Zur Inhaltsanalyse der Wissenschaftsberichterstattung:
Methodik und Ergebnisse
(Kepplinger und seine Kritiker)
Gegenstand der Betrachtung:
"Künstliche Horizonte" von Hans Mathias Kepplinger
1. Einleitung
2. Methodik der Untersuchung
2.1. Kepplingers Herangehensweise
2.2. Kritik an der Methodik
3. Ergebnisse der Untersuchung
3.1. Die Eckjahresanalyse
3.2. Die Kernstudie
3.3. Die Fallstudien
3.4. Kritik an den Ergebnissen der Untersuchung
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
³ Zur Technik gehören alle Verfahren und Geräte, die von Menschen entwickelt werden, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen.² So lautet Kepplingers allgemeine Definition von Technik. Diese Allgemeinformel differenziert er durch eine multidimensionale Klassifizierung, indem er die Technik in mehrschichtige, untereinander verknüpfbare Zuordnungen gliedert . Als weitere Verfeinerung der relativ allgemein gehaltenen Definition ordnet er den einzelnen `Techniken` Bezüge zu, wie z.B. Umwelt, Sicherheit, Freizeit oder Moral. Durch diese Definitionserweiterungen gelingt es Kepplinger Technik relativ genau zu erfassen, wobei er durch seinen multidimensionalen Ansatz einzelne Technikkriterien von mehreren Standpunkten aus erfaßbar gestaltet.
Die folgende Arbeit wird nachdem sie sich mit der Methodik der Untersuchung auseinandergesetzt hat auf deren Ergebnisse eingehen, hierbei hält sie sich an die von Kepplinger vorgegebene Gliederung, die sich in drei Teilstudien aufschlüsselt: Die Eckjahresanalyse, die Kernstudie und die Fallstudien. Am Ende eines jeden Kapitels findet eine kritische Auseinandersetzung des zuvor dargestellten Untersuchungsteiles ihren Platz, deren Autoren Georg Ruhrmann und Michael Haller aus unterschiedlichen Blickwinkeln sich mit Kepplingers Studie beschäftigen. Ersterer ist Kommunikationswissenschaftler und äußert sich vor allem der Problematik Kepplingers Analyse aus Sicht der Medienwirkungs- und Risikokommunikationsforschung, zweiterer ist Journalist und übt von daher Kritik aus der Sicht des Praktikers.

2. Methodik der Untersuchung
2.1. Kepplingers Herangehensweise
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Annahme Kepplingers, daß eine Umbewertung der Technikberichterstattung stattgefunden hat. Diese Veränderung führt er auf eine wachsende Zahl der Technikschäden zurück, die ihrerseits zu einer zunehmenden Gefährdung des Menschen und der Umwelt avanciert und -das ist das entscheidende- zunehmend als solche von den Menschen erkannt wird. Das Bewußtsein um diese Gefährdung wiederum wird gewonnen aus persönlichen Erfahrungen, Erfahrungsaustausch mit anderen und der Technikberichterstattung der Medien.
Die Veränderung der Technikdarstellung der Medien versucht Kepplinger mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse zu erfassen. Aus forschungstechnischen Gründen beschränkt er sich bei seiner Untersuchung auf ausgewählte Printmedien, geht aber davon aus, daß seine Auswahl als repräsentativ für den gesamten Medienbereich gesehen werden kann. Das untersuchte Material gliedert sich zum einen in überregionale Tageszeitungen, davon die Frankfurter Allgemeine Zeitung , die Süddeutsche Zeitung , die Welt und die Frankfurter Rundschau , und zum anderen in Wochenblätter, Die Zeit, Der Spiegel und Stern.
Der Zeitraum der Untersuchung Kepplingers umfaßt die Jahre 1965 bis einschließlich 1986, also insgesamt 22 Jahre. Das Untersuchungsmaterial und somit der Umfang der Studie wurden für die drei verschiedenen Analyseteile unterschiedlich eingeschränkt.
So analysierte Kepplinger im ersten Teil seiner Studie, der Eckjahresanalyse, im Abstand von fünf Jahren ab 1965 und zusätzlich im Jahr 1986 jeweils dreizehn Ausgaben pro Jahr und Printerzeugnis. Untersuchungsrelevant war die Technikdarstellung pro entnommener Ausgabe bei den Tageszeitungen und der ´Zeit´ aus den ersten vier Seiten des politischen Teils, den ersten beiden Seiten des Wirtschaftsteils und dem gesamten Feuilleton . Bei den Wochenblättern Stern und Der Spiegel wurde mit Ausnahme des Sportteils die Technikberichterstattung der ganzen Ausgabe analysiert und den entsprechenden Rubriken zugeordnet.
Im zweiten Teil der Studie, der sogenannten Kernstudie, wurden jedes Jahr von 1965 an bis 1986 dreizehn Ausgaben pro Jahr und Printmedium entnommen und die Technikdarstellung des politischen Teils untersucht. Der Umfang des analysierten Materials ist, wie in der Eckjahresanalyse bereits beschrieben, bei den Tageszeitungen und der ´Zeit´ auch hier von Kepplinger auf die ersten vier Seiten beschränkt worden.
Im letzten Teil der Studie, der Fallstudien, wurde unter anderem der Dioxinunfall bei Seveso nachgezeichnet, wobei hier als Grundlage eine Totalerhebung der Darstellung diente.
Dem Anspruch folgend, seiner Definition gerecht zu werden, konstruierte Kepplinger ein umfangreiches `Modulsystem`, welches es ihm ermöglichte, unterschiedliche Aussagen und ihre Bezüge zu klassifizieren. Danach gestaltete sich die Vorgehensweise wie folgend beschrieben:
Kepplinger und seine zuvor geschulten Mitarbeiter entnahmen dem untersuchungsrelevanten Material nur die Aussagen, die eine Bewertung der Technik zum Inhalt hatten. Anschließend wurde das zentrale Objekt einer Aussage ermittelt, hierbei handelte es sich um die Frage nach der Art der Technik, ausgehend von diesem zentralen Aussageobjekt wurden die Urheber sowie relevante Informationen, wie Handhabung und die Folgen der angesprochenen Technik, festgestellt und mit Hilfe eines entsprechenden Moduls erfaßt. Die so verschiedenen Modulen zugeordneten Informationen wurden "bei Bedarf", so Kepplinger, an das Kernmodul, gemeint ist das zentrale Aussageobjekt, angekoppelt damit die logischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Textelementen erhalten blieben.

2.2. Kritik an der Methodik
Ausgehend von der Tatsache, daß Kepplinger in seine Analyse lediglich bewertende Aussagen aufnimmt, werden von vorn herein neutrale Informationen nicht berücksichtigt. Dies muß, so Ruhrmann, zwangsläufig die Analyseergebnisse fragwürdig erscheinen lassen, zumal die Beschränkung auf ausschließlich bewertende Aussagen von Kepplinger selbst unbegründet bleibt.
Hallers Kritik an der Methodik der Studie konzentriert sich auf den Stichprobenumfang, er geht davon aus, daß mit umgerechnet 5,6 Artikeln pro Jahr und Zeitung die Stichprobe zu klein für repräsentative Ergebnisse ist. Desweiteren hält er die Begrenzung der Stichprobe auf die ersten vier Seiten der Tageszeitungen für problematisch und begründet dies exemplarisch anhand der SZ, die ihren Kommentarteil auf der vierten Seite plaziert, während ihr Hauptnachrichtenteil auf den Seiten fünf bis neun zu finden ist. Zusätzlich kritisiert Haller die fehlende Erläuterung Kepplingers Kategorienbildung und das nicht offenlegen des Codiermaßstabes. So kommt auch er zu dem Schluß, daß "...die Stichprobe keine hinreichende Gültigkeit besitzt und keine validen Aussagen a) über Bewertungsunterschiede zwischen den Zeitungen, b) über den Bewertungstrend bei den Technikarten je Zeitung und c) über die Wirkungsweise von Zeitungsaussagen zuläßt."

3. Ergebnisse der Untersuchung
3.1. Die Eckjahresanalyse
Die Eckjahresanalyse erfaßte insgesamt 20.313 bewertende Aussagen über Technik, die schwerpunktmäßig aus dem politischen Teil der Printmedien entstammten ( beinahe zwei Drittel aller Aussagen). Ein Drittel der Stichprobe war den Wirtschaftsteilen und nur vier Prozent den Feuilletons entnommen. Dies bedeutet, daß der politische Teil der Zeitungen eine gravierende Stellung in der Technikdarstellung der Medien einnahm, während dem entgegen dem Feuilleton keine besondere Bedeutung zugeordnet werden mußte. Betrachtet man davon ausgehend nun die unterschiedlichen Tendenzen der Aussagen in den verschiedenen redaktionellen Teilen, so kann man insgesamt gesehen von einer negativen Tendenz der Technikberichterstattung sprechen, da im politischen Teil mit Ausnahme der `Welt` deutlich negativ über Technik berichtet wurde, und so die abgesehen vom `Spiegel` positive Tendenz der Technikdarstellung im Wirtschaftsteil der Zeitungen überlappt wird.
Die Hälfte aller Aussagen wurden den Journalisten zugerechnet; hierunter fielen auch die Aussagen, deren Urheber nicht feststellbar waren. Nach den Journalisten kamen die Politiker am häufigsten zu Wort, sowie vom Umfang noch erwähnenswert sind die Aussagen von Unternehmern in den Wirtschaftsteilen. Wie die Tendenzen der einzelnen redaktionellen Teile der Zeitungen sind auch die Tendenzen der Aussagen der Journalisten im politischen Teil zum größten Teil negativ, im Wirtschaftsteil vorwiegend positiv. Vergleicht man die Tendenzen der journalistischen Aussagen über Technik mit denen anderer Urheber im selben redaktionellen Teil, erkennt man deutlich die gleichen Ausrichtungen. Kepplinger nennt dies "instrumentelle Aktualisierung" und macht damit den Journalisten den Vorwurf, vor allem jene Personen zu Wort kommen zu lassen, deren Ansichten den jeweils eigenen Sichtweisen entsprechen.
Ordnet man nun die Tendenzen der Darstellung einzelnen Technikbereichen zu, so ergibt sich im politischen Teil eine Auffälligkeit hinsichtlich der besonders negativen Berichterstattung über die Chemie, gefolgt von der Negativdarstellung der Energietechnik und einer deutlich weniger negativen Tendenz der Aussagen über Informations- und Militärtechnik. Eine insgesamt betrachtet neutrale Bewertung durch die Medien in ihren politischen Teilen erhält die Verkehrstechnik und stellt dadurch eine besondere Auffälligkeit in diesem Redaktionsteil dar. Diese, zusammen mit der Informationstechnik, sticht auch durch ihre besonders positive Darstellung im Wirtschaftsteil der Zeitungen hervor.
Von 1965 bis 1970 ist bezüglich der Häufigkeit der Thematisierung von Technik ein deutlicher Rückgang feststellbar, der sich ab 1975 in eine unverkennbare Zunahme wandelt, die vor allem von einer gesteigerten Thematisierung von Technik im politischen Teil der Printmedien herrührt. Ab 1980 schließlich wird dieser Thematisierungsanstieg noch drastischer. War die Tendenz der Berichterstattung zu Beginn der Untersuchung in beiden redaktionellen Teilen, wenn auch schon damals auf verschiedenem Niveau, durchweg positiv, so änderte sich zeitgleich mit der Zunahme der Aussagen über Technik Mitte der 70er Jahre auch die Tendenz im politischen Teil sichtbar ins Negative.

3.2. Die Kernstudie
Die Kernstudie Kepplingers untersucht wie zuvor schon beschrieben ausschließlich die politischen Teile der Zeitungen. Dieser Analyseteil zeigt, daß sich die Tendenz der Technikberichterstattung mit Ausnahme der `Welt` in allen Blättern innerhalb des Untersuchungszeitraumes vom Positiven ins Negative veränderte. Diese Umbewertung der Technik im politischen Teil begann eigentlich schon Ende der 60er Jahre, sie wurde aber kaum wahrgenommen, da der Umfang der Technikberichterstattung relativ gering und sogar rückläufig war. So wirkte die Umbewertung Mitte der 70er Jahre erst richtig und dadurch auch sehr überraschend aufgrund der enormen Steigerung der Berichterstattung über Technik. Eine Abweichung von den allgemeinen Bewertungstendenzen stellte neben der `Welt` auch die `Zeit` dar, die zu den Zeiten, in denen Technik noch positiv von den Medien bewertet wurde, eine neutrale Position einnahm, jedoch ab 1976 den Tendenzwechsel der anderen Zeitungen ins Negative mitvollzog. Kepplinger stellt in seiner Studie fest, daß vor allem die Zeitungen, die dem linken publizistischen Spektrum zuzuordnen sind, auffällige Positionswechsel vollführten und äußert sich dazu wie folgt: "Dadurch wurden sie (die linksgerichteten Printmedien) in der Mehrzahl von klaren Anwälten der Technik zu entschiedenen Kritikern der Technik."
Die Umbewertung der Technik erfaßt mehr oder weniger alle Technikbereiche, jedoch am deutlichsten die Chemie und die Energietechnik. Letztere soll an dieser Stelle exemplarisch für die anderen Techniken kurz in einen Ereignisrahmen eingebunden werden, um so markante Bezüge für den Positionswandel offenzulegen:
Noch 1973 berichteten die Medien über die Kernenergie durchweg positiv, was vor dem Hintergrund der Ölkrise nicht verwundert. Diese positive Betrachtung der Kernenergie schwächt sich nur langsam ab, während die konventionellen Energietechniken einen Einbruch in ihrer Bewertung von 1980 bis 1985 aufgrund des Themas Waldsterben erleben. Erst 1986 mit dem Reaktorunfall bei Tschernobyl beginnt schließlich die drastische Negativausrichtung der Berichterstattung über Kernenergie.
Am wenigsten von der Trendwende der Bewertung im politischen Teil der Medien betroffen sind die Militär- und Verkehrstechnik. Die konstante Tendenz der Darstellung von Militärtechnik, die erst Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre einen Negativtrend erkennen läßt, führt Kepplinger auf die in Deutschland geführte Nachrüstungsdebatte zurück.

3.3. Die Fallstudien
Ausgehend von den bisherigen Ergebnissen der Analyse der politischen Teile der Zeitungen stellte Kepplinger eine Veränderung der Technikdarstellung fest und führte dies zum einen auf interne, zum anderen auf externe Ursachen zurück. Um nun zu überprüfen, ob die Ursachen extern zu finden waren, genügte es, so Kepplinger, externe Messungen, wie Messungen der Radioaktivität, Gewässerbelastung etc., mit den Veränderungen in der Berichterstattung zu vergleichen, da diese Messungen zwar nicht die Realität selbst sind, aber ihre beste Annäherung darstellten.
Bezüglich der Luftverschmutzung kam Kepplinger zu dem Ergebnis, daß entgegen des Negativtrends der Berichterstattung die Belastung der Luft 1970 in der BRD ihren Höhepunkt hatte und seither die Emissionen von Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Staub rückläufig waren, und die Schädigung der Luft durch Stickstoffoxide und organische Verbindungen stagnierten. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Kepplinger im Bereich der Gewässerverschmutzung, hier datierte sich der Belastungshöhepunkt Mitte der 70er Jahre; seither stagnierte der Nitratgehalt, während andere Schadstoffe reduziert wurden und der Sauerstoffgehalt der Gewässer stieg. Grundlage für die Messungen der Schädigung der Gewässer war exemplarisch für das gesamte Bundesgebiet der Rhein. Im Bereich der Waldschäden konnte Kepplinger nur auf Messungen ab 1984 zurückgreifen, doch diese ergaben eine Übereinstimmung mit dem negativen Trend der Technikberichterstattung, denn seit diesem Zeitpunkt breiteten sich die Waldschäden immer weiter aus.
Kepplinger berechnete Pearson Korrelationen auf Jahresbasis um eventuelle Übereinstimmungen oder Divergenzen zwischen den realen, gemessenen und den von den Medien dargestellten Schaden bzw. Nutzen aufzeigen zu können. Auch bei größter Irrtumswahrscheinlichkeit (20%) sind immerhin 43% nicht signifikant, also nicht verwertbar, 35% der Korrelationen drücken eine gegenläufige Entwicklung der dargestellten und realen Schäden aus, und bei nur 22% stimmen die durch die Medien dargestellten Schäden mit den real gemessenen überein. Die einzige Zeitung, bei der Kepplinger mehr Übereinstimmung als Divergenzen zur Realität in ihrer Berichterstattung feststellen kann, ist die FAZ.
Auf der Grundlage dieses systematischen Vergleichs leitet Kepplinger ab, daß erstens die negative Berichterstattung nicht durch die tatsächliche Entwicklung der Folgen von Technik erklärt werden kann, zweitens eine Veränderung der negativen Technikdarstellung der Presse nicht allein von einer Verminderung der negativen Technikfolgen erwartet werden kann, und drittens eine Orientierung über die Folgen von Technik anhand der Technikdarstellung im allgemeinen Teil der Presse "... einem Blindflug anhand eines künstlichen und völlig willkürlichen Horizontes..." gleicht.
Ursachen für die außerordentliche Unstimmigkeit zwischen realen und dargestellten Technikfolgen sucht er zum einen in einfach sachlich falschen Darstellungen, zum anderen in einer unangemessenen Gewichtung an und für sich richtiger Fakten. Kepplinger nennt hier exemplarisch die gehäuften Meldungen über Störfälle in Atomkraftwerken der BRD nach dem Reaktorunfall bei Tschernobyl, obwohl sachlich keine Häufung von Störfällen vorlag. Hierauf begründet sich seine These, daß sich das Berufsverständnis der Journalisten und ihre Einstellung zur Technik verändert haben müssen, wenn sich bei gleichbleibenden Sachverhalten die Berichterstattung darüber ändert. Um diese These zu fundieren vergleicht er den Trend der steigenden negativen Berichterstattung über Technik (Nachrichtenlinie) mit der zunehmenden Negativeinstellung der Journalisten, die er an der Kommentarlinie festmacht, und eruiert einen annähernd identischen Verlauf. Die Annahme eines veränderten Berufsverständnisses der Journalisten begründet er mit der drastischen Zunahme von Expertenaussagen zur Untermauerung der Ansichten von Journalisten, die zum Zeitpunkt des Bewertungswandels von Technik in den Medien einsetzte.
Die Ergebnisse der Studie veranlassen Kepplinger dazu, als letztendliches Resultat seiner Untersuchung festzustellen, daß die zunehmende Schadensberichterstattung eher als eine Folge der veränderten Realitätswahrnehmung von Journalisten, denn als Folge der veränderten Realitäten betrachtet werden kann. Er flankiert das Resultat seiner Untersuchung mit verschiedenen theoretischen Variablen, die die Realitätswahrnehmung der Journalisten in diese negative Richtung beeinflussen. So nehmen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Kepplinger ´Geistiges Klima´, womit er Schlüsselereignisse wie den schon genannten Reaktorunfall bei Tschernobyl meint, die Grenznutzentheorie des `Wohlstands`, je größer der Mangel einer Gesellschaft, desto stärker die Hoffnung den Mangel durch die Technik beheben zu können, und den `Zeitgeist` nennt, eine wichtige Rolle bei der veränderten Einstellung der Journalisten ein. Daneben wirken Experten mit einer zunehmenden Betrachtung ökologischer Aspekte in ihren wissenschaftlichen Arbeiten, Lehrveranstaltungen und Publikationen, sowie die berufsbedingte kritische Einstellung, Orientierung am Negativen, Kollegen- und Rezipientenorientierung auf die journalistische Grundhaltung. Nicht zuletzt macht Kepplinger auch das mangelnde Sachverständnis aufgrund mangelnder, naturwissenschaftlicher Ausbildung für die veränderte Technikdarstellung in den Medien verantwortlich.

3.4. Kritik an den Ergebnissen der Untersuchung
Georg Ruhrmann der die Analyseergebnisse wie unter Kapitel 2.2. dieser Arbeit bereits beschrieben sowieso fragwürdig nennt, hält Kepplingers Vergleich zwischen journalistischen Aussagen und physikalischen Messungen für problematisch, da er nicht einmal annähernd die jeweiligen Bedeutungen, Funktionen und Vergleichbarkeiten der dabei verwendeten empirischen Begriffe und Indikatoren geklärt hat. Neben dem `Zeitgeist`, der jeder kommunikations- und sozialwissenschaftlichen Erklärung entbehrt und daher unbrauchbar erscheint, gebraucht Kepplinger, laut Ruhrmann, durchaus plausible Variablen, doch läßt er absolut unbeantwortet, wie sich letztendlich diese kritischen Einstellungen im Prozeß der journalistischen Wahrnehmung und Texterzeugnis bilden. Auch die berufsbedingten Variablen zur Klärung der negativen Technikberichterstattung "...erweisen sich", laut Ruhrmann, "im Licht der neueren Journalismusforschung nicht ohne weiteres haltbar, sondern sind eher geeignet, politisch motivierte Journalistenschelte zu betreiben."
Wie Ruhrmann hat auch Haller Probleme mit Kepplingers Technik-`Realität` und kritisiert die Beliebigkeit bei der Auswahl der durch physikalische Messungen entwickelten, sogenannten Realität: Warum nimmt Kepplinger als Grad für Gewässerverschmutzung das Rheinwasser und nicht die Nord- oder Ostsee? Kepplingers Untersuchungsdesign, Statistiken mit Medienaussagen zu vergleichen, erscheint Haller problematisch, unterschlägt es doch die Ereignisproduktion durch Experten, Wissenschaftler und Politiker. So zeichnet er auch ein anderes Bild des Journalisten als Kepplinger: "Im Zusammenhang der Risikokommunikation sind die Journalisten (...) so etwas wie Sensoren der gesellschaftlichen Befindlichkeit. Sie (...) fungieren als Artikulationshelfer [nicht: als Anwälte] der verschiedenen Gruppen und Strömungen."

4. Zusammenfassung
Wie Rainer Flöhl die Differenzen zwischen Wissenschaftler und Journalist beschreibt, so scheint hier Kepplinger ausschließlich aus wissenschaftlicher Sicht über einen Berufsstand zu schreiben, ohne sich mit ihm selbst auseinandergesetzt zu haben. Kepplinger sieht die Schwierigkeiten, die sich aus der negativen Darstellung der Technik für die Technik ergeben, und so scheint es auch auf weiten Strecken seiner Ergebnisdarstellung mehr darum zu gehen, zu sagen, daß die Technik viel besser ist als ihr Ruf.
Dabei begeht er schon auch mal `kleinere´, wissenschaftliche Fehler, wie die willkürlich und unbegründet gewählten Vergleiche der realen mit den dargestellten Schäden. Völlig in seinem Element scheint Kepplinger als er bei seinen Schlußfolgerungen angelangt endlich auf den `bösen` Journalisten zeigen darf. Hier wird er auch zunehmend unwissenschaftlicher; er vergißt Vorgehensweisen zu begründen oder zu erklären, so nimmt er die zunehmende ökologische Ausrichtung von Experten, die sich in den Publikationen, wissenschaftlichen Arbeiten und Lehrveranstaltungen zeigt, als einen Beleg für das wachsende Interesse der Medien an den negativen Folgen. Dazu legt er ein Schaubild vor, aus dem ersichtlich ist, daß die Ökologiethemen ihre zahlenmäßigen Höhepunkte 1967, 1972 und 1973 hatten, während ähnliche Ausmaße der Thematisierung von Negativfolgen der Technik erst 1983 erreicht wurden, und nennt dann immerhin 15 Jahre Unterschied bei einer 22 Jahre umfassenden Untersuchung eine `zeitliche Verzögerung´.
Trotz aller Kritik an den Schlußfolgerungen, die Kepplinger aus seiner Studie zieht, bleibt der analytische Teil doch durchaus tauglich für weitergehende, unvoreingenommene Erklärungsmodelle der Risikokommunikation und für die Wissenschaft wichtiges Forschungsmaterial.

5. Literaturverzeichnis
Flöhl, Rainer: Künstliche Horizonte?: Zum konfliktreichen Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien. In: Medium 20 (1), 1990, S.22 ff.
Haller, Michael: Über Böcke und über Gärtner: Kommentar zu Kepplinger. In: Krüger, Jens, und Ruß-Mohl, Stephan, (Hrsg.): Risikokommunikation: Technikakzeptanz, Medien und Kommunikationsrisiken. Berlin, 1991, S. 175 ff.
Kepplinger, Hans Mathias: Künstliche Horizonte: Folgen, Darstellung und Akzeptanz von Technik in der Bundesrepublik. Frankfurt/Main, 1989.
Ruhrmann, Georg: Analyse von Technik- und Risiko-Berichterstattung - Defizite und Forschungsperspektiven: Kommentar zu Kepplinger. In: Krüger, Jens, und Ruß-Mohl, Stephan, (Hrsg.): Risikokommunikation: Technikakzeptanz, Medien und Kommunikationsrisiken. Berlin, 1991, S. 145 ff.
