Anschlag

Liebe Nachbarn,
am Freitag, den 31. Februar 1996
feiern wir ein Fest.
Obwohl etwa zwanzig Gäste eingeladen sind, wird
es ganz bestimmt nicht laut werden.
Unsere Gäste werden sich nicht mit lautstarkem
Hupen ankündigen und wir - als Gastgeber -
werden sie nicht mit übersteuerten glottalen
Lauten schon vom Balkon aus empfangen.
Was die Musik angeht, müssen wir uns schon im
Vorfeld dafür entschuldigen, daß die
Zimmerlautstärke ganz sicher nicht überschritten
wird. Das geplante Musikprogramm ist eines der
leisen, freundlichen Töne.
Auch auf spitze Schreie, hysterische Lacher und
grunzende Kehlkopfartistik werden Sie leider
verzichten müssen. Unsere Gäste äußern Freude
und Wohlbefinden Ihrem Gesprächspartner
gegenüber leider eher kultiviert und mimisch
gekonnt.
Es könnte durchaus passieren, daß einige Gäste
erst im Verlauf des Festes eintreffen. Sie sollten
sich dann bitte keines Falles darauf verlassen, daß
Türen laut zugeschlagen werden oder euphorisch-alkoholisierte
Begrüßungsszenen auf dem Flur
stattfinden.
Leider können wir Ihnen auch keine solche Szenen
bei der Verabschiedung unserer Gäste nach dem
Fest versprechen. Sie müssen vielmehr damit
rechnen, das Ende des Festes gar nicht zu
bemerken.
In diesem Zusammenhang müssen wir Sie auch
darauf vorbereiten, daß Sie auf das scheppernde
Zuschlagen von Autotüren und das wilde
Aufheulen von Motoren im Leerlauf leider
verzichten müssen.
Wir bedanken uns für Ihr Verständnis im voraus
und verbleiben mit freundlichen Grüßen
Ihre Nachbarn

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