Stand 23. Okt. 1998

Das Peciae-Projekt

Schnelle und sichere Kollationen


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Untenstehende Ansicht 1 gibt in etwa das Bild wieder, das die Software nach Erfassen des Textes einer Handschrift (ggf. auch eines Druckes) bieten soll. Schlicht und einfach wird der Text, der bereits aufgenommen wurde, wiedergegeben. Soweit nichts Besonderes. Lediglich zu erwähnen: Folio- oder Seiten- und Zeilennummern werden mit aufgenommen, damit in Zweifelsfällen leicht die entsprechende Stelle im Manuskript wiedergefunden werden kann. Außerdem wurde ein Kommentar des Editors zu einer Stelle eingefügt, der selbstverständlich in den Daten und in der Bildschirmdarstellung deutlich vom Text getrennt ist. Es ist daran gedacht, für die Kommentare Standardmarkierungen einzuführen, die es erlauben alle Kommentare einer oder mehrerer Kategorien zuzuordnen wie z.B. "Transkription", "Textkritik", "Inhalt". Damit kann dann mittels des Programms automatisch zu allen z.B. textkritischen Bemerkungen, die dem Kollationator im Laufe der Arbeit gefallen sind, gesprungen werden. Es soll vermieden werden, daß für irgendwelche Notizen ein separater Zettelkasten geführt werden muß.

Ansicht 1
f. 24ra1de syllogismo
f. 24ra2et syllogismi generatione
f. 24ra3est secundum quae
f. 24ra4est figura et modus
 modus]S: (lectio dubia): Später nochmal
überprüfen (O.G.)
f. 24ra5secundum ordinem et dispositionem
f. 24ra6terminorum et resolutionem

Die eigentlich interessanten Dinge beginnen mit der Kollation eines zweiten Textzeugen gegen die erfaßte Handschrift. In Ansicht 2 wird vorausgesetzt, daß bereits ein neues Manusskript in die Handschriftenliste aufgenommen wurde. Als Text der neuen Handschrift wurde automatisch der Text der bereits eingegebenen übernommen, allerdings sind alle Worte damit zugleich als "vorläufig" oder "vorgeschlagen" deklariert worden, damit es zu keinen Verwechslungen zwischen tatsächlicher Identität von zwei Handschriften und dieser praktischen Vorgabe kommen kann. Der vorläufige Text sollte als solcher sichtbar sein. Hier wurde dazu eine grüne Textfarbe gewählt.

Ansicht 2 spiegelt die Situation wider, nachdem bereits die ersten Worte von A gegen S kollationiert sind. Die Folio- und Zeilenangaben sind jetzt die von A, die von S werden nicht mehr ausgegeben. (Der Einfachheit halber wurde in diesem teilweise fiktiven Beispiel angenommen, daß der Zeilenumbruch an denselben Stellen erfolgte). Der Kollationator springt im Text von Wort zu Wort - evtl. mittels der Enter-Taste - die Zeilenangaben werden an das jetzt kollationierte Manuskript nach seinen Angaben angepaßt und es erscheinen die Zeilen so wie er sie in Ms A gerade liest. Das Betätigen der Enter-Taste bedeutet die Bestätigung, daß ein Wort, das automatisch aus S übernommen wurde auch tatsächlich ebenfalls in Handschrift A bezeugt ist; das Programm ändert den Wert von "Vorgeschlagen" in "dort vorhanden". Das Springen von Wort zu Wort und die Reflektion der Zeilen des aktuellen Manuskripts stellt eine einfache und genaue übertragung von Manuskript zu Transkription sicher. So soll ja die Transkription keine Homoioteleuta enthalten.

Ansicht 2
f. 90va1de syllogismo
f. 90va2et syllogismi generatione
f. 90va3est secundum quae
 est figura et modus
 modus]S: (lectio dubia): Später nochmal
überprüfen (O.G.)
 secundum ordinem et dispositionem
 terminorum et resolutionem

Im Beispiel ist der Kollationator beim Wort "est" in der dritten Zeile angelangt (rot hervorgehoben) und stellt fest, daß dieses Wort in A nicht bezeugt ist. In diesem einfachen aber häufigen Fall betätigt er nur die O-Taste (o für omittit) und das Programm passt automatisch die Datenstruktur und die Darstellung an, springt zum nächsten Wort und erzeugt eine Ausgabe wie in Ansicht 3 dargestellt:

Ansicht 3
f. 90va1de syllogismo
f. 90va2et syllogismi generatione
 generatione + est S
f. 90va3 secundum quae
 est figura et modus
 modus]S: (lectio dubia): Später nochmal
überprüfen (O.G.)
 secundum ordinem et dispositionem
 terminorum et resolutionem

Gleich weiter. Beim Erreichen des folgenden Wortes "quae" stellt der Kollationator fest, daß in der Handschrift zusätzlich ein "formam" vorhanden ist. Ein Tastendruck auf "A" (addit) und die Eingabe des zusätzlichen Wortes genügen, um zu Ansicht 4 zu gelangen:

Ansicht 4
f. 90va1de syllogismo
f. 90va2et syllogismi generatione
 generatione + est S
f. 90va3secundum formam quae
 formam] om. S
 est figura et modus
 modus]S: (lectio dubia): Später nochmal
überprüfen (O.G.)
 secundum ordinem et dispositionem
 terminorum et resolutionem

Noch ein letztes Beispiel: Am Ende dieses kleinen Textfragments erreicht der Kollationator das Wort "resolutionem". Stellt er fest, daß Handschrift A hier "solutionem" bezeugt, dann genügt ein Tastendruck (S für substituit) und die Eingabe von "solutionem" und die Kollation ist wie in Ansicht 5 gezeigt beendet.

Ansicht 5
f. 90va1de syllogismo
f. 90va2et syllogismi generatione
 generatione + est S
f. 90va3secundum formam quae
 formam] om. S
f. 90va4est figura et modus
 modus]S: (lectio dubia): Später nochmal
überprüfen (O.G.)
f. 90va5secundum ordinem et dispositionem
f. 90va6terminorum et solutionem
 solutionem] resolutionem S

Dies möge zur Erläuterung zur Zeit genügen. Das Datenmodell muß natürlich so ausgelegt sein, daß auch Omissionen, Substitutionen und Additionen mehrerer Worte möglich sind. Auch Inversionen dürfen nicht vergessen werden. Vieles andere wurde auch nicht erwähnt: Varianten der zweiten Hand in einer Handschrift, die Markierung von überschriften, Titeln etc. Wenn aber der Fall eintritt, der nicht eintreten darf (mit dem Programm läßt sich ein Textzustand nicht erfassen), muß der Kollationator wenigstens mit einem Kommentar darauf hinweisen können und darin die Möglichkeit erhalten die Lage zu dokumentieren - sonst wäre ja die ganze Datei unbrauchbar.

Natürlich ist mit Auswahl des ersten Manuskripts, der Zustand wie in Ansicht 1 - aber mit dem Apparat zu den Varianten von A - wiederhergestellt. Soetwas wie ein Basismanuskript oder eine Leithandschrift existiert im eigentlichen Sinne nicht, da die Daten nur nach Maßgabe einer Handschrift dargestellt werden, intern aber unabhängig zu speichern wären.

Erfahrungen mit einem Vorläufer eines Programms, das diese Anregungen Realisieren soll, haben gezeigt, daß so tatsächlich eine einfache, schnelle und sichere Art der Kollation möglich ist. Die Arbeit, ein zusätzliches Manuskript aufzunehmen ist nur unwesentlich langwieriger als das sorgfältige Lesen der Handschrift, da das Programm die Schreibarbeiten auf ein Minimum reduziert. Die textkritische Arbeit auf einer breiten und schnell zugänglichen Datengrundlage wird ermöglicht und auch die endgültige Publikation ist technisch schnell zu machen. (Dies aber sind Themen der folgenden Kapitel).


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© 1998 Olaf Grönemann
E-Mail: olaf_groenemann@compuserve.com
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