsvoll und hat seiner Frau den "intimsten Augenblick im Leben zweier Menschen" ganz allein gegönnt, indem er sich von vornherein als potentielles Nervenbündel entworfen hat. Kein Wunder, dass Herr Wolff zu berichten weiss, dass die ausserklinische Begleitperson der meisten Frauen oft die beste Freundin ist.
Ist das die neue Männlichkeit? Wir erkennen unsere Grenzen und versuchen gar nicht mehr, sie zu erweitern. Geburtshilfe gilt nur für Frauen. Wir kommen dann später dran. Ja, wann denn? Wer hilft uns dabei, herauszufinden, wann unser Zeitpunkt zur Teilnahme am gemeinsamen familiären Leben gekommen ist? Auch die perinatalen Experten, deren potentiellem Wunsch "gehen Sie bitte auf den Flur" Harald Jürgensonn so vorauseilend entsprochen hat? Niemand wird es uns sagen. Wir entscheiden selbst, wie immer. Warum auch nicht? Doch warum nicht bei der Geburt dabei sein?
Ich selbst wollte gerne bei der Geburt meines ersten Kindes dabei sein - meine Frau lieber nicht. Sie hatte es ja auch unendlich viel schwerer als ich. Bei ihr sollte das Kind raus, nicht bei mir. Sie hat sich nicht viel gewünscht, ich sollte nur bei ihr sein. Damit sie die Last nicht alleine zu tragen hat. Und so kam es auch. Das ist etwas, das Männer für Frauen tun können. Was ich davon habe, dabei zu sein, ist noch einmal etwas anderes.
Mehr möchte ich für heute noch gar nicht schreiben. Alle sind herzlich eingeladen, Ihre Ideen, Meinungen usf. mitzuteilen. Elektropost bitte an:
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Hallo Peter,
mein Eindruck ist ein anderer, als der des Chefarztes. Ich denke, es werden eher mehr als weniger Männer, die die Mütter ihrer Kinder bei der Geburt begleiten.
Wichtig an dem Beitrag finde ich, dass er sehr deutlich macht, dass sich die werdenden Eltern frei zu entscheiden haben, was sie wollen. Mal ganz ehrlich: Herr Jürgensonn ist macht doch wirklich nicht den Eindruck, dass er eine große Hilfe sein könnte. Wenn Beide die Erfahrung gemacht haben, dass er schon bei einer Schnittwunde der Ohnmacht nahe kommt, bei dem kleinsten Kopfschmerz viel Pflege und noch mehr Medikamente braucht ... dann scheint es doch besser zu sein, dass er sich bessser nicht im Kreissaal aufhält. Denkt der Mann er müsse "dabei sein" aber seine Frau hat keine Lust auf Privates und möchte nur Profis um sich rum haben ... Auch dann störte er wohl eher. Beides passt nicht zu meiner Lebensauffassung. Ich war bei beiden Geburten unserer Kinder dabei. Aber bitte: werdende Eltern sehen sich mit so vielen Normen konfrontiert, ich möchte dem nichts hinzufügen.
Gruß
Georg Paaßen
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