Die blockierte Demokratie Italiens, verursacht durch das Spannungsfeld des kalten Krieges, war den veränderten Verhältnissen der durch Gorbatschow zu Wege gebrachten Perestroika letztlich nicht gewachsen. Zu sicher hatten sich die Pro-West-Parteien gefühlt. Jahre der Partitocrazia hatten aus demokratischen Parteien und der italienischen Demokratie einen Selbstbedienungsladen für Clubmitglieder gemacht. In Ermangelung parlamentarischer Kontrolle wurden Schmiergeldsystem, Vetternwirtschaft, Ausplünderung des ´Sottogoverno´ und manch anderes mehr in Italien etabliert. Die ´Illegalität´der Politik hatte ihr Pendant in der Mafia, beide waren aufeinander angewiesen, jeder sicherte sich seine Pfründe und die Verquickungen waren mannigfaltig.
Den privaten Gewinnen, die in diesem System enorme Ausmaße annehmen konnten, standen immense staatliche Verluste gegenüber. Diese wiederum drohten und drohen noch heute den Anschluß Italiens an Europa zu blockieren, der gerade für den industriellen Norden wichtig genug schien, sich dem unzeitgemäßen Faktor ´K` zu widersetzen und dadurch die Lega Nord zu stärken. Der Zerfall der alten Machtverhältnisse brachte all das zu Tage was sie verursacht hatten. Die Regierungsparteien waren nicht in der Lage schnell genung zu reagieren und sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Die Justiz trug nicht die ursächliche Schuld am Ende der ersten Republik, sie fungierte vielmehr als der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.
Am Ende der ersten Republik liegt Italien da, als ein Land ohne politische Moral, hoch verschuldet und bar einer erfahrenen Politikerklasse in der ideologischen Mitte, aber auch mit einem beinahe grenzenlosen Vertrauen in seine Staatsanwälte.
©Bernd Wiedemann