VOLKSBÜHNE


Was?

Ein Theater mit Großer Bühne (22 x 21 x 8m), ca. 750 Plätzen und 4 weiteren Spielstätten: 3. Stock, Roter Salon, Grüner Salon und Sternfoyer. Mittelständisches Unternehmen mit differenzierter Struktur, mit öffentlichen Geldern gefördert, ca. 250 Mitarbeiter, davon 17 Schauspielerinnen und 27 Schauspieler und 25 Tänzerinnen und Tänzer, Jahresetat ca. 26 Millionen Mark, arbeitet im Auftrag des Berliner Senats.

Wo?

An der Schnittstelle zwischen Ost und West. In Ostberlin, Bezirk Mitte, am Rand des Scheunenviertels zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg, 5 Minuten vom Regierungsviertel entfernt, am Rosa-Luxemburg-Platz, vormals Horst-Wessel-Platz, vorvormals Bülow-Platz.

Seit wann?

Das eigene Haus der Volksbühne wurde am 30. Dezember 1914 eröffnet, ermöglicht durch die 1890 gegründete Volksbühnenbewegung und die "Groschenbeiträge von 50 000 mittellosen Kunstenthusiasten".

Wozu?

"Das Theater soll eine Quelle hohen Kunstgenusses, sittlicher Erhebung und kräftiger Anregung zum Nachdenken über die großen Zeitfragen sein. Es ist aber größtenteils erniedrigt auf den Standpunkt der faden Salongeisterei und Unterhaltungsliteratur, des Kolportageromans, des Zirkus, des Witzblättchens. Die Bühne ist eben dem Kapitalismus unterworfen...". Worte aus dem Gründungsaufruf, die auch heute noch nachvollziehbar sind. Die hehren Ansprüche sind jedoch zunehmend auf der Strecke geblieben, das Kapital subsumiert noch die sublimsten Regungen. Andererseits ist angesichts industrialisierter Fernseh-, Pop- und Computerkultur die im Kern seit Jahrtausenden unveränderte Produktionsweise des Theaters ein sich jeder funktionalen Verwertung entziehender Anachronismus. Gegen die z.Z. unübersehbare Musealisierung des Theaters will die Volksbühne zeigen, daß es auch 1997 noch ein Ort ist, der die Gegenwart auf eine Weise in Bildern, Worten und Aktionen fassen und öffentlich machen kann, für die es keinen Ersatz gibt. Das Theater wiederholt, was täglich passiert, aber auf eine Weise, die nicht täglich passiert, und verbindet dabei Vergangenheit und Zukunft zu unwiederholbaren Ereignissen.

Warum?

Für Frank Castorf, Regisseur und seit 1992 Intendant, entstammt der "Gesamtwille", der die sich widersprechenden Formulierungen auf der Bühne zusammenhält "einer Wut auf die Wirklichkeit". Er spezifiziert die aktuellen Aufgaben der Volksbühne unter veränderten historischen Konstellationen wie folgt: "Geschichte ist in der großen Gesamtunterhaltung zwischen Boris Becker, dem Golfkrieg, der Massenvergewaltigung von Frauen in Bosnien aufgegangen. Wo bis vor kurzem das Paradies des deutschen Otto-Verbrauchers lag, eskaliert jetzt das 19. Jahrhundert. Das kaum aufgeklärte Bewußtsein des 19. mischt sich im Osten mit der Konsumwut des 21. Jahrhunderts. Dieser Amerikanismus, der Wunsch nach Konsum und Reichtum, ist den Provinzen aufgepfropft. Nachts, wenn der Bürger schlafen geht, herrscht im Städle die tiefste Pogromstimmung. Da schütteln die faschistischen Seelenlandschaften das dezente Benehmen der europäischen Weintrinker ab. Die Konflikte treten in Massen auf. Das Theater muß ihnen nur noch eine Form geben. Als Gesamtereignis hat das eine terroristische Dimension."

Kunst?

"Wir leben von der ständigen Überforderung der eigenen Mittel und machen immer wieder Sachen, die eben nicht nur reine Kunstprojekte sind. Das gilt für (die regelmäßig an der Volksbühne arbeitenden Regisseure) Kriegenburg, für Kresnik, für Schlingensief oder für Marthaler genauso wie für mich. Und darin besteht der wesentliche Unterschied zu denen, die aus einer Kunst, einer Interpretation des Artifiziellen kommen." (Castorf)

Für wen?

Eine Volksbühne ist naturgemäß kein Theater nur für Minderheiten, sie ist für jeden da von ziemlich jung bis uralt, vom Obdachlosen bis zum Bundespräsidenten, und zwar gleichzeitig.

Organisation?

Hierarchisch und selbstbestimmt. Frank Castorf muß seine Kunst- und Geschäftsinteressen zu einer funktionsfähigen Einheit verbinden. Die Mitarbeiter müssen das auch.

Probleme?

Es ist ein anstrengender Spagat, kompromißloses Theater für alle machen zu wollen, elitär und populistisch, eigensinnig und massenwirksam, zwischen Rosa Luxemburg und Radio Luxemburg.

Besonderheiten?

Die Volksbühne als antimuseales Theater ist offen für alles, was interessant ist, auch wenn es mit dem Theater direkt nichts zu tun hat: z.B. Rockmusik, Video, Tango, Politiker, Philosophen, Verrückte, Zahnärzte und was nicht alles - und zwar in den Inszenierungen und außerhalb beim Nachtrock, Nachtvideo, Nachtcafé und allen möglichen Sonderveranstaltungen. Die Volksbühne hat kein Abo-System. Sie ist kein Verein (mehr). Unterprivilegierte werden bevorzugt behandelt. Sie kommen für 10 DM auf alle Plätze, auch schon im Vorverkauf.

Erfolge?

Die erste Spielzeit (1992/93) der neuen Volksbühne mit dem berühmten als "Logo" gilt als erfolgreich. Zuschauerzahlen wurden vervierfacht, Weltpresse wurde aufmerksam, Fernsehen war häufig da. Es gab Preise und gleich zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Bei der Kritikerumfrage von "Theater Heute" wurde die Volksbühne in nie dagewesener Einmütigkeit zum "Theater des Jahres 1993"gewählt, in eine Umfrage unter 750 Kulturmultiplikatoren wurde die Volksbühne zum "künstlerisch innovativsten Theater" mit dem "anspruchsvollsten Spielplan" erklärt (Manager Magazin). Auch Jugendliche gingen in großen Scharen freiwillig ins Theater, und manche ärgerten sich sogar. Aber Erfolg ist ein fragwürdiges Kriterium, bedeutet: man kann sich gut verkaufen. "Die Volksbühne schließt eine Lücke im Angebot", schreibt die WELT. Und die Volksbühne versucht, das vermutlich einzige Obdachlosentheater der Welt zu unterstützen. Auch das schließt eine Marktlücke.

Motto?

Das ursprüngliche Motto der Volksbühne lautet: "Die Kunst dem Volke!". Kurt Tucholsky fügte später hinzu: "Es fragt sich nur, was für eine." Aktuelles Motto: "Nach spätestens drei Jahren berühmt oder tot." Dieses Kalkül des Theaterberaters des Senats Ivan Nagel am Anfang der Castorf-Intendanz enthält zwei Aufforderungen: "Friß Vogel oder stirb!" als kapitalistische Maxime der Alternativlosigkeit und "Sieg oder Tod!" als revolutionärer Reflex darauf mit ähnlicher Konsequenz. Beide sind trivial, ungeheuerlich und zynisch. Beide werden an der Volksbühne - als Arbeitshypothese - akzeptiert.

Perspektiven?

Seit 1994 tanzt Johann Kresnik mit seinem choreographischen Theater in der Volksbühne. Jetzt hat Berlin erstmals ein richtiges politisches Tanztheater und die Volksbühne eine zweite Sparte. Auf zwei Beinen kann man stehen. Aber es gibt kein stabiles Gleichgewicht.

Zukunft?

Das Theater ins dritte Jahrtausend zu retten, wird nicht leicht werden. Vor allem, wenn man bedenkt, was es sonst noch alles für Probleme gibt.

Karten?

Gibt es zu DM 25,- und DM 18,- (ermäßigt zu DM 10,-) täglich von 12-18 Uhr an der Theaterkasse oder telefonisch unter 247 7694, 247 6772, 30874-630/661.




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