Türkisch Angoras
im Zoo von Ankara...
...oder unterwegs in Sachen Türkisch
Angora
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Seit Längerem war ich auf der Suche nach meiner Traumkatze. Ich hatte
sehr genaue Vorstellungen von ihr. Es sollte eine Türkisch Angora, weiblich, weiß und odd-eyed sein. Ein gesundes, robustes Jungtier, mit dem ich eine
kleine Zucht aufbauen möchte.
Kontakte zu einheimischen Züchtern wurden aufgenommen, meine
Telefonrechnungen stiegen ins Astronomische. Im Internet suchte und fand ich Kontakte,
selbst eine Anzeige wurde lanciert, aber mein Traumkitten fand bzw. bekam ich nicht. Im
Laufe dieser Zeit der Suche lernte ich einige Züchter kennen, nebst ihren
Philosophien und so manche Türkisch Angora. Das war hochinteressant. Man
tauscht sich aus, lernt und entwickelt mehr und mehr die eigenen Vorstellungen.
Als ich in Bochum Gelegenheit hatte, mir Türken aus
Beständen des Zoos von Ankara anzusehen, war ich begeistert. Die Ausfuhr weißer
türkischer Katzen, noch dazu odd-eyed, ist jedoch generell mal verboten.
Zurück in München, machte ich mich mit Feuereifer daran, eine
Ausfuhrgenehmigung von der Türkischen Regierung zu erwirken. Ich war fassungslos, als wir
diese tatsächlich erhielten.
Das war die erste Portion Glück, ohne die es halt nicht klappt. Es
sei denn, man hat Vitamin B. Ausgestattet mit Adressen, Namen und vielen
wertvollen Tips für den praktischen Ablauf (wiederum durch das nette Bochumer
Züchterpaar), machten wir uns an die Planung einer Reise in die Türkei. Nebst
Ausfuhrbestimmungen / Auflagen sind bei der Einfuhr nach Deutschland auch entsprechende
Anträge zu stellen / Auflagen zu erfüllen, besonders wenn es sich evtl. um ein sehr
junges, vielleicht auch noch ungeimpftes Tier handelt.
So reisten wir nach Ankara, zu der
Quelle, aus der die Türkisch Angora (= Ankara ) einst, nachdem sie beinahe ausgestorben
war, in den frühen 60er Jahren erneut ihren Weg in die übrige Welt antrat.
Kaum angekommen, mieteten wir ein Auto und besuchten den Zoo, noch
bevor wir uns um ein Hotel kümmerten. Ich hatte einiges über den Zoo gelesen und
gehört, auch wenig ansprechende Fotos der dortigen Katzenhaltung im Internet gesehen;
neuere Berichte waren jedoch sehr positiv. Insgesamt waren die Informationen aber so
widersprüchlich, daß ich nicht wußte, was mich erwartet.
Mit sehr gemischten Gefühlen betraten wir den Zoo, suchten den Weg
zum Katzenhaus und ich verweilte in andächtigem Staunen. Da waren sie
also! Ein kurzer Augenblick mußte zunächst genügen, denn es war fast Feierabend, und
wir hasteten in die Verwaltung, um dort unser Anliegen vorzubringen.
Jedenfalls war dieser erste Anblick beruhigend, freundliche Blicke aus
weißen Katzengesichtern blickten uns interessiert entgegen. Auf die sprachliche Barriere
mit dem Personal waren wir durch Brief und diverse Zettel in türkisch vorbereitet. Nicht
jedoch darauf, daß der Direktor, an den unser Brief gerichtet war, zu dieser Zeit Urlaub
hatte. Mit Händen und Füßen machte man uns verständlich, wir möchten doch Montag
früh wiederkommen. Etwas enttäuscht zogen wir ab, um uns zunächst ein Hotel zu suchen.
An diesem Wochenende in der türkischen Hauptstadt waren wir Tag und
Nacht unterwegs in Sachen Türkisch Angora. Ich hatte auf den ersten Blick im Zoo kein
Odd-eyed-Jungtier ausmachen können, und wir wollten jede andere Möglichkeit auch nutzen
und uns umsehen. Fremde Menschen wälzten Zeitungen nach Anzeigen in dieser Richtung für
uns durch, telefonierten, ja begleiteten uns im Auto in entlegene Stadtteile, wo jemand
eine Ankara Kedisi (Ankara - Katze) verkaufen oder
verschenken wollte. Unser Wunsch nach verschiedenfarbigen Augen (solche Katzen heißen bei
den allermeisten Türken Van Kedisi) sorgte zusätzlich für Verwirrung.
Nun, diese Ausflüge brachten uns mit sehr freundlichen Menschen und
vielen Katzen zusammen. Es gab viele Mißverständnisse und allerhand zu lachen. Wir
fanden alles - nur nicht meine Traumkatze. Da farbige Angoras in den Augen der Türken
nichts Besonderes darstellen, trifft man sie häufig als Straßenkatzen an.
In den Straßen und Parks von Ankara
sahen, streichelten, fütterten und fotografierten wir viele farbige Angoras, u.a. auch in
blacksmoke. Typ und Behaarung sind sehr
unterschiedlich. Allen gleich ist die Freundlichkeit, wie ich sie von hiesigen
Türken kenne.
Besonders gut gefiel mir
eine 2 ½ Jahre alte schwarzweiße Katze, die in einem verräucherten Nachtklub lebte, wo
sie sich, zweifelsohne wegen ihrer guten Beziehungen zum Koch, heimisch eingerichtet
hatte. Ein Traum von einer Türkisch Angora! Zierlich elegant, mit schier endlos langem
Schwanz, feines schmales Köpfchen mit großen gutgesetzten Ohren und ein Wesen, das
seinesgleichen sucht! Leider gelang nur ein Foto eines ihrer Jungen.
Montags fanden wir uns pünktlich wieder im Büro des Zoos ein -
Überraschung! Man hatte unseretwegen wohl dem Direktor Bescheid gesagt, und er empfing
uns persönlich. Ich bin sicher, sowas wäre uns in Deutschland nicht passiert. Er, sein
Assistent und die Tierpfleger waren außerordentlich nett. Sie sprechen aber weder deutsch
noch gut englisch, und wir nicht türkisch; somit waren ernsthafter informativer
Kommunikation Grenzen gesetzt.
Uns wurde überall im Katzenhaus Zugang gewährt, und man hat mir
reichlich Zeit gelassen, alles zu sehen und zu fotografieren. Wenn die Katzen dort auch
sicher nicht die persönliche Aufmerksamkeit haben, die sie verdienen, so sind die
Haltungsbedingungen doch weit besser, als ich erwartet hatte. Innen- und Außengehege sind
ausreichend groß, die Innengehege beheizbar. Wurfkisten und Körbe sind
in jeder Gruppe vorhanden, die Klos waren sauber. Die Außengehege sind 1/3 betoniert und
2/3 der Fläche bestehen aus Erde und Gras. Teilweise sind Büsche gepflanzt, die Schatten
spenden. Durch Katzentüren können die Tiere selbst wählen, wo sie sich aufhalten
möchten.
Auch hier sind die Angoras sehr unterschiedlich im Typ. Das liegt daran , daß sie nicht nach Standard gezüchtet werden. Es werden die vorhandenen Blutlinien durch gezielte Paarungen erhalten und Aufzeichnungen darüber geführt.
Ich bemerkte keinerlei Aggressionen
untereinander, die Gruppen sind gemischt, zumeist 1 Kater, 1-2 erwachsene
Weibchen und 1-4 Jungtiere verschiedenen Alters, jedoch nie mehr als 5-7 Tiere pro Gruppe
und Zwinger. Da sind die Platzverhältnisse bei manchem Züchter hierzulande schlechter.
Zwar sah ich unter den erwachsenen Tieren nur
weiße Angoras, aber es gab auch rot/rotsilbern?
getigerte, schwarzweiß gescheckte und schwarz gestromte Jungtiere mit Weißscheckung.
Einige wenige Katzen wirkten ungepflegt und struppig, die meisten
waren aber sehr sauber. Alle waren freundlich und
interessiert, aber nicht alle sind handzahm, zumindest konnte ich nicht jede anfassen. Zur
Geschlechtsbestimmung eines Odd-eyed-Jungtieres kamen einige Leute ins Schwitzen, bis der
kleine Racker gefaßt werden konnte. Erst rast er ins Innengehege, dann schwupp durch die
Klappe wieder raus, rein in den Busch usw. Vergebliche Mühe, es war ein Katerchen. War
mir echt peinlich, soviel Umstände meinetwegen!
Wir waren jeden Tag, bis zu unserer
Abreise, einmal im Zoo und entdeckten dann bei einer Fütterung doch noch unsere
Traumkatze. Die tags zuvor noch babyblauen Augen enthüllten durch einen feinen grauen
Schimmer, daß hier ein Auge andersfarbig wird.
Dies war meine zweite Portion Glück. Oh, Du mein Stern aus
dem Zoo von Ankara! Alle haben sich mit mir gefreut. Die Formalitäten waren
schnell erledigt, ich ließ Yildiz nicht mehr los. Ich interessierte mich nicht mehr für
das Zuchtbuch (Schande über mich!), sondern nur noch für ein paar wesentliche
praktische Informationen, die ich selbst feststellen konnte: sie war temperamentvoll,
drollig und schmusig, ganz wie ein Jungtier sein soll. Sie quasselte allerhand, fraß
gierig und selbständig . Die Eltern sind beide weiß, eine grünäugige hübsche Kätzin und ein blauäugiger Kater. Beide wurden
fotografiert. Meinem persönlichen Eindruck nach, haben beide gut gehört. Sie hatten
keine Knickschwänze. Yildiz hat einen schwarzen Genfleck. Das linke Auge ist blau, das
rechte wird wohl grün oder gelb. Sie war das kräftigste Jungtier aus einem 3-er Wurf ,
alle weiß. So, jetzt hab ich sie, und gebe sie nie mehr her! Am nächsten Tag reisten wir
glücklich mit unserem Türkenmädchen ab.
Trotz Ausfuhrgenehmigung gab es am türkischen Zoll dann bei der
Abreise Verzögerungen. Mit weißen Katzen nehmen es die Beamten sehr genau. Der Scherz
des Beamten Katze bleibt Türkei! brachte mich vollends aus der Fassung. Über
mein bettlakenweißes Gesicht amüsiert er sich vermutlich heute noch!
Anbei
noch ein paar andere Feststellungen. Yildiz ist zu meiner großen Freude genauso verschmust,
sozial und menschenbezogen, wie Türkisch Angoras, die aus einer liebevollen Hobbyzucht
hierzulande stammen. Genau die Eigenschaften, für die ich diese Rasse so besonders liebe.
Die Bedenken, die ich hatte, ein wildes Zootier in unsere Familie zu bringen,
waren unnötig. Es ist wohl eher abhängig davon, wann sie integriert werden, und ob das
von Natur aus liebenswerte und liebesfähige Wesen durch den rechtzeitigen Kontakt mit
Menschen gefördert wird. Yildiz hatte weder Flöhe noch Milben, lediglich eine leichte
Kokzidieninfektion, aber ohne Durchfall. Ein Auge war leicht verklebt, das war schnell
behoben, ansonsten bin ich mit ihrer Gesundheit sehr zufrieden. Sicherheitshalber bin ich
mit ihr erst zu meiner Mutter gezogen, die keine Katzen hält, derweil mein Freund zuhause
unsere beiden Kastraten versorgt hat. Erste Impfungen und Bluttests wurden gemacht, sie
war FIV- FeLV- und FIP negativ. Erst danach sind wir nach Hause umgezogen. Die Tests haben
wir wiederholt, alles OK. Alle wichtigen Impfungen hat sie bekommen und somit die Basis
für ein gesundes Katzenleben.
Auffallend ist die Intelligenz
und Flexibilität von Yildiz, mit der neue Situationen bewältigt werden. Egal ob
Flugzeug, die Piekserei beim Tierarzt oder der Hund bei meiner Mutter; Yildiz
arrangiert sich schnell mit allem. Ihr Vertrauen in die Menschen und in sich selbst ist
kaum zu erschüttern.
Weiße Katzen können taub sein, oder eingeschränkt hörfähig. Die
Zucht mit weißen Katzen verlangt Umsicht, Fachwissen und Verantwortung und notfalls auch
Verzicht, wenn sich herausstellt, daß bei der einen oder anderen Katze leider nicht alles
in Ordnung ist. Ich konnte keine Höreinschränkung bei Yildiz beobachten. Inzwischen hat
sie aber auch die audiometrische Untersuchung hinter sich. Nur damit kann objektiv
festgestellt werden, was Sache ist. Das Ergebnis fiel wunschgemäß aus, sie hört auf
beiden Ohren normal. Es sind wohl doch nicht 95% der Türken im Zoo von Ankara
taub, wie ich häufig gelesen hatte. Zumindest scheint das heute nicht mehr zu stimmen,
falls es je so war. Daß ausgerechnet meine Wunschkatze zu den hörenden
5% gehört, kann ich nicht glauben.
Soviel Glück kann ein Mensch doch gar nicht haben, oder?
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© Copyright by S. Loeschke
November 1997